KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim

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Gedenkstätte und KZ-Friedhof KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim, 1 km nördl. des Bahnhof Türkheim (Foto: 2003)
KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim (Bayern)
(48° 3′ 2,51″ N, 10° 37′ 1,97″O)
KZ-Außenlager
Kaufering VI – Türkheim
Lokalisierung von Bayern in Deutschland
Lage KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim in Bayern.
Schematische Karte KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim, 1945. (s. a. Luftbilder)
alternative Beschreibung
Auch in Türkheim mussten die Gefangenen in Erdhütten schlafen. (Hier: Erdhütten Außenlager Kaufering IV, 1945. National Archives and Records Administration, College Park)

Das KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim war ein großes der 169 Außenlager des nationalsozialistischen KZ Dachau nahe des Ortes Türkheim. Es war das sechste der elf zum KZ-Außenlagerkomplex Kaufering gehörenden Lager rund um Kaufering und Landsberg und stellte Zwangsarbeiter für die deutschen Rüstungsproduktion in der Endphase des Zweiten Weltkrieges zur Verfügung. Ab Oktober 1944 wurden bis zu 2500 Männer inhaftiert[1] und zu Rodungsarbeiten,[2] Zwangsarbeit bei Messerschmitt und Leonhard Moll eingesetzt, ab Januar 1945 zudem 1000 Frauen, um Gräben auszuheben, Unterkünfte zu bauen, aufzuräumen und zu reinigen.[1] Das KZ-Außenlager bestand aus 25 Erdhütten für die männlichen Gefangenen, zudem sechs für die weiblichen.[3] Die Häftlinge wurden teilweise per Eisenbahn zur Arbeit zu den Bunkerbaustellen transportiert. Das KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim galt als das „Schonungslager“ des Kauferinger Lagerkomplexes.[1] Von diesem KZ-Außenlager sind nur Spuren erhalten geblieben.[2]

Errichtung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Konzentrationslager wurde im Oktober 1944 einige hundert Meter nördlich des Bahnhofs Türkheim abseits der Ortschaft in einem Waldstück in großer Eile errichtet und schon im Oktober 1944 von ersten Häftlingen bezogen. Das Lager bestand im Wesentlichen aus Baracken und Erdhütten. Südlich des Lagers entstanden Häuser für die Organisation Todt.[4]

Das Konzentrationslager beherbergte während seines Bestehens mehrere Tausend vornehmlich jüdischer Häftlinge, die überwiegend aus dem Konzentrationslager Dachau sowie dessen Außenlagern nach Türkheim gebracht wurden. Eine größere Zahl ungarischer Juden wurde direkt aus Budapest nach Türkheim verbracht. Am 2. April 1945 wurde vor dem Hintergrund der vorrückenden amerikanischen Truppen die Mehrheit der Häftlinge evakuiert. Zunächst sollte der Tross aus rund 1.200 (nach anderen Quellen über 2.000) Häftlingen zu Fuß nach Dachau gehen, wurde dann aber wegen der dortigen Überfüllung über Landsberg, Windach und Pasing nach Allach umgeleitet. Am 27. April 1945 wurde das Lager von amerikanischen Soldaten befreit, zu diesem Zeitpunkt befanden sich noch rund 500 Häftlinge im Lager.[5]

Nachkriegzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1997 errichtete Informationstafel zur Erinnerung an das KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim

Für den Komplex der KZ-Außenlager um Landsberg/Kaufering ordnete die amerikanische Militärverwaltung im Winter 1945/46 die Einrichtung von KZ-Friedhöfen als Gedenk- und Erinnernungsorte an, die in den meisten Fällen an den in der Schlussphase des Lagerbetriebs entstandenen Massengräbern angelegt wurden.[6] In Türkheim wurden etwa 80 nahe des Lagergeländes verscharrte und von US-Truppen nach der Befreiung im Wald entdeckte Tote auf den 1946 nördlich des ehemaligen Lagergeländes auf dem Gelände einer ehemaligen Fuchsfarm[7] errichteten KZ-Friedhof umgebettet. Die Namen der Opfer sind bis auf vier in Einzelgräbern bestattete Häftlinge, die erst nach der Befreiung starben, unbekannt.

