Karl Weinhold (Mediävist)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Karl Weinhold, Lithographie von Adolf Dauthage (1860)
Karl Weinhold im Jahre 1899

Karl Gotthelf Jakob Weinhold (* 26. Oktober 1823 in Reichenbach, Niederschlesien; † 15. August 1901 in Berlin) war ein deutscher Philologe. Als Germanist und Mediävist widmete er sich den historischen Grundlagen und der Entwicklung der deutschen Sprache, insbesondere der mittelhochdeutschen Grammatik. Weinhold gilt als Vertreter der Romantischen Anthropologie.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Sohn eines mittellosen Pastors studierte Karl Weinhold ab 1842 Evangelische Theologie und Philologie an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau, wo er Vorlesungen von Theodor Jacobi hörte. 1845 wechselte er an die Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Ein Jahr später promovierte er mit einer ungedruckten Dissertation über die Völuspá an der pietistischen Friedrichs-Universität Halle und habilitierte sich dort 1847 mit der Arbeit Spicilegium formularum quas ex antiquissimis germanorum carminibus congessit.

Als Extraordinarius und Nachfolger von Jacobi kehrte er 1849 nach Breslau zurück.

Fünf Lehrstühle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1850 wurde er ordentlicher Professor an der Universität Krakau. Dem großen Brand der Stadt fielen etliche Unterlagen, darunter die „erste Sagensammlung“, zum Opfer. Nachdem er den Ruf der Universität Wien aus konfessionellen Gründen abgelehnt hatte, wechselte er schon 1851 von Krakau auf den Lehrstuhl der Universität Graz. In dieser Zeit beschäftigte er sich mit der von Grimm vorgeschlagenen historisch motivierten Orthographienorm. 1851 erschien auch sein Buch Geschichte der deutschen Frauen in dem Mittelalter. Ähnlich wie Richard Wossidlo in Mecklenburg sorgte Weinhold in Schlesien und Mitteldeutschland für die Etablierung der Volkskunde.

Aus Österreich-Ungarn wechselte er 1861 ins Herzogtum Holstein. Von der Christian-Albrechts-Universität Kiel berufen, begründete er das erste germanistische Seminar. Zur Zeit des Deutsch-Französischen Krieges und der Deutschen Reichsgründung (1870/71 und 1871/72) war er Rektor der CAU.[1]

Nach 15 Jahren kehrte Weinhold als Nachfolger von Heinrich Rückert nach Breslau zurück. Auch dort konnte er ein erstes germanistisches Seminar etablieren. 1879/80 war er wiederum Rektor.[1]

1889 – 44 Jahre nach seiner Studentenzeit in Berlin – ging Weinhold schließlich nach Berlin. Im geistigen Zentrum des Deutschen Kaiserreichs war er 1893/94 zum dritten Male Rektor.[1] Als 1896 Frauen in Preußen die Erlaubnis erhielten, an Universitäten als Gasthörerinnen Vorlesungen zu besuchen (siehe Frauenstudium im deutschen Sprachraum), gehörte Weinhold zu jenen Professoren, die von ihrem Recht Gebrauch machten, Frauen auszuschließen. So verweigerte er Helene Stöcker, bei ihm die Vorlesungen zu hören.[2]

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als hochangesehenes Mitglied der Kgl. Preußischen Akademie der Wissenschaften befasste sich Weinhold mit Syntax und Lexikologie. Er setzte sich für ein Wörterbuch der älteren deutschen Rechtssprache ein und wurde 1896 Mitglied der Gründungskommission des Deutschen Rechtswörterbuchs. Ebenfalls 1896 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Er war Mitglied der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Zudem war er bis zu seinem Tod Herausgeber der von ihm begründeten Zeitschrift des Vereins für Volkskunde.

