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KZ-Außenlager Ladelund

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Luftaufnahme des KZs Ladelund
Gedenkstein am ehemaligen KZ-Gelände

Das KZ-Außenlager Ladelund, 20 km nordöstlich von Niebüll an der deutsch-dänischen Grenze gelegen, wurde am 1. November 1944 als Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme im Zusammenhang mit dem Bau des so genannten Friesenwalls mit Häftlingen belegt. Der Friesenwall war eine geplante, aber nur teilweise ausgeführte Wehranlage, die an der deutschen Nordseeküste gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erstellt werden sollte. Das Konzentrationslager bei Ladelund war hierbei für die Errichtung von Schützengräben und Geschützstellungen einer militärisch sinnlosen „Riegelstellung“ südlich der dänischen Grenze zuständig. Am 16. Dezember 1944 wurde das Lager aufgelöst. Innerhalb der anderthalb Monate, in denen es bestand, starben 301 von über 2.000 Häftlingen.

Geografische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Übersichtsplan der heutigen Gedenkstätte

Das Areal, auf dem 1938 zunächst ein Arbeitslager des Reichsarbeitsdienstes (RAD) und erst später das KZ errichtet wurde, liegt nordöstlich von Ladelund im ehemaligen Kreis Südtondern (im heutigen Kreis Nordfriesland, Amt Südtondern) nahe der dänischen Grenze. Zirka acht Kilometer vom eigentlichen Lager entfernt befindet sich in Achtrup der Bahnhof, auf dem 2000 Häftlinge aus fast allen Ländern Europas in Viehwaggons eintrafen. Die Distanz zwischen Achtrup und Ladelund mussten die Gefangenen zu Fuß bewältigen. Die Wahl des Standorts Ladelund für das zu errichtende Außenlager erfolgte aufgrund der zentralen Lage zwischen Nord- und Ostsee, des bereits vorhandenen Lagerareals des Reichsarbeitsdienstes sowie der guten, ebenfalls bereits vorhandenen Transportwege.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1938 richtete der Reichsarbeitsdienst für 250 junge Männer ein Barackenlager nordöstlich von Ladelund ein. Diese waren mit Entwässerungsmaßnahmen, Ödlandkultivierung, Aufforstung und Straßenbau befasst. Die „Betonstraße“ parallel zur dänischen Grenze, auch „Panzerstraße“ genannt, wurde von Süderlügum im Westen bis Flensburg im Osten auf einer Länge von 34 Kilometern von den Jugendlichen des Reichsarbeitsdienstes erbaut. Das Arbeitslager Ladelund war nicht eingezäunt und auch nicht bewacht.

Am 28. August 1944 befahl Hitler, die gesamte Nordseeküste mit mehreren Verteidigungslinien und Riegelstellungen, dem so genannten Friesenwall, zu befestigen.

Um die militärische Bauführung kümmerte sich zunächst das Marine-Oberkommando Nordsee in Wilhelmshaven zusammen mit dem Generalkommando X in Hamburg, die technische Bauleitung übernahmen die Wehrmacht und die Organisation Todt mit 50 Firmen. Am 18. September 1944 richtete das Oberkommando der Wehrmacht dann den „Führungsstab Nordseeküste“ mit Sitz in Hamburg ein. Für die unmittelbare Bauleitung wurde der „Admiral Deutsche Bucht“ mit Sitz in Wilhelmshaven eingesetzt. Das Konzentrationslager Neuengamme stellte die Arbeitskräfte und errichtete zu ihrer Unterbringung sieben Außenlager; eines davon war das KZ Ladelund.

KZ Ladelund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Baracken von Ladelund. Zeichnung eines Insassen

Im Oktober 1944 begann die Umwandlung des Arbeitslagers in ein Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Dazu wurde es mit Stacheldraht umzäunt und erhielt vier Wachtürme. Am 1. November wurde es mit über 2000 Insassen aus Neuengamme belegt. Diese trafen auf dem Bahnhof Achtrup in Güterwaggons ein. Die Häftlinge waren nach der KZ-Systematik – mit Ausnahme der Kapos – als „Politische“ klassifiziert und stammten aus ganz Europa. Sie waren als Widerstandskämpfer, Geiseln oder Zwangsarbeiter verhaftet worden. Die größte Gruppe stammte aus den Niederlanden, viele kamen aus dem Dorf Putten. Dort waren 600 niederländische Männer im Alter ab 15 Jahren aufwärts im Rahmen einer Strafaktion festgenommen worden, welche im Namen des deutschen Wehrmachtsbefehlshabers am Sonntag, dem 1. Oktober 1944 in Putten in der Region Veluwe durchgeführt wurde. Die Razzia war eine Repressalie für den Anschlag auf den Höheren SS- und Polizeiführer in den Niederlanden, den österreichischen General Hanns Albin Rauter durch die Puttener Abteilung des Widerstands.

