Kaiserschnitt

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Beim Kaiserschnitt, der Sectio caesarea oder Schnittentbindung, (von lat. sectio „Schnitt“ und caesarea „kaiserlich“) wird der Fötus auf operativem Wege aus der Gebärmutter der Mutter geholt. Dazu wird ein Unterbauch-Querschnitt an der Schamhaargrenze (Pfannenstielschnitt nach Johannes Pfannenstiel) vorgenommen oder – in deutschsprachigen Ländern seltener – ein Schnitt vom Bauchnabel entlang der Linea alba zur Schambeinfuge (Längslaparotomie).

Wurde diese Operation früher fast ausschließlich aus lebensbedrohlichen medizinischen Gründen durchgeführt, so wird heutzutage etwa jedes dritte Kind in Deutschland per Kaiserschnitt entbunden anstatt durch den Geburtskanal,[1] wobei es große regionale Unterschiede (Kaiserschnittraten liegen zwischen 17 % und über 50 %)[2] gibt, welche „medizinisch nicht erklärbar“ sind.[3]

Der insgesamt starke Anstieg auf durchschnittlich 31,9 % wird kontrovers diskutiert, zudem die WHO eine Kaiserschnittentbindung in nur etwas 10-15 % der Geburtsfälle medizinisch indiziert sieht.[4][5]

Etwa zwei Prozent der Kaiserschnitte in Deutschland erfolgen ohne medizinische Indikation[6] („Wunschkaiserschnitt“; siehe dort für Vor- und Nachteile gegenüber einer vaginalen Geburt). In anderen Ländern (z.B. Brasilien, China, Mexiko) ist die Wunschkaiserschnittrate deutlich höher.

Kaiserschnitt

Primärer und sekundärer Kaiserschnitt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Generell unterscheidet man zwischen einem primären Kaiserschnitt und einem sekundären Kaiserschnitt.

  • Ein primärer Kaiserschnitt ist im Rahmen des Geburtsmodus geplant und die Geburt hat noch nicht begonnen, das heißt, es gab weder einen Blasensprung noch haben muttermundwirksame Wehen eingesetzt. Er beinhaltet auch den Wunschkaiserschnitt. Es gibt absolute (unbedingt nötig) und relative (situationsabhängig) Indikationen für einen primären Kaiserschnitt; absolute Indikationen sind zum Beispiel: eine regelwidrige Lage des Kindes (z. B. Querlage), Lebensgefahr für Mutter und/oder Kind (z. B. ein Gebärmutterriss), spezielle Vorerkrankungen der Mutter (z. B. schwere Wirbelsäulenverletzungen, HIV) oder des Kindes (z. B. Bauchdeckendefekte); zu den relativen Indikationen zählen unter anderem: Verdacht auf ein Missverhältnis zwischen kindlicher Größe und mütterlichem Becken, der Zustand nach einem Kaiserschnitt und die Beckenendlage (die unter der Betreuung von erfahrenen Geburtshelfern vaginal geboren werden kann).
Entwickeln des Kindes
  • Von einem sekundären Kaiserschnitt spricht man, wenn die Geburt bereits begonnen hat, das heißt, wenn die Fruchtblase gesprungen ist oder es zu muttermundswirksamen Wehen kommt, unabhängig vom Schwangerschaftsalter. Er beinhaltet deshalb auch die meisten mütterlichen und kindlichen Komplikationen, die unter der Geburt auftreten können und dazu führen, dass die Geburt nicht mehr gefahrlos fortgeführt werden kann. Indikationen dafür sind zum Beispiel: Geburtsstillstand auf Grund einer mangelnden Drehung des kindlichen Kopfes, kindliche Herztonveränderungen, das Auftreten eines schwangerschaftsinduzierten Hypertonus oder Kindslagen, die die Geburt schwierig bis unmöglich machen, wie beispielsweise die Gesichtslage.

Ein Notkaiserschnitt kann grundsätzlich primär und sekundär erfolgen. Der Ausdruck bezieht sich lediglich auf die Dringlichkeit und damit auf die Gefahr, die für Mutter und/oder Kind besteht. Gründe für einen Notkaiserschnitt sind zum Beispiel eine vorzeitige Plazentalösung, Uterusruptur, Eklampsie, manifestes HELLP-Syndrom, anhaltender kindlicher Herztonabfall.

