Ken Wilber

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Ken Wilber

Kenneth "Ken" Earl Wilber Jr. (* 31. Januar 1949 in Oklahoma City) ist ein US-amerikanischer Autor im Bereich der Integralen Theorie, der vor allem über Psychologie, Philosophie, Mystik und Spirituelle Evolution schreibt. Im Jahr 1998 gründete er das Integral Institute. Er lebt und arbeitet in Denver.

Person[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilber wurde 1949 in Oklahoma City geboren. Ab 1967 schrieb er sich als Medizinstudent an der Duke University ein. Er beschäftigte sich mit fernöstlicher Literatur und Philosophie, insbesondere dem Daodejing. Er wechselte an die staatlichen University of Nebraska-Lincoln, verließ diese jedoch ohne Abschluss, um sich seinem Privatstudium zu widmen und Bücher zu schreiben. 1973 erschien sein erstes Buch, The Spectrum of Consciousness.

1983 heiratete er Terry Killam. Als seine Frau an Brustkrebs erkrankte, schränkte er für einige Jahre seine Schriftstellertätigkeit ein, um sie zu pflegen. 1987 zog das Paar nach Boulder (Colorado). Sie verstarb 1989. Über die gemeinsamen Erfahrungen der beiden erschien 1991 das Buch Grace and Grit.

Wilber war 2011 Mitbegründer des Center for World Spirituality[1] und arbeitete dort mit dem ehemaligen orthodoxen Rabbiner Marc Gafni zusammen. 2014 wurde das Institut in Center for Integral Wisdom umbenannt.

Philosophie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Ken Wilber befasst sich mit der Zusammenführung von Philosophie, Wissenschaft und Religion, den Erfahrungen der Mystiker und der Meditation. Er sieht sich als Protagonist des Integralen Denkens und als Vertreter einer post-postmodernen, postmetaphysischen und postrationalen Spiritualität des „Neo-Perennialismus“ (in Abgrenzung zur eigentlichen Philosophia perennis). Seine integrale Philosophie orientiert sich an fernöstlichen Weisheitstraditionen des Nicht-Dualismus und soll diese weiterentwickeln.

Wilbers beruft sich auf die Lehren von Plotin, Meister Eckhart, Sri Aurobindo, des deutschen Idealismus, des Advaita Vedanta Hinduismus, des tibetischen Buddhismus, Jean Gebser, Jürgen Habermas, Jean Piaget, Lawrence Kohlberg, Arthur Koestler, Teilhard de Chardin, Alfred North Whitehead, Clare W. Graves, Rupert Sheldrake, Jiddu Krishnamurti und vieler anderer. Er will die Stärken und Schwächen verschiedener weltanschaulicher und philosophischer Richtungen aufzeigen und einen theoretischen Rahmen entwickeln, in dem verschiedene Traditionen Platz haben. Deshalb trägt diese Denkrichtung die Bezeichnung „Integrale Theorie“.[2]

Im Gegenzug kritisiert Wilber insbesondere die Evolutionstheorie. Insbesondere die Vorstellung massenhafter, zufälliger Mutationen sei unglaubwürdig.[3]

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Hauptwerk Wilbers galt lange Zeit das 1995 erschienene Eros Kosmos Logos (Originaltitel: Sex, Ecology, Spirituality). Darin befasst er sich im ersten Teil mit Systemtheorien, im zweiten mit Philosophiegeschichte unter Bezug auf andere Wissenschaftszweige wie Physik, Biologie, Soziologie oder Psychologie. Zusätzlich fließen religiöse Gedanken und Elemente der Naturphilosophie in Wilbers Denken ein. Er behauptet, miteinander konkurrierende Denkschulen und Wissenschaftsdisziplinen in einer philosophischen „Theorie von allem“ (Theory of Everything) zu vereinen.

In Integrale Spiritualität (2007) postuliert er die Notwendigkeit der Integration von Spiritualität in der Moderne und Postmoderne, zugleich die Entwicklungsmöglichkeiten von in der Vormoderne fixierter Religion, die diese Integration ermöglichen könnten. Hierfür beruft er sich auf Theologen wie Hans Küng, Raimon Panikkar, John Shelby Spong, Stanley Grenz und Kevin J. Vanhoozer.

Wilbers rund 20 Bücher wurden bisher in 30 Sprachen veröffentlicht.

Wilbers Theorien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilber unterscheidet und verwendet durchgängig[4] zwei scheinbar gleiche Paare von Begriffen, deren erster „umgangssprachlich“ und deren zweiter in „erweiterter Form“ verwendet wird. Die zweite Form wird (in der deutschen Übersetzung) durch eine besondere Schreibweise gekennzeichnet:

umgangssprachlich
engere Bedeutung
erweiterte Form
höhere Bedeutung
noosphärische“ Kraft Geist
der denkende Geist oder Verstand
GEIST
der transzendente Geist, die höchste Allmacht („Gott“)
„Alles“: die Gesamtheit Kosmos
das materielle Universum, der Weltraum
Kósmos
die Gesamtheit von Materie, Leben, Geist und GEIST

Die erweiterte Form enthält und umschließt den umgangssprachlichen Begriff, ist also in Wilbers Terminologie auf einer höheren holarchischen Ebene angesiedelt.

