Obertongesang

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Obertongesang ist eine Gesangstechnik, die aus dem Klangspektrum der Stimme einzelne Obertöne so herausfiltert, dass sie als getrennte Töne wahrgenommen werden und der Höreindruck einer Mehrstimmigkeit entsteht[1]. Man spricht dann von Obertongesang, wenn den Obertönen eine eigenständige musikalische Funktion zukommt, zu unterscheiden von Gesangtechniken, die lediglich die Klangfarbe der Stimme mit Obertönen anreichern.

Stile[Bearbeiten]

Westlicher Obertongesang[Bearbeiten]

Die Gesangskunst wurde im okzidentalen Kulturkreis vor allem in der New-Age-Szene der 1980er Jahre populär. In den 1960ern hatten Komponisten wie La Monte Young und Karlheinz Stockhausen Obertongesang in die Avantgardemusik eingeführt. Obertongesang ist ebenfalls Bestandteil im Barbershopgesang. Obertöne werden dort mit drei verschiedenen Techniken erzeugt.

Die westliche Obertonmusik ist also recht jung. Während einige Künstler ihre Techniken vor allem aus Stimmexperimenten und Vokaltechniken zu einer neuen Kunstform entwickelten, lassen sich viele jüngere Obertonsänger auch von den asiatischen Kehlgesangtechniken inspirieren. Trotzdem ist ein Obertonsänger klanglich meist leicht von einem asiatischen Kehlsänger zu unterscheiden.

Obertonsänger nutzen als Grundton die „normale“ weiche Stimme. Dadurch ist ein fließender Übergang von Vokalen und Sprache zu Obertongesang möglich. Für viele Obertonmusiker sind daraus entstehende neuartige Klangfarben die Grundlage ihres künstlerischen Ausdrucks. Andere entwickeln eine hohe Virtuosität in polyphoner Singweise, indem sie zwei unabhängige Melodien gleichzeitig mit Grund- und Oberton singen. Es existieren Singkreise, die mit Obertönen in Gruppen improvisieren (chanten, tönen, Obertonchor). Der Obertongesang gehört der freien Musikszene an und entwickelt sich stetig weiter. Inzwischen wurden die ungewöhnlichen Klangeffekte auch für die Filmmusik entdeckt und finden sogar Interesse in der E-Musik. Jüngere Anwendungen in der Musiktherapie zeigen Potenziale des Obertongesangs im Heilwesen auf.

Kehlgesang[Bearbeiten]

In Tuwa, der Mongolei und weiteren Ländern Zentralasiens rund um das Altaigebirge wird Obertongesang in verschiedenen Formen des Kehlgesangs gepflegt. Weitere Bezeichnungen sind Kehlkopfgesang, Khoomei (Khöömei, Khöömii), tuwinisch: Хөөмей (für „Kehle“), mongolisch: Хөөмий, khakassisch: Khay. Ähnliche Obertongesänge kennt man als umngqokolo von den Xhosafrauen in Südafrika und von den Dani in Papua-Neuguinea, allerdings erinnert dieser Kehlgesang eher an den westlichen Obertongesang, das Joiken der Sami oder gar an alpenländisches Jodeln.

Kehlgesang unterscheidet sich von westlichem Obertongesang sowohl musikalisch durch seine ethnische Tradition wie auch technisch durch besondere Arten den Grundton zu erzeugen. Beim Kehlgesang werden unter anderem Teile des Kehlkopfs verengt (Xorekteer). Man diskutiert eine Verengung der Taschenfalten (falsche Stimmlippen) bzw. einen aryepiglottischen Sphinkter (Bildung einer Verengung der aryepiglottischen Falten mit der Epiglottis), die jeweils einen Resonanzraum im Kehlkopf hervorrufen, der den Oberton gegenüber dem Grundton verstärkt.

Eine spezielle Kunst der Kehlsänger sowohl in Zentralasien als auch bei den Kehlsängerinnen der Xhosa ist der Gebrauch von Untertongesangstechniken, die man in Tuwa Kargyraa nennt. In der Regel wird der erste Unterton der Grundstimme, die erste Subharmonische, als Grundton verwendet. Dadurch wird das Obertonspektrum des Sängers bzw. der Sängerin stark erweitert.

Der Begriff Kehlgesang wird oft synonym für zentralasiatischen Obertongesang verwendet. Das führt gelegentlich zu Verwechslungen, weil der Begriff auch für Gesangsstile Verwendung findet, die nicht zum Obertongesang zählen. Es gibt beispielsweise Untertongesangsarten, die als Kehlgesang bezeichnet werden. Die Tieftongesänge der tibetischen Lamas sowie der Samen in Lappland (Joik) seien in dem Zusammenhang erwähnt, bei denen die Obertöne nicht gezielt als musikalische Struktur verwendet werden. Auch die Kehlgesänge der Inuit und der sardischen „cantu a tenores“ sind in engeren Sinne kein Obertongesang. Aber die Klassifizierung ist oft schwierig, weil ein westlich ungeschultes Ohr die Absichten fremder Musikkulturen möglicherweise nicht erkennt. Einige Autoren möchten zum Beispiel die Dominanz der 10. Harmonischen in tibetischen Gesängen als Obertongesang bezeichnet wissen.