Situs vor Uterusnaht

Etwa 10 % aller Kaiserschnittentbindungen in Deutschland entfallen auf absolute Indikationen, hingegen werden ca. 90 Prozent aufgrund von relativen entschieden.[7]

Anästhesieverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kaiserschnitt kann unter rückenmarksnaher Regionalanästhesie (Periduralanästhesie oder Spinalanästhesie) oder auch unter Allgemeinanästhesie (Narkose) vorgenommen werden. Die Wahl des Anästhesieverfahrens hängt insbesondere auch von der Planbarkeit des Kaiserschnitts und der psychischen Belastbarkeit der Patientin ab. Rein durch die Anästhesie bedingte mütterliche Todesfälle sind bei Regional- und Allgemeinanästhesie für den Kaiserschnitt heutzutage extrem selten, jedoch nach heute zur Verfügung stehenden Daten bei der Narkose häufiger als bei der Regionalanästhesie.[8] Bestimmte Vorerkrankungen der Patientin können auch eine Regionalanästhesie verbieten (zum Beispiel bestimmte Herzerkrankungen, Gerinnungsstörungen, Wirbelsäulendeformationen). Ist der Kaiserschnitt geplant, so erfolgt in den meisten Fällen eine Spinalanästhesie oder Periduralanästhesie (Regionalanästhesie),[9] letztere insbesondere dann, wenn zur geburtshilflichen Schmerztherapie bereits ein Periduralkatheter gelegt worden ist. In diesem Fall kann die Mutter ihr Kind unmittelbar nach der Entbindung sehen. Fällt die Entscheidung für einen Kaiserschnitt dagegen kurzfristig (Notsectio), etwa infolge auftretender Komplikationen bei der natürlichen Geburt, so wird häufiger eine Allgemeinanästhesie durchgeführt.

Komplikationen und Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Komplikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Verletzungen und Schädigungen benachbarter Organe oder Strukturen, meist Harnblase, Harnleiter, des Darms, der Nerven
  • Blutverlust durch Atonie (unzureichende Kontraktion der Gebärmutter)
  • Wundheilungsstörung; Infektion, Verwachsungen; Darmlähmung; Darmverschluss; Fistelbildung (Verbindungsgang) zwischen Harnwegen/Darm und Scheide/Gebärmutter.
  • Narbenbruch; Narbenwucherung
  • Risiko für Thrombosenbildung, Lungenembolie, Gebärmutterentfernung
  • Verletzungen während der Operation und Entwicklung des Kindes, wie Schürfungen, Schnitte und Brüche, sind selten

mögliche Folgen für Mutter und Kind[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stillen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Stillen ist nach einem Kaiserschnitt genauso möglich wie nach einer natürlichen Geburt; meist dauert es allerdings etwa einen Tag länger, bis die Milch kommt. Das gesunde Kind hat für diese Zeit normalerweise genügend eigene Reserven, muss also nicht zugefüttert werden. Ein frühes Bonding (durch möglichst frühen Hautkontakt zwischen Mutter und Kind) fördert eine gute Stillbeziehung. Nach einem Kaiserschnitt braucht man oft viel mehr Stillhilfe. Jede Frau in Deutschland hat nach der Geburt ihres Kindes acht Wochen Recht auf den anfangs täglichen Besuch einer Hebamme bei sich zu Hause. Bei Stillproblemen kann die Hebamme auch darüber hinaus Hilfe leisten. Stillfreundliche Schmerzmittel sind in den Tagen nach der Geburt oft unerlässlich wegen der Bauchwunde. Gynäkologen dürfen eine Haushaltshilfe für die schwierigere Anfangszeit verschreiben.