Diese „doppelte“ Verwendung von Begriffen (in eingeschränkter bzw. universeller Form) findet man in vielen Philosophie-Bereichen, beispielsweise beim Begriff „Seele“. Bei „Kósmos“ soll durch den Akzent auf dem „o“ die altgriechische Bedeutung anklingen.

Theorie der Ebenen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Grundgedanke in Wilbers Theorien sind Bewusstseinsebenen, die das Individuum nach seiner Ansicht im Laufe der Persönlichkeitsentwicklung durchläuft. Er weist dabei auf Parallelen verschiedener Modelle hin, die unterschiedliche Abstufungen, aber grundsätzlich eine vergleichbare Abfolge von Stufen postulieren, so etwa bei Jean Gebser (Kultur), Don Beck/Spiral Dynamics (Werte), Abraham Maslow (Bedürfnisebenen), Jean Piaget (kognitive Entwicklung),[5] Erik H. Erikson (psychosoziale Entwicklung), Lawrence Kohlberg und Carol Gilligan (moralische Entwicklung), James W. Fowler (Stufen des Glaubens), Clare W. Graves (Persönlichkeitsentwicklung), Jane Loevinger (Ich-Entwicklung) und anderen.[6]

Verschiedene Ebenen können verwechselt werden; Wilber bezeichnet dies als Prä/Post-Verwechslung oder Prä/Trans-Verwechslung.[7] Beispielsweise ähneln sich bei Kohlbergs Theorie der Moralentwicklung die präkonventionelle und die postkonventionelle Ebene, weil sie beide nicht-konventionell sind.

Selbsttranszendenz Integral Transzendent (Koralle) (Transpersonales Gemeinwohl) (Polyvalente Logik -

Systeme von Systemen)

7. universell spirituell
Selbstverwirklichung Globale Sicht (Türkis) Universelles Gemeinwohl
Flexibilität und Fluss (Gelb) 6. universell ethisch
Selbstachtung Mental Menschliche Bindung (Grün) Verbunden, Pluralistisch (Übergang)
Streben und trachten (Orange) Individuell reflexiv Formal-operational 5. frühere Rechte/Sozialvertrag
Konventionell 4./5. Übergang
Zugehörigkeit Mythisch Macht der Wahrheit (Blau) Konkret-operational 4. Recht und Ordnung
Mythisch-wörtlich 3. Billigung durch andere
Sicherheit Magisch Machtgötter (Rot) Projektiv-magisch intuitiv (konzeptuell) 2. naiver Hedonismus
Ahnengeister (Purpur) präkonzeptuell 1. Strafe und Gehorsam
Körperliche Bedürfnisse Archaisch Überlebenswille (Beige) Präverbal Sensomotorisch 0. magischer Wunsch
Maslow
Bedürfnisse
Gebser
Weltsichten
Spiral Dynamics
Werte
Fowler
Spirituelle Intelligenz
Piaget

Kognitive Entwicklung

Kohlberg

Moralentwicklung

Wilber beschreibt außerdem verschiedene Entwicklungslinien. Menschen können in der kognitiven, emotionalen, moralischen, zwischenmenschlichen, psycho-sexuellen und spirituellen Linie unterschiedlich weit entwickelt sein (z. B. kognitiv weit entwickelt und emotional weniger entwickelt oder umgekehrt).[8]

Linien können mit Ebenen verwechselt werden.[9] Insbesondere wird häufig die spirituelle Linie mit der mythischen Ebene der spirituellen Linie gleichgesetzt, was dazu führen kann, dass entweder wegen der Unreife der mythischen Ebene die gesamte spirituelle Linie als unreif betrachtet wird (undifferenzierte Religionskritik, die das Kind mit dem Bad ausschüttet) oder dass die mythische Ebene als einzig gültige Ausdrucksform von Religion gesehen wird (aus konservativer Sicht).

Als grundlegende Bewusstseinszustände werden Wachen, Träumen und Tiefschlaf unterschieden, darüber hinaus meditative Zustände (ausgelöst z. B. durch Yoga, kontemplatives Gebet oder Meditation), veränderte Zustände (z. B. durch Drogen) und Gipfelerfahrungen (z. B. im Liebesspiel, in der Natur oder durch Musik).

All diese Zustände können auf jeder Entwicklungsstufe (auch Entwicklungsebene genannt) auftreten und werden gemäß der jeweiligen Ebene interpretiert und umgesetzt.[10] So können zum Beispiel Menschen, die sich moralisch auf einer ethnozentrischen Entwicklungsstufe[11] befinden, tiefe mystische Erfahrungen haben und dabei nationalistische Ideen vertreten.[12] Aus diesem Grund legt Wilber großen Wert auf die Förderung der Bewusstseinsentwicklung im Sinne von Stufen und nicht nur von Zuständen.

