Kapazitätsreserve

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Die Begriffe Kapazitätsreserve, Netzreserve und Sicherheitsbereitschaft beschreiben drei Konzepte aus dem zum 31. Juli 2016 in Kraft getretenen Gesetz zur Weiterentwicklung des Strommarktes (Strommarktgesetz). Häufig werden diese Begriffe in den Medien und gelegentlich auch von offizieller Seite miteinander verwechselt und vermischt.

Netzreserve[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Winter ist der Bedarf an elektrischer Energie in der Regel am höchsten. Im Norden Deutschlands kann aufgrund des Wetters mehr Energie durch Windkraftwerke produziert werden. Gelegentlich reicht das vorhandene Übertragungsnetz nicht aus, um den gesamten produzierbaren Strom vom Norden in den Süden zu transportieren. Dann werden im Norden Windkrafträder abgeschaltet und/oder Kraftwerke heruntergefahren; im Süden werden Kraftwerke hochgefahren ('Redispatching'). Energiekonzerne haben Kraftwerke in Kaltreserve; sie haben jahrelang staatliche Gelder dafür gefordert, dass sie bestimmte Kraftwerke weiter in Kaltreserve halten und sie nicht endgültig stilllegen ("Kapazitätsmarkt"). Die Netzreserve ist im §13d des EnWG geregelt.[1]

Kapazitätsreserve[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kraftwerke in der Kapazitätsreserve dienen dazu, Extremsituationen am Strommarkt auszugleichen. Kann am Strommarkt die Nachfrage unvorhersagbar nicht durch das Angebot gedeckt werden, so sind Kraftwerke aus der Kapazitätsreserve zu aktiveren, um kurzfristig ausreichend Energie zur Verfügung zu stellen. Auch diese Kraftwerke stehen in der Regel still und werden nur bei Bedarf aktiviert. Wichtige Voraussetzung für eine Aufnahme in die Kapazitätsreserve ist eine Anlaufzeit von weniger als 12 Stunden, weshalb die meisten Kohlekraftwerke nicht für die Kapazitätsreserve geeignet sind. Die Kapazitätsreserve dient nicht dem Ausgleich von Lastspitzen, sondern lediglich einem Ausgleich von Angebotsschwankungen.

Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie dient die Reserve dazu, „nicht vorhersehbare und außergewöhnliche Extremsituationen am Markt abzufangen.“[2]

Kraftwerke können sowohl an der Kapazitätsreserve als auch an der Netzreserve teilnehmen.

Sicherheitsbereitschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Zuge der Stilllegung von Kohlekraftwerken sollen die stillgelegten Kraftwerke zunächst in eine sog. Sicherheitsbereitschaft überführt werden. Während dieser Sicherheitsbereitschaft sind die Kraftwerke vorläufig stillgelegt und können nur in Extremsituationen wieder aktiviert werden. Nach 4 Jahren ist die Sicherheitsbereitschaft beendet und das Kraftwerk wird endgültig stillgelegt. Die folgenden acht Kraftwerksblöcke sollen zunächst in die Sicherheitsbereitschaft überführt werden:

Sie stellen einen Anteil von 13 % an der installierten Braunkohleleistung.

Die Kraftwerke sollen während der Sicherheitsbereitschaft weiterhin durch den Stromkunden über die Netzentgelte finanziert werden, zunächst mit insgesamt 1,6 Milliarden Euro.

Kraftwerke in der Sicherheitsbereitschaft dürfen nur aktiviert werden, wenn alle anderen Maßnahmen (Netzreserve, Kapazitätsreserve) fehlschlagen.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Sicht der Stadtwerke stellt die weitere Finanzierung der stillgelegten Braunkohlekraftwerke durch den Stromkunden eine massive Wettbewerbsverzerrung dar. Zudem können Braunkohlekraftwerke nur mit einer langen Vorlaufzeit angefahren werden um Grundlast bereitzustellen, weshalb sie nicht flexibel an die schwankende Stromnachfrage angepasst werden können.[3]

Die Sicherheitsbereitschaft wurde nach Druck durch die betroffenen Konzerne, die Gewerkschaften IG Bergbau, Chemie, Energie und Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) beschlossen. Die Europäische Kommission leitete aufgrund eines möglichen Verstoßes gegen das europäische Beihilferecht ein Verfahren (Artikel 108 Absatz 2 AEUV) gegen Deutschland ein.[4] Aufgrund der von Deutschland gemachten Verpflichtungszusagen zur Ausräumung von Bedenken, kommt die Europäische Kommission zu dem Schluss, dass die Beihilferegeln mit dem europäischen Beihilferecht vereinbar sind.[5] Ursprünglich sollte ein Nationaler Klimaschutzbeitrag eingeführt werden und Braunkohlekraftwerke, aufgrund der Tatsache, dass sie besonders viel CO2 emittieren, eine Abgabe für die Stromproduktion zugunsten von effizienteren Gaskraftwerken zahlen.[6]

Im Juli 2014 lehnte Sigmar Gabriel das Konzept einer Vergütung für stillstehende Kraftwerke noch ab („Was der Kapazitätsmarkt nicht werden kann, ist so was wie Hartz IV für Kraftwerke: Nicht arbeiten, aber Geld verdienen“).[7][8]

Externe Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Volltext
  2. BMWI, Strommarkt 2.0 - Ein Strommarkt für die Energiewende
  3. FAZ.net 14. September 2015: Zweifelhafte Hilfen
  4. ABl. L153 vom 15.6.2018, S. 143, Abschnitt 1 Abs. 1
  5. ABl. L153 vom 15.6.2018, S. 143, Art. 1
  6. sueddeutsche.de, Ärger an der Tagebaukante, 4. November 2015
  7. Handelsblatt.com, Ökostrom: Der Traum vom „Hartz-IV“ für Kraftwerke, 28. Juli 2014
  8. Frankfurter Allgemeine Zeitung, Hartz IV vom Minister, 25. November 2015