„Sanfter“ Kaiserschnitt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Moderne, schonendere Operationsverfahren wie die Misgav-Ladach-Methode haben die Liegezeit im Krankenhaus auf wenige Tage verkürzt. Bei dieser Methode wird das Schneiden des Muskelgewebes stark reduziert. Stattdessen werden die Bauchdecke und die Gebärmutter durch Dehnen und Reißen des Gewebes so weit geöffnet, dass das Kind entnommen werden kann. Es hat sich gezeigt, dass die so entstandene Operationswunde schneller und komplikationsärmer heilt als die aus der herkömmlichen Operationstechnik resultierende Wunde.[12]

Statistische Entwicklung und Gründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter den für das Jahr 2011 vorliegenden Kaiserschnittquoten zwölf europäischer Länder waren in Italien (37,7 Prozent) und Rumänien (36,3 Prozent) besonders hohe Kaiserschnittquoten zu beobachten, in Finnland und Schweden besonders niedrige (jeweils 16,2 Prozent). In Deutschland lag die Kaiserschnittquote bei 31,1 Prozent.[13]

Im Jahr 2003 wurden in Deutschland 175.341 Frauen (25,5 Prozent) durch Kaiserschnitt entbunden, im Jahr 2012 waren es 208.254 (31,9 Prozent). Unter den Bundesländern war dabei der höchste Anteil in Hessen zu beobachten, der niedrigste Anteil in Sachsen. Die deutsche Bundesregierung sieht als Gründe für die steigende Kaiserschnittquote unter anderem einen wachsenden Anteil von Risikoschwangerschaften unter den Schwangeren sowie verbesserte Nutzen-Risiko-Bewertungen im Einzelfall aufgrund verbesserter Operations- und Narkosetechniken. Der Anteil der Risikoschwangerschaften unter allen Schwangerschaften stieg von 2001 bis 2010 von 68,5 auf 73,4 Prozent.[13]

Die wachsende Häufigkeit von Kaiserschnittgeburten lässt vermuten, dass dies nicht nur auf medizinische Notwendigkeiten zurückzuführen ist. Die Gründe für den Anstieg sind komplex und werden kontrovers diskutiert. Dass eine höhere Wunschkaiserschnittrate dafür verantwortlich ist, lässt sich nicht bestätigen. Denn eine Befragung von rund 4.200 bei der BARMER GEK versicherten Mütter durch die Bertelsmann-Stiftung im Februar 2012 ergab, dass "die Sectiorate ohne medizinische Indikation [...] bei weniger als zwei Prozent"[14] liegt.[15] Vielmehr sei laut Studie eine "Tendenz zur (vermeintlichen) Risikovermeidung" auszumachen, da die Risikoorientierung von Gynäkologen, sowohl während der Schwangerschaftsbegleitung als auch unter der Geburt, aus haftungsrechtlichen Gründen zu einer "defensiven Geburtsmedizin" resultiere.

Der Anteil der Risikoschwangerschaften an allen Schwangerschaften stieg in Deutschland von 2001 bis 2010 von 68,5 auf 73,4 Prozent.[13] Das erhöhte Risiko von Geburtsschäden lässt Ärzte bei problematischen Schwangerschaften (zum Beispiel großer Kopfumfang, Querlage, Frühgeburtlichkeit, oft auch wegen Beckenendlage) im Zweifelsfall aus haftungsrechtlichen Gründen zunehmend zum Kaiserschnitt tendieren. Als weitere Gründe für die zunehmende Kaiserschnittquote gelten das immer höhere durchschnittliche Geburtsgewicht in den Industriestaaten, das offenbar vorwiegend auf die veränderten Ernährungsgewohnheiten zurückzuführen ist, organisatorische Vorteile (Wunschkaiserschnitt) und finanzielle Auswirkungen (Arzthonorar). Möglicherweise besteht ein Zusammenhang mit unerkanntem Gestationsdiabetes. Bei einem absehbaren Geburtsgewicht von deutlich über vier Kilogramm wird vorerst versucht, die Geburt mit Hormonen einzuleiten. Wenn dies nicht gelingt, wird meist ein Kaiserschnitt durchgeführt. Ab einem absehbaren Geburtsgewicht von 4000 Gramm ist der Arzt zur Vermeidung einer Haftung wegen Aufklärungsmangels nach Ansicht des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main zumindest dann, wenn weitere Risikofaktoren vorliegen, verpflichtet, auf die Möglichkeit der Kaiserschnittgeburt hinzuweisen. Es gibt Hinweise, dass der Kaiserschnitt ein Risikofaktor für das Auftreten von Nahrungsmittelallergien[16] oder Asthma[17] beim Neugeborenen sein könnte.

