Kartoffelrevolution

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
„Sturm auf die Kartoffelstände“, Lithografie von Vinzenz Katzler

Als Kartoffelrevolution werden Tumulte bezeichnet, die im April 1847 in Berlin ausbrachen. Die Ursachen lagen in der elenden sozialen Situation größerer Teile der Stadtbevölkerung. Anlässe lieferten die stark erhöhten Lebensmittelpreise aufgrund vorangegangener Missernten. Erst durch Einsatz von Militär konnten die Unruhen nach drei Tagen beendet werden. Die Tumulte werden zur Vorgeschichte der Märzrevolution von 1848 gerechnet.

Die Vorbedingungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Berlin erlebte zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Revolution im März 1848 (diese Zeit wurde später Vormärz genannt) eine rasche Zunahme der Bevölkerungszahl. 1815 hatte die Stadt 200.000 Einwohner, 30 Jahre später 385.000. Grund dieser Entwicklung war die beginnende Industrialisierung, eine fundamentale Veränderung der Produktionsbedingungen. Vor der Stadt entstanden Maschinen-, Textil- und chemische Fabriken und andere Industriebetriebe. Fabrikarbeiter und die immer noch zahlreichen Handwerker waren durch Konjunkturschwankungen bedroht, viele von ihnen lebten ständig am Rande des Existenzminimums. Durch stetige Zuwanderung war ein Überangebot an Arbeitskräften entstanden. Arbeitstage von 12 bis 15 Stunden, Hungerlöhne und Kinderarbeit waren die Folge. Die zunehmenden sozialen Probleme konzentrierten sich in den Wohngebieten der Berliner Vorstädte. Vor allem im Norden der Stadt lebten Gruppen besonders armer Einwohner in sehr schlechten Wohnverhältnissen, von etablierten Bürgern und Behörden als latent kriminell und gewaltbereit eingestuft und mit Argwohn beobachtet.[1] Bereits 1830 hatte sich der angestaute Unmut in der vom Militär niedergeschlagenen Schneiderrevolution Luft gemacht.[2]

Die Unruhen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Sommer 1846 wurde in Mitteleuropa eine schlechte Getreideernte erzielt. Noch schwerwiegender war, dass die Ernte des eigentlichen Volksnahrungsmittels, der Kartoffel, wegen Kraut- und Knollenfäule weniger als die Hälfte der üblichen Erträge brachte. Da Versorgungsengpässe und Teuerung vorauszusehen waren, richteten die Berliner Stadtverordneten Anfang Oktober 1846 ein Schreiben an König Friedrich Wilhelm IV. und baten darum, den Export von Getreide und die Verarbeitung von Kartoffeln zu Branntwein verbieten zu lassen. Die preußische Staatsregierung wies das Ansinnen entschieden zurück mit dem Argument, die Bürgervertretung habe mit dieser Petition ihre Befugnisse weit überschritten. Diese Entscheidung – ebenso wie die staatlichen Einfuhrzölle für Mehl und Getreide, die erst Anfang Januar 1847 „ausnahmsweise“ aufgehoben wurden – entsprach ganz den Interessen der preußischen Großgrundbesitzer und ließ deren Einfluss auf die Staatsverwaltung erkennen.

Die Bauern aus der ländlichen Umgebung Berlins erhöhten die Preise für ihre Kartoffeln, die sie auf den Wochenmärkten der Stadt anboten. Der Normalpreis für eine Metze (etwa 2 bis 2,5 Kilogramm) Kartoffeln hatte einen Silbergroschen (Sgr.) betragen, Ende Januar 1847 war er auf drei Sgr. gestiegen. Als Gerüchte aufkamen, wonach amtlich ein Höchstpreis von zwei Sgr. festgesetzt worden sei, ließ das Polizeipräsidium dementieren – man habe nicht die Absicht, sich in den freien Handel einzumischen. Stattdessen gab es, wie schon in den Jahren zuvor, vereinzelt karitative Aktivitäten der wohlhabenden Bürgerschaft und des Adels. Private Einrichtungen wie eine „Armen-Speisungs-Anstalt“ oder die „Kottwitzsche Armen-Beschäftigungs-Anstalt“ versuchten, die Folgen der sozialen Missstände zu lindern. „Zugunsten der Armen“ fanden Wohltätigkeitsbälle statt. Außerdem wurden Mehlersatzprodukte und der Verzehr von Pferdefleisch empfohlen.