Friedhof und Gedenkstätte KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim (Foto: 2003)

Umgang mit Erinnerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1947 war die Gemeinde für die Pflege des KZ-Friedhofs verantwortlich, die Finanzierung übernahm der Freistaat Bayern, ab 1949 durch das Bayerische Landesentschädigungsamt. Dieses begann 1950 unter der Leitung von Philipp Auerbach mit einer Dokumentation zu allen bayerischen KZ-Friedhöfen und koordinierte die Fertigstellung der Friedhofsgestaltung. In Türkheim wurde nach dem Entwurf des Architekten Josef Ruf aus Mindelheim ein mausoleumsartiger, runder Ehrentempel mit einer mit Kupferblech gedeckten Kuppel errichtet, die ursprünglich mit einem Davidstern bekrönt war. Im Inneren befindet sich ein Altar mit einer Menora; die Fenster wurden später verglast.[8] Nach Auerbachs Sturz 1951 wandelte sich der Umgang mit den KZ-Friedhöfen und Gedenkstätten. Die Aufarbeitung und Dokumentation wurde eingestellt und die Zuständigkeit der Bayerischen Verwaltung der Schlösser, Gärten und Seen übergeben, die sie wie ihre übrigen Parkanlagen pflegte, aber keine Gedenkarbeit leistete. Das Interesse an einer aktiven Erinnerungsarbeit nahm in der Folge rapide ab.[6]

Anfänge der Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erst in den 1970er und 1980er Jahren entstanden durch Einzelpersonen, darunter auch ehemalige Häftlinge, Initiativen zur Dokumentation der Lagergeschichten und zum Erhalt der teilweise noch vorhandenen Überreste. Für Türkheim wie für viele der übrigen KZ-Außenlager im Umkreis war besonders das Engagement des Gymnasiallehrers Anton Posset bedeutsam, der sich seit 1975 intensiv mit der geschichtlichen Aufarbeitung des KZ-Außenlagerkomplexes Kaufering beschäftigte und 1983 die Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jahrhundert gründete.[6]

Die Lokalisierung des ehemaligen Lagers VI liegt heute zwischen einer Kleingartenanlage und einer Wohnsiedlung und ist komplett überformt, sichtbare Relikte oder Hinweise vor Ort gibt es nicht.[9] Ein bekannter Insasse des Lagers war Viktor Frankl, der im März 1945 aus dem KZ-Außenlager Kaufering III nach Türkheim verlegt wurde. Nachdem er im Vorjahr von Posset kontaktiert worden war, besuchte er ab 1984 mehrfach den Ort des KZ-Außenlagers VI in Türkheim. Bei seinem ersten Besuch in Kaufering/Landsberg seit der Befreiung aus der Lagerhaft nahm er am 11./12. November 1984 an der Einweihung eines in Kaufering am ehemaligen Lager Kaufering III errichteten Gedenksteins teil[6][10] und ließ sich auch die Überreste der KZ-Außenlager Kaufering IV – Hurlach, Türkheim und VII – Erpfting zeigen. Die Straße, an der die Gedenkstätte in Türkheim liegt, ist nach ihm benannt: Doktor-Viktor-Frankl-Weg 99.[9]

KZ-Friedhof in Türkheim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1977/78 wurde dieser KZ-Friedhof Türkheim etwas nördlich des Bahnhofs moderat umgestaltet und 1979 mit einem Jägerzaun umgeben. 1985 stellten Schüler des Joseph-Bernhart-Gymnasiums in Türkheim in Kooperation mit einer örtlichen Steinmetzwerkstatt einen Gedenkstein im vorderen Bereich des Friedhofs auf. Seit 1997 informiert außerhalb des Friedhofs eine rustikale Informationstafel des Marktes Türkheim über den Gedenkort.[8] Seit 2013 unterliegen alle KZ-Friedhöfe der Aufsicht der Stiftung Bayerische Gedenkstätten.[6]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Autobiografisch KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim

  • Viktor E. Frankl; Vorwort von Hans Weigel: ... trotzdem Ja zum Leben sagen: ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Autobiografie, Erlebnisbericht. 8. Auflage. Kösel, München 2016, ISBN 978-3-466-36859-4 (191 S.).

KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim

  • Alois Epple: KZ Türkheim: das Dachauer Außenlager Kaufering VI. Lorbeer, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-938969-07-6 (156 S., zur Entstehung und Organisation des Lagers, Herkunft und Behandlung der Gefangenen, Arbeitseinsätze, Hygiene, Seuchen, Tod und zur einheimischen Bevölkerung.).
  • Edith Raim: Die Dachauer KZ-Außenkommandos Kaufering und Mühldorf – Rüstungsbauten und Zwangsarbeit im letzten Kriegsjahr 1944/45, München, Universität, Philos. Fak. für Geschichts- und Kunstwissenschaften, Dissertation 1992, Neumeyer, Landsberg am Lech 1992, 317 S., ISBN 3920216563, S. 151f, 170–174, 193–195, 272.
  • Gernot Römer: Für die Vergessenen, KZ Außenlager in Schwaben – Schwaben in Konzentrationslagern, Berichte, Dokumente, Zahlen und Bilder, Verlag Presse-Druck- und Verlags-GmbH, Augsburg 1984, 231 Seiten, ISBN 3-89639-047-3, ISBN 978-3-89639-047-9, S. 182–196

