Karl Lauterbach (Politiker, 1963)

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Karl Lauterbach (2020)

Karl Wilhelm Lauterbach (* 21. Februar 1963 in Düren) ist ein deutscher Politiker, Mediziner und Gesundheitswissenschaftler. Er ist Mitglied der SPD und seit 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Lauterbach wurde 1963 als Sohn eines Arbeiters in Düren geboren und wuchs in Oberzier[1] auf. Nach dem Abitur am Gymnasium am Wirteltor 1982 studierte er Humanmedizin an der RWTH Aachen und an der University of Texas at San Antonio (USA). 1991 wurde er im Rahmen von Studien an der Kernforschungsanlage Jülich und an der University of Arizona in Tucson von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf mit der Dissertation Weiterentwicklung des Parametric Gammascopes auf der Grundlage von experimentellen und klinischen Studien zum Dr. med. promoviert. Von 1989 bis 1992 folgte ein Studium der Gesundheitsökonomie (Health Policy and Management) und Epidemiologie an der Harvard School of Public Health der Harvard University mit Abschluss als Scientiæ Magister (SM). Von 1992 bis 1993 hatte er ein Fellowship der Harvard Medical School inne.[2] Gefördert von der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, erlangte er dort 1995 den Abschluss Scientiæ Doctor (Sc.D.). 2010 erhielt Lauterbach die Approbation als Arzt; diese hatte er nach dem Abschluss seines Medizinstudiums zunächst nicht beantragt.[3]

1998 wurde Lauterbach Direktor des neu gegründeten Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie (IGKE) an der Universität zu Köln; damit war auch seine Berufung als Professor verbunden. Dort ist er aufgrund seines Bundestagsmandats beurlaubt. Von 1999 bis zur Wahl in den Bundestag im September 2005 war Lauterbach Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. 2003 war er Mitglied in der Kommission zur Untersuchung der Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme („Rürup-Kommission“). Seit 2008 ist er Adjunct Professor für Gesundheitspolitik und -management an der Harvard School of Public Health, wo er auch noch regelmäßig unterrichtet.[4] Bis zum Jahr 2003 veröffentlichte Lauterbach 294 Publikationen und zehn Bücher. Zu einer Modellrechnung von ihm zum Verzehr von Margarine merkte damals Vera Zylka-Menhorn im Deutschen Ärzteblatt an, es bliebe „ein ‚ranziger‘ Nachgeschmack“, da sich die Frage stelle „warum Lauterbach sich für ein Consumer-Produkt stark“ mache.[5]

Lauterbach war früher Mitglied der CDU,[6] seit 2001 ist er SPD-Mitglied.[7] Seit 2005 wurde er stets per Direktmandat im Wahlkreis Leverkusen – Köln IV in den Bundestag gewählt (2005 mit 48,6 %, 2009 mit 37,1 %, 2013 mit 41,4 % und 2017 mit 38,5 %). Er war in der 17. Legislaturperiode der Sprecher der Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Bundestagsfraktion, seine Nachfolgerin wurde Hilde Mattheis. Von Ende 2013 bis September 2019[8] war er stellvertretender Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und dort zuständig für die Themen Gesundheit, Bildung und Forschung sowie für Petitionen.[9] Lauterbach war bis 2019 im Bundestag zudem ordentliches Mitglied im Gemeinsamen Ausschuss sowie stellvertretendes Mitglied in den Ausschüssen für Gesundheit, für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung, für Finanzen und für Petitionen.[10] Seit 2019 ist er ordentliches Mitglied im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz sowie Sprecher für Verbraucherschutz in der SPD-Fraktion.

Nina Scheer (l.) und Karl Lauterbach (r.) bei der SPD Regionalkonferenz zur Wahl des SPD-Vorsitzes in Nieder-Olm (2019)

Im Juli 2019 gab er seine Kandidatur als SPD-Vorsitzender im Duo mit seiner Parteikollegin Nina Scheer bekannt.[11][12] In der ersten Mitgliederbefragungsrunde errang das Duo den 4. Platz mit 31.271 Stimmen (14,6 %).[13]

Lauterbach heiratete 1996 die Epidemiologin und Ärztin Angela Spelsberg,[14] mit der er vier Kinder hat. Sie lebten ab 2004 getrennt und ließen sich 2010 scheiden. Aus einer anderen Beziehung hat er ein weiteres Kind.[15]

Während der COVID-19-Pandemie tritt Lauterbach als Experte in Talkshows auf und äußert seine Ansichten zur Pandemie und zu den getroffenen Maßnahmen. Er spricht sich für strenge Kontaktbeschränkungen aus,[16] und gehört zu den scharfen Kritikern schneller Lockerungen.[17] Er warnt vor einer zweiten Welle der Epidemie.[18] Im Mai 2020 erhielt er deswegen zwei Morddrohungen.[19]

Lauterbach tritt für ein totales Verbot von Tabakwerbung ein.[20]