Am 2. Dezember 1944 wurden die Festgenommenen in das Lager Amersfoort gebracht und von dort in das KZ Neuengamme überstellt. Von den 600 sind nur 49 zurückgekehrt, die übrigen sind im KZ Neuengamme oder in anderen Konzentrationslagern umgekommen, so auch in Ladelund, wo die unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Häftlinge untergebracht waren, schon bald erste Todesopfer forderten.

Ursprünglich war Ladelund als Reicharbeitsdienstlager für 200 bis 250 Menschen angelegt worden. Nach der Umwandlung in ein KZ-Außenlager hausten hier jedoch über 2000 Häftlinge in 50 Meter langen und acht bis zehn Meter breiten ungeheizten Baracken. In einer Barackenstube von knapp 40 m² Größe wurden 80–120 Häftlinge einquartiert. Einzig der „Stubenälteste“ hatte ein eigenes Bett, die „Stubendienste“ teilten sich ein Bett. Alle anderen Häftlinge schliefen auf dem Fußboden oder auf groben Holzgestellen dicht an dicht, ohne Strohsäcke, ohne Matratzen, lediglich auf ein wenig ausgestreutem Stroh. Die sanitären Anlagen waren im Zuge der Umwandlung in ein KZ nicht ausgebaut worden und stammten noch aus dem alten Arbeitslager. Sie reichten, wie die Küche auch, für höchstens 250 Menschen aus. Die hygienischen Umstände im Lager waren so katastrophal, dass sich Ungeziefer und Krankheiten rapide verbreiteten. Trotz der widrigen Wetterbedingungen im November und Dezember 1944 waren die Baracken nicht beheizt. Dazu kam die schwere Arbeit, welche die Häftlinge vor allem an Panzergräben leisten mussten. Ein Panzergraben war vier bis fünf Meter breit und drei bis fünf Meter tief. Unterernährt, den Schlägen der Kapos ausgeliefert, arbeiteten die Häftlinge oft elf bis zwölf Stunden täglich im eiskalten Wasser.

Waren die Häftlinge bereits unterernährt und geschwächt in Ladelund eingetroffen, sahen sie sich nun Ernährungssätzen ausgesetzt, die schon in ihrer offiziellen Version Hungerrationen waren. In Ladelund erhielten sie nicht einmal diese, da der Kommandant Lebensmittel unterschlug. Schon bald war die Todesrate so hoch, dass das Außenlager in Neuengamme als „Todeslager“ galt.

Am 16. Dezember 1944 war der „Friesenwall“ durch die veränderte militärische Lage vollends sinnlos geworden. Das Lager in Ladelund wurde aufgelöst und die überlebenden Häftlinge wurden nach Neuengamme zurückgebracht.

Lagerorganisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lagerkommandant Hans Hermann Griem

Kommandantur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geleitet wurde das KZ Ladelund von SS-Untersturmführer Hans Hermann Griem. Im November 1944 wurde er dazu mit der Leitung des Lagers Ladelund betraut. Kommandant Griem unterschlug Lebensmittel, hatte Freude an sadistischen Quälereien, erschoss selbst mehrere Häftlinge und war häufig angetrunken. Nach der Auflösung der Lager war er bis März 1945 Kommandant im Emslandlager Dalum.

Lager- und Verwaltungsführer war der SS-Obersturmführer Friedrich Otto Dröge. Für die Logistik des Lagers zeichnete ein SS-Unterscharführer Georges als „Rapport- und Blockführer“ verantwortlich. Dieser war damit unmittelbar für die Lebensbedingungen, die Versorgung und die Unterbringung verantwortlich.