Enzyklopädien

Ergänzend

  • Barbara Fenner: Emotionen, Geschichtsbewusstsein und die Themenzentrierte Interaktion (TZI) am Beispiel des Unterrichtsprojekts zum Außenlagerkomplex Kaufering/Landsberg „Wir machen ein KZ sichtbar“ – Aus der Geschichte lernen. Augsburg, Univ., Diss., 2012. Wißner, Augsburg 2014, OCLC 862808883, S. 134, 138, 159, 248 (298 S., Dissertation 2012, Universität Augsburg [PDF; 9,7 MB; abgerufen am 1. November 2020]). (Oberstudienrätin, * 1942 – 31. Mai 2016, ehemalige Lehrerin und Kollegin von Anton Posset am Ignaz-Kögler-Gymnasium in Landsberg)
  • Werner, Constanze: KZ-Friedhöfe und -Gedenkstätten in Bayern – „Wenn das neue Geschlecht erkennt, was das alte verschuldet …“ Hrsg.: Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen. 1. Auflage. Schnell & Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2483-1, S. 69–89, 238–240 (439 S.).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: KZ Kaufering VI – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Europäische Holocaustgedenkstätte Stiftung e.V. mit Übersichtskarte (dort genannte Geo-Koordinaten der KZ-Außenlager weichen von tatsächlichen Koordinaten ab) und Luftaufnahmen aus den 1940er Jahren, online unter landsberger-zeitgeschichte.de.
  • Erinnerungsort zur Geschichte des KZ-Außenlagerkomplexes Kaufering mit interaktiver Karte und Luftaufnahmen aus den 1940 Jahren (unten auf die Zeitleiste klicken und später als Oktober 1944 einstellen. Das KZ-Außenlager Kaufering VI – Türkheim ist dort mit „Lager 6“ beschriftet). Projekt des Studiengangs „Interaktive Mediensysteme“ an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Augsburg, online unter erinnerungsort.digital.
  • Landsberg im 20. Jahrhundert, Bürgervereinigung zur Erforschung der Landsberger Zeitgeschichte e.V., Erinnerungsarbeit zum KZ-Außenlagerkomplex Kaufering & Landsberg seit 1983, online unter buergervereinigung-landsberg.de.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Edith Raim: Die Dachauer KZ-Außenkommandos Kaufering und Mühldorf - Rüstungsbauten und Zwangsarbeit im letzten Kriegsjahr 1944/45, München, Universität, Philos. Fak. für Geschichts- und Kunstwissenschaften, Dissertation 1992, Neumeyer, Landsberg am Lech 1992, 317 S., ISBN 3920216563, S. 151f, 170–174, 193–195, 272
  2. a b Barbara Fenner: Emotionen, Geschichtsbewusstsein und die Themenzentrierte Interaktion (TZI) am Beispiel des Unterrichtsprojekts zum Außenlagerkomplex Kaufering/Landsberg „Wir machen ein KZ sichtbar“ – Aus der Geschichte lernen. Augsburg, Univ., Diss., 2012. Wißner, Augsburg 2014, OCLC 862808883, S. 134, 138, 159, 248 (298 S., Dissertation 2012, Universität Augsburg [PDF; 9,7 MB; abgerufen am 1. November 2020]).
  3. Gerhard Roletschek: Ausstellungskatalog Neu V6, Landsberg am Lech, S. 33–34. / siehe auch Luftaufnahme 1940er Jahre.
  4. Alois Epple: KZ Türkheim: das Dachauer Außenlager Kaufering VI. Lorbeer, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-938969-07-6 (156 S.).
  5. Alois Epple: Das KZ bei Türkheim – Kaufering VI, Außenlager von Dachau. Selbstverlag, Türkheim 1998, ISBN 3-932974-01-8 (22 S.).
  6. a b c d e Jochen Ramming, Dagmar Stonus: Machbarkeitsstudie Dokumentationsort KZ-Außenlagerkomplex Landsberg/Kaufering (PDF; 19,5 MB). FranKonzept, Würzburg 2016, S. 71–76.
  7. Werner, Constanze: KZ-Friedhöfe und -Gedenkstätten in Bayern – „Wenn das neue Geschlecht erkennt, was das alte verschuldet …“ Hrsg.: Bayerischen Verwaltung der Staatlichen Schlösser, Gärten und Seen. 1. Auflage. Schnell & Steiner, Regensburg 2011, ISBN 978-3-7954-2483-1, S. 238–240.
  8. a b Jochen Ramming, Dagmar Stonus: Machbarkeitsstudie Dokumentationsort KZ-Außenlagerkomplex Landsberg/Kaufering. Würzburg 2016, S. 64.
  9. a b Jochen Ramming, Dagmar Stonus: Machbarkeitsstudie Dokumentationsort KZ-Außenlagerkomplex Landsberg/Kaufering. Würzburg 2016, S. 40.
  10. Manfred Deiler: Viktor Frankl berichtet über seine Erlebnisse im KZ-Lagerkomplex Kaufering. Stiftung Europäische Holocaustgedenkstätte, Landsberg 2016, Abruf im September 2021.

Koordinaten: 48° 3′ 2,5″ N, 10° 37′ 1,9″ O