Karl von Stremayr

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Karl Ritter von Stremayr (* 30. Oktober 1823 in Graz; † 22. Juni 1904 Pottschach, Niederösterreich) war österreichischer Politiker, mehrmaliger Minister sowie Ministerpräsident Cisleithaniens, des kaiserlichen Teils Österreich-Ungarns, und Präsident des Obersten Gerichtshofes.

Karl Ritter von Stremayr (um 1880)

Leben[Bearbeiten]

Kindheit, Jugend, Studium[Bearbeiten]

Familienwappen von Stremayr

Carl Borromäus Anton Franz Seraph Ritter von Stremayr war Mitglied der adeligen Familie Stremayr[1] und Sohn des oberösterreichischen Militär-Feldapothekers Franz Josef von Stremayr (1793–1843) und dessen Ehefrau Caroline, geborene Rieger (1800–1880).

Er wurde als erstes von neun Kindern in Graz geboren, wo er auch seine Kinderjahre verbrachte. Als sein Vater 1832 befördert und nach Mantua (Lombardo-venezianisches Königreich) versetzt wurde und die gesamte Familie dorthin übersiedelte, blieb er im Alter von zehn Jahren bei seinen Großeltern in Graz und besuchte weiterhin das Grazer Gymnasium.

Wegen der Beförderung seines Großvaters mit folgender Versetzung nach Görtschach/Klagenfurt besuchte er für ein Jahr die sechste Klasse des Klagenfurter Gymnasiums. Als sein Großvater 1839 starb, übersiedelte seine Großmutter mit ihm wieder zurück nach Graz, wo er die Matura ablegte.

Als Übergang zum Universitätsstudium begann er in Wien mit philosophischen Studien, lernte neben Latein auch Italienisch, Französisch und Englisch, später auch Slowenisch und Serbokroatisch und las mit gleichgestimmten Kommilitonen römische und griechische Klassiker.

1841 begann er das Studium der Rechtswissenschaften an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz, da er dem Wunsch seiner Eltern entsprechend keine militärische Karriere anstreben sollte.

Als 1843 sein Vater und seine Großmutter verstarben, hatte er als ältester Sohn die Erhaltung der Großfamilie zu übernehmen, indem er während seines Studiums Privatunterricht erteilte. Eine seiner Schülerinnen war Bertha Hope, die später seine Ehefrau werden sollte.

Im Herbst 1845 schloss er seine juristischen Studien in Graz ab.

Beruf[Bearbeiten]

1845 begann er die einjährige Zivil- und Kriminalpraxis beim Magistrat Graz und legte 1846 beim Appellationsgericht in Klagenfurt die Rechtsreferendarprüfung in Deutsch und Italienisch mit Auszeichnung ab.

Deshalb erfolgte bereits 1846 seine Promotion zum „Doctor juris utriusque“, und nach beendeter Richteramtspraxis trat er als unbesoldeter Konzeptpraktikant bei der k.k. Finanzprokuratur in Graz ein und wurde am 9. November 1846 in den Staatsdienst übernommen.

Politik[Bearbeiten]

Märzrevolution 1848 und Frankfurter Nationalversammlung[Bearbeiten]

Im Zuge der Märzrevolution 1848 wurde er als Jurist ohne sein Mitwirken in der „Grazer Zeitung“ für die Wahlen zur Frankfurter Nationalversammlung vorgeschlagen, hatte zu diesem Zeitpunkt aber nur wenige politische Ambitionen. Als er in Kindberg, Steiermark, in einem Rednerwettbewerb seine im Vergleich zu anderen Rednern gemäßigten und realistischen Ziele vortrug, wurde er zum Abgeordneten der Nationalversammlung gewählt und sofort nach Frankfurt entsandt.

In Frankfurt nahm er an den letzten Sitzungen des Vorparlaments und den Vorbesprechungen zur Eröffnung der Nationalversammlung teil. Als jüngstes Mitglied der Versammlung und Alterssekretär hat er in der Frankfurter Paulskirche am 18. Mai 1848 als erster die Rednertribüne betreten[2], um die Begrüßungsadresse des alten Bundestages an die neue Nationalversammlung zu verlesen.

Auf der Suche nach Abgeordneten, die seine Ansichten teilten, schloss er sich dem Württemberger Hof, der liberalen Mitte, an.

Der rege Briefverkehr (94 Briefe vom 13. Mai 1848 bis zum 19. April 1849) zwischen ihm und seiner zukünftigen Ehefrau Bertha Hope war die Basis für die spätere Eheschließung und schildert seine Begeisterung und Enttäuschungen als Abgeordneter in Frankfurt.

