KZ-Außenlager Regensburg

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Gebäude des ehemaligen KZ-Außenlagers Colosseum (2011), Stadtamhof 5 (Straßenseite)

Das KZ-Außenlager Regensburg, im damaligen Sprachgebrauch auch Außenkommando Colosseum genannt, wurde als letztes KZ-Außenlager des KZ Flossenbürg im Regensburger Gasthaus „Kolosseum“ 1945 errichtet.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1928 verweigerte der Besitzer des Regensburger Karmelitenbrauerei-Hotels am Dachauplatz 1 Ludwig Bergmann der NSDAP die Vermietung seiner Säle für NSDAP-Parteiveranstaltungen wegen der Beschwerden von jüdischen Hotelgästen. Die Augustinerbrauerei und die Obermünsterbrauerei, Obermünsterstraße 10 schlossen sich der Verweigerung von Sälen an. Auch der Magistrat der Stadt verweigerte die Vermietung des Neuhaussaales im Theater am Bismarckplatz 7 an die NSDAP wegen der geplanten Aufhängung von Schildern Juden haben keinen Zutritt. Daraufhin wich der Regensburger NSDAP-Ortsgruppenleiter Alois Bayer auf die Gasthäuser "Kolosseum" Stadtamhof 5 und "Zur Glocke" aus, wo von der NSDAP zum Boykott der "abtrünnigen Gaststätten" aufgerufen wurde.[1]

Am 19. März 1945 bis zum 23. April 1945 wurde im Gasthaus "Colosseum" ein provisorisches KZ-Außenlager eingerichtet, das sich im Regensburger Stadtteil Stadtamhof befand, wo rund 400 männliche KZ-Häftlinge zur Ausbesserung von Schäden infolge von Bombardierungen gezwungen werden. Die Arbeitseinsätze waren hauptsächlich am Bahnhof und auf den Bahnanlagen. Etwa ein Drittel der Häftlinge waren als Juden verfolgte Personen (darunter 67 polnischer und 42 ungarischer Nationalität), 84 der Gefangenen waren „nichtjüdische“ Polen, 63 Russen, 62 Belgier, 25 Franzosen, 22 Deutsche und der Rest setzte sich aus zehn weiteren Nationalitäten zusammen.[2] Die Gefangenen wurden im Tanzsaal im ersten Stock der Gastwirtschaft untergebracht, wo die hygienischen Verhältnisse miserabel waren.[3] Es stand nur eine Toilette und ein Wasserhahn zur Verfügung. Für Kranke und Arbeitsunfähige existierte keine Versorgungsmöglichkeit. Die Verpflegung war unzureichend und bestand einzig aus Brot und Suppe.

Die Steinerne Brücke

Die Wachmannschaft mit 50 SS-Männern war in der Gaststube im Erdgeschoss untergebracht, darunter befanden sich viele sogenannte Volksdeutsche.[4] Kommandoführer war SS-Oberscharführer Ludwig Plagge, der als einer der „brutalsten und grausamsten SS-Männer“ galt und im Januar 1947 im Krakauer Auschwitzprozess zum Tode verurteilt wurde.[5] Sein Stellvertreter war SS-Oberscharführer Erich Liedtke, der die Häftlinge häufig ohne Anlässe schlug und misshandelte.[6] Die völlig ausgezehrten Gefangenen mussten täglich zwölf Stunden auf dem Bahnhofsgelände nach Luftangriffen die Schäden beseitigen. Hierzu wurden sie jeden Morgen über die Steinerne Brücke und durch die Altstadt Regensburgs getrieben und nach der wegen Blindgängern lebensgefährlichen Arbeit abends wieder zurück. Anderen Angaben zufolge mussten die Gefangenen auch im Regensburger Werk der Messerschmitt GmbH Zwangsarbeit leisten.[7] Unter den SS-Wachen soll sich auch der im Jahr 2011 wegen Beihilfe zum Mord verurteilte John Demjanjuk befunden haben.[8]

In der Nacht zum 23. April 1945 wurde das Lager bis auf 28 Schwerstkranke und einen Toten „evakuiert“. Das heißt, die Gefangenen wurden auf einen Todesmarsch in Richtung Landshut getrieben. Schätzungen zufolge überlebten nur 50 der Häftlinge diesen Marsch, der in Laufen (Salzach) endete, wo eine kleine Gedenktafel auf die Geschehnisse hinweist.

