Karina Urbach

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Karina Urbach (* 1968 in Düsseldorf) ist eine deutsche Historikerin und Autorin. Urbachs Spezialgebiet sind deutsche und britische kulturelle und politische Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert, die Geschichte der internationalen Beziehungen und der Geheimdienstgeschichte.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Urbach wurde 1968 in Düsseldorf geboren und wuchs zunächst im Stadtteil Gerresheim auf. Ihre Mutter war die Filmschauspielerin Wera Frydtberg (1926–2008), ihr Vater war Otto R. Urbach (1913–1976), ein Wiener Jude, der 1935 als Student in die USA reiste[1] und nach dem Zweiten Weltkrieg als Nachrichtenoffizier für das Counter Intelligence Corps (CIC) nach Deutschland zurückkehrte. Später lebte Otto Urbach in Düsseldorf. Seine Tarnlegende war Ingenieur bei dem US-Technologiekonzern „Minnesota Mining & Manufacturing Company GmbH“ (später 3M) in Neuss, während er für die US-Geheimdienste arbeitete – er konnte SS-Netzwerke enttarnen, die nach dem Weltkrieg fortbestanden.[2] Nach dem Tod des Vaters zogen Urbach und ihre Mutter nach München, wo sie bis 1992 Geschichte, Politikwissenschaften und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München studierte. 1994 war sie als Kurt-Hahn-Stipendiatin in Cambridge.[3] Dort promovierte sie im Jahr 1996. Anschließend arbeitete sie als wissenschaftliche Assistentin an der Universität Bayreuth und am Deutschen Historischen Institut London.[3] Ihre Habilitation erfolgte im Jahr 2009. Seit diesem Jahr ist sie Senior Research Fellow am Institute for Historical Research der Universität London und seit 2015 Longterm Visitor am Institute for Advanced Study in Princeton (New Jersey). Sie ist mit einem britischen Historiker (Spezialgebiet: Russland) verheiratet und Mutter eines Sohnes.[4]

Aufsehen erregte 2015 ihre Studie Go-Betweens for Hitler (dt. Hitlers heimliche Helfer. Der Adel im Dienst der Macht) über die deutschen – und britischen – Adligen in der Zeit des Nationalsozialismus, die Adolf Hitler als geheime Verbindungsleute nutzte, um bei der europäischen Elite hinter den Kulissen für ihn zu werben und Verhandlungen zu führen. Zum Beispiel Carl Eduard, Herzog von Coburg, der ein Enkel Königin Victorias und Mitglied der Sturmabteilung (SA) war. Oder Stéphanie zu Hohenlohe, die vor dem Münchner Abkommen in Hitlers Namen direkte Verhandlungen mit dem britischen Außenminister Lord Halifax führte. Sie beleuchtete die Verbindungen Edwards VIII. zu Hitler und seine Pläne für eine Allianz gegen die Sowjetunion.[5] Im gleichen Jahr beriet sie die britische Tageszeitung The Sun, als diese Familienfilmaufnahmen von 1933 oder 1934 veröffentlichte, auf denen die damals siebenjährige spätere Königin Elisabeth II. zu sehen war, wie sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Onkel, dem späteren König Edward VIII., den Hitlergruß zeigt – Urbach wertete es als eine politische Geste.[6][7] Die kurze Filmsequenz ist ein seltener Hinweis darauf, wie rechts die königliche Familie gestanden habe. Gerade die Rolle von König Georg VI. und seiner Frau, der Eltern von Elisabeth, gilt als noch umstritten, haben sie sich doch erst gegen Hitler gestellt, als 1939 der Krieg ausbrach. Der Verdacht, die Royals versuchten ganz bewusst, jede Verbindung des britischen Königshauses zum NS-Regime zu verschleiern, indem sie Dokumente zurückhalten, brachte damals Historiker dazu, eine Öffnung der königlichen Archive zu fordern, die umfangreiche Briefwechsel zwischen Mitgliedern der königlichen Familie und NSDAP-Politikern sowie deutschen Aristokraten enthalten. Seitdem engagiert Urbach sich für eine Öffnung der Archive der britischen Königsfamilie.[8][9]

Urbach wird auch als Expertin herangezogen, wenn die Royals sich bei Hochzeiten und Ähnlichem medienwirksam inszenieren, und war an BBC-Dokumentationen über das Viktorianische Zeitalter beteiligt.[10][11][12] Sie veröffentlicht Rezensionen im Wall Street Journal[13], dem Guardian, der Literary Review[14], der ZEIT[15], der FAZ[16] und der TAZ[17].