In dieser politischen Atmosphäre, deren Überschwang und naive Unkenntnis der politischen Realität seiner Jugend entsprach, war er als einer von 586 Abgeordneten ambitioniert tätig, erkannte jedoch sehr bald die Unmöglichkeit der Durchsetzung seiner liberalen Hoffnungen. Nach Erzherzog Johanns Wahl zum Reichsverweser und dessen erstem Erscheinen in der Nationalversammlung schrieb er, bereits Böses ahnend:

„[...] Der Erzherzog Johann durchschritt die Reihen der Abgeordneten [...] ein erhebender Anblick [...] durch den Mund des Präsidenten eine Gewalt über alle Könige und Fürsten Deutschlands [...] Viele, ja vielleicht ganze Völker haben die Größe der Begebenheit, die weltgeschichtliche Bedeutung dieses Aktes gar nicht erfasst; möge mit der späteren Erkenntnis nicht auch die Reue kommen, und möge der Himmel verhüten, dass die Ströme Blutes, die fast jedes große Werk der Geschichte begleiteten, diesem erst nachfolgten [...] und ich gedachte der Lage Deutschlands, der Zustände seiner Völker, und konnte mich nicht freuen [...][3]

Im Zusammenhang mit dem spontanen Volksaufstand in Frankfurt im Semptember 1848 aufgrund des Waffenstillstandes vom Malmö schrieb er:

„Wenige Schritte von mir fiel ein österreichischer Offizier tödlich getroffen, die Kugeln schlugen in die Mauer und bestaubten mich mit Mörtel, man schoss aus den Fenstern.[4]

Bezüglich der ersten drei vom Verfassungsausschuss der Frankfurter Nationalversammlung aufgestellten Artikel

  • § 1: Das deutsche Reich besteht aus dem Gebiete des bisherigen deutschen Bundes.
  • § 2: Kein Teil des deutschen Reiches darf mit nichtdeutschen Ländern zu einem Staate vereinigt sein.
  • § 3: Hat ein deutsches Land mit einem nichtdeutschen Lande dasselbe Staatsoberhaupt, so ist das Verhältnis zwischen beiden Ländern nach den Grundsätzen der reinen Personalunion zu ordnen.

wollte er eine Reduktion auf die beiden Varianten „Kleindeutsche Lösung“ bzw. „Großdeutsche Lösung“ nicht zulassen[5] und kämpfte in seiner Jungfernrede am 26. Oktober 1848 für eine Lösung darüber hinaus:

„[...] Meine Herren! Auch diese [gemeint sind die Teilnehmer des Verfassungsausschusses, HY] werden mit Recht gedacht haben, daß Oesterreich zu einen Staatenbund vereint werden könne, daß dieser Staatenbund durch die Person des Kaisers und durch Verträge zwischen den einzelnen österreichischen Staaten innig verknüpft wird, daß dann, wie früher der deutsche Staatenbund im Interesse der Völker nach Wien, Abgeordnete seiner einzelnen Bestandtheile sende, und daß sie vereint die entsprechende Theilnahme an der Gesammt-Regierung von Nichtdeutsch-Oesterreich ausüben. Ich sehe nicht ein, warum dann nicht ferner ein Unionsverhältnis zwischen den nichtdeutsch-österreichischen Staaten und Deutschland, welches mit Deutsch-Oesterreich im Bundesstaate innig verbunden ist, durchgeführt werden könne; ich sehe nicht ein, wie auf diese Weise der Politik Oesterreich’s und Deutschland’s nach Osten hin vorgegriffen, oder hemmend in den Weg getreten wird? Ich kann auch nicht begreifen, daß Oesterreich auf diese Weise zerfalle, ich sehe nur ein, daß die Bande, welche Oesterreich vereint, seiner geschichtlichen Entwicklung gemäß umgestaltet werden müsse.[6]

Als die österreichischen Abgeordneten im April 1849 abberufen wurden, kehrte ein enttäuschter und ernüchterter Stremayr nach Graz zurück. Vom 24. Oktober 1849 bis Ende März 1850 supplierte er an der Universität Graz römisches und kanonisches Recht (Vakanz nach August Chabert, der im 31. Lebensjahr am 6. Februar 1849 in Wien an Magenkrebs verstarb und als einer der Väter der „österreichischen Rechtsgeschichte“ betrachtet werden kann).