Studienergebnisse stellten 2010 fest, dass die Kaiserschnittrate der Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland zwischen 17 % in Dresden und 51 % in Landau in der Pfalz – also um das Dreifache – variierte. Als wichtigster Einflussfaktor für diese Unterschiede wird das unterschiedliche Vorgehen bei den sogenannten relativen Indikationen für einen Kaiserschnitt aufgeführt. Dagegen können häufig genannte „Faktoren – wie die Altersstruktur der Mütter, der Bildungsstand, eine unterschiedliche Verteilung von Früh- oder Mehrgeburten, von Kindern mit besonders hohem Geburtsgewicht oder mütterliche (Grund-) Erkrankungen – […] das beobachtete Ausmaß des Anstiegs und der regionalen Variation der Kaiserschnittrate nicht erklären.“[18] Regionale Unterschiede der Kaiserschnittraten sind demnach nicht auf unterschiedlich verteilte Risikofaktoren zurückzuführen (wie das Alter der Mutter). Stattdessen wird der bestehende Entscheidungsspielraum bei den relativen Indikationen für einen Kaiserschnitt von den Geburtshelfern in den Kliniken regional unterschiedlich bewertet.

Entbindungen in deutschen Krankenhäusern
Jahr Entbundende
Frauen
davon durch
Kaiserschnitt
Anteil
1991 822.842 126.297 15,3 %
1992 797.784 128.991 16,2 %
1993 785.183 132.334 16,9 %
1994 757.693 131.351 17,3 %
1995 749.086 131.921 17,6 %
1996 778.900 140.184 18,0 %
1997 795.724 147.314 18,5 %
1998 766.508 149.723 19,5 %
1999 750.617 152.612 20,3 %
2000 746.625 160.183 21,5 %
2001 715.136 161.548 22,6 %
2002 698.410 170.249 24,4 %
2003 687.508 175.341 25,5 %
2004 682.767 183.122 26,8 %
2005 664.597 183.346 27,6 %
2006 652.642 186.889 28,6 %
2007 664.454 194.526 29,3 %
2008 662.783 200.452 30,2 %
2009 644.274 201.480 31,3 %
2010 656.390 209.441 31,9 %
2011 642.197 206.012 32,1 %
2012 653.215 206.919 31,7 %

Quelle: Statistisches Bundesamt

In den Vereinigten Staaten existieren regionale Unterschiede von 200 bis 300 Prozent in den Raten von primären Kaiserschnitten, die durch unterschiedlichen Entscheidungen von Geburtshelfern und einem Mangel an Leitlinien zur klinischen Entscheidungsfindung erklärt werden.[19]

Vaginale Geburt nach Kaiserschnitt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Berücksichtigung aller Risiken ist nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt eine vaginale Geburt (auch VBAC - vaginal birth after cesarean) einem erneuten Kaiserschnitt (Re-Sectio) vorzuziehen und soll daher auch laut WHO gefördert werden: eine Rate von wiederholten Kaiserschnitten von über 60 % sei nicht zu rechtfertigen; 75 % Vaginalgeburten nach Kaiserschnitt sollen angestrebt werden.[20] Die Auffassungen über die Frage, ob nach einem Kaiserschnitt noch eine vaginale Geburt möglich ist, haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Dies liegt vor allem daran, dass zum Herausholen des Kindes (in der Fachsprache „Kindsentwicklung“) die Gebärmutter in der Regel nicht mehr durch einen vertikalen (Uteruslängsschnitt), sondern durch einen horizontalen Schnitt eröffnet wird (quere Uterotomie), was das Risiko eines Gebärmutterrisses bei einer Folgeschwangerschaft und insbesondere bei den mechanischen Belastungen einer physiologischen Geburt deutlich verringert hat (6–12 % nach Längsschnitt im Vergleich zu 0,5 % nach Querschnitt[21]). Dennoch ist das Risiko immer noch deutlich höher als bei einer vorangegangenen vaginalen Geburt. Galt vor einigen Jahren noch die Regel „einmal Kaiserschnitt, immer Kaiserschnitt“, so wird es werdenden Müttern nach einem vorangegangenen Kaiserschnitt bei ansonsten unproblematischen Schwangerschaften und Fehlen von Zusatzkriterien wie Narbenschmerzen heute oft zur Auswahl gestellt, ob sie eine Vaginalgeburt erhalten oder sich einem erneuten Kaiserschnitt unterziehen möchten.

