Karl-Marx-Hof

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Mitteltrakt des Karl-Marx-Hofes, Fahnentürme

Der Karl-Marx-Hof ist einer der bekanntesten Gemeindebauten Wiens und liegt im 19. Bezirk, Döbling. Er wird im Westen von der Heiligenstädter Straße begrenzt, im Norden von der Grinzinger Straße, im Osten von der Boschstraße und im Süden von der Geistingergasse. Die Halteraugasse, die Josef-Hindels-Gasse und die Felix-Braun-Gasse durchqueren die Anlage, der 12.-Februar-Platz (der die Mooslackengasse unterbricht) liegt in ihrem Zentrum. Das Gebäude gilt als Ikone des «Roten Wien».

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gelände vor dem Heiligenstädter Bahnhof im Jahr 1899, − dreißig Jahre vor der Errichtung des Karl-Marx-Hofes.

Der Karl-Marx-Hof wurde auf einem Gelände errichtet, das bis ins 12. Jahrhundert ein schiffbarer Donauarm gewesen war. 1750 waren davon nur mehr einige Tümpel erhalten, die unter Kaiser Joseph II. zugeschüttet wurden. In der Folgezeit wurden auf dem Gelände Gärtnereien betrieben. Mitte der 1920er Jahre begann die Absiedlung der Gärtnereien, da das sozialdemokratische Wohnbauprogramm die Errichtung der drittgrößten Wohnhausanlage Wiens in der Ersten Republik vorgesehen hatte.

Mit ihrer Wohnungsbaupolitik wollte die 1919 bis 1934 in Wien regierende Sozialdemokratie der allgemeinen Wohnungsnot ein Ende machen. Eine 1917 durchgeführte Wohnungszählung hatte ergeben, dass 92 % aller damals bestehenden Wohnungen über kein eigenes WC verfügten und 95 % aller Wohnungen ohne Wasserleitung waren. Arbeiterwohnungen in Wien hatten eine durchschnittliche Fläche von 20 m², entsprechend hatten 58 % der Menschen in Arbeiterfamilien kein eigenes Bett (Schlafgänger). Auch in der Umgebung war es eng, denn die Grundverbauung lag bei 85 %, bei 4- bis 5-geschoßiger Bauweise. Dabei durfte sich glücklich schätzen, wer nicht in einem der vielen «Gangküchenhäuser» leben musste, wo es weder Fenster noch eine direkte Belüftung gab.[1]

Von 1927 bis 1933 vom Otto-Wagner-Schüler und Stadtbaumeister Karl Ehn auf preisgünstigem[2] Land entlang der Franz-Josefs-Bahn errichtet und am 12. Oktober 1930 offiziell eröffnet, fasste der Bau 1382 Wohnungen für rund 5.000 Bewohner.[3] Alle Wohnungen verfügten zum Zeitpunkt der Errichtung über ein eigenes WC und eine Wasserentnahmestelle/Waschmöglichkeit im WC-Vorraum bzw. in der Küche, jedoch noch nicht über ein Badezimmer.

Über einen Ehrenhof und mächtige Torbögen (16 m)[1] betritt man diese Stadt in der Stadt. Nur 23 Prozent[1] des über 150.000 Quadratmeter großen und 1.000 Meter langen Areals wurden für die Bauwerke benötigt, der Rest wird als Spiel- und Gartenfläche genutzt. Der Bau enthält zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen wie Wäschereien, Bäder, Kindergärten, eine Bibliothek (heute ein Senioren-Treffpunkt[4]), Arztpraxen und Geschäftslokale. Der Karl-Marx-Hof ist vier Straßenbahnhaltestellen (ungefähr 1.100 m) lang und ist damit der längste zusammenhängende Wohnbau der Welt. Benannt wurde der Gemeindebau nach dem Philosophen, Ökonomen und Kapitalismuskritiker Karl Marx.

Errichtungstafel im Hof 3.

Im Ehrenhof steht die Bronzefigur Sämann von Otto Hofner (1879–1946) aus dem Jahr 1929. Josef Franz Riedl (1884–1965) schuf 1930 die Keramikfiguren über den Rundbögen, Aufklärung, Befreiung, Kinderfürsorge, Körperkultur, und zwei Blumenvasen.

Bekannt wurde der Karl-Marx-Hof während der Februarkämpfe 1934, die sich gegen die Diktaturregierung Engelbert Dollfuß' richteten, die wenig später den von Kritikern als „Austrofaschismus“ bezeichneten Ständestaat proklamierte. Aufständische Arbeiter und Mitglieder des Republikanischen Schutzbundes (darunter Emil Swoboda) verschanzten sich im Karl-Marx-Hof und gaben erst nach Artilleriebeschuss durch das Bundesheer und die Heimwehr auf. Allerdings wurde vom Heer bewusst nur nicht-explosive Übungsmunition verwendet, woraus sich auch die relativ geringen Beschädigungen des Gebäudes erklären sowie die Tatsache, dass es durch den Artilleriebeschuss keine Todesopfer gab.[5]

Generell gab es in Döbling im Zuge des Februaraufstands 19 Tote, von denen jedoch kein einziger im Karl-Marx-Hof ums Leben kam.[6] Als Kommandant einer Kompanie des Freiwilligen Schutzkorps war der spätere Widerstandskämpfer gegen die NS-Diktatur Karl Biedermann führend an der Eroberung des Gebäudes beteiligt.