Familie[Bearbeiten]

Karl von Stremayr (1847), 24-jährig

Als ehemaliger liberaler Frankfurter Abgeordneter bzw. Revolutionär bekam er das schlecht besoldete Amt eines Konzeptspraktikanten der steirischen Kammerprokuratur. Erst 1850 wurde durch seine Ernennung zum Staatsanwalts-Substituten die finanzielle Basis für eine mögliche Ehe geschaffen, die er am 17. Juni 1850 im Grazer Dom mit Bertha Hope einging.

Aus dieser Ehe stammten ein Sohn und fünf Töchter:

  • Bertha (1851-1928) heiratete 1873 Dr. jur. Emil Ritter von Hardt (sechs Kinder; den beiden Söhnen wurde die Namensvereinigung „Hardt-Stremayr“ genehmigt).
  • Anna (1853-1861) verstarb im Alter von acht Jahren an Typhus.
  • Antonie (1855-1876) war mit Premierleutnant Richard Lüders verheiratet und verstarb nach der Geburt des zweiten Kindes.
  • Maria (1859-unb.) heiratete nach dem plötzlichen Tod ihrer älteren Schwester Antonie 1878 ihren Schwager Richard Lüders (nochmals drei Kinder).
  • Karl (1863-1864) verstarb im ersten Lebensjahr.
  • Caroline (1863-1919) heiratete Johann Edlen von Schemua und blieb kinderlos.

Unter reaktionären Vorgesetzten[Bearbeiten]

Karl von Stremayr (1859), 36-jährig

Nachdem Stremayr das Amt des öffentlichen Anklägers im Rahmen einer von ihm nicht akzeptierten Verfassung zu führen hatte, waren die reaktionären Vorgesetzten mit Stremayrs Amtsführung nicht zufrieden und er wurde bei jeder Gelegenheit zurückgesetzt. Nachdem drei seiner Brüder die militärische Laufbahn eingeschlagen hatten und seine Schwestern durch Handarbeit zum Haushalte beitrugen, hatte er sich nur mehr um die eigene Familie zu kümmern.

Somit habilitierte er sich als Privatdozent für römisches Recht an der Universität Graz aufgrund von zwei Abhandlungen für römisches Recht:

  • Die actio Pauliana nach gemeinem und österreichischem Rechte
  • Ein Beitrag zur Erklärung der L. 5 § 10 D. de inst. act. (=Dig. 14,3,5,10)

Als Gutachter fungierten Kopatsch und Maassen.[7]

Außerdem war er als Mitarbeiter, später auch unter Pseudonym als Redakteur bei der Grazer Zeitung journalistisch tätig.

1860 erkrankten er und seine älteren Töchter Bertha, Anna und Antonie lebensgefährlich an Typhus, was die ganze Familie erneut in große finanzielle Not brachte. Schlimmer waren aber der Tod seiner Tochter Anna, wie auch den Tod der Magd und der Wärterin.

Steiermärkischer Landtag[Bearbeiten]

Aufgrund der Februarverfassung des Jahres 1861 wurden Wahlen für den Steiermärkischen Landtag ausgeschrieben, zu denen er, noch durch die Krankheit geschwächt, ohne sein Zutun als Kandidat für die Stadt Graz aufgestellt wurde. Er wurde zum Landtagsabgeordneten für die Grazer Vorstädte gewählt und saß die folgenden 18 Jahre im Landtag, darunter neun Jahre als Landesausschuss-Mitglied.

Mit einem Male war er die materiellen Sorgen los und konnte ein neues Arbeitsfeld beginnen, indem er weniger politische als organisatorische und administrative Verbesserungen in der landschaftlichen Verwaltung sowie in den staatlichen Gesundheits- und Bildungsanstalten durchsetzen konnte. Deshalb wurde ihm auch die Leitung der Unterrichtsanstalten des Landes, der Technischen Hochschule am Joanneum und der Landes-Oberrealschule übertragen. Den vielfachen Beschäftigungen als Landesausschuss-Mitglied, Staatsanwalts-Substituten, Zivilreferenten des Landesgerichtes, Privatdozent, Direktionsmitglied der I. steirischen Sparkasse und Staatsprüfungskommissär standen Freud und Leid in der Familie gegenüber: 1863 gebar ihm Bertha ein Zwillingspaar, aber der Sohn starb nach wenigen Monaten. Dieser Schicksalsschlag lag schwer auf seiner Frau, der ab diesen Zeitpunkt trotz kräftigem Gesundheitszustand die Hände und Füße den Dienst versagten und sie in den Rollstuhl brachten.