Als er 1901 im Alter von 77 Jahren starb, hinterließ Weinhold einen großen wissenschaftlichen Nachlass, der im Archiv der Akademie für weitere Forschungen hinterlegt wurde.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mittelhochdeutsches Lesebuch. Wien 1850; zahlreiche Neuauflagen
  • Die deutschen Frauen in dem Mittelalter. Wien 1851; 2. Auflage in 2 Bänden 1882, 3. Auflage 1897
  • Über deutsche Rechtschreibung. Wien 1852
  • Über deutsche Dialectforschung. Die Laut- und Wortbildung und die Formen der schlesischen Mundart. Wien 1853
  • Weihnacht-Spiele und Lieder aus Süddeutschland und Schlesien. Graz 1853
  • Beiträge zu einem schlesischen Wörterbuche. Wien 1855
  • Altnordisches Leben. Berlin 1856 (Nachdruck 1977)
  • Über den Dichter Graf Hugo VIII. von Montfort, Herrn zu Bregenz und Pfannberg, in: Mittheilungen des Historischen Vereins für Steiermark 7, 1857
  • Die Riesen des germanischen Mythus. Wien 1858 (Nachdruck 2010)
  • Gelegenheits-Spiel zum 24. Januar 1859 (Festspiel zu Holteis Geburtstag), 1859
  • Die heidnische Todtenbestattung in Deutschland. Wien 1859
  • Grammatik der deutschen Mundarten. Erster Theil: Alemannische Grammatik, Berlin 1863; Zweiter Theil: Bairische Grammatik, Berlin 1867 (weitere waren geplant, sind aber nicht erschienen); Nachdruck Amsterdam 1967
  • Heinrich Christian Boie. Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur im achtzehnten Jahrhundert. Halle 1868
  • Die deutschen Monatsnamen. Halle 1869
  • Die Sprache in Wilhelm Wackernagels altdeutschen Predigten und Gebeten. Basel 1875
  • Mittelhochdeutsche Grammatik. Paderborn 1877; zahlreiche Neuauflagen und Neudrucke
  • Die Verbreitung und die Herkunft der Deutschen in Schlesien. Stuttgart 1887
  • Kleine mittelhochdeutsche Grammatik. Wien 1881; mehrere Neuauflagen
  • Die mystische Neunzahl bei den Deutschen. Berlin 1897
  • Die Verehrung der Quellen in Deutschland. Berlin 1898

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Fix: „Lieber Möbius!“ Karl Weinholds Breslauer Briefe an Theodor Möbius (1874–1889). In: Śląska republika uczonych • Schlesische Gelehrtenrepublik • Slezská vědecká obec, vol. 7, hrsg. v. Marek Hałub u. Anna Mańko-Matysiak. Dresden-Wrocław 2016, ISBN 978-3-86276-124-1, S. 249–359.
  • Klaus Böldl: Altnordisches Leben. Zur romantischen Anthropologie Karl Weinholds. In: Kontinuität in der Kritik. Zum 50jährigen Bestehen des Münchener Nordistikinstituts. Historische und aktuelle Perspektiven der Skandinavistik. Hrsg. von Klaus Böldl u. Miriam Kauko. Rombach, Freiburg im Breisgau 2005, ISBN 3-7930-9379-4, S. 91–106 (= Rombach Wissenschaften; Reihe Nordica, Band 8).
  • Wilhelm Creizenach: Beiträge zur Volkskunde. Festschrift Karl Weinhold zum 50jährigen Doktorjubiläum am 14. Januar 1896 dargebracht. Breslau 1896 (= Germanistische Abhandlungen; 12). Nachdruck der Ausgabe: Olms, Hildesheim 1977. ISBN 3-487-06166-X.
  • Gesellschaft für Deutsche Philologie: Festgabe an Karl Weinhold. Ihrem Ehrenmitgliede zu seinem fünfzigjährigen Doktorjubiläum. Leipzig 1896.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Karl Weinhold – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Rektoratsreden (HKM)
  2. Helene Stöcker: Lebenserinnerungen. Hrsg. von Reinhold Lütgemeier-Davin und Kerstin Wolff. Böhlau, Köln 2015, S. 53.