Mitte April 1847 war der Kartoffelpreis auf fünf Silbergroschen gestiegen, den halben durchschnittlichen Tagesverdienst eines Arbeiters; für die zahlreichen Arbeitslosen und Gelegenheitsarbeiter und ihre meist vielköpfigen Familien wurde ihr Hauptnahrungsmittel noch weniger erschwinglich. Erst jetzt hob der Berliner Magistrat vorübergehend die kommunale Steuer auf Mehl und Getreide auf, die an den Stadttoren zu zahlen war. An den hohen Preisen für Kartoffeln änderte sich kaum etwas. Die Maßnahme schwächte allerdings die Finanzkraft der Stadt in einer ohnehin schwierigen Situation – 1847 mussten schon 40 Prozent des Etats zur Unterstützung für zahlreiche bedürftige Einwohner aufgewendet werden, etwa durch Zuschüsse zur öffentlichen Armenspeisung und für Brotgutscheine.

Am Mittwoch, dem 21. April 1847, begannen auf dem Gendarmenmarkt die Handgreiflichkeiten. Eine Händlerin hatte – ebenso wie andere Verkäufer – ihren Kartoffelpreis sprunghaft erhöht und die protestierenden Kundinnen mit der Bemerkung provoziert, sie müssten in naher Zukunft wohl froh sein, wenn die Bauern ihnen wenigstens Heu verkauften. Die Arbeiterfrauen zerschnitten daraufhin eine Anzahl von Kartoffelsäcken und versorgten sich, ohne zu zahlen. Ähnliche Szenen ereigneten sich auf dem Molkenmarkt und dem Dönhoffplatz, wo Marktstände zerstört und Händler bedroht wurden. Die jeweils zwei Marktpolizisten vor Ort konnten die Übergriffe nicht verhindern.

Der übliche Donnerstags-Wochenmarkt auf dem Alexanderplatz fand am 22. April nicht statt, weil die Händler nach den Ereignissen des Vortages ausblieben. Es sammelten sich aber hier und an anderen Plätzen erregte Menschen, meist Bewohner der Vorstädte, die begannen, Bäckereien und Fleischereien in den Nebenstraßen zu plündern. Die preußische Militärverwaltung, die sich am Mittwoch noch nicht zuständig gefühlt hatte, aktivierte angesichts der Plünderungen in den Mittagsstunden ihre Berliner Garnison und ließ zahlreiche Verhaftungen vornehmen. Empörte Demonstranten warfen daraufhin die Fensterscheiben des Kronprinzenpalais Unter den Linden ein, dort wohnte Prinz Wilhelm von Preußen, der Befehlshaber des Gardekorps (und spätere Kaiser Wilhelm I.). Am Freitag, dem 23. April, wurde das ganze Stadtgebiet durch systematisch eingesetztes Militär kontrolliert. Insbesondere auf den Marktplätzen dieses Wochentages – Gendarmenmarkt, Dönhoffplatz und Neuer Markt – war die Bewachung so effektiv, dass die Händler sich allmählich wieder einfanden und neue Unruhen ausblieben. Dazu kam, dass die Berliner Stadtverwaltung überraschend eine größere Menge Kartoffeln zum Preis von 2½ Silbergroschen je Metze anbieten konnte, um die Lage zu beruhigen.

Gegen etwa hundert Teilnehmer an den Unruhen ergingen Gefängnis- und Zuchthausstrafen. Das härteste Urteil traf einen 32-jährigen Arbeiter, Vater von zwei Kindern; er wurde zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, weil er einen Offizier geschlagen und einem Soldaten den Säbel entrissen hatte. Die meisten Verurteilten kamen durch eine Amnestie aus Anlass des Geburtstags von König Friedrich Wilhelm IV. am 15. Oktober 1847 wieder frei. 25 Jahre später erinnerte Kaiser Wilhelm I. an die „Kartoffelrevolution“, als man ihm von Mieterkrawallen in Berlin berichtete: dergleichen sei nicht zu unterschätzen – nur ein Jahr nach den relativ harmlos scheinenden Unruhen von 1847 habe die Märzrevolution von 1848 den ganzen Staat gefährdet.[3]

Zeitzeugnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der überforderte Berliner Magistrat legte dem preußischen Innenminister den Entwurf eines Plakates vor, das am 24. April 1847 veröffentlicht werden sollte. Allerdings war der Aufruf zu diesem Zeitpunkt durch die Militäreinsätze schon überholt und wurde zu den Akten gelegt. In dem Text hieß es:

„Seit gestern ist unsere Stadt Zeuge der strafbarsten Excesse. Sie erfüllen den ruhigen Bürger mit Entrüstung, zugleich aber mit großer Besorgnis. Wenn auch die Not des Augenblickes schwer auf vielen Einwohnern unserer Stadt lastet: die Kommunalbehörden müssen sich das Zeugnis geben, alles, was zu tun möglich und notwendig war, mit den gutgesinnten Einwohnern der Stadt gemeinschaftlich getan zu haben, um diese Not allen unseren bedrängten Einwohnern zu erleichtern. […] Mitbürger unserer Stadt! Wirken Sie mit uns dahin, […] daß der Mutwille und die Bosheit in der ruhigen Haltung der ordnungsliebenden Einwohner unserer Stadt ihr Ende finden.“[3]

Adolf Streckfuß (1823–1895) war ein politisch interessierter Schriftsteller und Beobachter der revolutionären Vorgänge um 1848 in Berlin. Rückblickend schrieb er 1867:

„Die Kartoffelrevolution, diesen Namen hat der unglückliche Aufstand des Proletariats in der Berliner Geschichte erhalten, war mit dem 22. April beendet. Sie hatte nicht den geringsten politischen Hintergrund und dennoch eine Bedeutung, denn sie zeigte, daß in der sonst so ruhigen Stadt Berlin der günstige Moment einen Sturm erzeugen konnte. Ein zusammengelaufener Volkshaufen vermochte zwei Tage lang die Hauptstadt in Schrecken zu setzen, obwohl er ohne Halt in der Bürgerschaft dastand. Was war zu erwarten, wenn die Bürgerschaft sich dem Aufstande anschlösse? Das sollte die Zukunft bald lehren.“[4]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans-Heinrich Bass: Hungerkrisen in Preußen während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Studien zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Band 8. Scripta Mercaturae, St. Katharinen 1991, ISBN 3-922661-90-4 (teilweise zugleich Dissertation an der WWU Münster, 1990).
  • Manfred Gailus: Strasse und Brot. Sozialer Protest in den deutschen Staaten unter besonderer Berücksichtigung Preussens, 1847–1849. In: Veröffentlichungen des Max-Planck-Institut für Geschichte Göttingen. Band 96. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1990, ISBN 3-525-35632-3 (teilweise zugleich Dissertation an der TU Berlin, 1988).
  • Wilfried Löhken: Die Revolution 1848. Berlinerinnen und Berliner auf den Barrikaden. In: Berliner Geschichte(n). Band 2. Edition Hentrich, Berlin 1991, ISBN 3-926175-80-X, S. 10 ff.
  • Adolf Streckfuß: Berlin im 19. Jahrhundert. In vier Bänden (1867–1869). Band 3. Seidl, Berlin 1867, S. 325 ff. (als Faksimile auf CD-ROM erschienen bei: Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, Göttingen 2006).
  • Adolf Streckfuß: Berliner März 1848. Das Neue Berlin, Berlin 1948.
  • Inga Weise: Die Berliner Kartoffelrevolution. Eine Fallstudie zum sozialen Protest im Vormärz. Freie Universität, Berlin 1991 (Magisterarbeit an der Freien Universität Berlin 1991).
  • Kurt Wernicke: Vormärz – März – Nachmärz. Studien zur Berliner Politik- und Sozialgeschichte 1843–1853. Edition Luisenstadt, Berlin 1999, ISBN 3-89542-105-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilfried Löhken: Die Revolution 1848. Berlinerinnen und Berliner auf den Barrikaden. Edition Hentrich, Berlin 1991, ISBN 3-926175-80-X.
  2. Ilja Mieck: Von der Reformzeit zur Revolution (1806–1847). In: Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Geschichte Berlins, Erster Band. Verlag C.H.Beck, München 1987, S. 526–529. ISBN 3-406-31591-7.
  3. a b Kurt Wernicke: … der betretene Weg der Unordnung. Kartoffelrevolution in Berlin 1847. In: Berlinische Monatsschrift 4/1997 beim Luisenstädtischen Bildungsverein
  4. Adolf Streckfuß: Berlin im 19. Jahrhundert. Bd. 3, Berlin 1867, S. 325 ff.