Seine administrative Begabungen im steiermärkischen Landtag und in diversen Landesausschüssen blieben nicht verborgen, deswegen wurde er 1868 durch Carl Giskra als Ministerialrat ins Ministerium des Innern berufen.

Erstes Ministeramt unter Hasner[Bearbeiten]

Dort wurde ihm von Leopold Hasner von Artha im Zuge der Regierungsbildung das Amt des Ministers für Kultus und Unterricht angeboten, das er am 1. Februar 1870 auch annahm. Dieses Kabinett war allerdings nur ein kurzer Epilog des Bürgerministeriums. In dem „Memorandenstreit“ hatte die zentralistische Majorität des Kabinetts die dissentierenden Minister zum Austritt gezwungen und sich in dem Ministerium Hasner rekonstruiert. Allein die Zustände, in denen die Regierung verblieb, waren so unhaltbare, dass schon nach wenigen Monaten der Kurs geändert wurde. Trotzdem wurde am 12. April 1870 das Ministerium Hasner und mit ihm Stremayr entlassen.

Stremayr wurde auf seinen Wunsch eine Hofratsstelle am Obersten Gerichts- und Cassationshof gewährt.

Im gleichen Jahr übersiedelte seine Familie, bestehend aus vier Töchtern und seiner Ehefrau, nach Wien.

Überraschend wurde er vom Steiermärkischen Landtag als Abgeordneter des Abgeordnetenhauses in den Wiener Reichsrat entsandt, in dem er sich der Deutschliberalen Partei anschloss.

Zweites Ministeramt unter Potocki[Bearbeiten]

Bereits am 30. Juni 1870 erfolgte nach Zusicherung des Ministeriums Potocki, die Verfassung nicht anzutasten und ihm in den Fragen seines Ressorts freie Hand zu lassen, Stremayrs erneute Ernennung zum Minister für Kultus und Unterricht. Der späte Eintritt Stremayrs in das Ministerium wurde von seinen liberalen Parteigenossen äußerst kritisch betrachtet und hätte für ihn und dem liberalen Justizminister Adolf von Tschabuschnig das Ende der politischen Laufbahn bedeutet, hätte die kurze Regierungsdauer des „Koalitionsministerium“ nicht eine nachhaltige politische Kompromittierung der beiden liberalen Minister verhindert.

Stremayr trat in Hinblick auf die Verkündung des Dogmas über die Unfehlbarkeit des Papstes für die Aufhebung des Konkordates vom 5. November 1855 ein.[8] Da sich Potocki aber aus religiösen Gründen weigerte, die Vorlage ins Parlament zu bringen, wurde im Kronrat vom 30. Juli 1870 in Anwesenheit des österreichischen Botschafters beim Heiligen Stuhl das Konkordat durch kaiserliches Handschreiben für hinfällig erklärt und der Außenminister mit der formellen Aufhebung beauftragt.[9] Der Kaiser erteilte Stremayr am gleichen Tag den Auftrag, die infolge dieser Änderung nötigen Gesetzesvorlagen für den Reichsrat vorzubereiten.[10]

Die Stellung des Ministeriums gegenüber dem neu gewählten Reichstag wurde immer schwieriger. Potocki's Bemühungen, den böhmischen Landtag zur Wahl der Abgeordneten für den Reichsrat zu bestimmen, blieben erfolglos. Die Angriffe der Verfassungspartei wurden immer heftiger. Die von Stremayr geplante Rede, um diesen Zuständen entgegenzutreten, wurde durch Potocki verhindert; nicht jedoch die Überreichung des Entlassungsgesuches im Herbst 1870.[11]

Am 4. Februar 1871 wurde Stremayr endlich enthoben und nahm seine Tätigkeit als Hofrat am Obersten Gerichtshof wieder auf.

Drittes Ministeramt unter Auersperg[Bearbeiten]

Regierung Auersperg mit Ministern (Karl von Stremayr sitzend links vorne), 55-jährig

Nach den Ministerien Potocki, Hohenwart und Holzgethan wurde innerhalb kurzer Zeit das Ministerium Auersperg berufen. Nach Mitarbeit beim Regierungsprogramm erfolgte am 25. November 1871 Stremayrs erneute Ernennung zum Minister für Kultus und Unterricht, welches Amt er diesmal bis zum 12. August 1879 innehatte.

