Karstadt am Hermannplatz

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Karstadt am Hermannplatz, 2012
Karstadt am Hermannplatz, 1936

Das Karstadt am Hermannplatz ist ein denkmalgeschütztes Warenhaus im Berliner Ortsteil Kreuzberg. Erbaut in den Jahren 1927–1929 von Philipp Schaefer im Stil des Expressionismus, war es das damals größte und modernste Warenhaus Europas. Durch das vielfältige Waren- und Serviceangebot auf 72.000 Quadratmetern Fläche, die moderne Ausstattung mit Rolltreppen, Aufzügen und U-Bahn-Anbindung sowie den großen Dachgarten mit Aussichtsplattform in 32 Metern Höhe entwickelte es sich zu einer beliebten Sehenswürdigkeit.

Im April 1945 wurde das Warenhaus von SS-Truppen gesprengt, um der Roten Armee die Lebensmittelversorgung zu erschweren. An der Hasenheide blieb ein Teil des Altbaus erhalten, der 1951–52 um einen Neubau von Alfred Busse ergänzt wurde. Im Januar 2019 kündigte die Eigentümerin Signa an, die ursprüngliche Fassadenansicht wiederherzustellen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trümmer nach der Sprengung durch die SS, 1945
Rest der Originalfassade an der Hasenheide, 2011

An der Grenze zwischen den einstigen Berliner Bezirken Kreuzberg und Neukölln am Hermannplatz 10 gelegen, wurde in den Jahren 1927 bis 1929 von dem Architekten Philipp Schaefer der größte Warenhausbau der Weimarer Republik errichtet. Schaefer war 32 Jahre lang als Chefarchitekt bei Karstadt tätig. In Berlin hat er 1930 auch das Verwaltungsgebäude der Karstadt AG an der Neuen Königstraße und 1935 das Karstadt-Hauptkontor am Fehrbelliner Platz errichtet. Sein sechsgeschossiger Stahlbetonbau am Hermannplatz wurde seitlich durch zwei markante Türme begrenzt, auf deren Dächern jeweils eine hohe Lichtsäule stand.

Zwischen diesen Türmen lag ein 4000 Quadratmeter großes populäres Dachgartenrestaurant, von dessen günstigen Preisen viele Menschen angezogen wurden. Das gesamte Bauwerk war mit fränkischem Muschelkalk verkleidet. Die Fassaden in einem Stilgemisch aus Neugotik, Expressionismus und Art déco konnten sich an amerikanischen Vorbildern messen lassen. Auch mit seiner technischen Ausstattung, den 21 Rolltreppen und den 20 Fahrstühlen, war das Karstadt-Haus am Hermannplatz ausgesprochen modern. Als Besonderheit galt seine direkte unterirdische Verbindung zum Kreuzungsbahnhof Hermannplatz der städtischen Untergrundbahn. Offenbar gingen die Berliner manchmal auch nur zu Karstadt, um den „großartigen Fernblick“ zu genießen, sodass man den Zugang vorsichtig begrenzen musste.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus am Hermannplatz weitgehend zerstört. Die SS legte am 25. April 1945 Sprengsätze, weil die Vorräte im Keller nicht der Roten Armee in die Hände fallen sollten. Der Wiederaufbau erfolgte nach einem Entwurf von Alfred Busse in den Jahren 1951–52. Weitere Aus- und Umbauten schlossen sich in den Jahren 1954 und 1976 an. Zuletzt wurde das Warenhaus 1998–2000 nach Plänen der Architekten Helmut Kriegbaum und Udo Landgraf erweitert und saniert.

Das Gebäude ist denkmalgeschützt, bezieht sich mit seiner Muschelkalkverblendung auf den Altbau und entspricht den Gestaltungsauffassungen der Nachkriegsmoderne. Nur drei Fensterachsen an der Hasenheide sind von dem Originalbau erhalten geblieben und erinnern noch heute an das bedeutende Werk des Architekten Philipp Schaefer.