Es konnte nicht belegt werden, dass kontinuierliches CTG-Schreiben während VBAC den Geburtsausgang positiv beeinflusst; jedoch erhöht es die Rate an wiederholten Kaiserschnitten.[22] Somit profitieren Mütter, die vaginal entbinden möchten, von Herztonüberwachung in Intervallen statt durchgehend, was außer mit CTG auch mittels Pinard-Rohr oder Dopton möglich ist. Künstliche Hormone (bei Geburtseinleitung/Wehenverstärkung), insbesondere Misoprostol/Prostaglandin, erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Uterusruptur bei VBAC und sollten minimiert werden.[21][23] Auch kurz aufeinanderfolgende Geburten erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer Uterusruptur bei VBAC.[21]

Bei einem erneuten Schnitt wird meist die alte Narbe wieder eröffnet. Eine derbe, unschön verheilte alte Kaiserschnitt-Narbe wird spindelförmig ausgeschnitten, so dass nur eine Narbe zurückbleibt. Ein wiederholter Kaiserschnitt ist für den Operateur meist etwas schwieriger, da wie nach jeder Bauchoperation mit Verwachsungen gerechnet werden muss.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schnittentbindungen sind Operationen, die keinen hohen technologischen Entwicklungsgrad voraussetzen, sie konnten daher prinzipiell auch bereits in frühgeschichtlicher Zeit praktiziert werden. Vereinzelt konnten Ethnologen der Gegenwart solche Operationen auch bei indigenen Völkern miterleben. Dessen ungeachtet ist der Kaiserschnitt in der Antike vermutlich nicht praktiziert worden, weder Soranos von Ephesos (um 100 n. Chr.) noch Galen (2. Jahrhundert) oder Mustio (6. Jahrhundert) verzeichnen diese Methode in ihren Lehrbüchern.[24]

Laut dem römischen Schriftsteller Plinius (Naturalis historia 7, 47) leitet sich der Name „Caesar“ daraus her, dass der erste Träger dieses Namens aus dem Mutterleib geschnitten wurde (von lat. „sectio caesarea“ = cäsarischer Schnitt). Da aus „Caesar“ der Begriff Kaiser entstand, wurde analog aus der sectio caesarea der Kaiserschnitt. Im englischen Sprachraum heißt der Eingriff noch heute „Caesarean section“. Dass Julius Caesar selbst durch Kaiserschnitt entbunden worden sei, ist hingegen mit Sicherheit eine Legende, da seine Mutter die Geburt überlebte. Dies kam zur damaligen Zeit bei einem Kaiserschnitt praktisch nicht vor und hätte daher Eingang in die Geschichte gefunden.[25]

Spätestens ab dem 6. Jahrhundert aber findet sich im Römischen Recht die Verpflichtung, an einer im Sterben liegenden oder soeben verstorbenen Schwangeren einen Kaiserschnitt vorzunehmen, um möglicherweise das Kind zu retten oder es zumindest getrennt beerdigen zu können:[24]

Dig. XI.8.2: Negat lex regia mulierem, quae praegnans mortua sit, humari, antequam partus ei excidatur. Qui contra fecerit, spem animantis cum gravida peremisse videtur.
Ein königliches Gesetz verbietet, dass eine Frau, die schwanger verstorben ist, beerdigt werde, bevor die Leibesfrucht aus ihr herausgeschnitten wurde. Wer dem zuwiderhandelt, setzt sich dem Vorwurf aus, die Hoffnung auf das Leben [des Kindes] mit der Schwangeren getötet zu haben.