Unter seiner Amtsführung entwickelten sich u.a. die Universitäten in Prag und Wien rasch weiter und es wurde eine neue Universität in Czernowitz[12] errichtet.[13] Die Universität Prag wurde noch nicht in eine deutsche und tschechische Universität geteilt und in Wien wurde das Institut für Paläontologie gegründet.[14]

Über sein Verhältnis als Minister zu seinen politischen Freunden meinte Stremayr:

„Das Parteileben bringt es mit sich, daß gar oft nicht das Wohl des Staates, sondern leidiges Parteiinteresse die Haltung der Abgeordneten im Parlamente bestimmt. Ein Minister aber kann und darf nie und nimmer einer Partei auf diesem Wege folgen. Er muß auch dieser gegenüber seine volle Unabhängigkeit, die Freiheit seiner gewissenhaften Überzeugung wahren, und diese wird nicht selten in seinem Verhältnis zur Krone durch Gründe bestimmt, die er auch seinen Freunden nicht offenbaren kann.[15]

Karl von Stremayr beim ital. König (1875) mit Wortspiel bezüglich Konkordatsabschaffung

Die durch die Aufhebung des Konkordates notwendige maßvolle Neuregelung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche mit weiterer interkonfessioneller Gesetzgebung (so konnte etwa die gesetzliche Anerkennung des selbständigen altkatholischen Bekenntnisses erzielt werden), der Kulturkampf in Deutschland, der auch für die österreichischen Liberalen große Bedeutung hatte, die Klostergesetze und andere brachten oft harte Kämpfe mit sich, die Stremayr so beschrieb:

„Es waren oft harte Kämpfe, welche ich mit dem gnädigsten Monarchen in mündlicher Erörterung meiner Entwürfe durchzumachen hatte, und konnte ich mir auch durch die hartnäckige Vertretung meiner Überzeugung nicht die höchste Gnade und Zufriedenheit erwerben: es gelang mir doch nicht selten, meiner bescheidenen Ansicht Geltung zu verschaffen. Freilich durfte ich mich dabei nicht an mein Portefeuille klammern und mußte stets bereit sein, dasselbe in die Hände dessen zurückzulegen, der es mir Unwürdigem anvertraut hatte.[16]

Dass ihm seine Prinzipien wichtiger waren, als das Amt des Ministers unbedingt zu behalten, kommt auch bei folgendem zum Ausdruck:

„[…] eine Ernennung anders als von mir vorgeschlagen […] legte ich die Allerhöchste Entschließung sofort ohne meine Gegenzeichnung zurück und überreichte zugleich mein Entlassungsgesuch. Seine Majestät hatte die Gnade, nach längerer Zeit es von einer Ernennung wieder abkommen zu lassen […].[16]

1874 erhielt er als „Förderer der österreichischen Volksschule“ eine Voranfrage von Peter Rosegger bezüglich der Möglichkeit einer Widmung für das Buch „Die Schriften des Waldschulmeister“, welche noch im selben Jahr umgesetzt werden konnte[17]. 1877 musste er nicht aus Unzufriedenheit über seine erbrachten Leistungen sondern aufgrund der großen Zahl angeblich bedürftiger Bewerber im Vergleich zu den kargen zur Verfügung stehenden Mitteln die regelmäßigen Stipendien in der Höhe zwischen 300 und 500 fl kurzzeitig unterbrechen.[18]

Familiär konnte er sich 1873 über die Hochzeiten seiner zwei ältesten Töchter Bertha und Anna freuen, musste aber 1876 den Tod seiner Tochter Antonie nach der Geburt ihres zweiten Kindes miterleben.

1878 heiratete seine vierte Tochter Maria den Witwer Richard Lüders nach staatlichem und kirchlichen Dispens vom bestehenden Ehehindernis der Schwägerschaft und beschrieb die damalige Situation später wie folgt:

„Ihre Vermählung mit dem Witwer nach ihrer Schwester gab ein schönes Bild der Toleranz, da die Trauung der Katholikin mit dem protestantischen Bräutigam in der Hauskapelle des Stiftes Melk, wohin meine Gattin aus unserer Wohnung im Rollstuhle fuhr, durch den evangelischen Pastor unter Assistenz des katholischen Pfarrers voll-zogen wurde, nachdem mein vortrefflicher Freund Erzbischof Kutschker die staatliche und kirchliche Dispens vom bestehenden Ehehindernisse der Schwägerschaft auf kürzestem Wege ohne jeden Revers erwirkt hatte.[19]

Von 1878 bis 1904 war er der erste Präsident des Wiener Goethe-Vereins (heute Österreichische Goethe-Gesellschaft).