Künstler (Auswahl)[Bearbeiten]

Obertongesang[Bearbeiten]

Chris Amrhein, Isabeella Beumer, Dennis Berger, Bruno Bieri, Christian Bollmann, Lutz Czech, Miroslav Großer, Nigel Charles Halfhide, Stuart Hinds, David Hykes, Andreas Krause, Roberto Laneri, Nick McGregor, Bernhard Mikuskovics, Thomas Mörth, Jens Mügge, Natascha Nikeprelevic, Martina Parzer, Paul Pena, Wolfgang Peschel, Matthias Privler, Markus Riccabona, Wolfgang Saus, Steve Sklar, Stimmhorn, Karlheinz Stockhausen, Michael Vetter, Rainer von Vielen, Christian Zehnder, Gisbert Schürig, Werner Galda, Avi Kaplan, Ulrissa Lund

Khoomei-Kehlgesang[Bearbeiten]

Arjopa, Alash, Altai Khairkhan, Börte, Chirgilchin, Egschiglen, Hosoo, Huun-Huur-Tu, Okna Tsahan Zam, Sainkho Namtchylak, Tyva Kyzy, Yat Kha

Kurzanleitung und Klangbeispiele[Bearbeiten]

  1. Obertongesang?/i
  2. Unterton-/Kehlkopfgesang?/i
  3. Kehlkopfgesang mit Obertönen?/i

Es gibt unterschiedliche Obertontechniken:

  1. Eine einfache Art, erste Obertöne zu erzielen, ist die Intonation des Wortes „Hang“ in einer mittleren, angenehmen Tonlage. Dabei muss der Nasal gehalten werden. Indem man nun die Lippen nacheinander zu U-O-Å-A-Ä-E-I formt, entstehen feine und sehr hohe Töne. (Å= „o“ in „offen“)
  2. Einer simplen Art des Untertongesangs nähert man sich durch einen ähnlichen Grundklang wie bei 1., nur, dass hier der Kehlkopf sehr locker gelassen wird und der Mund-Rachenraum langsam geöffnet wird.
  3. Die Kombination aus beiden Klängen erreicht man, indem Klang 2 nasaliert wird. Zum Ansingen mit sofortiger Stütze eignet sich ein Plosivlaut wie „D“ mit angehängtem Nasal, also ungefähr „Dnnnnn…“.

Sehr hilfreich ist es, wenn man sich zum Üben einen Raum auswählt, der eine sehr gute Eigenresonanz hat. Wenn man dann Töne singt, welche der eigenen Resonanz des Raumes entsprechen, dann lassen sich Obertöne wesentlich einfacher darstellen. Man erkennt diese Resonanzen dadurch, dass sich ein Ton bei einer bestimmten Tonhöhe wesentlich lauter anhört als andere Tonhöhen, obwohl man selbst alle Töne gleich laut singt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Untertongesang, Obertonchor, Harmonische, Partialtöne, Teiltöne

Literatur[Bearbeiten]

  •  Arjopa: Choomii – das mongolische Obertonsingen. Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-86150320-4 ([Medienkombination] Anleitung zum Selberlernen).
  •  Sven Grawunder: On the Physiology of Voice Production in South-Siberian Throat Singing. 1 Auflage. Frank & Timme, 2009, ISBN 3-86596172-X.
  • Peter Imort: Obertonsingen. Ahnung des Unendlichen?. In: Beiträge zur Popularmusikforschung Bd. 09/10 (1990), S. 86–96 (Volltext)
  •  Theodore Craig Levin, Valentina Suzukei: Where rivers and mountains sing: sound, music, and nomadism in Tuva and beyond. Indiana University Press, Bloomington 2006, ISBN 0-253-34715-7.
  •  Wolfgang Saus: Oberton Singen. Mit CD. 4. (2011) Auflage. Traumzeit Verlag, Battweiler 2004, ISBN 3-933825-36-9.
  •  M. van Tongeren: Overtone Singing Physics and Metaphysics of Harmonics in East and West. Eburon, 2004, ISBN 90-5972132-2 (geb. Ausg. ISBN 90-5972-133-0).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wolfgang Saus: Oberton Singen. Traumzeit-Verlag, Battweiler 2004, ISBN 3-933825-36-9, S. 58.