Kaldenkirchen

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Koordinaten: 51° 19′ 15″ N, 6° 11′ 58″ O

Kaldenkirchen
Stadt Nettetal
Wappen von Kaldenkirchen
Höhe: 50 m
Fläche: 15,11 km²
Einwohner: 9640 (30. Jun. 2013)
Bevölkerungsdichte: 638 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Januar 1970
Postleitzahl: 41334
Vorwahl: 02157
Karte

Lage Kaldenkirchens in der Stadt Nettetal

Kaldenkirchen ist ein Stadtteil von Nettetal im Kreis Viersen in Nordrhein-Westfalen und liegt direkt an der deutsch-niederländischen Grenze.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Jahr 1814[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die älteste Urkunde, in der der Ortsname „Caldenkirken“ genannt wird, trägt die Jahreszahl 1206; sie dokumentiert eine Vereinbarung über die künftige Ehe zwischen Graf Gerhard IV. von Geldern mit der brabantischen Herzogstochter Margaretha.[1] Der Name geht wahrscheinlich darauf zurück, dass die Pfarrkirche im Ort (erstmals erwähnt 1276) zur Zeit der Namensgebung noch „kalt“, also nicht fertiggestellt war.[2]

Im frühen 14. Jahrhundert kam der Ort unter die Herrschaft der Grafen und späteren Herzöge von Jülich (Herzogtum Jülich), diese Phase endete mit zum Einmarsch französischer Truppen im Jahr 1794 (Franzosenzeit bis etwa 1815). Ab dem Jahr 1600 nahm Kaldenkirchen stadtähnliche Strukturen an und wurde als Festung bezeichnet. 1619 wurde erstmals ein Bürgermeister erwähnt.

Auch einige Kaldenkirchener gehörten zu den 13 deutschen Quäker- und Mennonitenfamilien, die 1683 aus Krefeld aufbrachen und mit dem Schiff „Concord“ nach Philadelphia auswanderten und sich dort in der neu gegründeten Stadt Germantown niederließen.

1814 bis heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Wiener Kongress (1814/15) gehörte Kaldenkirchen zu Preußen; 1819 wurde das Hauptzollamt errichtet. Ab 1856 durfte sich der Ort per Erlass des Königs Friedrich Wilhelms IV. als Stadt bezeichnen. 1866 und 1868 wurden die Eisenbahnstrecken Venlo-Kaldenkirchen und Kempen-Kaldenkirchen eingeweiht. 1903 genehmigte Kaiser Wilhelm II. das Stadtwappen.

Im Zweiten Weltkrieg war nördlich von Kaldenkirchen der Fliegerhorst Fliegerhorst Venlo-Herongen. Ab Mitte 1942 gab es häufig Angriffe auf den Bahnhof Kaldenkirchen. Auf dem Gelände eines ehemaligen Mühlenwerks gab es ein Lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus besetzten Ländern.[3] Im November 1944 wurde die Stadt evakuiert.[4] Von Venlo bis Wassenberg wurde eine Verteidigungsstellung ("Maas-Rur-Stellung") gebaut. Am 1. März 1945 wurden Venlo und Kaldenkirchen von US-Truppen befreit.[5] Im Sommer 1947 zerstörte ein Brand den Kaldenkirchener Grenzwald fast vollständig.

Im Jahr 1961 hatte Kaldenkirchen 6305 Einwohner, wovon 23 % Heimatvertriebene waren. Am 1. Januar 1970 wurde die Stadt ein Teil der am selben Tag gebildeten Stadt Nettetal.[6][7]

Im Jahr 2011 wurde mit Arbeiten für den Gewerbepark Venete[8] begonnen.

Kirche St. Clemens

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die beherrschend in der Mitte des Orte liegende katholische Pfarrkirche, ein dreischiffiger neugotischer Hallenbau, übernahm von ihrer spätgotischen Vorgängerin nur den quadratischen Westturm mit sparsamer Spitzbogengliederung.