Ministerpräsident[Bearbeiten]

Der Versuch, 1879 mit der Verfassungspartei ein neues Ministerium zu bilden, dem er wieder als Minister für Kultus und Unterricht angehören sollte, misslang und brachte das Ende des Ministeriums Auersperg. Stattdessen wurde Stremayr als Senior der übrigen Minister vom Kaiser die Aufgabe übertragen, als Vorsitzender das Kabinett zu führen. Von 15. Februar bis 12. August 1879 amtierte er als Ministerpräsident der österreichischen Reichshälfte Österreich-Ungarns. Das Ministerium Stremayr sollte jedoch nur als Übergangsregierung bis zum Abschluss der geplanten Reichsratswahlen dienen.[20]

Viertes Ministeramt unter Taaffe[Bearbeiten]

Am 12. August 1879 kam es zur Ernennung zum Justizminister mit gleichzeitiger Leitung des Ministeriums für Kultus und Unterricht. Das Verhältnis des Ministeriums Taaffe zur Verfassungspartei gestaltete sich immer schwieriger und jeder Schritt zur Versöhnung der widerstrebenden Elemente wurde abgelehnt.

Somit war er zwei Jahre lang Minister für Kultus und Unterricht und gleichzeitig Justizminister. Als solcher erließ er gemeinsam mit dem für die Verwaltungsbehörden zuständigen Taaffe im April 1880 für die Kronländer Böhmen und Mähren je eine Sprachenverordnung zur von Kommentatoren so genannten äußeren Amtssprache, mit dem Ziel, den Tschechen mehr Recht auf ihre Muttersprache im Verkehr mit Verwaltung und Justiz zu geben (die Kundmachung erfolgte in den jeweiligen Landesgesetzblättern).[21][22] Demnach sollte die Sprache der Eingabe oder des Vorsprechenden für die Erledigung maßgebend sein.[23] Stremayr schrieb dazu:

„Die gemeinsam mit Taaffe erlassene Sprachenverordnungen, denen ich nach vielfacher Abschwächung und mit Wahrung des Deutschen als innerer Amtssprache endlich zustimmte, gossen Oel ins Feuer, ohne die Ansprüche der Tschechen zu befriedigen.[24]

Zur weiteren Behandlung der Sprachenfrage in den böhmischen Ländern siehe Badenische Sprachenverordnung.

Nachdem er die Staatsgeschäfte immer weniger mit seinen Idealen vereinbaren konnte, reichte er mehrere Bitten um Enthebung ein, bis ihnen vom Kaiser am 16. Februar 1880 (Kultus und Unterricht) und am 26. Juni 1880 (Justiz) entsprochen wurde.

An der Spitze des Obersten Gerichtshofs[Bearbeiten]

Karl von Stremayr (1896), 73-jährig

Der Ernennung zum 2. Präsidenten des Obersten Gerichts- und Cassationshofes am 29. Juni 1880 folgte ein frostiger Empfang von Seite des ersten Präsidenten von Schmerling, da Graf Taaffe diesen vor der kaiserlichen Ernennung nicht formell um seine Zustimmung ersucht hatte. Innerhalb eines Jahres wurde daraus aber ein sehr freundschaftliches Verhältnis.[25]

1889 wurde Stremayr vom Kaiser zum lebenslänglichen Mitglied des Herrenhauses des Reichsrats ernannt.

Die Ernennung zum ersten Präsidenten des Obersten Gerichtshofes folgte 1891, und 1893 ernannte ihn der Kaiser auf Antrag von Erzherzog Rainer zum Stellvertreter im Kuratorium der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften mit bald darauf folgender Ehrenmitgliedschaft.[26]

Ein schwerer Ohnmachtsanfall, dem eine längere Krankheit folgte, überraschte Stremayr im Frühjahr 1898 in einer Sitzung des Gerichtshofes. Aus Besorgnis über die Weiterentwicklung seiner Heimat und über seinen Gesundheitszustand, der es nicht mehr zuließ, das Amt so auszuüben wie gewohnt, ersuchte er um Versetzung in den Ruhestand, dem der Kaiser mit persönlichem Schreiben nachkam.

Abschrift des Allerhöchsten Handschreibens Seiner Majestät Franz Josef I
Todesanzeige 1904

Im Frühjahr 1899 fesselte ein schwerer Gichtanfall Stremayr durch Monate an Bett und Zimmer und beraubte ihn des Gebrauches seiner Glieder.

