Kastell Seligenstadt

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Kastell Seligenstadt
Limes ORL 32 (RLK)
Strecke (RLK) Obergermanischer Limes,
Strecke 6
(Mainlinie)
Datierung (Belegung) trajanische Zeit bis zum Limesfall
Typ Kohortenkastell
Einheit Cohors I civium Romanorum equitata
Größe 190 × 160m = 3,04 ha
Bauweise Steinkastell
Erhaltungszustand überbaut
Ort Seligenstadt
Geographische Lage 50° 2′ 38,7″ N, 8° 58′ 33,1″ OKoordinaten: 50° 2′ 38,7″ N, 8° 58′ 33,1″ O
Höhe 109 m ü. NHN
Vorhergehend ORL 23: Kastell Großkrotzenburg
(nördlich)
Anschließend ORL 33: Kastell Stockstadt
(südlich)

Das Kastell Seligenstadt war ein römisches Kastell an der Mainlinie des Obergermanisch-Raetischen Limes in Seligenstadt im Landkreis Offenbach in Hessen. Heute ist die Anlage komplett überbaut und nicht mehr oberirdisch sichtbar.

Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kastell Seligenstadt ist abgesehen von dem leicht rückwärtig am Main gelegenen Kastell Hainstadt, das aber mit Kastell Salisberg und Stockstadt etwas früher in domitianischer Zeit anzusetzen ist,[1] das nördlichste Kastell der Mainlinie vor dem Übergang des Limes über den Fluss bei Großkrotzenburg.

Das Kastell befindet sich im Stadtkern von Seligenstadt auf einer leichten Erhebung, die von Westen auf einer Höhe von etwa 109 m ü. NN zungenförmig in die Ebene des Main hineinreicht. Das kleine Plateau überragt den Fluss um vier Meter und bot damit einen gewissen Schutz vor Hochwasser. Von Westen war es leicht zu erreichen, während sich nördlich und südlich leichte Niederungen befinden, die zum Main entwässern.

Kastell Seligenstadt ORL 32, Lageplan
Weihestein des L(ucius) Gellius Celerianus für Diana (CIL 13, 6659) der im Torturm des mittelalterlichen Maintores vermauert war. Ausstellung im Landschaftsmuseum Seligenstadt, mit freundlicher Genehmigung des Museums.
Vermauerte Inschrift der coh. I c.r. eq. in der Einhard-Basilika.[2] Leider nur teilweise zu sehen. Hinter der Figur des Apostels Bartholomaeus befindet sich noch ein Teil mit der Lesung „ROMANOR“ (die Reihenfolge der Steine wurde offensichtlich bei der Einmauerung vertauscht).
Ziegelstempel im Landschaftsmuseum Seligenstadt
Münzschatz aus dem Kastellvicus Seligenstadt. Ausstellung von Teilen im Landschaftsmuseum Seligenstadt.
Landschaftsmuseum Seligenstadt, Blick in die römische Abteilung

Forschungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Römische Funde ließen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts bereits ein römisches Kastell in Seligenstadt vermuten. So fand man beim Kiesgraben 1816/17 vor dem Frankfurter Tor Bruchstücke römischer Gefäße. Beim Abbruch der Stadtmauer am Maintor wurden Reste von Mauern und Hypokausten gefunden, die aber erst beim Abbruch des Maintores 1840/41 als Teil des römischen Kastellbades gedeutet wurden. Ebenfalls dort fand sich der Weihestein des Lucius Gellius Celerianus, Centurio der Legio XXII Primigenia.[3]

Grabungen der Reichs-Limeskommission unter Friedrich Kofler folgten 1886, 1896 und 1902. Kofler durchsuchte vornehmlich das Gebiet der Benediktinerabtei, ohne auf eindeutig dem Kastell zuzuordnende Befunde zu stoßen. Erst Ernst Fabricius vermutete im Limeswerk das Kastell richtig unter der Seligenstädter Altstadt.[4]

1937 schließlich wurden Teile der Kastellumwehrung bei Kanalarbeiten durch Otto Müller und Karl Nahrgang dort nachgewiesen. Bei erneuten Grabungen im Klosterareal 1951 sowie 1954/55 wurden die dortigen Befunde als Teil des Vicus erkannt. Hinter dem Rathaus erbrachten Ausgrabungen 1975/76 durch Egon Schallmayer einen Ausschnitt der Innenbebauung des Kastells.

Kastell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Befunde und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sehr ausschnitthaften Befunde Nahrgangs und Müllers erlaubten es, die Kastellgröße mit 160 × 190 Meter zu bestimmen. Das Kastell nahm einen großen Teil der Altstadt ein, von der Kaiserpfalz bis über den Marktplatz hinaus und von der Kleinen Maingasse bis an die Mohrmühlgasse.