Unter dem Pseudonym Hannah Coler veröffentlichte sie 2017 den Roman Cambridge 5 – Zeit der Verräter, in dem sie die Geschehnisse um den gleichnamigen Spionagering literarisch verarbeitete. Mit dem Buch war Urbach in der Kategorie „Debüt Kriminalroman“ für den Friedrich-Glauser-Preis 2018 und den Viktor Crime Award nominiert[18][19] und erhielt dafür den Crime Cologne Award 2018.[20][21][22][23] Urbach wurde mit dem Bayerischen Habilitationsförderpreis ausgezeichnet[3] und ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Otto-von-Bismarck-Stiftung.[24]

Urbach veröffentlichte 2020 eine Untersuchung zu ihrer Großmutter Alice Urbach[25], deren Kochbuch[26] nach dem Anschluss Österreichs arisiert und unter dem Autorennamen „Rudolf Rösch“ verlegt wurde.[27] In DER ZEIT beschrieb Urbach weitere Fälle in denen deutsche Verlage erfolgreiche jüdische Sachbücher arisierten und NSDAP Mitgliedern zu deren neuen Autoren machten.[28][29]

Privates[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karina Urbach ist verheiratet mit dem Historiker Jonathan Haslam, das Ehepaar hat einen Sohn. Sie bezeichnet ihre Mutter Wera Frydtberg, ihren Gatten und den Sohn Timothy in Anlehnung an Thomas Bernhard als ihre Lebensmenschen.[30]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bismarck’s Favourite Englishman. Lord Odo Russell’s Mission to Berlin. Tauris, London / New York, 2000, ISBN 978-1-86064-438-2.
  • European Aristocracies and the Radical Right in the Interwar Period (Hrsg.). Oxford University Press 2007, ISBN 978-0-19-923173-7.
  • Royal Kinship. British and German Family Networks 1815–1914 (Hrsg.). Saur, München 2008, ISBN 978-3-598-23003-5.
  • mit Brendan Simms (Hrsg.): Die Rückkehr der „grossen Männer“: Staatsmänner im Krieg: ein deutsch-britischer Vergleich = Bringing Personality back in: Leadership and War. A British-German Comparison 1740–1945. (= Prinz-Albert-Studien (Berlin, Germany); 28). de Gruyter, Berlin u. a., 2010, ISBN 3-110-23294-4.
  • mit Jonathan Haslam (Hrsg.): Secret Intelligence in the European States System, 1918–1989. Stanford University Press, Stanford (Kalifornien), 2013, ISBN 978-0-8047-8359-0.
  • Go Betweens for Hitler. Oxford University Press 2015, ISBN 978-0-19-870366-2.
    • Deutsche Ausgabe: Hitlers heimliche Helfer. Der Adel im Dienst der Macht. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2016, ISBN 3-8062-3383-7.
  • mit Ulrich Lappenküper (Hrsg.): Realpolitik für Europa: Bismarcks Weg. Schöningh, Paderborn, 2016. ISBN 978-3-506-78526-8
  • Queen Victoria: Die unbeugsame Königin. Eine Biografie. C.H. Beck, München 2011, erweiterte Aufl. 2018, ISBN 978-3-406-72753-5.
  • mit Franz Bosbach, John Davis (Hrsg.): Common Heritage, Documents and Sources concerning German-British Relations in the Archives and Collections of Windsor and Coburg. Band I. Duncker & Humblot, Berlin, 2015, ISBN 978-3-428-14416-7. Band II: Duncker & Humblot, Berlin, 2018, ISBN 978-3-428-15190-5.
  • als Hannah Coler: Cambridge 5 – Zeit der Verräter. Limes, München, 2017, ISBN 978-3-8090-2682-2.
  • Das Buch Alice. Wie die Nazis das Kochbuch meiner Großmutter raubten. Propyläen, Berlin 2020, ISBN 978-3-549-10008-0.
  • Englische Ausgabe: Alice’s Book: How the Nazis stole my grandmother’s cookbook, London 2022, ISBN 978-1529416305 [1] [2]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Im Buchtalk: Historikerin Karina Urbach im Interview zu CAMBRIDGE 5, 1. Mai 2019
  2. Interview auf Bayern 2
