Kapillarität

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Kapillarfluss-Experiment zur Untersuchung von kapillarem Fluss und Phänomenen auf der Internationalen Raumstation.

Kapillarität oder Kapillareffekt (lat. capillaris, das Haar betreffend) ist das Verhalten von Flüssigkeiten, das sie bei Kontakt mit Kapillaren, z. B. engen Röhren, Spalten oder Hohlräumen, in Feststoffen zeigen.

Beispiel: Taucht man ein Glasröhrchen senkrecht in Wasser, steigt das Wasser in der engen Glasröhre ein Stück gegen die Gravitationskraft nach oben.

Diese Effekte werden durch die Oberflächenspannung von Flüssigkeiten selbst und der Grenzflächenspannung zwischen Flüssigkeiten und der festen Oberfläche (im Beispiel: des Glases) hervorgerufen.

Effekte[Bearbeiten]

Kapillareffekte in Wasser (links) und Quecksilber.

Die Kapillaraszension tritt bei Flüssigkeiten auf, die das Material des Kapillargefäßes benetzen, wie beispielsweise Wasser auf Glas. Das Wasser steigt in einem Glasröhrchen auf und bildet eine konkave Oberfläche (Meniskus). Dieses Verhalten ist auf die Adhäsionskraft (Kraft, die zwischen zwei Stoffen wirkt) zurückzuführen.

Die Kapillardepression tritt auf, wenn die Flüssigkeit das Material der Gefäßoberfläche nicht benetzt. Beispiele dafür sind Quecksilber auf Glas oder Wasser auf Glas mit eingefetteter Oberfläche. Solche Flüssigkeiten haben in einem Röhrchen einen niedrigeren Pegel als in der Umgebung und eine konvexe Oberfläche.

Je kleiner der Durchmesser, desto größer sind der Kapillardruck und die Steighöhe. In einer Kapillare von 2 µm Durchmesser (1 µm Radius) betragen, entsprechend der Formel unten, die Steighöhe von benetzendem Wasser 14 Meter und der Kapillardruck 1,4 bar.

Die Flüssigkeit steigt aufgrund von Adhäsionskräften an die Wand des Röhrchens und somit lediglich bis zu dessen Ende, selbst wenn die Kapillarität eine größere Steighöhe erlaubte.

Formel[Bearbeiten]

Messung des Kontaktwinkel θ

Die Steighöhe h einer Flüssigkeitssäule ist gegeben durch:

h={{2\sigma\cos{\theta}}\over{\rho g r}}

Dabei ist:

\sigma = Oberflächenspannung
θ = Kontaktwinkel
ρ = Dichte der Flüssigkeit
g = Schwerebeschleunigung
r = Radius der Röhre

Für eine wassergefüllte Glasröhre, die gegen die Luft auf Meereshöhe (1.013,25 hPa) offen ist, ist:

\sigma = 0,0728 J/m² bei 20 °C
θ = 20° = 0,35 rad
ρ = 1000 kg/m³
g = 9,8 m/s²

so ergibt sich für die Steighöhe:

h\approx \frac{1{,}4 \cdot 10^{-5} \mathrm{m}^{2}}{r}
Beispielwerte gemäß der obigen Werte für eine Glaskapillare
Kapillarenradius Steighöhe
1 m 0,014 mm
10 cm 0,14 mm
1 cm 1,4 mm
1 mm 14 mm
0,1 mm 14 cm
0,01 mm 1,4 m

Die Washburn-Gleichung beschreibt kapillare Strömungen in porösen Materialien ohne Berücksichtigung der Gravitation.

Molekulare Betrachtung[Bearbeiten]

Grundsätzlich beruht der Effekt der Kapillarität auf den Molekularkräften, die innerhalb eines Stoffes (Kohäsionskräfte) und an der Grenzfläche zwischen einer Flüssigkeit, einem festen Körper (Gefäßwand) und einem Gas (z. B. Luft) auftreten (Adhäsionskräfte). Häufig hat der Kapillareffekt auch die Bedeutung von Oberflächenspannung.

Im Innern eines Körpers heben sich die auf ein bestimmtes Molekül wirkenden Kräfte aus seiner Umgebung gegenseitig auf. An den Rändern jedoch ergibt sich eine resultierende Kraft, die in Abhängigkeit vom jeweiligen Material entweder in die Flüssigkeit hinein oder aus ihr heraus gerichtet ist. Ist die Wirkung der Gefäßwandung gegenüber den Kohäsionskräften in der Flüssigkeit klein, dann zeigt die resultierende Kraft ins Innere der Flüssigkeit. Deren Oberfläche ist an der Kontaktstelle zur Wand nach unten gekrümmt und benetzt die Gefäßwand nicht (z. B. Quecksilber im Glasgefäß). Ist jedoch die Wirkung der Gefäßwandung gegenüber den Kohäsionskräften in der Flüssigkeit groß, dann zeigt die resultierende Kraft in die Gefäßwandung hinein, und die Flüssigkeit ist am Rande nach oben gebogen. Die Flüssigkeit benetzt die Wandung (z. B. Wasser oder Petroleum im Glasgefäß).

