Kassel Hauptbahnhof

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Kassel Hbf
Empfangsgebäude mit der Skulptur„Man walking to the sky“
Empfangsgebäude mit der Skulptur
Man walking to the sky
Daten
Lage im Netz Kopfbahnhof
Bahnsteiggleise 12
Abkürzung FK
IBNR 8000193
Kategorie 2
Eröffnung 1856
Profil auf Bahnhof.de Kassel_Hbf
Architektonische Daten
Baustil romantischer Klassizismus
Architekt Gottlob Engelhard
Lage
Stadt/Gemeinde Kassel
Land Hessen
Staat Deutschland
Koordinaten 51° 19′ 5″ N, 9° 29′ 24″ OKoordinaten: 51° 19′ 5″ N, 9° 29′ 24″ O
Eisenbahnstrecken
Bahnhöfe in Hessen
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Kassel Hauptbahnhof ist ein im westlichen Zentrum der nordhessischen Stadt Kassel befindlicher Kopfbahnhof. Fernverkehrszüge verkehren nicht über Kassel Hauptbahnhof, dafür jedoch über den 4 km weiter westlich liegenden Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bahnhof und Gleise auf dem Stadtplan von 1878
Die (mittlerweile überbaute) Fassade auf einer kolorierten Postkarte aus der Jahrhundertwende
ehemaliges Bahnsteiggleis 1 mit dem dX-Beitrag von Lois Weinberger

Der Bahnhof wurde zwischen 1851 und 1856 nach Entwürfen des kurhessischen Oberbaumeisters Gottlob Engelhard im Stile des romantischen Klassizismus für die Friedrich-Wilhelms-Nordbahn (Strecken nach Warburg und Baunatal/Gerstungen), die Hannöversche Südbahn (nach Hann. Münden) sowie die Main-Weser-Bahn (nach Frankfurt/M.) gebaut und Anfang des 20. Jahrhunderts durch Um- und Ausbauten erweitert.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Bahnhofsgebäude durch die Luftangriffe auf Kassel stark beschädigt. Von 1952 bis 1960 erfolgte ein moderner Wiederaufbau unter Beibehaltung der historischen Substanz auf der Bahnsteigseite nach Plänen von Friedrich Bätjer. Von 1968 bis 2005 verkehrte die Kasseler Straßenbahn unterirdisch als U-Straßenbahn am U-Bahnhof Hauptbahnhof.

Fernverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Kasseler Hauptbahnhof ein bedeutender nationaler wie regionaler Verkehrsknotenpunkt des vor allem in Ost-West-Richtung orientierten Eisenbahnverkehrs. Infolge der Deutschen Teilung lag der Bahnhof anschließend nahe der innerdeutschen Grenze abseits der nunmehr hauptsächlich über die Nord-Süd-Strecke von Hannover über Göttingen nach Bebra verlaufenden Verkehrsströme des Personenfernverkehrs.

Deshalb wurde seine Bauform als Kopfbahnhof betrieblich lange Zeit als unbefriedigend betrachtet und es entstanden immer wieder Umbaupläne, die auch die Zuführungsstrecken betrafen.[1] Hohe Kosten, die Bauzeit und eine vermutete schlechte Durchsetzbarkeit führten dazu, dass Vorschläge für einen unterirdischen Durchgangsbahnhof unter dem oberirdischen Kopfbahnhof letztendlich zu Gunsten des peripheren Bahnhofs Wilhelmshöhe verworfen wurden.[2]

Im Zuge der Umsetzung des Projektes Schnellfahrstrecke Hannover–Würzburg für den Hochgeschwindigkeitsverkehr in den 1980er Jahren wurde dann der Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe zum neuen Fernbahnhof ausgebaut, wodurch der Hauptbahnhof mit der Fertigstellung des neuen Fernbahnhofs im Jahr 1991 seine bisherige Bedeutung für den Schienenpersonenfernverkehr verlor. Noch bis zum Fahrplanjahr 2003 fuhren allerdings die morgendlichen und abendlichen InterCity-Züge der Relation Karlsruhe–Hamburg–(Westerland (Sylt)/ –Stralsund) den Bahnhof Kassel Hbf an, wenn diese in Kassel begannen bzw. endeten. Seitdem ist auch für diese Züge Kassel-Wilhelmshöhe Abgangs- und Zielbahnhof.

Kulturbahnhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1995 wurde der Bahnhof grundlegend saniert und als „Kulturbahnhof“ konzipiert. So entstanden neben Kunstgalerien, Architekturzentrum und Gastronomie die „Caricatura“ als Museum für komische Kunst und mit der Wiedereröffnung der BAhnhofsLIchtspiele zwei Programmkinos. Darüber hinaus hat das Medienprojektzentrum Offener Kanal Kassel sein Studio in dem Gebäude. Zur documenta X (1997) entstanden durch den Umbau neue Räume des Südflügels als Ausstellungsflächen, die als Tagungszentrum und die freie Kunstszene genutzt werden sowie der Louis-Spohr-Gesellschaft seit 2009 nach erneutem Umbau als Museumsort dienen. Im Bereich der Franz-Ulrich-Straße hat sich in der alten Betriebsanlage der Deutschen Bundesbahn mit der Nachrichtenmeisterei eine junge Gründungsszene zu etablieren begonnen.

Auf der Nordseite des Bahnhofsgeländes befand sich der Güterbahnhof, der 2014 abgerissen wurde.[3] Die Stadt Kassel hat die Flächen des ehemaligen Güterbahnhofes im September 2013 von der Deutschen Bahn AG gekauft. Auf dem 60.000 m² Gelände soll ein Gewerbegebiet entstehen. Davon sind etwa 32.000 m² für das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) vorgesehen, das bis 2018 dort einen neuen zentralen Standort in Kassel erhalten soll.[4]

Vorplatz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Umnutzung des Hauptbahnhofs zur Kulturstätte wurde als „weltweites Projekt“ der EXPO 2000 anerkannt. Auf dem Vorplatz steht das von der Stadt Kassel angekaufte Kunstwerk „Man walking to the sky“ von Jonathan Borofsky; es war ein Exponat der documenta IX. Der heutige Rainer-Dierichs-Platz (ursprünglich Bahnhofsplatz) wurde nach zwei ausgeschriebenen städtebaulichen Wettbewerben und dem aufwendigen Tiefanschluss für das RegioTram-System 2006 bis zum Jahr 2009 neu gestaltet und trägt seither eine grüne Plateaufläche, die zum Bahnhofsviertel hin durch Betonformstufen absteigt. Die Fassade des Nordflügels soll nach mehrjähriger Einrüstung saniert werden.[5]

Südflügel und Halle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bereich des Gleisfeldes am Südflügel ist seit dem Jahr 1997 durch das Kunstwerk "Das über Pflanzen – ist eins mit ihnen" von Lois Weinberger als Sukzessionsfläche gesichert. Es verdeutlicht, dass aus Bestehendem neues Leben gedeihen kann, wenn man es nur achtet. Es war ursprünglich das Gleis für die Gepäck- und Posttransportzüge (Gleis 1). In der Zeit des Deutschen Faschismus gingen von hier die Deportationen Kasseler Bürger in die Arbeits- und Konzentrationslager. Gegenüber befand sich bis vor wenigen Jahren die Betriebsküche der Deutschen Bundesbahn.

Im Bereich des Querbahnsteiges befindet sich ein Gepäckwagenanhänger eines Geschichts-Erinnerungs-Projektes, bei dem kleine Steine – mit dem Namen eines jüdischen Mitbürgers versehen – in Metallkisten gesammelt wurden und der Mahnung an Deportation und Vernichtung dienen. Dieses Projekt wurde von Schülerinnen und Schülern Kasseler Schulen gemeinsam erarbeitet. In den späten 1990er Jahren hatte hier das Traumtänzer Varieté-Festival stattgefunden, das vom Hessischen Rundfunk übertragen wurde und später noch einmal in der Hammerschmiede der alten Henschelei in Rothenditmold stattfand.