Wachpersonal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wachmannschaft eines Lagers bestand regelmäßig aus SS-Totenkopfverbänden, die durch ältere, nicht mehr felddienstfähige Marinesoldaten verstärkt wurden. Ladelund war nur eines von rund 80 Außenkommandos des KZ Neuengamme und nur eines von über 340 Lagern im gesamten Deutschen Reich. Die SS-Totenkopfverbände, die Wachmannschaften in den Lagern stellten, waren zur Bewachung all dieser Lager längst nicht mehr ausreichend. Dies führte in Ladelund dazu, dass nur der Kommandant und wenige Unterscharführer zur SS gehörten, während die Wachmannschaften aus Soldaten der Marine bestanden. Vermutlich stellte diese hierfür zwei Kompanien (rund 200 Mann) zur Verfügung, welche aus älteren Soldaten bestanden. Hitler hatte ihren Einsatz 1944 persönlich befohlen. Für ihren Einsatz in den Lagern wurden sie notdürftig ausgebildet, unter anderem mit Zeichnungen aus einem Bilderbuch für KZ-Wachmannschaften[1]. Diese Soldaten wurden im Dorf Ladelund untergebracht.

Kapos[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Blockälteste und Vorarbeiter waren kriminelle KZ-Häftlinge, die Kapos (il capo – das Haupt, siehe Kapo), eingesetzt, welche die Häftlinge quälten. Sie waren in der Regel verurteilte Gewaltverbrecher, die aus Zuchthäusern und Gefängnissen in den KZ-Dienst geholt worden waren, da man ihnen eine hohe Gewaltbereitschaft zutraute. Viele der als Kapos eingesetzten Häftlinge waren schon als Kapos in Husum-Schwesing eingesetzt, so unter anderem Wilhelm Schneider. Er wurde 1911 in Dortmund geboren, hatte viele Vorstrafen und saß seit 1939 in „Vorbeugungshaft“. Im September 1944 wird er Kapo in Husum Schwesing und ab November 1944 aufsichtsführender „Arbeitseinsatz-Kapo“ in Ladelund. Wilhelm Demmer, 1904 in Moers geboren, wird zwischen 1922 und 1968 insgesamt 41 mal straffällig. Er war seit März 1944 im KZ Neuengamme und wurde danach ebenfalls Kapo in Husum-Schwesing. Ab November ist auch er als Kapo in Ladelund.

Ihre Aufgaben bestanden darin, die Häftlinge zu bewachen, einzuschüchtern, zur Arbeit anzutreiben und zu bestrafen.

Den als reine Aufsichtspersonen tätigen Kapos, die selbst nicht arbeiteten, waren Vorarbeiter zugeordnet. Die relativ großen Privilegien korrumpierten viele der zu Kapos Ernannten. Teilweise suchte sich die SS von vornherein solche Häftlinge aus, die sich ihre Privilegien durch besondere Brutalität zu verdienen bereit waren und sich schon im Lager Husum-Schwesing bewährt hatten.

Reaktion der Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Ladelund und Umgebung wurden in den Kriegsjahren Zwangsarbeiter vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt, aber die Errichtung des KZs konfrontierte das kleine Dorf schließlich mit der ganzen Wirklichkeit nationalsozialistischer Gewaltverbrechen.

Viele sahen die Häftlinge auf dem Weg zur Arbeit und hörten die Schreie der Geprügelten. Die Wachmannschaften waren in den Häusern des Dorfes einquartiert. Ein Ladelunder Bauer musste die Leichen mit seinem Fuhrwerk zum Friedhof bringen. Täglich wurden beim Standesamt Sterbeurkunden aufgesetzt. Manche Ladelunder glaubten, dass im KZ gerechte Strafen verbüßt würden; es gab jedoch auch einige Versuche zu helfen.