Die genaue Anzahl der Todesopfer unter den Colosseum-Häftlingen ist nicht bekannt. Im Regensburger Standesamt I sind allein für den Zeitraum zwischen dem 23. März und 10. April 35 Todesfälle verzeichnet worden, eine Gräberliste der Stadt enthält die Namen von 44 Toten.[9] Ein Überlebender des Colosseums schätzt die Zahl der Toten in den fünf Wochen seines Bestehens auf 70 Mann.[8] Es wird vermutet, dass Leichen zum Teil in die Donau geworfen wurden, ohne sie zu registrieren.

Ermittlungen in der Nachkriegszeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen (Ludwigsburg) ermittelte in den 1960er Jahren wegen der Vorgänge im Colosseum. Die Verfahren wurden später von der Staatsanwaltschaft München I übernommen und in den 1970er Jahren eingestellt.

Nach Kriegsende wurde das „Colosseum“ wieder als Lokal mit Tanzsaal und später als Aufführungsort eines Bauerntheaters genutzt. Im Sommer 2005 ließ ein neuer Besitzer das Gebäude entkernen und errichtete darin eine Gaststätte und eine Wohnanlage.

Ein benachbartes Nebenlager[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das KZ-Außenlager Obertraubling wurde vom 20. Februar bis 15. April 1945 als Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg in der Gemeinde Obertraubling, einem südlichen Vorort von Regensburg, auf dem Werksgelände der Messerschmitt AG von der SS betrieben. Es befand sich neben einem Zwangsarbeiterlager im Messerschmitt-Werk. Die völlig ausgezehrten KZ-Häftlinge mussten dort unter Lebensgefahr Schäden an der Landebahn eines Werksflugplatzes reparieren, die bombardiert worden war. Nach einer Gebietsreform bzw. der Eingemeindung von Umlandgemeinden gehört das Areal des einen ehemaligen Zwangsarbeiterlagers, das sogenannte Russenlager II, heute zur Stadt Regensburg.

Gedenken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 1950 wurde vom damaligen Präsidenten des bayerischen Landesentschädigungsamtes Philipp Auerbach auf dem Evangelischen Zentralfriedhof in Regensburg ein KZ-Ehrenmal für eine unbekannte Vielzahl ausländischer KZ-Häftlinge feierlich eingeweiht.[10] Der Regensburger Oberbürgermeister Zitzler legte einen Kranz nieder. Als man im Frühjahr 1955 die Gebeine mehrerer Toter exhumiert hatte, wurde das KZ-Ehrenmal und die dazugehörenden kleinen Steinquader mit der eingravierten Anzahl der Toten und ihrer Nationalität wieder entfernt. Die näheren Hintergründe der Entfernung und der Verbleib des Ehrenmals sind bislang ungeklärt.[11]

Nachdem die Schülerarbeit der Regensburger Berufsfachschule für Wirtschaft mit ihrer Thematisierung des KZ-Außenlagers Colosseum einen zweiten Preis des Schülerwettbewerbs Deutsche Geschichte des Jahres 1982/83 gewonnen hatte, wurde die Frage nach einer angemessenen Gedenkstätte für die Opfer wieder aufgeworfen. In der Schülerarbeit wird eine Gedenktafel am Colosseum angemahnt, die Stadt solle, so das Resümee, die weniger angenehmen Aspekte ihrer Geschichte nicht vergessen oder totschweigen.[12] Obwohl die Stadtverwaltung den Schülern, die zur Umsetzung ihrer Forderung sogar einen Teil des Preisgeldes spendeten, anfangs zusicherte, eine Tafel anbringen zulassen, wurde eine solche bis heute nicht angebracht.[13] Anfang der 1990er Jahre hatte man dann auf eine überparteiliche Initiative hin eine Gedenktafel zur Erinnerung an das KZ-Außenlager Colosseum angefertigt, die ohne Unterstützung der Stadtverwaltung am Geländer der Steinernen Brücke angebracht wurde.[14] Im Jahr 1994 wurde diese durch einen großen Gedenkstein ersetzt (siehe Foto rechts). Er wurde von der damaligen Oberbürgermeisterin Christa Meier eingeweiht.

