Kartonmöbel

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Kartonmöbel oder Pappmöbel sind Möbelstücke aus Karton oder Wellpappe. Oft lassen sie sich mit wenigen Handgriffen auseinanderfalten und zusammenstecken. Die häufigste und einfachste Form ist der Papphocker.

Geschichte[Bearbeiten]

In vorangegangenen Jahrhunderten waren Papiermachémöbel durchaus geläufige Objekte. Bereits im 18. Jahrhundert arbeiteten die Manufaktur Stobwasser und die Pappmachédynastie Adt mit diesem Material. Während damals versucht wurde, die gängigen Formen und Materialien zu imitieren, indem der Karton gepresst, mit Leinöl getränkt und anschließend unter Hitzeeinwirkung gehärtet wurde, setzen die Hersteller heute bewusst auf den Pappkarton als Stilmittel, der seine Identität nicht zu verbergen braucht; die Haltbarkeit und Formstabilität wird durch entsprechende Falttechniken erzielt. Seit dem letzten Jahrhundert schaffen Designer massengefertigte Kartonmöbelkollektionen. Peter Raacke stellte schon im Jahre 1966 eine Kollektion derartiger Möbel vor, die bereits für die Serienproduktion gedacht war.

NGV design, Frank Gehry, wiggle side chair, 1972

Breitere Bekanntheit erhielten die Kartonmöbel Anfang der 1970er Jahre, als der amerikanische Architekt Frank Gehry systematische Experimente mit Karton im Zusammenhang mit der Möbelproduktion durchführte. Als erste Produktentwicklung gingen siebzehn Entwürfe der „Easy-Edges-Linie“ in den Handel, darunter der „Wiggle Chair“. In Gestalt anmutender Plastiken gegossen, wurden diese zunächst als Schaufensterdekoration entwickelt, jedoch nachfolgend auch kommerziell erfolgreich vertrieben. Jahre später entwickelte Gehry die „Experimental-Edges“, welche jedoch, nicht zuletzt auf Grund der Einzelanfertigung und des Preises, eher als Kunstgegenstände denn Gebrauchsmöbel einzustufen sind.

Der von Peter Raacke begonnene Gedanke der Serienproduktion wurde Ende der 1970er Jahre durch Hans-Peter Stange wieder aufgenommen. Ein aus zwei Teilen bestehender Falthocker kommt mit einem Minimum an Material aus und kann in Serie gefertigt werden. Neben weiteren Erfindungen folgte 1989 ein Bett aus Pappe, das inzwischen weltweit vertrieben wird.

Heutige Produkte[Bearbeiten]

Auf dem freien Markt sind heutzutage vor allem Möbelteile wie Kartonschubfächer und -laden erhältlich. Diese sind oftmals bedruckt oder mit anderen Materialien im Verbund verarbeitet, da die Kartonoberfläche in ihrer Sichtbarkeit nur eingeschränkte Akzeptanz erfährt. Seit den 2000er Jahren entwickelt sich der Markt rasant, vor allem gefördert durch einen Trend zur Nachhaltigkeit.

Prinzipien[Bearbeiten]

Sechs grundlegende Prinzipien (nach Martens/Tschuppik) gestalterischer bzw. konstruktiver Beschaffenheit bzw. deren Mischformen können unterschieden werden:

Schichtprinzip
Hierbei wird eine Vielzahl flacher Kartonscheiben mittels vollflächiger Klebung aneinandergefügt, sodass ein monolithisch erscheinender tragfähiger Korpus entsteht.
Faltprinzip
Aufgrund der Faltung einzelner Kartonbögen werden räumlich steife Körper ausgebildet, welche trotz geringen Gewichtes erhebliche Tragfähigkeit entwickeln.
Steckprinzip
Durch schnitttechnische Ausnehmungen werden Verzahnungen zweier oder mehrerer in der Regel scheibenförmiger Kartonelemente erzielt, welche schlussendlich einen skeletthaft anmutenden Möbelkorpus herausbilden.
Brettprinzip
Analog zum Schichtprinzip werden einzelne scheibenförmige Kartonelemente zu brettähnlichen Elementen verklebt, welche ihrerseits Tragfähigkeit und Stabilität aufweisen können.
Röhrenprinzip
Im Handel erhältliche oder selbstgefertigte Kartonröhren werden zur Entwicklung einer tragfähigen oder gestaltbildenden Struktur herangezogen.
Sandwichprinzip
Dem Prinzip so genannter „Sandwichplatten“ folgend wird eine drei- oder mehrschichtige „Bauplatte“ aus Karton hergestellt, innerhalb derer eine oder mehrere faltwerkartige Bahnen eingeklebt werden.

