Karl Heinrich Bauer

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Heidelberg - Chirurgische Klinik - Karl Heinrich Bauer

Karl Heinrich Bauer (* 26. September 1890 in Schwärzdorf, Oberfranken; † 7. Juli 1978 in Heidelberg) war ein deutscher Chirurg und Hochschullehrer in Breslau und Heidelberg.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Heinrich Bauer besuchte von 1900 bis 1909 das Neue Gymnasium Bamberg. Nach dem Abitur studierte er Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen. 1909 wurde er in der Burschenschaft der Bubenreuther aktiv.[1] Als Inaktiver wechselte er an die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, die Ludwig-Maximilians-Universität München und die Julius-Maximilians-Universität Würzburg, wo er 1914 das Staatsexamen ablegte und 1917 zum Dr. med. promoviert wurde.

Im Ersten Weltkrieg kam Bauer als Truppenarzt zum Einsatz. 1918 ging er an das Pathologische Institut im Universitätsklinikum Freiburg, wo er als Assistent von Ludwig Aschoff tätig war. 1923 habilitierte er sich in Göttingen. Im weiteren Verlauf seiner wissenschaftlichen Karriere widmete er sich hauptsächlich der Krebsforschung. 1928 veröffentlichte er die Mutationstheorie der Geschwulstbildung, die erstmals die Entstehung von Krebserkrankungen erklären sollte.[2] Drei Jahre zuvor (1925) hatte er mit der Abhandlung Rassenhygiene. Ihre biologischen Grundlagen ein populärwissenschaftliches Werk veröffentlicht, das ihm später in der Bundesrepublik den Vorwurf einbrachte, er wäre ein Befürworter der NS-Rassenlehre gewesen. 1932 folgte Bauer dem Ruf der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität, Breslau. Dort war einer seiner Schüler Hans Gummel, der 1972 mit dem Zentralinstitut für Krebsforschung in Berlin-Buch die wichtigste Einrichtung in der Deutschen Demokratischen Republik für die Erforschung und Behandlung von Krebserkrankungen gründete. In Breslau und Heidelberg war Bauer Beratender Chirurg der Wehrmacht.

In der Zeit des Nationalsozialismus hatte Bauer wegen seiner jüdischen Frau immer wieder Schwierigkeiten. 1934 publizierte er in der Fachzeitschrift Der Chirurg einen Beitrag, in dem er „zur Ausmerze von Erbübeln“ eine „Unfruchtbarmachung schwer Erbkranker“ befürwortete.[3] Am 1. Januar 1943 übernahm Bauer die Leitung der Chirurgischen Klinik der Heidelberger Universität und wurde Beirat der neu gegründeten Deutschen Gesellschaft für Konstitutionsforschung.[4] 1944 gehörte er dem wissenschaftlichen Beirat Karl Brandts, des Generalkommissars für das Sanitäts- und Gesundheitswesen, an.[4]

In der Sowjetischen Besatzungszone wurde die von Bauer zusammen mit Felix von Mikulicz-Radecki verfasste Schrift Die Praxis der Sterilisierungs-Operationen (J. A. Barth, Leipzig 1936) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[5]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Einmarsch der Amerikaner wurde die Universität geschlossen. Bauer war zusammen mit Karl Jaspers treibende Kraft der Wiedereröffnung der Universität am 15. August 1945, deren erster Nachkriegsrektor er wurde.[6][7][8] Als Vertreter der Hochschulen war er 1946 Mitglied der Vorläufigen Volksvertretung für Württemberg-Baden.[9] Bereits 1944 an Darmkrebs erkrankt, musste er sich aufgrund der Verschlechterung seines Zustandes 1946 vom Rektorat zurückziehen, um sich mehreren Operationen zu unterziehen, und rechnete ernsthaft mit der Möglichkeit seines baldigen Todes. Er gesundete jedoch und konnte sein Wirken als Chirurg und Chefarzt sowie seine Lehr-, Forschungs- und Organisationstätigkeit wieder aufnehmen. 1949 veröffentlichte er Das Krebsproblem, eine Zusammenfassung der Probleme und Lösungen in der onkologischen Forschung. Er organisierte mehrere große Kongresse, so 1952 und 1958 die Jahrestagungen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, deren Präsident er war und die seit 1981 alle drei Jahre den Karl-Heinrich-Bauer-Preis für Chirurgische Tumorforschung verleiht,[10] sowie die 100. Tagung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte 1958 in Wiesbaden, auf der Karl Jaspers einen Vortrag Der Arzt im technischen Zeitalter hielt.[11] 1957 bis 1958 war er Vorsitzender der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte.

Im Erdgeschoss der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg sowie im Foyer des Kongresszentrums des Deutschen Krebsforschungszentrum befindet sich jeweils eine Büste von Karl Heinrich Bauer.