Gedenkstein von 1994

Das abstrakte Werk aus Flossenbürger Granit und Sandstein befindet sich derzeit auf einem freien Platz gegenüber dem Colosseum, allerdings auf der anderen Straßenseite um ca. 40 Meter versetzt. Die eingemeißelte Inschrift vermeidet eine Benennung bzw. die genaue Ortsangabe des ehemaligen Außenlagers Colosseum. Sie trägt folgenden Wortlaut:

Nie wieder [jidd.]
DEM GEDÄCHTNIS DER OPFER
DES KZ–AUSSENKOMMANDOS
FLOSSENBÜRG IN STADTAMHOF VOM 19.3 - 23.4. 1945
400 GEFANGENEN TEILS JÜDISCHEN GLAUBENS
AUS VIELEN LÄNDERN EUROPAS
- DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR -

Auf eine Initiative der Regensburger Stadtratsfraktion Die Grünen aus dem Jahr 2008 hin wurde im Auftrag der Stadt Regensburg im April 2011 eine bronzene Bodenplatte vor dem Gebäude des ehemaligen Außenkommandos verlegt. Ihr Schriftzug lautet:

STADTAMHOF 5

IM RÜCKGEBÄUDE DES EHEMALIGEN GAST-
HAUSES COLOSSEUM WAREN IN DEN LETZTEN
WOCHEN DER NATIONALSOZIALISTISCHEN
DIKTATUR, VOM 19. MÄRZ BIS ZUM 23. APRIL
1945, HÄFTLINGE DES KONZENTRATIONS-
LAGERS FLOSSENBÜRG UNTERGEBRACHT.
VOR DEM HAUS MUSSTEN DIE HÄFTLINGE,
DURCH UNTERERNÄHRUNG UND DEMÜTIGUN-
GEN GESCHWÄCHT, ZUM APPELL ANTRETEN.

Der Text entstand unter der Federführung des städtischen Kulturreferats und wurde nach dem Bekanntwerden in einer öffentlichen Debatte als verharmlosend und irreführend kritisiert.[15] Der politisch verantwortliche Kulturausschuss des Regensburger Stadtrates beschloss daraufhin im November 2011, dass das fachlich eigentlich zuständige Kulturreferat eine überparteiliche Arbeitsgruppe einladen soll. Diese soll einen Vorschlag für einen sachgemäßen und gedenkpolitisch sinnvollen Inschriftentext bzw. für ein städtisches Gedenkkonzept bezüglich der NS-Zeit erarbeiten.[16]