Politische Schwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die wichtigsten von Lauterbach vertretenen Thesen zur Gesundheitspolitik sind:

  • Einführung einer Bürgerversicherung im Gesundheitswesen
  • Bekämpfung von Tendenzen in Richtung einer Zwei-Klassen-Medizin
  • Ausrichtung der medizinischen Versorgung an Evidenz und Kosten-Effektivität
  • Berücksichtigung von distributiven Ergebnissen neben den allokativen Ergebnissen von Gesundheitsprogrammen, d. h. Bekämpfung sozialer Ungleichheit durch Gesundheitspolitik

Neben seinem Schwerpunkt, der Gesundheitspolitik, engagiert sich Lauterbach auch in anderen Politikbereichen, etwa in der Bildungs- oder Sozialpolitik. Er wird dem linken Flügel der SPD zugerechnet und ist ein erklärter Gegner des dreigliedrigen Schulsystems.[21]

Lauterbach hat sich schon in seiner Zeit als Wissenschaftler für seine gesundheitspolitischen Vorstellungen eingesetzt, u. a. als Berater der Gesundheitsministerin Ulla Schmidt.

Am 5. Juni 2013 wurde er in das Kompetenzteam von Peer Steinbrück berufen.[22]

Mitgliedschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Juli 2001 bis Juni 2013 war er Mitglied des Aufsichtsrats der Rhön-Klinikum AG.[23] Er gab den Posten im Juni 2013 im Zusammenhang mit seiner Berufung in das Kompetenzteam von Peer Steinbrück für die Bundestagswahl 2013 ab.[24]

Lauterbach ist seit 2017 Mitglied der überparteilichen Europa-Union Deutschland, die sich für ein föderales Europa und den europäischen Einigungsprozess einsetzt.[25]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Markenzeichen Lauterbachs ist die Fliege, die er des Öfteren anstelle einer Krawatte trägt.[26]

Bei Talkshowauftritten im Jahr 2020 zum Corona-Virus trägt Lauterbach bewusst keine Fliege mehr, da er sich so, nach eigener Aussage, eine höhere Akzeptanz seiner Einschätzungen bei jüngeren Zuschauern verspricht.[27]

Lauterbach unterstützt als Pate das Freiherr-vom-Stein-Gymnasium Leverkusen bei der Aktion Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage.[28]

Veröffentlichungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Lauterbach präsentiert sein Buch Gesund im kranken System (2009)
  • Mit Markus Lindlar: Informationstechnologien im Gesundheitswesen. Telemedizin in Deutschland. Gutachten. Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 1999, ISBN 3-86077-820-X.
  • Mit Markus Lüngen: DRG-Fallpauschalen. Eine Einführung. Anforderungen an die Adaption von Diagnosis-related groups in Deutschland. Gutachten im Auftrag des AOK-Bundesverbandes. Schattauer, Stuttgart 2000, ISBN 3-7945-2076-9.
  • Als Hrsg.: Sozioökonomische Aspekte der Therapie kardiologischer Erkrankungen (Herz: Cardiovascular Diseases. Jg. 25, Nr. 5). Urban und Vogel, München 2000.
  • Mit Markus Lüngen, Karin Wolf-Ostermann: Krankenhausvergleich. Betriebsvergleich nach § 5 Bundespflegesatzverordnung. Schattauer, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-7945-2144-9.
  • Mit Matthias Schrappe: Gesundheitsökonomie, Qualitätsmanagement und evidence based medicine. Eine systematische Einführung. Schattauer, Stuttgart 2001 (2. Auflage 2008, ISBN 3-7945-2287-7).
  • Als Hrsg. mit Markus Lüngen: Ergebnisorientierte Vergütung bei DRG. Qualitätssicherung bei pauschalierender Vergütung stationärer Krankenhausleistungen. Springer, Berlin 2002, ISBN 3-540-42818-6.
  • Mit Timm Volmer: Arzneimitteltherapie – Über-, Unter- und Fehlversorgung. Was leisten „neue Steuerungsinstrumente“? Schattauer, Stuttgart 2002, ISBN 3-7945-2132-3.
  • Mit Markus Lüngen: DRG in deutschen Krankenhäusern. Umsetzung und Auswirkungen. Schattauer, Stuttgart 2003, ISBN 3-7945-2262-1.
  • Mit anderen: Bestandsaufnahme der Rolle von Ambulanzen der Hochschulkliniken in Forschung, Lehre und Versorgung an ausgewählten Standorten (Hochschulambulanzenstudie). Ein Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Sankt Augustin 2003.
  • Mit Stephanie Stock, Helmut Brunner (Hrsg.): Gesundheitsökonomie. Lehrbuch für Mediziner und andere Gesundheitsberufe. Huber, Bern 2006 (2. Auflage 2009, ISBN 3-456-84695-9).
  • Der Zweiklassenstaat. Wie die Privilegierten Deutschland ruinieren. Rowohlt, Berlin 2007, ISBN 3-87134-579-2.
  • Mit Stephanie Stock, Marcus Redaèlli: Wörterbuch Gesundheitsökonomie. Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 3-17-019153-5.
  • Gesund im kranken System. Ein Wegweiser. Rowohlt, Berlin 2009, ISBN 3-87134-625-X.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Karl Lauterbach – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sandra Kinkel: Von Oberzier über Köln ins Brandt-Haus? Karl Lauterbach bewirbt sich um den SPD-Bundesvorsitz. In: Aachener Zeitung. 19. Juli 2019.
  2. Karl Lauterbach, Professor of Health Economics and Epidemiology, University of Cologne; and member, German Bundestag (Memento vom 29. April 2010 im Internet Archive). Harvard University, abgerufen am 22. November 2011.
  3. Personalien. Karl Lauterbach. In: Der Spiegel. Heft 35/2010, S. 152.
  4. Karl Lauterbach – Adjunct Professor of Health Policy and Management. Harvard University, abgerufen am 22. November 2011.
  5. Vera Zylka-Menhorn: Wissenschaftliche Beratung: Nachgeschmack. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 100, Nr. 37, 12. September 2003, Ausgabe A, S. 2329 (aerzteblatt.de).
  6. Ludmilla Hauser, Peter Korn: Karl Lauterbach: „Ich kann in Berlin viel bewegen“. In: RP Online. 11. September 2013.
  7. Karl Lauterbach. In: Prof. Dr. Karl Lauterbach. Abgerufen am 23. Mai 2020 (deutsch).
  8. „Keine glaubwürdige Haltung“. Lauterbach zieht sich aus SPD-Fraktionsspitze zurück. In: Der Tagesspiegel. 6. September 2019, abgerufen am 6. September 2019.
  9. Fraktionsvorstand der SPD-Bundestagsfraktion, abgerufen am 27. November 2016.
  10. Website der Stadt Köln Bundestagswahl 2013, abgerufen am 20. Juni 2014
  11. Neuaufstellung der Sozialdemokraten: Nina Scheer und Karl Lauterbach wollen SPD-Parteichefs werden. In: Spiegel Online. 12. Juli 2019, abgerufen am 12. Juli 2019.
  12. Anja Maier: Karl Lauterbach zum SPD-Vorsitz: „Wir trauen uns das zu“. In: taz, Die Tageszeitung. 14. Juli 2019, abgerufen am 14. Juli 2019.
  13. Wir wählen eine neue Spitze. Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), abgerufen am 29. Oktober 2019.
  14. „Wir müssen uns wehren!“ In: Emma. 1. September 1999.
  15. Stephanie Jungholt: Auch Politiker haben ein Recht auf Liebe und Erotik. In: B.Z. 13. August 2007.
  16. Ulrich Schulte: Karl Lauterbach über Covid-19: „Die Pandemie ist schrecklich“. In: taz, Die Tageszeitung. 25. April 2020, abgerufen am 25. April 2020.
  17. Judith Braun: Corona-Krise: Nach Lockerungen – Experte Lauterbach bei Markus Lanz völlig außer sich: „katastrophal schlecht“. In: Münchner Merkur. 30. April 2020, abgerufen am 28. April 2020.
  18. https://www.focus.de/politik/deutschland/focus-talk-zur-corona-krise-lauterbach-warnt-vor-2-welle-kubicki-sieht-ganz-anderes-problem_id_11983699.html
  19. Entsetzen nach Drohungen gegen Lauterbach und DrostenFAZ vom 27. Mai 2020, abgerufen am 27. Mai 2020
  20. https://www.focus.de/politik/deutschland/gastbeitrag-von-spd-politiker-rauchen-ist-wie-arsen-essen-lauterbach-fordert-komplettes-tabakwerbeverbot_id_11468014.html
  21. Thorsten Stegemann: „Wir schaffen eine Klasse systematischer Verlierer!“ In: Telepolis. 14. Juni 2007 (Interview), abgerufen am 19. September 2019.
  22. Steinbrück holt Lauterbach in sein Kompetenzteam. In: Zeit.de. 5. Juni 2013, abgerufen am 9. Juni 2013.
  23. Klaus Ott: „Karlchen Überall“ und die Putzkräfte. In: sueddeutsche.de. 18. Dezember 2013.
  24. Lauterbach verlässt Rhön-Klinikum-Aufsichtsrat. In: Handelsblatt. 5. Juni 2013.
  25. Andreas Born: Leverkusen: Hauptversammlung der Europa-Union. Website der Stadt Leverkusen. 17. Januar 2018.
  26. Tina Hildebrandt: Karl Lauterbach: Angreifen, nachgeben, fertigmachen. In: Die Zeit. 21. Juni 2013, abgerufen am 17. Juli 2016.
  27. ZDF: Das große Corona-Quiz. Abgerufen am 15. Juni 2020.
  28. Freiherr-vom-Stein Gymnasium. Pate: Prof. Karl Lauterbach (Memento vom 27. November 2016 im Internet Archive). Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, abgerufen am 27. November 2016