Dieses Gesetz wird in den Digesten als „lex regia“, also als Gesetz aus der Königszeit (753–510 v. Chr) bezeichnet und könnte demnach sehr alt sein. Einige Autoren widersprechen dem aber und verstehen es als Gesetz christlicher Herkunft, das – angesichts mangelnder Erwähnung in medizinischen Quellen – auch nur selten angewandt worden sein dürfte.[24]

Fast 700 Jahre später, 1236, findet sich als nächste juristische Erwähnung in einem kirchlichen Statut aus Canterbury die Aufforderung, ein für lebend gehaltenes Kind aus dem Leib der Mutter zu schneiden, wenn diese während des Gebärens sterbe. 1310 auf der Synode in Trier wird dies ausformuliert, zugleich aber explizit befohlen: „Kann man annehmen, dass das Kind im Mutterleib schon gestorben sei, so ist letzterer nicht zu öffnen, […]“.[24]

Im Mittelalter wird der Kaiserschnitt sodann zu einem festen Bestandteil von Helden- und Heiligenviten.[24] Der Heilige Raimund Nonnatus, Patron der Schwangeren, Ammen und Kinder, für eine glückliche Entbindung und gegen Wochenbettfieber, trug seinen Beinamen (lat. non natus = nicht geboren), weil er durch einen Kaiserschnitt zur Welt gekommen sein soll.

Bis in die Neuzeit war der Kaiserschnitt fast immer mit dem Tod der Mutter verbunden. Normalerweise wurde er daher nur an Toten vorgenommen, zum Beispiel um das Kind ordnungsgemäß bestatten zu können. Der erste bekannte erfolgreiche Kaiserschnitt an einer Lebenden wurde im Jahre 1500 in Siegershausen in der Schweiz vom Schweinekastrierer Jacob Nufer vorgenommen. Seine Frau überlebte die Prozedur nicht nur, sondern brachte im nächsten Jahr auf natürlichem Wege Zwillinge zur Welt. Der Mediziner François Rousset (um 1525–1598) schlug 1581[26] die Durchführung des Kaiserschnitts bei lebenden Schwangeren vor. In Deutschland erfolgte der erste Kaiserschnitt am 21. April 1610 in Wittenberg durch Jeremias Trautmann. Auch der schlesische Chirurg Matthäus Gottfried Purmann berichtete 1692 über vier Kaiserschnittentbindungen an lebenden Patientinnen.[27] 1769 wurde von Joachim Friedrich Henckel der erste Kaiserschnitt im Verlauf der Linea alba durchgeführt.

Operationsnarbe eines Pfannenstielschnittes mit chirurgischen Klammern

Am 25. September 1881 wurde von Ferdinand Adolf Kehrer in Meckesheim der erste konservative klassische Kaiserschnitt durchgeführt. Diese Kaiserschnittmethode, bei der die Bauchdecke und die Gebärmutter nicht wie bisher üblich von oben nach unten, sondern quer aufgeschnitten werden und danach die Gebärmutter fest mit dem Bauchfellüberzug vernäht wird, war bahnbrechend und wird in der Modifikation nach Hermann Johannes Pfannenstiel, nach dem diese Technik der Eröffnung der Bauchdecke auch benannt ist, auch heute noch überall angewendet.[28][29] Im Jahre 1895 führte Alfred Dührssen den vaginalen Kaiserschnitt ein.[30]

Eine ca. 7 Wochen alte Naht bzw. Operationsnarbe eines Kaiserschnitts mit noch sichtbarer Linea nigra bei einer 31 Jahre alten Mutter