Praktische Anwendungen[Bearbeiten]

Füller: Ein Beispiel für eine Anwendung ist der Füller oder Füllfederhalter, bzw. seine Schreibfeder. Sie besitzt in der Regel auf halber Länge ein kleines, rundes Loch, in dem sich die Tinte sammelt, um von dort durch die Kapillarwirkung durch einen sehr feinen Schlitz an die Spitze transportiert zu werden.

Füllfederhalter

Papier: Es ist nicht möglich, auf einer nichtbenetzenden Oberfläche mit flüssiger Tinte zu schreiben. Daher ist das Schreiben mit einem Füller auf Glas kaum möglich, da die Tinte die Glasoberfläche nicht benetzt und somit nicht an ihr haftet. Auf benetzenden Medien, wie beispielsweise Papier, kann die Tinte haften. Papier saugt ebenfalls mittels Kapillareffekt die Tinte auf, es ist sogar möglich, über Kopf zu schreiben.

Pflanzen: In Bäumen und anderen Pflanzen wird das Wasser von den Wurzeln aufgenommen und dann bis in die Krone transportiert, wo es aus den Spaltöffnungen der Blätter (oder Nadeln) verdunstet oder für die Photosynthese benötigt wird. Beim Transport gegen die Schwerkraft wirkt die Verdunstung im oberen Bereich der Pflanze als Sog (Transpirationssog), Kohäsionskräfte des Wassers in der Pflanze verhindern ein Abreißen des Flüssigkeitsstroms, und der Kapillareffekt begünstigt mit dem osmotischen Effekt (Wurzeldruck) den Aufstieg [1]. Nach neuen Erkenntnissen können Bäume maximal 130 Meter hoch werden, da dann der osmotische Druck zusammen mit den Kapillarkräften nicht mehr ausreicht, die Schwerkraft zu überwinden [2].

Chemie: In der Papierchromatographie nutzt man den Kapillareffekt, indem eine Lösung auf ein Spezialpapier getropft wird und an diesem aufsteigt, wobei Bestandteile der Lösung mitgetragen werden. Aufgrund der unterschiedlichen Laufweite können die Stoffe getrennt werden.

Medizin: Um kleine Mengen Blut abzuzapfen, kann man einen kleinen Einstich in die Gefäße an den Fingern oder am Ohrläppchen vornehmen und an das austretende Blut ein dünnes Sammelröhrchen halten, in dem das Blut aufgrund des Kapillareffektes aufsteigt und somit gesammelt werden kann.

Textilien: Eine ähnliche Saugwirkung wie beim Papier lässt sich auch bei Putzlappen bzw. Stoffen beobachten. Das Gleiche gilt auch für Schwämme. Für Papier, Putzlappen und Schwämme gilt dabei: Je größer die innere Oberfläche (pro Volumen), desto größer auch die Saugwirkung.

Lötkegel

Löten: Auch beim Löten tritt der Effekt auf: Das flüssige Lot fließt durch die Kapillarwirkung beispielsweise in den Spalt von Kupferrohrfittings. Zum Entlöten von elektronischen Bauelementen von Leiterplatten wird häufig ein Drahtgeflecht, die Entlötlitze, verwendet.

An der Form des Lötkegels wird die Qualität des Lötergebnisses unmittelbar erkennbar. Sollte dieser nicht konkav und auf der Platine flach auslaufend sein, handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine kalte Lötstelle. Wegen der Kapillarität sind auch Lötungen „über Kopf“ möglich.

Kapillarer Fluss in einem Backstein, mit einer Sorptivität von 5,0 mm min-1/2 und einer Porosität 0,25.

Bauwesen: An Häusern und Bauwerken ohne geeignete Schutzmaßnahmen ist im Mauerwerk oft der – hier jedoch unerwünschte – Kapillar-Effekt zu beobachten, weil die verwendeten Baumaterialien je nach Porengehalt in unterschiedlichem Maße Feuchtigkeit entgegen der Schwerkraft (zumeist aus dem Erdreich bei direktem Bodenkontakt) aufsteigen lassen. Die Wärmeleitfähigkeit des Baumaterials nimmt mit zunehmender Feuchtigkeitsaufnahme zu, so dass der Wärmeverlust des Gebäudes größer wird. Eine große Saugfähigkeit ist beispielsweise in Mauern aus Ziegelsteinen (leichtgebrannt), Porenbeton (sog. „Gasbeton“) und Kalksandsteinen gegeben, eine deutlich geringere Kapillarwirkung ist bei hartgebrannten Ziegelsteinen (Klinker) und Beton zu beobachten. Um den Kapillarstrom in Gebäuden zu unterbrechen, werden im Fundamentbereich wasserdichte Trennschichten, z. B. eine Bitumenbahn, eingebaut.

Önologie: In der Önologie werden zum Messen des Ethanolgehalts von Weinen Vinometer verwendet, die auf der vom Ethanolgehalt abhängigen Kapillarität des Weins basieren.

Literatur und Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. proholz.at
  2. George W. Koch, Stephen C. Sillett, Gregory M. Jennings, Stephen D. Davis: The limits to tree height. Nature 428, 2004, S. 851–854, doi:10.1038/nature02417