Grabstätte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grabstätte der Opfer 1945

Die Opfer des Konzentrationslagers Ladelund wurden am Rande des Dorffriedhofs in neun Gräbern beigesetzt. Aber ganz anders als allgemein üblich wurden die KZ-Toten von dem damaligen Gemeindepastor Johannes Meyer (der selbst lange Mitglied der NSDAP und Deutscher Christ war und es ablehnte, an der Verfolgung der Täter von Ladelund mitzuwirken)[2] so gut, wie es denn möglich war, nach christlicher Tradition auf kirchlichem Land begraben. Ihre Namen wurden in den Kirchenbüchern der Kirchengemeinde St. Petri Ladelund und an den Gräbern verzeichnet. Pastor Meyer berichtet in der Kirchenchronik ausführlich über „Das Konzentrationslager“ und rechtfertigt die Haltung der Gemeinde. Die Aufzeichnungen dienen zugleich seiner Entlastung. Aufgrund seines frühen Bekenntnisses zum Nationalsozialismus musste er die Amtsenthebung durch die britische Besatzungsmacht fürchten. Erst 1948 erreichte er den Abschluss seines Entnazifizierungsverfahrens. Nach Kriegsende suchte Pastor Meyer Kontakt zu den trauernden Angehörigen. So wurde 1947 nur eine Exhumierung eines belgischen KZ-Opfers durchgeführt, der in seiner Heimat bestattet wurde. Alle anderen Toten verblieben in den Ladelunder Gräbern. Die Grabanlage wurde würdevoll hergerichtet und bereits ab 1950 zum Ausgangs- und Mittelpunkt des Gedenkens und der internationalen Begegnungen.

Die Verantwortlichen in Hamburg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der „Führererlass“ vom 28. August 1944, „Befehl über Ausbau der deutschen Bucht“, übertrug die ausführende Verantwortung für den geplanten Stellungsbau „Friesenwall“ dem Hamburger Gauleiter und Reichsverteidigungskommissar Karl Kaufmann (1900-1969). Auch anderen Gauleitern waren in den letzten Augustwochen des Jahres 1944 riesige Stellungsbauprojekte übertragen worden, aber nur im Machtbereich des Hamburger Gauleiters und Reichsverteidigungskommissars hatte man Häftlinge eines Konzentrationslagers eingesetzt[3]. In der Hansestadt bestand eine „enge Verflechtung zwischen Stadt und KZ (Fuhlsbüttel und Neuengamme), die in der Geschichte der Konzentrationslager beispiellos ist“[4]. Hamburg war die einzige deutsche Großstadt mit einem Konzentrationslager im Stadtgebiet; überdies bestanden in der Stadt nicht weniger als 17 große Außenlager.

Kaufman hatte 1940 den in Kiel geborenen Dr. Otto Wolff (1907-1992) (nicht zu verwechseln mit dem Industriellen gleichen Namens) als Gauwirtschaftsberater eingestellt. In den Jahren zuvor hatte Wolff als Hauptsachbearbeiter die „Arisierung“, die Konfiszierung jüdischen Vermögens in Hamburg betrieben[5]. Als Gauwirtschaftsberater stand er in ministerieller Funktion der Hamburger Wirtschaft vor; zugleich war er Genehmigungsinstanz für „Arisierungsverträge“. Seit 1943 leitete er darüber hinaus den Kriegswirtschaftsstab, der u. A. die Verteilung von Zwangsarbeitern und Häftlingen in der Rüstungswirtschaft steuerte. In dieser Aufgabe arbeitete er eng mit Max Pauly, dem Kommandanten des Konzentrationslagers Neuengamme zusammen[6]. Wolff hatte den SS-Rang eines Standartenführers und stand somit ranggleich zum Neuengammer Lagerkommandanten.

Es sind zwar keine schriftlichen Belege bekannt, doch kann kein Zweifel daran bestehen, wer die Überstellung von bis zu 9000 Neuengammer Häftlinge in die „Friesenwall - Lager“ Husum-Schwesing (26. September 1944 - 29. Dezember 1944), Ladelund (1. November - 16. Dezember 1944), Aurich - Engerhafe (21. Oktober - 22. Dezember 1944), Meppen - Versen (16. November 1944 - 25. März 1945), Meppen - Dalum (November 1944 - 25. März 1945) und Wedel (17. Oktober - 20. November 1944) in Gang gesetzt hat: Gauleiter Karl Kaufmann forderte die Häftlinge an und Dr. Otto Wolff setzte die Anforderung bei der Lager-SS durch. Die beiden führenden Nationalsozialisten der Hansestadt Hamburg standen am Anfang einer Befehlskette, die schließlich zum Tod von zwischen 1700 und 2100 Häftlingen beim Bau von Panzergräben des „Friesenwalles“ führte. Letztlich sind es Kaufmann und Wolff, die für dieses Verbrechen verantwortlich waren.