Dank verbesserter Operationstechniken, der Einführung der Asepsis, Fortschritten in der Anästhesie, Bluttransfusionen und Antibiotika konnte die Müttersterblichkeit beim Kaiserschnitt, die in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts noch bei über 80 % lag, auf 0,04 ‰ im Jahr 2005[31] gesenkt werden. In den letzten Jahren „konkurriert“ der Kaiserschnitt als Geburtsmodus daher zunehmend mit der natürlichen Geburt (vgl. die Diskussion unter dem Stichwort Wunschkaiserschnitt). In einigen Privatkliniken in Brasilien beispielsweise liegt die Kaiserschnittquote heute bei über 70 %.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • R. Hartge: Geschichte des Kaiserschnitts. In: Extracta Gynaecologica 8 (1984), S. 431–443.
  • Volker Lehmann: Der kayserliche Schnitt: die Geschichte einer Operation, Schattauer, Stuttgart [u.a.] 2006, ISBN 3-7945-2494-2.
  • Mändle/Opitz-Kreuter/Wehling: Das Hebammenbuch, Schattauer, 3. Auflage.
  • Daniel Schäfer et al.: Wilhelm Fabry und der Keyerschnitt. Ein Schlaglicht auf die medizinische Diskussion in der Frühen Neuzeit. In: Medizingeschichte in Schlaglichtern. [...] Hrsg. von Dominik Groß, S. 55–72, insbesondere S. 60 (zu Rousset)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kaiserschnitt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Irrglaube Kaiserschnitt – news.de vom 26. August 2010
  2. Faktencheck-Gesundheit: Interaktive Karten
  3. Deutscher Bundestag (Hrsg.): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Cornelia Möhring, Birgit Wöllert, Sabine Zimmermann (Zwickau), weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 18/738 – Wirtschaftliche Lage der Hebammen und Entbindungspfleger. Nr. 18/900 21. März 2014, ISSN 0722-8333, S. 1 (PDF-Datei).
  4. http://www.greenbirth.de/WHO-Empfehlung.pdf und http://www.akf-kaiserschnitt-kampagne.de/cms/wp-content/uploads/2014/01/akf_positionspapier_schwangerschaft_geburt_23_10_2010_01.pdf
  5. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
  6. P.Kolip: Einflussfaktoren auf den Geburtsmodus: Kaiserschnitt versus Spontangeburt, in: J. Böcken, B. Braun, U. Repschläger (Hrsg.): Gesundheitsmonitor 2012. Verlag Bertelsmann Stiftung. Gütersloh März 2012, S. 9. Gesundheitsmonitor (nicht mehr online verfügbar)
  7. Deutscher Bundestag (Hrsg.): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Cornelia Möhring, Birgit Wöllert, Sabine Zimmermann (Zwickau), weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 18/738 – Wirtschaftliche Lage der Hebammen und Entbindungspfleger. Nr. 18/900 21. März 2014, ISSN 0722-8333, S. 8 (PDF-Datei).
  8. Anesthesiology: Volume 86(2), February 1997 pp 277–284
  9. Kinsella SM.; A prospective audit of regional anaesthesia failure in 5080 Caesarean sections.; Anaesthesia. 2008 Aug;63(8):822-32. Epub 2008 Jun 28.
  10. Kaiserschnitt erhöht bei Kindern Diabetesrisiko. Ärzte Zeitung. 12. März 2012. Abgerufen am 22. Juli 2013: „Nach Kaiserschnitt erkranken doppelt so viele Kinder aus Diabetiker-Familien an Typ-1-Diabetes wie nach vaginaler Entbindung.“
  11. Bloemeke, Viresha: "Es war eine schwere Geburt...": Wie traumatische Erfahrungen verarbeitet werden können. - 2. Auflg. Kösel-Verlag: München 2010, S. 42–44.
  12. Michael Stark: Misgav-Ladach-Sectio – Operationsmethode im Detail.Gynäkologie & Geburtshilfe 5 (2010), 27-30, online
  13. a b c Deutscher Bundestag (Hrsg.): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Cornelia Möhring, Birgit Wöllert, Sabine Zimmermann (Zwickau), weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 18/738 – Wirtschaftliche Lage der Hebammen und Entbindungspfleger. Nr. 18/900 21. März 2014, ISSN 0722-8333, S. 10, 11 (PDF-Datei).
  14. P.Kolip: Einflussfaktoren auf den Geburtsmodus: Kaiserschnitt versus Spontangeburt, in: J.Böcken, B.Braun, U. Repschläger (Hrsg.): Gesundheitsmonitor 2012. Verlag Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2012. (S. 9).