Seit Ende der 1990er Jahre gibt es in Regensburg am 23. April einen Gedenkmarsch, der überparteilich von Arbeitsgruppen getragen wird und auch an das Schicksal der Häftlinge des KZ-Außenlagers Colosseum erinnert.[17] Offizielle Vertreter der Stadt Regensburg nehmen daran nicht teil. Vorschläge der ehrenamtlichen Arbeitsgruppen, in einer Veranstaltung gemeinsam mit der Stadt Regensburg aller Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken, ignorierte die Stadtverwaltung bislang.[18]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 4: Flossenbürg, Mauthausen, Ravensbrück. C.H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-52964-X.
  • Peter Brendel u. a.: Das Lager Colosseum in Regensburg. In: Dieter Galinski, Wolf Schmidt (Hrsg.): Die Kriegsjahre in Deutschland 1939 bis 1945. Ergebnisse und Anregungen aus dem Schülerwettbewerb Deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten 1982/83. Verlag für Erziehung und Wissenschaft, Hamburg 1985, ISBN 3-8103-0808-3, S. 251–268.
  • Hans Simon-Pelanda: Im Herzen der Stadt. Das Außenlager Colosseum in Regensburg. In: Wolfgang Benz: Konzentrationslager: Lebenswelt und Umfeld. Verlag Dachauer Hefte, 1996.
  • Henk Verheyen: Bis ans Ende der Erinnerung. Pahl-Rugenstein, Bonn 2009, ISBN 978-3-89144-421-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Stadtamhof – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Beitrag der Regensburger Heimatforschung. 31. August 2016 (heimatforschung-regensburg.de [PDF; abgerufen am 26. August 2017]).
  2. Ulrich Fritz: Regensburg. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel (Hrsg.): Der Ort des Terrors. Flossenbürg, Mauthausen und Ravensbrück. Beck, München 2006, S. 240.
  3. Diese Räume wurden kurz zuvor von der Messerschmitt GmbH noch zur Unterbringung von Arbeitskräften genutzt. Vgl. Helmut Halter: Stadt unterm Hakenkreuz. Universitätsverlag, Regensburg 1994, S. 377; Wolfgang Benz: Der Ort des Terrors, 2006, S. 213.
  4. Die Gedenkstaette Flossenbürg spricht von 50 SS-Wachmännern. Vgl. Eintrag zu Außenlager Regensburg.
  5. Ernst Klee: Das Personen Lexikon zum Dritten Reich. Edition Kramer, Koblenz 2008, S. 462. Ein Bild von L. Plagge findet sich unter folgender Web-Adresse (zuletzt aufgerufen im November 2011).
  6. Ulrich Fritz: Regensburg. 2006, S. 241.
  7. Evelyn Zegenhagen: Regensburg Colosseum. In: The US Holocaust Memorial Museum (Hrsg.): Early camps, youth camps, and concentration camps and subcamps under the SS-Business Administration Main Office (WVHA). part A, 2009, S. 662.
  8. a b Halter: Stadt unterm Hakenkreuz. 1994, S. 378.
  9. Ulrich Fritz: Regensburg. 2006, S. 239.
  10. Neben dem in Regensburg wurden seinerzeit folgende sechs neugestaltete „KZ-Friedhöfe“ eingeweiht: Saal an der Donau (380 Tote); Wetterfeld, Landkreis Roding (600 Tote); Muschenried Landkreis Oberviechtach (333 Tote); Flossenbürg (73.000 Tote); Amberg; Ansbach. Vgl. Programm der fünften Fahrt zur Einweihung von KZ-Ehrenmälern vom 4. und 5. November 1950.
  11. Hans Simon-Pelanda: Im Herzen der Stadt. Das Außenlager Colosseum in Regensburg. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Dachauer Hefte. 12, 1996, S. 167. Simon-Pelanda berichtet darin auch von erfolglosen Suche nach den Steinen.
  12. Bearbeitet von der Klasse BFS 11a der Berufsfachschule für Wirtschaft Regensburg: Die Außenkommandos des Konzentrationslagers Flossenbürg in und um Regensburg und ihre Bedeutung für Stadt und Einwohner. 1983, S. 51, Vgl: Annotierte Bibliographie der Körber Stiftung S. 10. (Memento des Originals vom 16. Januar 2016 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.koerber-stiftung.de (PDF; 274 kB)
  13. Hans Simon-Pelanda: Im Herzen der Stadt. 1996, S. 160. Die Spende der Schüler wurde angeblich für „ähnliche“ Zwecke benutzt.
  14. Die abwehrende Stadtverwaltung befürchtete, dass die Stadt Regensburg als „KZ-Gemeinde“ stigmatisiert werden könnte. Den Opfern des KZ-Außenkommandos solle in einer zentralen Gedenkstätte gedacht werden. Vgl. Hans Simon-Pelanda: Im Herzen der Stadt. 1996, S. 161.
  15. Gedenkpolitik zwischen Missbrauch und Ignoranz. auf: Regensburg Digital. 13. November 2011 (zuletzt aufgerufen November 2011).
  16. Gedenktafel: Gruppe soll würdigen Text liefern. In: Mittelbayerische Zeitung. 11. November 2011 (zuletzt aufgerufen im November 2011).
  17. Antifaschistischer Gedenkweg: Dokumentationszentrum gefordert. auf: regensburg-digital. 25. April 2010 (zuletzt aufgerufen im November 2011)
  18. Vgl. Offener Brief der ArGE an Oberbürgermeister Hans Schaidinger vom Juli 2007 (siehe unter Aktionen und Aktivitäten)


Koordinaten: 49° 1′ 28,8″ N, 12° 5′ 50,3″ O