Kaufmann und Wolff sind nie zur Rechenschaft gezogen worden. Beide waren gerade drei Jahre in Internierungshaft, nämlich jene Zeit, in der Hamburgs Bevölkerung hungerte und fror; sie kamen rechtzeitig zur Währungsreform im Jahre 1948 wieder frei. Im Jahre 1955 meldete Wolff eine Dr. Otto Wolff Versicherungen KG an mit Sitz im Villenviertel Winterhude, wo Wolff ein „arisiertes“ Haus besaß. Eine zweite solcherart im Jahre 1942 von ihm angeeignete Immobilie lag in der Elbchaussee. Im Jahr 1959 trat Karl Kaufmann der Wolffschen Firma als Seniorchef bei, ohne dass es in der Hansestadt Protest gegeben hätte. Immerhin handelte es sich um stadtbekannte alte Nazis, der eine ein Ex-Gauleiter, der andere ein Ex-Wirtschaftsführer und SS-Standartenführer.

Für das Geschäft waren die alten Beziehungen sicher nützlich, denn jenes Geflecht von Banken, Maklern, Rechtsanwälten, Behörden, Parteiorganisationen, Handelskammern und Versicherungen, das die „Arisierung“ realisiert hatte[7], war im Nachkriegshamburg immer noch aktiv; beispielhaft belegen dies die rekonstruierten Vorgänge um das Anwesen „Rothenbaumchaussee 19“ in Vor- und Nachkriegszeit[8]. Die Firmenadresse „Dr. Otto Wolff“ war nicht aus Eitelkeit erfolgt, sondern bewusst als Werbeträger eingesetzt. Das Geschäft der Versicherungsvermittlung zielt nämlich nicht auf den privaten Versicherungsnehmer ab, sondern auf mittelständische Betriebe und den gewerblichen Haus- und Grundbesitz.

Der Ex - Gauleiter Karl Kaufmann erhielt im Jahre 1961 sein wie auch immer erworbenes Vermögen zurück; er starb im Jahre 1969 als finanziell gut situierter Geschäftsmann. Otto Wolff führte die Dr. Otto Wolff Versicherungsvermittlung GmbH weiter und verkaufte sie im Jahre 1976 an die Götte-Gruppe, eine im Versicherungsgeschäft tätige Familienfirma. Wolff lebte dann noch in gutem Wohlstand unbehelligt bis zu seinem Tod im Jahre 1992. Die Dr. Otto Wolff Versicherungsvermittlungen GmbH besteht als Teil der Götte-Gruppe weiter. Sie ist in Hamburg - Winterhude noch mit einem Zweigsitz vertreten[9]; der Hauptsitz befindet sich seit einigen Jahren bei der Götte-Zentrale in Köln[10]. Der Name dieses herausragenden Nazi-Verbrechers ist also weiterhin im hamburgischen Wirtschaftsleben präsent, und dies mit einem nie in Frage gestellten akademischen Titel der Universität Hamburg.

Nach 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lagergelände diente 1945/46 als Lazarett zur Nachbehandlung von amputierten Soldaten. Von 1946 bis 1959 wurden hier bis zu 200 Flüchtlinge und Vertriebene untergebracht. Danach wurden die Baracken von der zuständigen Kreisverwaltung nach und nach verkauft und das Grundstück wieder an den Pächter übergeben. 1970 wurde die letzte verbliebene Baracke abgerissen, nachdem Land, Kreis und Gemeinde den Eigentümer mit 5500,-- DM entschädigt hatten.