Gedenktafel „Kündigungsgrund Nichtarier“[7]

Von 1934 bis 18. März 1935 hieß der Karl-Marx-Hof nach dem Eroberer der Anlage während der Februarkämpfe Karl Biedermann Biedermannhof. Danach wurde er in Heiligenstädter Hof umbenannt. Nach dem „Anschluss“ an das Deutsche Reich wurden 1938/1939 66 Familien vom NS-Regime aus dem Karl Marx-Hof vertrieben. Davon kamen mindestens 29 ehemalige Bewohner im Holocaust um. Erst 2003 wurde zum Gedenken an sie eine Tafel im Karl-Marx-Hof angebracht (siehe Abb.).

Nach dem Krieg erhielt der Hof 1953 seinen ursprünglichen Namen zurück. Die schweren Bombenschäden wurden in den 1950er Jahren behoben. In den 1980er Jahren wurde der Karl-Marx-Hof generalsaniert.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 23. Oktober 1959 brachte die Österreichische Post zu diesem Motiv eine Dauermarke der Briefmarkenserie Österreichische Baudenkmäler im Wert von 50 Groschen heraus.

Am 1. Mai 2010 wurde im Waschsalon Nr. 2, Halteraugasse 7, eine Dauerausstellung zur Geschichte des Roten Wien eingerichtet: Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof.[4]

2019 werden "100 Jahre Wiener Gemeindebau" gefeiert. Für 30. Juni ist ein Jubiläumsfest mit Unterhaltungsprogramm im Karl-Marx-Hof angekündigt. Das Team des Museums im Waschsalon führt durch den Bau, etwa auch in die – sonst verschlossenen – Fahnentürme.[8]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Christoph Jünke: Der Karl_Marx-Hof als Erinnerungsort des "Roten Wien". In: Arbeit – Bewegung – Geschichte. I/2017, S. 117–125.
  • Gerald und Genoveva Kriechbaum (Hrsg.): Karl-Marx-Hof. Versailles der Arbeiter; Wien und seine Höfe. Fotografien von Gerald Zugmann. Holzhausen, Wien 2008, ISBN 978-3-85493-150-8.
  • Inge Podbrecky: Rotes Wien: 5 Routen zu gebauten Experimenten; Von Karl-Marx-Hof bis Werkbundsiedlung. Fotos: Willfried Gredler-Oxenbauer. Falter-Verlag, Wien 2003, ISBN 3-85439-295-8.
  • Fritz Herrmann: Karl-Marx-Hof: Szenen vom Untergang der Sozialdemokratie. Verlag Mont Verità, Wien 2001, ISBN 3-900434-69-7.
  • Susanne Reppé: Der Karl-Marx-Hof: Geschichte eines Gemeindebaus und seiner Bewohner. Picus-Verlag, Wien 1993, ISBN 3-85452-118-9.
  • Erich Bramhas: Der Wiener Gemeindebau: vom Karl-Marx-Hof zum Hundertwasserhaus. Birkhäuser, Basel 1987, ISBN 3-7643-1797-3.
  • Alfred Georg Frei: Rotes Wien. Austromarxismus und Arbeiterkultur. Sozialdemokratische Wohnungs- und Kommunalpolitik 1919–1934. DVK-Verlag, Berlin 1984, ISBN 3-88107-033-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Karl-Marx-Hof – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Wilfried Koch: Baustilkunde - Das Standardwerk zur europäischen Baukunst von der Antike bis zur Gegenwart. 32. Auflage. Prestel, München 2014, ISBN 978-3-7913-4997-8, S. 420 f.
  2. Isabella Ackerl, Harald A. Jahn: Unbekanntes Wien – verborgene Schönheit, schimmernde Pracht. Pichler Verlag, Wien 2010, ISBN 978-3-85431-513-1, S. 160.
  3. Karl-Marx-Hof. In: dasrotewien.at – Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie. SPÖ Wien (Hrsg.)
  4. a b Georg Renöckl: Die rote Festung steht noch – Der Karl-Marx-Hof, der berühmteste Baukomplex des linken Wien, trotzt der Zeit, doch die Utopie ist ihm abhandengekommen. In: Neue Zürcher Zeitung. Zürich 2. Juni 2014, S. 33.
  5. Gudula Walterskirchen: Die blinden Flecken der Geschichte: Österreich 1927-1938. Kremayr & Scheriau, Wien 2017, S. 81 f.
  6. Gudula Walterskirchen: Die blinden Flecken der Geschichte: Österreich 1927-1938. Kremayr & Scheriau, 2017, S. 81.
  7. Enthüllung am 27. November 2003 Rathauskorrespondenz vom 27. November 2003. (Abgerufen am 1. Juni 2010)
  8. Wiener Symphoniker spielten im Gemeindebau orf.at, 19. Mai 2019, abgerufen 20. Mai 2019.

Koordinaten: 48° 14′ 58″ N, 16° 21′ 49,4″ O