Stremayr hat als Widmung seines Manuskriptes Erinnerungen aus dem Leben. Seinen Kindern und Enkeln erzählt[27] im Jahr 1899 schreiben lassen:

„Indem ich auf ein an Wechselfällen überreiches Leben zurückblicke, drängt sich mir der Wunsch auf, daß die Erfahrungen dieses Lebens meinen Kindern und Enkeln nicht verloren seien, und daß ihnen das Andenken in ihren Vater und Großvater wie ein Bild aus entschwundener Zeit in treuen Zügen erhalten bleibe. Aus diesen Aufzeichnungen sollen sie die Lehre schöpfen, im Unglücke nicht den Muth zu verlieren, im Glücke nicht übermüthig zu werden, aber immer und überall in strenger Pflichterfüllung nicht nach eitlen Gütern der Welt, sondern nach idealer Vervollkommnung des eigenen Selbst zu streben. Darin mögen sie jene Befriedigung finden, welche die Welt mit allen äußeren Glanz und blendenden Ehren nicht zu gewähren vermag.“

Am 22. Juni 1904 verstarb er im 82. Lebensjahr in Pottschach in Niederösterreich.

Würdigungen[Bearbeiten]

Stremayr war der Träger zahlreicher Auszeichnungen wie des Großkreuzes des St. Stefans-Ordens, des Großkreuzes des Österreichischen Leopold-Ordens, des Großkreuzes des russischen St. Anna-Ordens, des k. k. Ordens der Eisernen Krone 1. Klasse und der Ehrenmedaille für 40-jährige treue Dienste.

Anton Bruckner widmete seinem Förderer Stremayr 1876 die 5. Sinfonie.[28] [29]