Juristische Aufarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1945 begann die britische Militärjustiz mit den Ermittlungen im Fall KZ Ladelund. Dem Kommandanten Griem, anderen SS-Angehörigen und den Kapos wurde ab 1947 der Prozess gemacht. Sie wurden zu hohen Strafen verurteilt. Friedrich Otto Dröge und SS-Unterscharführer Georges waren nach dem Krieg nicht mehr auffindbar. Kommandant Griem gelang es, kurz vor Prozessbeginn zu entkommen. Erst 1963 nahm die Staatsanwaltschaft Flensburg die Ermittlungen gegen Griem wieder auf, kam in ihren Ermittlungen jedoch nicht recht voran. 1965 konnte der Aufenthaltsort von Griem ermittelt werden. Er hatte sich in Hamburg-Bergedorf niedergelassen. Daraufhin wurde das Verfahren 1966 an die Staatsanwaltschaft Hamburg abgegeben. Diese begann mit systematischen Untersuchungen und strebte einen Prozess gegen Griem an. Am 16. Januar 1969 eröffnete das Landgericht die gerichtliche Voruntersuchung gegen Griem. Kurz vor Beginn des eigentlichen Prozesses starb Griem am 25. Juni 1971.

Gedenkstätte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mahnmal mit den Namen der Opfer des Lagers

Die KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund ist die älteste KZ-Gedenkstätte Schleswig-Holsteins und eine der ältesten in Deutschland. Sie begann bereits 1950 auf Initiative des dortigen Gemeindepastors, der die Register über die auf dem kirchlichen Friedhof 1944 bestatteten Häftlinge geführt hatte, offiziell und mit Beteiligung von Betroffenen und Angehörigen der Opfer die Gedenkarbeit. Seit 1995 gibt es eine hauptamtliche Leitung. Die Gedenkstätte befindet sich in der Trägerschaft der örtlichen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde und wird seither auch vom Land Schleswig-Holstein, von der Nordkirche und vom Kirchenkreis Nordfriesland gefördert.

Dokumentenhaus

In Sichtweite der Gräber wurde 1989 ein Dokumentenhaus errichtet, das eine historische Dauerausstellung über die Geschichte des KZ mit ihrer Vor- und Nachgeschichte sowie einen kleinen Medienraum, der auch als Seminarraum genutzt werden kann, beherbergt. Im Sommer 2006 konnte die Erweiterung des Gebäudes eingeweiht werden, so dass die Gedenk- und Begegnungsstätte der wachsenden Zahl von Besuchern gerecht werden kann.

Am Rande des ehemaligen Lagergeländes, dessen letzte Baracke 1970 abgerissen wurde, erinnert ein Gedenkstein an die Ereignisse von 1944. Dieser trägt die Inschrift:


„DIE WÜRDE DES MENSCHEN IST UNANTASTBAR
KZ NEUENGAMME AUSSENKOMMANDO LADELUND
NOV. - DEZ. 1944“

Von Jugendlichen errichtete Skulptur

Jugendliche des Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerkes Husum errichteten im Mai / Juni 2002 im Rahmen eines gemeinsamen Projektes mit der Gedenkstätte Ladelund eine Stahlskulptur, die an das Schicksal der KZ-Häftlinge erinnert.

Stahl-Stele „Das Mal“ von Ansgar Nierhoff (2010)

Am Volkstrauertag 14. November 2010 wurde am ehemaligen Panzergraben die Stahl-Stele „Das Mal“ von Ansgar Nierhoff († 2. August 2010) als „Mahnmal, Landmarke und Sühnezeichen“ enthüllt.

