Kannitverstan

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Kannitverstan ist eine Kalendergeschichte des deutschen Dichters Johann Peter Hebel, die erstmals 1808 im Rheinländischen Hausfreund erschien.

Inhalt[Bearbeiten]

Ein junger Handwerksbursche aus Tuttlingen (damals Herzogtum Württemberg) besucht zum ersten Mal in seinem Leben die Weltstadt Amsterdam und betrachtet dort mit Erstaunen ein besonders prächtiges Haus und ein großes Schiff, das mit den kostbarsten Waren beladen ist. Mit kindlicher Neugier fragt er nach den Besitzern des Hauses und des Schiffes und erhält beide Male die Antwort „Kannitverstan“, was auf Deutsch so viel heißt wie „Ich kann dich nicht verstehen“. Der einfältige Handwerksbursche glaubt jedoch, dass es sich bei „Kannitverstan“ um den Namen des Eigentümers handelt, und ist beeindruckt vom vermeintlichen Reichtum des Herrn Kannitverstan und vergleicht ihn betrübt mit seiner eigenen Armut. Schließlich trifft er auf einen Leichenzug und fragt einen der Trauernden nach dem Namen des Verstorbenen. Als er wieder die Antwort „Kannitverstan“ erhält, versöhnt er sich mit der Ungleichheit in der Welt und betrauert den verstorbenen Herrn Kannitverstan, den all sein Reichtum doch nicht vor dem Tod bewahren konnte. Es wird ihm klar, dass Kannitverstan ihm nichts Wesentliches voraus hat.

Quelle[Bearbeiten]

Die Erzählung Kannitverstan beruht auf einer wahren, schriftlich fixierten Begebenheit: Im Jahre 1757 reist der 17-jährige französische Graf Adam-Philippe de Custine nach Amsterdam und bestaunt dort ein besonders schönes Landhaus und eine auffällig elegante Dame. Außerdem hört er, wie der Gewinner der holländischen Lotterie ausgerufen wird, und beobachtet einen Trauerzug. Neugierig fragt er nach den Namen der Personen und erhält stets die Antwort ‚Ik kan niet verstaan’. Der junge Graf glaubt daraufhin, es existiere ein ‚Herr Kannietverstan’. Als Custine wenig später die schöne Dame wieder sieht, spricht er ihr sein Beileid zum Tode ihres Gemahls, des Herrn Kannietverstan, aus, was natürlich zu großem Gelächter und zur Aufklärung des Missverständnisses führt. Diese amüsante Begebenheit erschien in schriftlicher Form erstmals 1782 in der Aufsatzsammlung Les numéros von Charles Peyssonel und wurde 1783 in deutscher Übersetzung im Luzernischen Wochenblatt abgedruckt.

Rezeption[Bearbeiten]

In der Literaturwissenschaft gilt Hebels Kannitverstan als eine Erzählung, deren Kernaussage sich allen Lesern mühelos erschließt: Jeder Mensch soll zufrieden sein mit dem, was er hat und was er ist, denn am Ende ereilt jeden, gleich ob arm oder reich, der unbestechliche Tod. Dass dies die wesentliche Text-Absicht ist, liegt auf der Hand. Allerdings ist auch der scherzhafte Stil hervorzuheben, in dem diese ernste Mitteilung gemacht wird. Kannitverstan ist darum schon zu Lebzeiten Hebels berühmt geworden und, zusammen mit anderen Kalendergeschichten aus dem Rheinländischen Hausfreund, in Schullesebücher aufgenommen worden. Das ist bis heute so geblieben.

Sonstiges[Bearbeiten]

Die Stadt Tuttlingen vergibt als derzeit höchste Auszeichnung das Ehrengeschenk des „Kannitverstan“, dargestellt durch eine Bronzeplastik des Tuttlinger Bildhauers Roland Martin.[1]

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Hebel, Johann Peter: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes. Kritische Gesamtausgabe mit den Kalender-Holzschnitten. Hrsg. von Winfried Theiss. Stuttgart: Reclam 1981. (Universal-Bibliothek 142) ISBN 3-15-000142-0
  • Luzernisches Wochenblatt. Dienstag, den 22sten April 1783, 16tes Stück, Seiten 65-67: Fragment vom Nationalstolze in Sprachen. Auf den Seiten 66-67 befindet sich die Geschichte vom Herrn Kannitverstan, der hier allerdings "Herr Kaniverstan" heißt. Der Protagonist ist ein junger Pariser auf der Reise nach Amsterdam.

Literatur[Bearbeiten]

  • Franz, Kurt: Johann Peter Hebel Kannitverstan. Ein Mißverständnis und seine Folgen. Texte, Kommentar, Abbildungen. München/Wien: Carl Hanser Verlag 1985. (Literatur-Kommentare 23) ISBN 3-446-14303-3
  • Hajek, Siegfried: Kannitverstan – Geschichte eines Literarischen Motivs. In: Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft. Hrsg. von Josef Daum und Werner Schultz. Braunschweig 1973. S. 71-87.
  • Härtl, Heinz: Zur Tradition eines Genres. Die Kalendergeschichte von Grimmelshausen über Hebel bis Brecht. In: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für Literaturwissenschaft. Ästhetik und Kulturtheorie. 24. Jahrgang 1978. S. 58-95.
  • Rohner, Ludwig: Kalendergeschichte und Kalender. Wiesbaden: Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion 1978.
  • Schlaffer, Hannelore (Hrsg.): Johann Peter Hebel: Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes. Ein Werk in seiner Zeit. Mit Bilddokumenten, Quellen, historischem Kommentar und Interpretation. Tübingen: Rainer Wunderlich Verlag Hermann Leins 1980. ISBN 3-8052-0343-8

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Homepage Stadt Tuttlingen

Weblinks[Bearbeiten]