Die Kirche war früher nicht nur Pfarr-, sondern auch Klosterkirche für zwei östlich der Kirche gelegene Klöster. Hinter der romanisierenden Pfarrhausfassade von 1844 verbirgt sich das Mönchshaus des Brigittiner-Doppelklosters Maria Frucht. Das Frauenkloster lag nördlich des Kirchenchores und ist in wesentlichen Teilen seiner Bausubstanz ebenfalls erhalten.

Es bildete sich eine kleine reformierte Gemeinde. Diese konfessionelle Minderheit erbaute 1672 eine Kirche, die von der Straße nicht sichtbar ist. Sie liegt versteckt hinter dem Pfarrhaus. Ein kleiner Innenhof befindet sich zwischen diesen Gebäuden, ein enger Gang erlaubt den stadtseitigen Zugang. Die Kirche gehört somit zu dem Typ der Hofkirchen. Die Gemeinde gehört heute zur Evangelischen Kirche im Rheinland.

1873 errichtete die jüdische Gemeinde eine Synagoge, die 1938 im Novemberpogrom geschändet wurde. Die heutige Straßenbezeichnung Synagogenstraße und eine Gedenktafel vor Ort erinnern an das um 1960 abgerissene Gebäude.[9]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Katholische Pfarrkirche St.Clemens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die heutige dreischiffige neugotische Kirchenhalle wurde 1893 bis 1897 gebaut. Sie enthält einige Teile aus der Vorgängerkirche: das Altarbild von Hans von Aachen, ein spätgotisches Kreuz von ca. 1500 sowie ein Messingtaufbecken von 1793. Der Turm ist 59 m hoch und wurde im späten 15. Jahrhundert errichtet.[10]

Die evangelische Hofkirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch das Schul- und Pfarrhaus war die 1672 erbaute Hofkirche der kleinen reformierten Gemeinde von der Straße abgeschirmt. An der Kirchenmauer sind Grabplatten befestigt.

Rokoko-Pavillon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem zentrumsnah gelegenen Garten befindet sich ein Garten-Pavillon[11] aus dem 18. Jahrhundert, eine zierliche Erholungsarchitektur von hohem künstlerischen Wert. Der Pavillon wurde überregional bekannt durch zahlreiche Gemälde von August von Brandis der darin verweilte, damals gehörte das Anwesen seinem Schwager.

Eingangsbereich der Sequoiafarm Kaldenkirchen
Christian Hohe: Rittergut Altenhof
Riesenmammutbäume in der Sequoiafarm

Erholungs- und Naturschutzgebiet Grenzwald[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der im Landschaftsschutzgebiet liegende Kaldenkirchener Grenzwald enthält einige Naturschutzgebiete,[12] den Schlucht genannten Abhang zur Maas mit weitem Blick in die holländische Niederung, das Arboretum Sequoiafarm Kaldenkirchen[13] und den Geo-hydrologischen Wassergarten

Rittergut Altenhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits um 1312 wurde das Gut erwähnt, und zwar in einem Lehensbuch des Herzogs Heinrich III. von Brabant.[14] Bis zur Veräußerung im Jahr 1833 blieb das Gut im Besitz der Grafen von Spee. Oberhalb des Eingangstores befindet sich das Allianzwappen mit dem Hahn der von Spees und der Herren von Scheidt genannt Weschpfennig. Das Gut ist heute ein landwirtschaftlicher Betrieb im Besitz der Familie Baum-Underberg.

Brigitten-Kloster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kloster, auch Brigittenheim genannt, wurde 1625 gegründet und bestand aus einem Frauen- und Männerkloster. Es gehörte zum Orden der heiligen Brigitta von Schweden. Das Männerkloster, in dem früher Priester- und Laienmönche lebten, ist das heutige Pastorat; das Frauenkloster, das einen nicht einsehbaren Zugang zur Kirche hatte, wird gegenwärtig als Kindergarten benutzt.