Die Ausstellung, die seit 1990 im Dokumentenhaus beheimatet ist, soll auf Wunsch des amtierenden Leiters der Gedenkstätte nach 25 Jahren modernisiert werden. Die Ausstellung in ihrer heutigen Form wurde in den 1980er Jahren von dem Flensburger Gymnasiallehrer Jörn-Peter Leppien erarbeitet. Mit Hilfe von Fördergeldern sollen künftig moderne Erzähltechniken zum Einsatz kommen.[11] Eine überarbeitete Ausstellung soll Besucher auch in englischer, niederländischer und dänischer Sprache über die Geschehnisse im ehemaligen KZ Ladelund informieren. Unterstützt wird das Vorhaben durch Fördergelder der Bundesregierung, dem Land Schleswig-Holstein und der Nordkirche.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Harald Richter: Wir haben das Selbstverständliche getan- Ein Außenlager des KZ Neuengamme bei uns in Ladelund, Gräber auf dem Friedhof und Erfahrungen, für die wir dankbar sind. in: Detlef Garbe (Hrsg.): Die vergessenen KZs? Gedenkstätten für die Opfer des NS Terrors in der Bundesrepublik. Lamuv, Bornheim-Merten 1983, S.121-143, ISBN 3-921521-84-X.
  • Jörn-Peter Leppien, Klaus Bästlein, Johannes Tuchel (Hrsg.): Konzentrationslager Ladelund 1944. Wissenschaftliche Dauerausstellung in der KZ-Gedenkstätte Ladelund Schleswig-Holstein. Ev.-luth. Kirchengemeinde Ladelund ²1995.
  • Jörn-Peter Leppien: „Das waren keine Menschen mehr ...“, aus der Chronik der Kirchengemeinde. Pastor Johannes Meyer über das Konzentrationslager Ladelund 1944. Eine quellenkritische Studie. in: Grenzfriedenshefte. Husum 1983, 3.
  • Jörn-Peter Leppien: Erinnern für Gegenwart und Zukunft. Die historische Dokumentation in der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund. in: Grenzfriedenshefte. 2006,4, S. 277f.
  • Jannes Priem, Willem Torsius: Vergeben nicht vergessen. Beiträge zum 50. Jahrestag der Befreiung in Ladelund am 4. Mai 1995. Schriftenreihe der KZ- Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund. H 1. Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Petri, Ladelund 1995 (Deutsch u. Niederländ.).
  • Karin Penno (Hrsg.): Minderheiten in der NS-Zeit. Vom getrennten Gestern zum verbindenden Heute. Ladelund 2000.
  • Madelon de Keizer: Razzia in Putten. Verbrechen der Wehrmacht in einem niederländischen Dorf. Dittrich, Köln 2001, ISBN 3-920862-35-X.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Petri Ladelund (Hrsg.): Konzentrationslager Ladelund 1944. Ausstellungskatalog. Flensburg 1990, 1995.
  2. Heft zur Wissenschaftlichen Dauerausstellung „Ladelund im Nationalsozialismus“ Seite 9 und 32
  3. Willi Kramer: Die Öffnung des Panzerabwehrgrabens bei Ladelund. Was hinter den Dingen steht. In: Grenzfriedenshefte 2010, 179-186; online verfügbar: http://www.ads-flensburg.de/fileadmin/download/Archiv/GFH%203%202011.pdf
  4. Detlef Garbe: Hamburg und Neuengamme: Eine Stadt und ihr KZ. Verarbeitet, bewältigt, erledigt? Vom Umgang mit der Gedenkkultur. In: Aus der Vortrags- und Predigtreihe zum Holocaustgedenken, Vox Extra, 6, 2006, 11
  5. Die „Arisierung“ in Hamburg: Frank Bajohr: „Arisierung“ in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933–1945.In: Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte Bd. 35, Hamburg 1997
  6. Daniel Bohé: FC St. Pauli zur Zeit der NS-Diktatur: Eine Kritische Auseinandersetzung mit den Personalien Wilhelm Koch und Otto Wolff. Norderstedt 2009, S. 7
  7. Zur Beteiligung von Banken, Maklern und Rechtsanwälten an der „Arisierung“: Frank Bajohr: „Arisierung“ und Restitution. Eine Einschätzung. In: Constantin Goschler, Jürgen Lillteichler (Hrsg.), Arisierung" und Restitution. Die Rückerstattung jüdischen Eigentums in Deutschland und Österreich nach 1945 und 1989. 2002, 46 f.
  8. Dokumentensammlung der GEW Hamburg zum Hausbesitz „Rothenbaumchaussee 19“, In: http://www.gew-hamburg.de/hlz/Ro19/DocSammlung.htm; zuletzt abgerufen am 22. Februar 2016
  9. René Martens: Schlecht versichert. In: Jüdische Allgemeine, 5. Februar 2009; Ders: Ein eitler Schreibtischtäter. In: Die Tageszeitung (TAZ), 5. März 2009
  10. http://www.goette-gruppe.de/profil/dr-otto-wolff-vermittlungsgesellschaft-fuer-versicherungen-gmbh-a-co-kg
  11. shz.de: Zukunftspläne für die Gedenkstätte Ladelund, 25. Januar 2015
Dieser Artikel wurde am 21. Oktober 2006 in dieser Version in die Liste der exzellenten Artikel aufgenommen.

Koordinaten: 54° 50′ 51″ N, 9° 2′ 10″ O 54,847618 9,036235