1871 wurde in Graz im Zuge der Erneuerung des Doktordiploms durch die Karl-Franzens-Universität die „Stremayrgasse“ nach ihm benannt. Vermutlich stand dies auch im Zusammenhang damit, dass er als Minister für Kultus und Unterricht den Neubau der Universität auf stadtseitigen Teilen des Stadtparks vorschlug, womit die Regierung vom Grundsatz der unbebaut zu bleibenden Liegenschaft abwich.[30]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Erinnerungen aus dem Leben. Seinen Kindern und Enkeln erzählt. Holzhausen, Wien 1899.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Weiß von Starkenfeld, Alois Frhr. & Kirnbauer von Erzstätt, Johann E.: Der Oberösterreichische Adel, in: Siebmacher's großes Wappenbuch, Bd. 4, 5. Abteilung, Nürnberg 1904, S. 412
  2. Stenografischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main. Erster Band. Erste vorberathende Versammlung in der Paulskirche am Donnerstag, dem 18. Mai 1848; S. 4
  3. Brief an Bertha Hope vom 18. Juli 1848
  4. Brief an Bertha Hope vom 20. September 1848
  5. Brief an Bertha Hope vom 28. Oktober 1848
  6. Stenografischer Bericht über die Verhandlungen der deutschen constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main. Vierter Band. 103. Sitzung am Donnerstag, dem 26. Oktober 1848. Seiten 2879-2881
  7. Gunter Wesener: Geschichte der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz - Teil 1: Römisches Recht und Naturrecht, Band 9/1, Akademische Druck- und Verlagsanstalt Graz, 1978
  8. Christine Mann: Zwischen Tradition und Moderne. Der Güntherianer Vinzenz A. Knauer (1828–1894) auf der Suche nach Wahrheit in Freiheit. Peter Lang, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-631-60129-7, S. 197.
  9. Kora Waibel: Dissertation zur Kündbarkeit des österreichischen Konkordats. Über Möglichkeiten und Folgen einer Abschaffung des Vertrags zwischen der Republik Österreich und dem Heiligen Stuhl vom 5. Juni 1933, Universität Wien, Wien 2008, S. 18 (PDF).
  10. Tageszeitung Wiener Zeitung, Wien, Nr. 184, 10. August 1870, S. 1, Amtlicher Teil
  11. Erinnerungen aus dem Leben. Seinen Kindern und Enkeln erzählt. Holzhausen, Wien 1899, S. 53-54
  12. 40. Gesetz vom 31. März 1875, mit welchem die Errichtung einer Universität in Czernowitz angeordnet und die systemmäßige erste Gehaltsstufe der Professoren an derselben festgesetzt wird. In: Österreichische Nationalbibliothek - ALEX <http://alex.onb.ac.at/cgi-content/alex?aid=rgb&datum=18750004&seite=00000113>, abgerufen am 3. Jänner 2015
  13. Stremayr Karl. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 13, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 2007–2010, ISBN 978-3-7001-6963-5, S. 398 f. (Direktlinks auf S. 398, S. 399). (Für die Onlineversion ist eine kostenpflichtige Registrierung notwendig.)
  14. Institut für Paläontologie an der Universität Wien. Abgerufen am 15. März 2014
  15. Erinnerungen aus dem Leben. Seinen Kindern und Enkeln erzählt. Holzhausen, Wien 1899, S. 49
  16. a b Erinnerungen aus dem Leben. Seinen Kindern und Enkeln erzählt. Holzhausen, Wien 1899, S. 57
  17. Rosegger, Peter: Die Schriften des Waldschulmeisters. Pest, 1875. In: Deutsches Textarchiv <http://www.deutschestextarchiv.de/rosegger_waldschulmeister_1875/9>, abgerufen am 30. Dezember 2014
  18. Peter Rosegger, Gustav Heckenast: Briefwechsel 1869-1878. Hg.: Karl Wagner, Max Kaiser, Werner Michler, Böhlau-Verlag, S. 297, 301, 682
  19. Erinnerungen aus dem Leben. Seinen Kindern und Enkeln erzählt. Holzhausen, Wien 1899, S. 58
  20. Ernst Rutkowski: Briefe und Dokumente zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie. Band 2: Der verfassungstreue Großgrundbesitz 1900-1904. Verlag Oldenbourg, München 1991, ISBN 3-486-52611-1, S. 454.
    Robert R. Luft: Die Mittelpartei des Mährischen Großgrundbesitzes. In: Ferdinand Seibt (Hrsg.): Die Chance der Verständigung. Absichten und Ansätze zu übernationaler Zusammenarbeit in den böhmischen Ländern 1848-1918. Verlag Oldenbourg, München 1987, ISBN 3-486-53971-X, S. 187−243, hier: S. 194.
  21. LGBl. Böhmen Nr. 14 / 1880 (= S. 34)
  22. LGBl. Mähren Nr. 17 / 1880 (= S. 31)
  23. Helmut Slapnicka: Die Ohnmacht des Parlamentarismus. In: Ferdinand Seibt (Hrsg.): Die Chance der Verständigung. Absichten und Ansätze zu übernationaler Zusammenarbeit in den böhmischen Ländern 1848–1918. Verlag Oldenbourg, München 1987, ISBN 3-486-53971-X, S. 147−174, hier: S. 152.
  24. Karl von Stremayr: Erinnerungen aus dem Leben. Seinen Kindern und Enkeln erzählt. Holzhausen, Wien 1899, S. 60
  25. Karl von Stremayr: Erinnerungen aus dem Leben. Seinen Kindern und Enkeln erzählt. Holzhausen, Wien 1899, S. 62.
  26. Anzeiger der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. XXX. Jahrgang 1893. Nr I-XXVII, Wien 1893, S. 272
  27. http://data.onb.ac.at/rec/AC10354493
  28. Michael Steinberg: The Symphony: A Listener's Guide. Oxford University Press, New York 1995, ISBN 0-195-12665-3, S. 102.
  29. Auffindung einer Bruckner-Partitur. In: Die Zeit, Beilage Abendblatt, Nr. 767/1904, 14. November 1904, S. 2, Mitte unten (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/zei.
  30. Der Universitätsbau in Graz. In: Wiener Zeitung, Beilage Wiener Abendpost, Nr. 43/1871, 22. Februar 1871, S. 170, Mitte links (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wrz.

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Köck: Dr. Karl von Stremayr, in seinem Verhältnis zu Wissenschaft, Kunst und Industrie betrachtet. Ungedruckte Dissertation Wien 1950.
  • Stremayr. In: Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage. Band 15, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig/ Wien 1885–1892, S. 387.
  • Gunter Wesener: Geschichte der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Graz. Band 1: Römisches Recht und Naturrecht (=Publikationen aus dem Archiv der Universität Graz, 9, 1) Akademische Druck und Verlags-Anstalt, Graz 1978, ISBN 3-201-01059-6, S. 72 f.
  • Gertrud Elisabeth Zündel: Karl von Stremayr. Ungedruckte Dissertation Wien 1944.

Weblinks[Bearbeiten]