Geplanter Wiederaufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Januar 2019 verkündete die Eigentümerin Signa Holding, eine interpretierte Rekonstruktion der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Fassaden mitsamt der markanten Türme bauen zu wollen. Statt aus Muschelkalk werde die Fassade des Neubaus aus Beton bestehen. Das ursprüngliche Gebäude hatte eine Geschossfläche von rund 70.000 m², diese soll auf 126.000 m² erhöht werden.[1] Die zusätzliche Geschossfläche soll unter anderem für Wohnungen genutzt werden.[2] Als Baubeginn kommuniziert der Konzern Anfang 2021. Der beauftragte Architekt sei David Chipperfield.

Ende August 2019 lehnten das Stadtentwicklungsamt Friedrichshain-Kreuzberg sowie das Stadtentwicklungsamt Neukölln das Neubauprojekt der Signa ab: „Zusammengefasst lässt sich festhalten, dass eine Entwicklung und Modernisierung des bestehenden Karstadtkomplexes im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Herrmannplatzes durchaus begrüßenswert ist. Dabei sind die öffentlichen Interessen zu berücksichtigen und es sollten auch Konzepte mit einer Einbeziehung umliegender Akteure geprüft werden. Der Rückgriff auf das historische Haus mit all seinen Auswirkungen und ohne dass es noch einen inhaltlichen Zusammenhang zur Nutzung im Inneren hat, wird als äußerst kritisch bewertet und kann in dieser Form so nicht unterstützt werden.“[3]

Anfang September 2019 kritisierte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) das Veto von Friedrichshain-Kreuzberg: „Ich glaube nicht, dass es akzeptabel ist, wenn einfach von heute auf morgen eine hohe dreistellige Millioneninvestition vom Bezirksamt abgesagt wird. Das geht so nicht.“ Es sei Aufgabe der Politik, mit Investoren über die Rahmenbedingungen für deren Pläne zu verhandeln und Lösungen zu finden, die dem Wohl der gesamten Stadt dienten. Kämen die Bezirksämter dieser Forderung nach einer „gesamtstädtischen Sicht“ nicht nach, müsse notfalls der Senat eingreifen.[4] Ende September bekannte sich Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Bündnis 90/Die Grünen) zu dem Projekt.[5] Sie ist jedoch nicht für das Bauprojekt zuständig, da der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Planungshoheit innehat.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In Episode 4 der Krimiserie Babylon Berlin ist die Baustelle des Warenhauses zu sehen.[6]
  • Hallo Nachbar, Reportage über das Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz, 1992

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sand im Getriebe – Neuköllner Geschichte(n), Hrsg.: Neuköllner Kulturverein e.V., Edition Hentrich Berlin, 1990.
  • Lothar Uebel: Karstadt am Hermannplatz – Ein gutes Stück Berlin, Hrsg.: Karstadt Warenhaus AG, 2000.
  • Rudolf Lenz: Karstadt – ein deutscher Warenhauskonzern 1920–1950, Deutsche Verlags-Anstalt, 1995.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hildburg Bruns: Berlin bekommt seinen größten Einkaufstempel zurück. In: bz-berlin.de. 11. März 2019, abgerufen am 4. Juni 2019.
  2. SIGNA: Berlin Hermannplatz, abgerufen am 23. Januar 2018
  3. Kein Bebauungsplan für Neubauprojekt der SIGNA am Standort Karstadt Hermannplatz. 29. August 2019, abgerufen am 7. Oktober 2019.
  4. Müller kritisiert Blockade des Karstadt-Projekts durch Bezirk. Abgerufen am 11. Oktober 2019.
  5. Saskia Patermann: Wirtschaftssenatorin Pop bekennt sich zu Karstadt-Neubau. In: Berliner Morgenpost. 26. September 2019, abgerufen am 3. Oktober 2019.
  6. Johanna Niedbalski: Vor dem Warenhaus am Hermannplatz. In: rbb24.de. 31. August 2018, abgerufen am 7. Oktober 2019.

Koordinaten: 52° 29′ 14,5″ N, 13° 25′ 27,5″ O