Als Besatzung ist die cohors I civium Romanorum equitata (1. teilberittene Kohorte römischer Bürger) belegt. Eine Inschrift, die oberhalb der Kanzel der Einhards-Basilika vermauert wurde, nennt diese Einheit.[2] Funde von vier verschiedenen Stempeltypen der Kohorte auf Ziegeln in Seligenstadt legen ebenfalls eine Anwesenheit dieser Einheit nahe.[5] Aus Militärdiplomen ist die Einheit zunächst in Niedergermanien bezeugt, aber bereits seit 116 n. Chr. in Obergermanien nachweisbar. Eine Inschrift aus Großkrotzenburg belegt, dass ihrem Kommandanten, einem Kohortenpräfekt, gleichzeitig die dortige IIII. Vindelikerkohorte unterstand.[6]

Die Grabungen 1975/76 erbrachten einen Ausschnitt der Innenbebauung des Kastells mit zwei 3 × 3 Meter großen Räumen sowie einer davor liegenden Portikus, bestehend aus einem Pfostengraben und einem zweiperiodigen Traufgräbchen. Es bleibt unklar, ob es sich um einen Teil des Stabsgebäudes (Principia) handelt, da es ähnliche Raumgrößen auch bei Mannschaftsbaracken gibt.[7] Damit bleibt auch die Ausrichtung des Kastells unsicher, wahrscheinlich lag das Kastell mit dem Haupttor nach Osten, auf den Main und Limes zu.[8] Dies entspräche auch der Ausrichtung der beiden südlich gelegenen Mainkastelle Stockstadt und Niedernberg.

Badegebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die frühen Grabungen am südöstlich des Kastells gelegenen Badegebäude haben nicht das komplette Gebäude erfasst. Im Wesentlichen wurden die hypokaustierten Heiß- und Laubaderäume angeschnitten. Vermutlich handelte es sich um ein Bad des Reihentyps, bei dem die unterschiedlich temperierten Räume nacheinander genutzt wurden. Eine Besonderheit in der Bauweise war das unterschiedliche Höhenniveau der Räume am Abhang zum Mainufer hin. Die Zufuhr mit Frischwasser erfolgte wahrscheinlich von Südwesten mittels eines Abzweiges des dort verlaufenden, heute kanalisierten Breitenbachs.[9]

Im Kastellbad wurden zahlreiche gestempelte Ziegel gefunden, darunter viele der 22. Legion aus Mainz sowie der coh. I c.r. eq. Die Funde waren bereits zu Zeiten der Reichs-Limeskommission verschollen. Im Landschaftsmuseum Seligenstadt werden heute wenige Ziegelstempel aus späteren Grabungen ausgestellt.

Datierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Funde aus den Grabungen 1975/76 (hier besonders aus den Traufgräbchen), die inschriftlichen und Ziegelfunde legen folgende Chronologie nahe: Erste Holzbauphase um 100 n. Chr. Der Ausbau in Stein erfolgten dann um 150 n. Chr. Das passt gut zu der Datierung der umliegenden Kastelle, namentlich Großkrotzenburg, das vermutlich erst nach der Aufgabe des Kastells Hanau-Salisberg in trajanischer Zeit entstand. Analog dazu könnte südlich des Mains eine gleiche Entwicklung mit der Aufgabe des Kastells Hainstadt für Seligenstadt vorliegen.

Das Kastell bestand bis in die Zeit des Limesfalls um 260 n. Chr. Spätantike Funde aus dem 1975/76 freigelegten Kastellinneren bestätigen die Anwesenheit von Alamannen in nachrömischer Zeit. Zu diesen Funden gehören ein Follis des Constans, ein Beinkamm sowie rädchenverzierte Argonnensigillata.

Zivilsiedlung und Gräberfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das zugehörige Kastelldorf (Vicus) erstreckte sich an den drei Landseiten um das Kastell herum. Einzelne Funde reichen im Norden über die Stadtmühl- und die Schlüsselgasse hinaus. Im Klostergelände südlich des Kastells konnten mehrere Gruben, Straßen und Keller nachgewiesen werden. Die Ausdehnung nach Westen ist unsicher. Hier wurde 1965 ein Münzschatz aus 162 Denaren gefunden, der heute im Museum ausgestellt ist. Vermutlich war der während Kanalarbeiten durch den Bagger auseinandergerissene Schatz umfangreicher als publiziert, da die Funde nicht komplett in öffentliche Sammlungen kamen. Er könnte ursprünglich bis zu 500 Münzen umfasst haben.[10] Die Funde aus dem Vicus reichen zeitlich bis zum Limesfall um 260 n. Chr.

Der Fund eines Graffito auf einer Terra Sigillata-Scherbe (...OGABI NVNDINENSIVM) wird als Nennung einer Marktgottheit interpretiert und könnte andeuten, dass in Seligenstadt ein römischer Markt existiert hat.[11] Eine Inschrift mit Nennung eines beneficiarius consularis könnte Hinweis auf eine Station dieser Polizeitruppe ähnlich wie in Obernburg oder Großkrotzenburg sein.[12]

Gräberfelder befanden sich erwartungsgemäß an den südlichen, westlichen und nördlichen Ausfallstraßen. Ein großes Gräberfeld befand sich in der Umgebung des Steinheimer Tores, ein weiteres unter der evangelischen Kirche und an der Froschhausener Straße. Häufige Gefäßfunde, wenige Münzfunde und viele Einzeluntersuchungen römischer Gräber bei Bauarbeiten fügten das Gesamtbild dieser Gräberfelder zusammen.