RegioTram[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick vom Dach des Hauptbahnhofs auf die Gleise

Am 1. September 2004 begannen im Hauptbahnhof mit einem symbolischen Akt die Bauarbeiten für die RegioTram nach dem Karlsruher Modell. Der 1962 eröffnete, zweigleisige Straßenbahn-Tunnelabschnitt unter dem Hauptbahnhof mit der gleichnamigen Haltestelle wurde im Frühjahr 2005 stillgelegt. Im Hauptbahnhof wurden die bisherigen Gleise 4 und 5 abgebaut, um dort die drei nunmehr in der Neigung liegenden Bahnsteiggleise zu errichten. Das Gleis 6 des Hauptbahnhofs wurde ebenfalls der RegioTram zugeordnet und an die Rampe mit den neuen Bahnsteigen angeschwenkt. Östlich der Systemwechselstelle gelegen, wird dieses Gleis nur noch von den Regiotramzügen befahren, wobei die Bahnsteigkante im Regelfall ungenutzt bleibt.[6] Zwischen den Gleisen 4 und 5 wurde eine mit Gleichstromfahrleitung überspannte oberirdische Kehranlage eingerichtet. Die Linie RT 4 aus Wolfhagen fährt seit Mitte August 2007 durch den neuen, 170 m langen Tunnel. Im Dezember 2007 wurde der volle Betrieb mit vier Linien (RT 3, 4, 5 und 9) aufgenommen.

Glaskuppeldach des Kasseler Hauptbahnhofs

Die RegioTram-Haltestelle Hauptbahnhof ist dreigleisig mit zwei Mittelbahnsteigen und 110 m lang. Sie weist Steigungen zwischen 35 und 37 Promille auf. Auf Gleis 5 ist der Fahrgastwechsel auf beiden Seiten möglich.[6]

Gebäude und städtebauliche Anbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Südflügel: Veranstaltungsort der dOCUMENTA (13) im Jahr 2012

Das ursprüngliche Gebäude wurde 1854–57 durch den Landbaumeister August Eggena (1809–1887) nach einer Vorlage von Gottlob Engelhard errichtet, wurde aber im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen. Ab 1949 beschäftigte sich der Reichsbahnbaurat Friedrich Bätjer mit einem Wiederaufbau. Er erlebte die Fertigstellung seines Werks nicht mehr, da er an Spätfolgen seiner Kriegsverletzung starb. Ungewöhnlich für jene Zeit war die Entscheidung, die Bahnsteigseite zu rekonstruieren, die zur Stadt hin gewandte Seite jedoch vollkommen neu zu errichten. Ein Grund könnte die städtebauliche Anbindung gewesen sein, da etwa auch das angrenzende Hotel Reiss neu gebaut wurde. Das Bahnhofs-Restaurant wurde von Arnold Bode und Paul Bode entworfen.[7]

Seit 1953 ist der Bahnhof durch die neu angelegte Fußgängerzone „Treppenstraße“ (in Verlängerung der Kurfürstenstraße) direkt mit dem Stadtzentrum verbunden.

Später wurden die filigranen Fenster mit Stahlrahmen durch dickwandige Kunststofffenster getauscht, so dass die Wirkung des ansonsten gut erhaltenen Gebäudes verfälscht wird.

Dach des Kasseler Hauptbahnhof (links zu sehen die Glaskuppel der Empfangshalle)

Die letzte große Baumaßnahme war die Stilllegung des in den 1960er Jahren gebauten Tiefbahnhofs für die Straßenbahn und die unterirdische Durchbindung der RegioTram.

Anbindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fernverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kasseler Hauptbahnhof hat seine Fernverkehrsanbindung nach dem Bau des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe im Jahr 1991 verloren. Danach diente der Bahnhof zeitweise nur für wenige Züge des Fernverkehrs als Endstation und Abstellbahnhof über Nacht; seit dem Fahrplanjahr 2013/14 gab es jedoch keinen planmäßigen Fernverkehr im Kasseler Hauptbahnhof mehr.

Regionalverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DB Regio fährt alle zwei Stunden nach Frankfurt über Gießen, hinzu kommen einzelne Fahrten der DB-Tochter Kurhessenbahn nach Bad Wildungen. In Richtung Göttingen über Eichenberg und Fulda über Bebra verkehrt im Stundentakt die Cantus Verkehrsgesellschaft.

Der Hauptbahnhof ist zentraler Punkt der Regiotram Kassel. Von hier fährt sie jeweils im 30-Minuten-Takt nach Hofgeismar (Bahnstrecke Warburg-Kassel), Zierenberg (Bahnstrecke Volkmarsen–Vellmar-Obervellmar, einmal stündlich weiter bis Wolfhagen) und Melsungen. Eine weitere stündliche Regiotram-Linie fuhr nach Treysa (Main-Weser-Bahn), sie wurde im Dezember 2015 durch die Hessische Landesbahn ersetzt.

Ehemals führte auch der Personenverkehr der Bahnstrecke Kassel–Waldkappel und zeitweilig der Bahnstrecke Kassel–Naumburg in den Hauptbahnhof.

Nahverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Regionalbus- und Stadtbuslinien halten an verschiedenen Halteinseln um den Bahnhofsplatz. Die End- und Pausenhaltestelle für die Regionalbusse befand sich für einige Jahre im Bereich der ehemaligen Wendeschleife an der Ottostraße/Grüner Weg. Dort befanden sich zuletzt die Straßenbahnendhaltestellen der Linien 4 und 8 nach Bettenhausen sowie der Ausgang des Tiefbahngleises, das ursprünglich durch die Linien 6 und 7 befahren wurde. Sowohl diese Endhaltestelle, die seit einigen Jahren den Namen Polizeipräsidium trägt, als auch die weitere Strecke bis Lutherplatz werden von Straßenbahnen nur noch bei Umleitungen bedient. Seit 2015 beginnen die Fahrten der Regionalbuslinie 32 an der nordwestlich des Hauptbahnhofes gelegenen Haltestelle Fraunhofer Institut, die Stadtbuslinie 17 und die Regionalbuslinie 37 folgten im Laufe des Jahres 2016. Die genannten Linien bedienen zudem die Haltestelle Hauptbahnhof Nord, welche sich unmittelbar am nördlichen Eingang des Hauptbahnhofes befindet.

Siehe auch: Straßenbahn Kassel, RegioTram Kassel

NVV-Linie KBS Verlauf Bediente Strecke(n) Betreiber
RT5/R5 610 AuestadionRathaus/FünffensterstraßeKassel HbfMelsungenBebraBad HersfeldFulda Main-Weser-Bahn, Bahnstrecke Bebra–Baunatal-Guntershausen, Bahnstrecke Bebra–Fulda Cantus, RBK
R8 611 Kassel HbfWitzenhausen NordEichenbergGöttingen Hannöversche Südbahn, Bahnstrecke Halle–Hann. Münden, Bahnstrecke Göttingen–Bebra Cantus
RT4 612 Holländische StraßeKönigsplatz – Rathaus/Fünffensterstraße – Kassel HbfWolfhagen Harleshäuser Kurve, Bahnstrecke Volkmarsen–Vellmar-Obervellmar RBK
RE30/RB38/RE98 635 Kassel HbfWabernTreysaMarburgGießenFrankfurt (Main) Main-Weser-Bahn DB Regio, Kurhessenbahn, HLB
RE39/RB39 621 Kassel HbfWabernFritzlarBad Wildungen Main-Weser-Bahn, Bahnstrecke Wabern–Brilon Wald Kurhessenbahn
RT1 435 Holländische Straße – Königsplatz – Rathaus/Fünffensterstraße – Kassel HbfHofgeismar-Hümme Harleshäuser Kurve, Bahnstrecke Kassel–Warburg RBK

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kassel Hauptbahnhof – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Folckert Lüken-Isberner: Kassels Fernbahnhof im Stadtgefüge - unbekannte Planungen des 20. Jahrhunderts. In: Lutz Münzer (Hrsg.): Vom Drachen zur RegioTram. Eisenbahngeschichte in der Region Kassel. Kassel 2014. ISBN 978-3-933617-56-9, S. 101–108.
  2. Edmund Mühlhans, Georg Speck: Probleme der Kopfbahnhöfe und mögliche Lösungen aus heutiger Sicht. In: Internationales Verkehrswesen. Band 39, Nr. 3, 1987, ISSN 0020-9511, S. 190–200.
  3. „Gebäude des Kasseler Güterbahnhofs sind abgebrochen“, HNA vom 30. Oktober 2014, abgerufen am 26. Dezember 2014.
  4. „Standortentwicklung Energiesystemtechnik am Hauptbahnhof Nordseite“ auf den Seiten der Stadt Kassel, abgerufen am 26. Dezember 2014.
  5. Sanierung des Hauptbahnhofs: Verspätung am Baugerüst, HNA vom 20. September 2012, abgerufen am 16. September 2013.
  6. a b Achim Uhlenhut: Nordhessische RegioTram. In: Verkehr und Technik, Heft 1/2005, S. 3–9, ISSN 0340-4536.
  7. Alexander Koch: Hotels, Restaurants, Café- und Barräume, S.306.1951. In: Verkehr und Technik, Heft 1/2005, S. 3–9, ISSN 0340-4536.