Kanak Sprak

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Dieser Artikel befasst sich mit dem Sprachjargon Kanak Sprak. Zum Buch von Feridun Zaimoğlu siehe Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft.

Kanak Sprak (auch Kanak-Sprak geschrieben)[1][2] ist eine informelle Bezeichnung für einen deutschen Szenejargon, der vorwiegend von zweisprachig aufgewachsenen, meist türkischstämmigen Jugendlichen der zweiten oder dritten Einwanderergeneration gesprochen wird.

Andere Bezeichnungen sind Kanakendeutsch[3][4], Ghettosprache [5], Türkenslang [6], Kiez-Deutsch[7], Türkendeutsch [8][9] und Kanakisch[10].

Herkunft und Verbreitung des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ausdruck Kanak Sprak, zunächst 1995 durch Feridun Zaimoglus Buch Kanak Sprak – 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft popularisiert,[11] wurde 2000 erstmals von Rosemarie Füglein durch die Diplomarbeit Kanak Sprak. Eine ethnolinguistische Untersuchung eines Sprachphänomens im Deutschen in die wissenschaftliche Literatur eingeführt.[12] Werner Kallmeyer, ehemaliger Sprecher der DFG-Forschergruppe „Sprachvariation als kommunikative Praxis“ des Instituts für Deutsche Sprache,[13] bezeichnete Kanak-Sprak durch „Elemente von reduziertem Deutsch und anderen Formen deutsch-türkischer Sprachmischung durchsetzt.“ Die Abweichungen von der deutschen Standardsprache sowie die Sprachmischung werden „als Identitätssymbol kultiviert und drücken soziale Identität ‚zwischen den Kulturen‘ aus“.[14]

Soziologische und linguistische Klassifikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sprachwissenschaftlich wurde die Varietät von Norbert Dittmar auch als „Ethnolekt“ bezeichnet. Ihm zufolge seien bis 2007 nur mündliche ethnolektale Verwendungsweisen dokumentiert und Medienberichte „mehr oder weniger provozierend“ oder „soziolinguistisch korrekt“.[15]

Eva Wittenberg bezeichnet diese Sprechweise genauer als multiethnolektale Jugendsprache.[16]

Die Linguistin Heike Wiese bezeichnet darauf aufbauend die Varietät dagegen als „Multiethnolekt“ oder sogar als „neuer Dialekt“, da sie von verschiedenen ethnischen Gruppen einschließlich Deutscher gebraucht werde und vor allem von Heranwachsenden in urbanen Gebieten mit hohen Migrationsanteilen gesprochen wird.[17] Sie kritisierte den Ausdruck Kanak Sprak, da er „zunächst nur Jugendliche nicht-deutscher Herkunft in den Blick“ stelle. Sein Gebrauch sei „zwar ursprünglich als Rückeroberung eines negativ besetzten Begriffs im Rahmen politischer Migrantenbewegungen motiviert“, „sprachideologische Untersuchungen“ betonten jedoch, dass die herabsetzenden Assoziationen zu „Kanak“ erhalten geblieben seien. Der von ihr verwendete Begriff Kiezdeutsch vermeide negative Vorabbewertungen und sei „auch in der politischen Diskussion gut eingeführt“.[18]

Der These Wieses, dass das Kiezdeutsch ein „neuer Dialekt“ sei, wurde durch den Germanisten Helmut Glück widersprochen, da „ein Dialekt immer eine Redeweise ist, die für eine bestimmte Region charakteristisch ist und zudem eine historische Tiefe“ habe. Glück nannte als Merkmale der „jugendlichen Sprechweise“ vor allem „türkische und arabische Einflüsse, die sich nachweisen lassen“ sowie Verwechslungen des grammatikalischen Geschlechts und der Präpositionen, die sich vom Türkischen unterscheiden. Als historischen Vergleich für einen solchen „Turbodialekt“ nannte er das Ruhrdeutsch, das mit einer „starken polnischen Einwanderung in den Jahrzehnten um 1900“ entstand und ebenso eher ein Soziolekt sei.[19]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Özlem Tekin, Peter Colliander: Phonetische Charakteristika und die Auswirkungen auf das Deutsche. In: ZiG - Zeitschrift für interkulturelle Germanistik, 1|2010|H2. transcript Verlag, 2010, S. 50.
  2. Ulrich Bielefeld: Ethnizität und Existenz. In: Geschlecht - Ethnizität - Klasse: Zur sozialen Konstruktion von Hierarchie und Differenz. 2001, S. 129.
  3. Matthias Groß: Die Übertragung von African American English ins Deutsche: Herausforderungen bei der Filmsynchronisation. Bachelor + Master Publishing, Hamburg 2012, ISBN 978-3-86341-661-4, S. 34.
  4. John Holm: Cambridge Language Surveys - Pidgins and Creoles. Volume II: Reference Survey. Cambridge University Press, 1989, S. 619.
  5. (mind. seit 2001)
  6. (mind. seit 2001; auch: Auer 2003)
  7. (Wiese 2006)
  8. (mind. seit 2001; auch: Simsek 2011),Seyda Ozil, Michael Hofmann, Yasemin Dayioglu-Yücel: 50 Jahre türkische Arbeitsmigration in Deutschland (Türkisch-Deutsche Studien). V&R unipress, 2011, S. 209 (Google books).
  9. Jannis Androutsopoulos: Ultra korregd Alder! Zur medialen Stilisierung und Popularisierung von "Türkendeutsch". Linguistik-Server Essen (LINSE), 2001. (PDF)
  10. Vom Türkendeutsch zu Kanakisch
  11. Peter Auer, Inci Dirim: Türkisch sprechen nicht nur Türken: Über die Unschärfebeziehung zwischen Sprache und Ethnie in Deutschland (Linguistik – Impulse & Tendenzen). de Gruyter, 2004, S. 7. (Google books)
  12. Rosemarie Füglein: Kanak Sprak. Eine ethnolinguistische Untersuchung eines Sprachphänomens im Deutschen. Fakultät der Sprach- und Literaturwissenschaften der Universität Bamberg, 2000.
  13. Kallmeyer in Institut für Deutsche Sprache, abgerufen am 26. Juni 2012.
  14. Doris Marszk: Kanak Sprak als Ausdruck sozialer Identität. In: wissenschaft.de. Bild der Wissenschaft, 28. April 2000, abgerufen am 26. Juni 2012.
  15. Cristine Allemann-Ghionda, Saskia Pfeiffer: Bildungserfolg, Migration und Zweisprachigkeit: Perspektiven für Forschung und Entwicklung. Frank & Timme, 2007, S. 57 (Google books).
  16. Eva Wittenberg, Kerstin Paul: „Aşkım, Baby, Schatz …“ Anglizismen in einer multiethnischen Jugendsprache. In: Falco Pfalzgraf (Hrsg.): Englischer Sprachkontakt in den Varietäten des Deutschen. Lang, Wien/ Frankfurt am Main u. a. 2008, S. 95–122.
  17. Penelope Eckert, Frans Gregersen, Jeffrey K. Parrott, Pia Quist: Language Variation – European Perspectives II: Selected Papers from the 5th International Conference on Language Variation in Europe (ICLaVE 5). Benjamins, Kopenhagen 2011, S. 84 (Studies in Language Variation) (Google books).
  18. Heike Wiese: Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung, 16. Februar 2010, abgerufen am 26. Juni 2012.
  19. Lothar Schröder: Germanistenstreit: Kiezdeutsch ist kein Dialekt. In: RP Online. 22. April 2012, abgerufen am 26. Juni 2012.