Die Römerstraßen entsprechen der Verbindung am Main von Stockstadt zu den nachgewiesenen Mainbrücken bei Großkrotzenburg und Kesselstadt sowie westlich der Verbindung über Babenhausen nach Dieburg. Die im Main 1887 aufgefundenen Reste einer hölzernen Brücke stammen wahrscheinlich aus karolingischer Zeit oder noch später aus dem Mittelalter.

Landschaftsmuseum Seligenstadt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das örtliche Museum befindet sich in der ehemaligen Benediktinerabtei im Klosterhof. Schwerpunkte der Ausstellung sind Römerzeit, Kloster- und Stadtgeschichte sowie Volkskunde. Gleich rechts im Eingangsbereich wird der Weihestein aus dem Maintorturm ausgestellt. Die römische Abteilung befindet sich im 1. Stock. Sie enthält Teile einer Jupitersäule, große Mengen Keramikfunde, darunter gestempelte Ziegel, sowie Teile des erwähnten Münzschatzes.

Denkmalschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kastell Seligenstadt und die erwähnten Anlagen sind als Teil des Obergermanisch-Raetischen Limes seit 2005 Teil des UNESCO-Welterbes. Außerdem sind es Bodendenkmäler nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz. Nachforschungen und gezieltes Sammeln von Funden sind genehmigungspflichtig, Zufallsfunde an die Denkmalbehörden zu melden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dietwulf Baatz: Der Römische Limes. Archäologische Ausflüge zwischen Rhein und Donau. 4. Auflage. Gebr. Mann, Berlin 2000, ISBN 3-7861-2347-0, S. 176.
  • Dagmar Kroener, Gesine Weber: Neues aus dem römischen und mittelalterlichen Seligenstadt – Ergebnisse von baubegleitenden Maßnahmen und Notbergungen. In: hessenARCHÄOLOGIE 2001. Theiss, Stuttgart 2002, ISBN 3-8062-1749-1, S. 112 f.
  • Karl Nahrgang: Die Bodenfunde der Ur- und Frühgeschichte im Stadt- und Landkreis Offenbach am Main. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main, 1967, S. 187–196.
  • Egon Schallmayer: Das römische Seligenstadt, Kreis Offenbach. Führungsblatt zum Kastell und zur Zivilsiedlung. Landesamt für Denkmalpflege, Wiesbaden 1979 (Archäologische Denkmäler in Hessen 9).
  • Egon Schallmayer: Ausgrabungen in Seligenstadt. Zur römischen und mittelalterlichen Topographie. Saalburg-Jahrbuch 43, 1987, S. 5–60.
  • Egon Schallmayer, in: Dietwulf Baatz und Fritz-Rudolf Herrmann (Hrsg.): Die Römer in Hessen. 3. Auflage. 1989. Lizenzausgabe Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-58-9, S. 477–479.
  • Bernd Steidl: Welterbe Limes – Roms Grenze am Main. Begleitband zur Ausstellung in der Archäologischen Staatssammlung München 2008. Logo, Obernburg 2008, ISBN 3-939462-06-3, S. 68–73.
  • Gesine Weber: Schreibfreudige Römer – Neufunde aus dem römischen Seligenstadt. In: hessenARCHÄOLOGIE 2006 S. 82–84.
  • Georg Wiesenthal, in: Werner Jorns: Neue Bodenurkunden aus Starkenburg. Bärenreiter, Kassel 1953, S. 115f., 141f.

Grabungsbericht der Reichs-Limeskommission:

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nach einer neueren Auswertung der Münzreihen sogar erst zwischen 100 und 110 n. Chr., siehe Klaus Kortüm: Zur Datierung der römischen Militäranlagen im obergermanisch-raetischen Limesgebiet. In: Saalburg-Jahrbuch 49, 1998. Zabern, Mainz 1998, S. 30.
  2. a b Helmut Castritius, Manfred Clauss: Die römischen Steininschriften des Odenwaldes und seiner Randlandschaften (RSOR). In: Beiträge zur Erforschung des Odenwaldes und seiner Randlandschaften 3. Breuberg - Neustadt 1980, Nr. 27.
  3. CIL 13, 6659.
  4. Fabricius 1914 ORL B II Nr. 32.
  5. Fabricius 1914 ORL B II Nr. 32. S. 5.
  6. CIL 13, 7411.
  7. Schallmayer 1989, S. 478.
  8. So auf dem Plan bei Nahrgang 1967, S. 188, Abb. 189.
  9. Schallmayer 1989 S. 478; Schallmayer 1979.
  10. Helmut Schubert: Die Fundmünzen der römischen Zeit in Deutschland (FMRD) Abt. V: Hessen. Bd. 2,1: Darmstadt. Mainz 1989, ISBN 3-7861-1292-4, S. 389–403; Nahrgang 1967, S. 189.
  11. Bernd Steidl: Welterbe Limes: Roms Grenze am Main. Logo, Obernburg am Main 2008, S. 107.
  12. AE 1989, 572.