  15. P. Kolip: Einflussfaktoren auf den Geburtsmodus: Kaiserschnitt versus Spontangeburt, in: J.Böcken, B.Braun, U. Repschläger (Hrsg.): Gesundheitsmonitor 2012. Verlag Bertelsmann Stiftung. Gütersloh 2012. (S. 182–204).
  16. M. Eggesbø, G. Botten, H. Stigum, P. Nafstad, P. Magnus: Is delivery by cesarean section a risk factor for food allergy? In: The Journal of allergy and clinical immunology. Band 112, Nummer 2, August 2003, S. 420–426, ISSN 0091-6749. PMID 12897751.
  17. Tollånes MC et al. Cesarean section and risk of severe childhood asthma: a population-based cohort study. J Pediatr 2008; 153:112–6
  18. Faktencheck Kaiserschnitt. Kaiserschnittgeburten – Entwicklung und regionale Verteilung. Bertelsmann Stiftung, 2012
  19. Deutscher Bundestag (Hrsg.): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Birgit Wöllert, Sabine Zimmermann (Zwickau), Katja Kipping, weiterer Abgeordneter und der Fraktion DIE LINKE. – Drucksache 18/2249 – Entwicklung der Kaiserschnittrate. Band 18, Nr. 2365 18. August 2014, ISSN 0722-8333, S. 4, 7 (PDF-Datei).
  20. Weltgesundheitsorganisation (WHO): Bericht Appropriate Technology for birth, veröffentlicht 1985
  21. a b c DGGG (Hrsg.): Federführende Leitlinien - Schwangerenbetreuung und Geburtsleitung bei Zustand nach Kaiserschnitt, Stand 2010, AWMF 015/021 (S1)
  22. Madaan M und Trivedi S: Intrapartum electronic fetal monitoring vs. intermittent auscultation in postcesarean pregnancies, International Journal of Gynecology an Obstetrics, Vol 8, Ausgabe 6, S. 580–4, 1987
  23. Sentilhes L et al.: Delivery for women with a previous cesarean: guidelines for clinical practice from the French College of Gynecologists and Obstetricians (CNGOF), European Journal of Obstetrics, Gynecology, and Reproductive Biology, 2013 Sep;170(1):25-32
    Taylor DR et al.: Uterine rupture with the use of PGE2 vaginal inserts for labor induction in women with previous cesarean sections., The Journal of Reproductive Medicine [2002, 47(7):549-554]<ber/>Buhimishi CS, Buhimishi IA et al.. Rupture of the uterine scar during term labour: contractility or biochemistry?, BJOG: an International Journal of Obstetrics and Gynaecology [2005, 112(1):38-42]
  24. a b c d e Sybilla Flügge:Zur Geschichte des Kaiserschnitts In: Terz, 2000, ISBN 3-87877-030-8
  25. http://www.etymologie.info/~e/d_/de-medizi.html#Kaiserschnitt
  26. François Rousset: Traitté nouveau de l'hysterotomotokie, ou enfantement caesarien, qui est extraction de l'enfant par incision latérale du ventre [...]. Denys du Val, Paris 1581
  27. Michael Sachs: Matthäus Gottfried Purmann (1649[sic!]–1711). Ein schlesischer Chirurg auf dem Weg von der mittelalterlichen Volksmedizin zur neuzeitlichen Chirurgie. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. 12, 1994, S. 37–64; hier: S. 48 f.
  28. Uber die Vortheile des suprasymphysaren Fascienquerschnitts fur die gynakologischen Koliotomien, zugleich ein Beitrag zu der Indikationsstellung der Operationswege. Sammlung Klinischer Vorträge, Gynäkologie (Leipzig), vol.97 pp. 1735–1756, 1900. PMID 4589293
  29. A. Jensen: „Hermann Johannes Pfannenstiel (1862–1909) Zum 80. Todestag. Biographie eines großen deutschen Gynäkologen [On the 80th anniversary of his death. A biography of a famous German gynecologist]“. Geburtshilfe und Frauenheilkunde 50, 326-334, 1990. PMID 2192940
  30. Dührssen, J. A. (1896). Der vaginale Kaiserschnitt. (Nebst Bericht über eine erfolgreiche vaginale Exstirpation des rupturirten Uterus unmittelbar post partum). Berlin: S. Karger.
  31. K. Baumgarten: Müttertodesfälle besser aufklären. Interview mit Prof. Hermann Welsch über seine Erfahrungen bei landesweiten Einzelfalluntersuchungen von Müttersterbefällen in Bayern. Deutsche Hebammenzeitschrift, Hannover 2006, S. 15–17.
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