  3. a b c Karina Urbach. Institute for Advanced Study (IAS), abgerufen am 9. Januar 2019 (englisch).
  4. Schlüssel zum Nichts, Porträt in der Rheinischen Post
  5. Neues Buch: Hitlers heimliche Helfer waren adelig. In: welt.de. 15. September 2016, abgerufen am 7. Oktober 2018.
  6. Go-Betweens for Hitler - Karina Urbach, Youtube-Kanal vom Institute for Advanced Study, 25. Januar 2016
  7. Queen 'Nazi salute' footage could have been inadvertently released by Palace
  8. Die Windsors und der Hitlergruß - „Das ist eine politische Geste“
  9. Royals told: open archives on family ties to Nazi regime
  10. Dr. Karina Urbach. Karina Urbach, abgerufen am 10. Mai 2021 (englisch, Homepage, CV).
  11. Archivierte Kopie (Memento vom 3. Oktober 2018 im Internet Archive)
  12. Hype um royale Hochzeiten hat ein Deutscher erfunden
  13. Karina Urbach. In: Wall Street Journal. 25. September 2015, ISSN 0099-9660 (wsj.com [abgerufen am 10. Mai 2021]).
  14. Literary Review - For People Who Devour Books. Abgerufen am 10. Mai 2021 (englisch).
  15. Redaktionsprofil von Karina Urbach. In: Die Zeit. Abgerufen am 10. Mai 2021.
  16. Karina Urbach: Herzog von Edinburgh: Der letzte der idealen Gatten. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 10. Mai 2021]).
  17. Karina Urbach: Tagebücher von Chips Channon: Blick in den Abgrund. In: Die Tageszeitung: taz. 11. April 2021, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 10. Mai 2021]).
  18. Krimipreise der Autoren. Syndikat – Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur, 2018, archiviert vom Original am 10. Mai 2018; abgerufen am 2. Oktober 2018 (siehe „Preisträger und Nominierte in der Sparte "Debüt-Kriminalroman"“).
  19. Viktor Crime Award 2018: Jury nominiert 10 AutorInnen für die Longlist - Mord am Hellweg - Europas größtes internationales Krimifestival. Archiviert vom Original am 13. Oktober 2018; abgerufen am 9. Januar 2019.
  20. Crime Cologne Award 2018 / Hannah Coler gewinnt mit "Cambridge 5". Abgerufen am 9. Januar 2019.
  21. Hannah Naumann: Hannah Coler gewinnt Crime Cologne Award 2018. In: Crime Cologne. 5. Oktober 2018, abgerufen am 9. Januar 2019 (deutsch).
  22. Karina Urbach Wins Crime Cologne Award 2018. Abgerufen am 9. Januar 2019 (englisch).
  23. "Crime Cologne Award 2018" geht an Hannah Coler. In: BuchMarkt. 1. Oktober 2018, abgerufen am 9. Januar 2019.
  24. Gremien der Otto-von-Bismarck-Stiftung
  25. Das Buch Alice: Der geraubte Bestseller auf taz.de, abgerufen am 10. Oktober 2020.
  26. Alice Urbach: So kocht man in Wien! Ein Koch- und Haushaltungsbuch der gut bürgerlichen Küche. Wien : Zentralgesellschaft für Buchgewerbliche und Graphische Betriebe; München: Reinhardt in Kommission, 1936
  27. Rudolf Rösch: So kocht man in Wien! : Ein Koch- und Haushaltungsbuch der gut bürgerlichen Küche. 2. Aufl. München : Reinhardt, 1939. 6. Auflage, 1953, Neuausgabe 1966
    Julia Schönig-Winters: „Arisierung“ eines Kochbuchs – Karina Urbach. (mp3-Audio; 20,8 MB; 22:31 Minuten) In: WDR-5-Sendung „Redezeit“. 30. Oktober 2020, abgerufen am 30. Oktober 2020.https://www.spiegel.de/geschichte/alice-urbach-wie-nazis-einer-juedin-ihren-kochbuch-bestseller-raubten-a-3c9d3c5f-443f-4a9e-97f2-0832c8d8ba8d
  28. „Arisierung“ in Wien: Wie die Nazis ein Kochbuch stahlen. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 10. Mai 2021]).
  29. Redaktionsprofil von Karina Urbach. In: Die Zeit. Abgerufen am 10. Mai 2021.
  30. Karina Urbach, Hitlers heimliche Helfer, S. 430.