Patentschriften und Gebrauchsmuster[Bearbeiten]

  • Günther Reinstein (Hannover): Möbel aus Pappe. Österreichische Patentschrift 46100 (Anmeldetag: 30. Oktober 1909)
  • Allo Assmann (Enger): Stuhl und Hocker aus Wellpappe. Gebrauchsmuster DE 1997033 (Anmeldetag: 31. Juli 1968)
  • Papierfabrik Ludwig Osthushenrich KG (Herzberg/Harz; heute Smurfit Kappa Group): Stuhl, insbesondere Kinderstuhl, aus Pappe. Patent DE 6810768 (Anmeldetag: 10. Dezember 1968)
  • Smeets und Schippers Int. (Frankfurt): In einen Verkaufsständer umwandelbarer Sessel aus Wellpappe. Gebrauchsmuster DE 7042529 (Anmeldetag: 17. November 1970)
  • Frank O. Gehry (Santa Monica): Möbelstück od. dgl. Patent US 2259968.4 (Anmeldetag: 7. Dezember 1972)
  • Co-Pak Verpackung GmbH (Nieder-Roden): Kinderstuhl aus Wellpappe. Gebrauchsmuster 7533423 (Anmeldetag: 18. Oktober 1975)
  • Thimm KG (Northeim): Zusammensteckbares Möbelstück aus mehreren Zuschnittsteilen aus Wellpappe, Vollpappe o. dgl. Gebrauchsmuster G83164545 (Anmeldetag: 4. Juni 1983)
  • Europa Karton AG (Hamburg): Insbesondere Ablagezwecken dienendes tragfähiges und standfestes, insbesondere vertikal belastbares Möbelstück aus faltbarem Material, insbesondere Wellpappe. Patent EP 0222130 (Anmeldetag: 30. September 1986)
  • Bruno Rousseaux (Paris): Cardboard furniture constructable by children – is made from parallel sheets with tongues engaging in slots in end panels joined by transversal sections. Gebrauchsmuster FR 2645040 (Anmeldetag: 3. April 1989)
  • Hans-Peter Stange (Berlin): Liegemöbel. Patent P 39 32 773.6 (Anmeldetag 28. September 1989), insgesamt 38 Patente und Gebrauchsmuster
  • Rodger A. McCuliough (Convington): Child's Furniture and Method of Making. Patent US 5263766 (Anmeldetag: 23. November 1993)

Literatur[Bearbeiten]

  •  Graham Dry: Hans Günther Reinstein und seine Möbel aus Pappe. In: Kunst in Hessen und am Mittelrhein. Nr. 22, 1982, S. 131 ff..
  •  Bob Martens: Das Kartonmöbel. Technische Universität Wien, 1995, ISBN 3-901153-03-9.
  •  Gemot Minke: Bauen mit Pappe. In: DBZ. Nr. 11, 1977, S. 1497–1500.
  •  Peter Schreibmayer: Cardboards. Bauen mit Pappe. In: Architektur Aktuell. Nr. 146, 1991, S. 20–21.
  •  Marion Digel: Papermade. Wohnen mit Objekten aus Papier und Karton. München 2002, ISBN 3-576-11580-3.
  •  Olivier Leblois: Carton. Mobilier/Éco-Design/Architecture. Marseille 2008, ISBN 978-2-86364-186-6.
  •  Begleitbuch zur Ausstellung „Einrichten – Leben in Karton“. Städtische Galerie Villa Zanders, Bergisch Gladbach 2008.