Besondere Leistungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Heinrich Bauer war nach Abschluss seiner eigentlichen Berufstätigkeit einer der Gründer des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ, 1964) in Heidelberg. Auf seinen Forschungen beruht die moderne Onkologie.[12] Er sorgte für die Modernisierung des deutschen Rettungsdienstes. Die Entwicklung des Klinomobils, eines fahrenden Operationssaales, geht auf ihn zurück. Bauer setzte sich auch vehement für die Gurtpflicht im Auto und für ein allgemeines Tempolimit ein. Er förderte maßgeblich den Aufbau der Schwesternschule der Universität Heidelberg als die erste Akademisierung der Pflege in der Nachkriegszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland.[13][14]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rassenhygiene. Ihre biologischen Grundlagen. Quelle & Meyer, Leipzig 1926 [= Ausgabe 1925]
  • Mutationstheorie der Geschwulstentstehung. Berlin 1928.
  • mit Günther Just, Ernst Hanhart u. a.: Handbuch der Erbbiologie des Menschen. 7 Bände. Julius Springer, Berlin 1939–1940
  • als Hrsg.: Vom neuen Geist der Universität. Dokumente, Reden und Vorträge 1945–1946. Springer, Berlin 1947.
  • Das Krebsproblem. Berlin 1949.
  • Briefwechsel 1945–1968. K. H. Bauer und Karl Jaspers. Hrsg. Renato de Rosa. Springer, Berlin 1983, ISBN 3-540-12102-1.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wilhelm Doerr: Karl Heinrich Bauer in seinen Arbeiten. Heidelberger Jahrbücher 35 (1991), ISSN 0073-1641, S. 113–132.
  • Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 7: Supplement A–K. Winter, Heidelberg 2013, ISBN 978-3-8253-6050-4, S. 49–51.
  • Fritz Linder: Nachruf auf Karl Heinrich Bauer (26.9.1890 – 7.7.1978). Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 1979. Heidelberg 1980, S. 63–65.
  • Eike Wolgast: Karl Heinrich Bauer. Der erste Heidelberger Nachkriegsrektor. Weltbild und Handeln 1945–1946. In: Jürgen C. Heß, Hartmut Lehmann, Volker Sellin (Hg.): Heidelberg 1945. (= Transatlantische historische Studien. 5). Steiner, Stuttgart 1996, ISBN 3-515-06880-5, S. 107–129.
  • Barbara Zimmermann: Karl Heinrich Bauer. Badische Biographien NF 3, 1990, ISSN 0940-2640, S. 23 f.
  • Renato de Rosa: Der Neubeginn der Universität 1945. Karl Heinrich Bauer und Karl Jaspers, in: Wilhelm Doerr u. a. (Hg.): Semper Apertus. Sechshundert Jahre Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg 1386–1986. 6 Bände, Bd. 3, Springer, Berlin 1985, ISBN 3-540-15425-6, S. 544–568.
  • Axel W. Bauer: Bauer, Karl Heinrich. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 154.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ernst Höhne: Die Bubenreuther. Geschichte einer deutschen Burschenschaft. Erlangen 1936, S. 318 f., Nr. 2343.
  2. Wolfgang U. Eckart: Illustrierte Geschichte der Medizin. Von der französischen Revolution bis zur Gegenwart, 1.+2. Ausgabe. Springer, Heidelberg/ Berlin/ New York 2011, zur Mutationstheorie Karl Heinrich Bauer S. 134; Illustrierte Geschichte der Medizin Online Ressource.
  3. Vollständiges Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Zweite, aktualisierte Auflage. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 31.
  4. a b Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Fischer Taschenbuch 2005, S. 31.
  5. Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur
  6. Vgl. K. H. Bauer (Hrsg.): Vom neuen Geist der Universität. Springer, Berlin 1947.
  7. Wolfgang U. Eckart, Volker Sellin, Eike Wolgast: Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2006, hier: Wolfgang U. Eckart: Die Medizinische Fakultät, Kap. 6, hier: Felix Sommer: Chirurgie, ISBN 978-3-540-21442-7, S. 820–821.
  8. Wolfgang Rapp: Erbe, Übergang und Paradigma. In: Wolfgang Eich (Hrsg.): Bipersonalität Psychophysiologie und Anthropologische Medizin. Paul Christian zum 100. Geburtstag. Königshausen & Neumann 2014, ISBN 978-3-8260-4971-2, zu Karl Heinrich Bauer S. 92, 93, 96.
  9. Frank-Roland Kühnel: Landtage, Abgeordnete und Wahlkreise in Baden-Württemberg 1946 bis 2009. Stuttgart 2009, ISBN 978-3-923476-01-5, S. 192.
  10. Vergabekriterien Karl-Heinrich-Bauer-Preis der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie
  11. In: Klinische Wochenschrift. 36, 1958, Heft 22.
  12. Axel W. Bauer: K. H. Bauer. In: Wolfgang U. Eckart, Christoph Gradmann: Ärztelexikon. Von der Antike bis zur Gegenwart. 1. Auflage. C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München 1995.
  13. Christine R. Auer: Antje Grauhan und Wolfgang Rapp (Abt. Paul Christian): Die Erweiterung der bipersonalen hin zu einer tripersonalen Situation stellte uns vor neuartige Herausforderungen. Für Sabine Bartholomeyczik zum Bundesverdienstkreuz 2015. zum Engagement Karl Heinrich Bauer ab S. 15 nahezu durchgehende Belege, Eigenverlag, Heidelberg 2015, ISBN 978-3-00-050734-2.
  14. Heinrich Krebs und Heinrich Schipperges: Heidelberger Chirurgie 1818-1968. Eine Gedenkschrift zum 150jährigen Bestehen der Chirurgischen Universitätsklinik, Springer Berlin, Heidelberg, New York 1968, zu Karl Heinrich Bauer und der „höchst lebendigen Universitäts-Schwesternschule“ S. 103.
  15. Zur Geschichte der Vereinigung Nordwestdeutscher Chirurgen, 125. Tagung, 12.–14. Juni 1980, S. 23.