Ehemaliges Hauptzollamt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1818 erhielt Kaldenkirchen wegen der exponierten Lage an der preußischen Westgrenze ein Hauptzollamt. Der große zweigeschossige Putzbau[15] wurde in den 1970er Jahren restauriert. Er wird heute als „Bürgerhaus“ genutzt.

Sonstige[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Sehenswürdigkeiten sind das Kriegerdenkmal von 1913 (zum Gedenken an den Krieg 1870/71), das 1775 erstmals erwähnte Marienkapellchen (auch Königskapellchen genannt), und ein Gebäude, das von 1601 bis 1898 als Rathaus diente. 2002 wurde der Tolkemit-Gedenkstein errichtet; etwa 600 Heimatvertriebene aus Tolkemit fanden 1946 in der Stadt Nettetal ein neues Zuhause.[16]

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wirtschaftsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaldenkirchens Wirtschaftsleben war über 150 Jahre lang von der Tabakindustrie geprägt. 1921 beschäftigten die Tabak- und Zigarrenfabriken der Stadt 1217 Menschen, etwa zwei Drittel der in Kaldenkirchen arbeitenden Bevölkerung. Zoll- und steuerpolitische Veränderungen brachten dann diese Industrie gänzlich zum Verschwinden. Um das Jahr 1900 entwickelte sich eine Dachziegel- und Tonröhrenindustrie. Diese verwendete Tonvorkommen im Grenzwald und konnte dank des in den Jahrzehnten zuvor massiv ausgebauten Bahnstreckennetzes ihre Produkte gut distribuieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Jahren des Wiederaufbaus, hatte diese Industrie eine kurze Blütezeit.[17]

1815, nach dem Ende der Franzosenzeit, wurde Kaldenkirchen Grenzstadt an der Westgrenze Preußens (zum Königreich der Vereinigten Niederlande). Es wurde ein Umschlagplatz, an dem internationale Speditionen Niederlassungen hatten und wo zahlreiche Zollbeamte tätig waren. Ein Hauptzollamt wurde errichtet. Als 1993 der EG-Binnenmarkt geschaffen wurde, wurde die Grenze praktisch bedeutungslos.

In der Landwirtschaft sind während der Spargelsaison einige hundert Saisonarbeiter beschäftigt.

Ansässige Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den überregionalen Wirtschaftsunternehmen, die in der Gegenwart ihren Hauptsitz in Kaldenkirchen haben, zählen die Baumschule Lappen, der Deutschlandvertrieb des HiFi-Geräteherstellers Denon und Mekkafood, eine Halāl-Produktfirma. Bis 2010 war hier die Deutschlandvertretung des Panini-Verlags.

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Straßenverkehr

Kaldenkirchen liegt südlich der Autobahn 61; es gibt drei Autobahnanschlüsse. Es liegt an der Bundesstraße 221, die von Norden nach Süden verläuft; 15 km nördlich von Niederkrüchten (A 52) und 9 km südlich der A 40 (Anschlussstelle 2 Herongen). Seit April 2012 geht die A 61 in die niederländische A 74 / A 73 über; dies hat die Anbindung Kaldenkirchens an das niederländische Autobahnnetz verbessert.

Schienenverkehr

Hauptartikel: Bahnhof Kaldenkirchen

Früher führte eine Kleinbahn nach Brüggen.

Bildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Folgende Schulen sind in Kaldenkirchen ansässig:

  • Städtische Realschule Nettetal
  • Gemeinschaftshauptschule Kaldenkirchen
  • Gemeinschaftsgrundschule Kaldenkirchen
  • Katholische Grundschule Kaldenkirchen


Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Persönlichkeiten, die vor Ort gewirkt haben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ehrenbürger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedrich von der Kuhlen (1840–1913)
  • Hermann Lueb (1864–1936)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johann Finken: Die Stadt Kaldenkirchen. Beiträge zu ihrer Geschichte, besonders der katholischen Pfarre. Heinrich Schmitz, Straelen 1897.
  • Emil Becker: Das Kirchendreieck. Auftakt zur Kaldenkirchener Ortssanierung. In: Heimatbuch des Landkreises Kempen-Krefeld. Kempen 1967.
  • Gregor Herter: Gruß aus Kaldenkirchen. Grenz-Stadt-Spuren. Bilder und Texte zur Geschichte Kaldenkirchens. Bürgerverein Kaldenkirchen 1987.
  • Gregor Herter: Gruß aus Kaldenkirchen. Zweiter Band 1989. Bürgerverein Kaldenkirchen 1989.
  • Marga Herter u.a.: 150 Jahre. Rektoratschule / Realschule in Kaldenkirchen. Kaldenkirchen 1991.
  • Paul Schrömbges: Der große Streik in Kaldenkirchen 1901. In: Heimatbuch des Kreises Viersen. Viersen 1992.
  • Leo Peters: Rheinischer Städteatlas. Kaldenkirchen. Böhlau, Köln 1996, ISBN 3-7927-1562-7.
  • Leo Peters: Geschichte der Stadt Kaldenkirchen. Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende der französischen Zeit 1814. Band 2: Vom Beginn der preußischen Zeit bis zum Ende der Selbständigkeit 1970. B.O.S.S. Kleve 1998, ISBN 3-9805931-5-0.
  • Frank Kauwertz: Die drei Eisheiligen. Geschichten und Dokumente wider das Vergessen. Schicksale von Bürgern der israelitischen Gemeinden in Kaldenkirchen und Nachbarorten. Alano-Herodot-Verlag, Aachen 1999, ISBN 3-89399-247-2.
  • Hans-Dieter Boos: Wandern – Wandel – Wissen. Grenzort Kaldenkirchen in Nettetal. Bürgerverein Kaldenkirchen, Nettetal 2006.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kaldenkirchen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eine Abschrift dieser Urkunde befindet sich heute im Königlichen Generalarchiv in Brüssel.
  2. Leo Peters: Geschichte der Stadt Kaldenkirchen. Band 1: Von den Anfängen bis zum Ende der französischen Zeit 1814. Kleve 1998, S. 8 und 9.
  3. Erinnerung an die Zwangsarbeit. In: Rheinische Post. 2. Juli 2014, S. C3. (Lokalteil)
  4. lappen.de. Anmerkung: das Westufer der Maas bei Venlo wurde Ende November 1944 von westalliierten Truppen besetzt; ab dann lag Kaldenkirchen in der Reichweite ihrer Artillerie.
  5. Grenzlandnachrichten vom 2. März 2006, 320. Inf.-Regiment der 35. Division und 784. Panzerbataillon des XVI. US-Korps
  6. Leo Peters: Geschichte der Stadt Kaldenkirchen
  7. Martin Bünermann: Die Gemeinden des ersten Neugliederungsprogramms in Nordrhein-Westfalen. Deutscher Gemeindeverlag, Köln 1970, S. 115.
  8. Venete Nettetal. Der neue Gewerbepark an der deutsch-niederländischen Grenze. (PDF)
  9. „Ehemaliger Standort der Synagoge in Kaldenkirchen“
  10. Klaus Johannes Dors: Die Pfarrkirche St.Clemens. Abgerufen am 18. Dezember 2009.
  11. Bild und Text Rokoko Pavillon Abgerufen am 18. Dezember 2009.
  12. Heidemoore im Grenzwald (mit Karte) Abgerufen am 12. Dezember 2009.
  13. Herbert Hubatsch: Von der Sequoiafarm zur Biologischen Station. Abgerufen am 18. Dezember 2009.
  14. als 'curia de Oudenhof'. Quelle: Leo Peters: Der Stammsitz der Grafen von Spee. In: Rheinische Post (Lokalteil Viersen), 7. April 2012, Seite B7
  15. Foto
  16. Rundgang. Historisches Kaldenkirchen. Bürgerverein Kaldenkirchen 2009. Auf dem Gedenkstein ist ein Anker.
  17. Leo Peters: Geschichte der Stadt Kaldenkirchen