Jede der genannten Komponenten kann sich in verschiedenen Typen äußern. Beispiele für Typen sind männlich und weiblich[13] oder die Typenlehre nach Myers-Briggs.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Obwohl sich Wilber mit der akademischen Philosophie und Psychologie beschäftigt, hat sein Werk die jeweiligen Fachwissenschaften kaum erreicht. Jennifer Gidley vergleicht Rudolf Steiners pädagogische Ansätze mit Wilber.[14] Zahlreiche Kritiker weisen auf Probleme mit Wilbers Interpretationen hin und werfen ihm ungenaues Zitieren vor.[15] Der Soziologe und Philosoph David C. Lane schreibt, Wilber scheine die Evolutionstheorie nicht verstanden zu haben.[3]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Spectrum of Consciousness, 1977 (dt. Das Spektrum des Bewusstseins, ISBN 3-499-18593-8)
  • No Boundary: Eastern and Western Approaches to Personal Growth, 1979 (dt. Wege zum Selbst, ISBN 3-442-21844-6)
  • The Atman Project: A Transpersonal View of Human Development, 1980 (dt. Das Atman Projekt, ISBN 3-87387-016-9) - (überarbeitete Neuausgabe der Übersetzung, 2012: Das Atman-Projekt - Streben der Seele nach Einheit, ISBN 978-3-9813389-8-0)
  • Up From Eden: A Transpersonal View of Human Evolution, 1981, (dt. Halbzeit der Evolution, ISBN 3-596-13210-X)
  • A Sociable God: A Brief Introduction to a Transcendental Sociology, 1983 (dt. Der glaubende Mensch, ISBN 3-442-14042-0)
  • Eye to Eye: The Quest for the New Paradigm, 1983 (dt. Die drei Augen der Erkenntnis, ISBN 3-466-34195-7)
  • Grace and Grit: Spirituality and Healing in the Life and Death of Treya Killam Wilber, 1992 (dt. Mut und Gnade, ISBN 3-442-42740-1)
  • Sex, Ecology, Spirituality: The Spirit of Evolution, 1995 (dt. Eros, Kosmos, Logos, ISBN 3-596-14974-6)
  • A Brief History of Everything, 1996 (dt. Eine kurze Geschichte des Kosmos, ISBN 3-596-13397-1)
  • The Eye of Spirit. An Integral Vision for a World Gone Slightly Mad, 1997 (dt. Das Wahre, Schöne, Gute, ISBN 3-596-15217-8)
  • The Marriage of Sense and Soul: Integrating Science and Religion, 1998 (dt. Naturwissenschaft und Religion, ISBN 3-8105-2334-8)
  • One Taste: Daily Reflections on Integral Spirituality, 1999 (dt. Einfach "Das", ISBN 3-596-15072-8)
  • A Theory of Everything. An Integral Vision for Business, Politics, Science and Spirituality, 2000 (dt. Ganzheitlich handeln, ISBN 3-924195-79-X)
  • Integral Psychology: Consciousness, Spirit, Psychology, Therapy, 2000 (dt. Integrale Psychologie ISBN 3-924195-69-2)
  • Boomeritis: A Novel That Will Set You Free!, 2002 (dt. Boomeritis, ISBN 3-933321-69-7)
  • Integral Spirituality: A Startling New Role for Religion in the Modern and Postmodern World, 2006 (dt. Integrale Spiritualität, ISBN 3-466-34509-X)
  • The Integral Vision: A Very Short Introduction to the Revolutionary Integral Approach to Life, God, the Universe, and Everything, 2007 (dt. Integrale Vision, ISBN 978-3-466-34508-3)
  • Integral Life Practice: A 21st-Century Blueprint for Physical Health, Emotional Balance, Mental Clarity, and Spiritual Awakening, 2008 (dt. Integrale Lebenspraxis, ISBN 978-3-466-34545-8)
  • The Fourth Turning: Imagining the Evolution of an Integral Buddhism, 2014 (Kindle-Kurzfassung)
  • Integral Meditation: Mindfulness as a Way to Grow Up, Wake Up, and Show Up in Your Life, 2016, ISBN 9781611802986 (dt. Integrale Meditation. Wachsen, erwachen und innerlich frei werden. 2017. ISBN 978-3-426-29268-6)
  • The Religion of Tomorrow. A Vision for the Future of the Great Traditions - More Inclusive, More Comprehensive, More Complete, 2017, ISBN 9781611803006
  • Trump and a Post-Truth World, 2017, ISBN 9781611805611

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Ken Wilber – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Scholars. Center for World Spirituality. 2013. Abgerufen am 9. März 2013.
  2. Mark D. Forman, A guide to integral psychotherapy: complexity, integration, and spirituality in practice, SUNY Press 2010, S. 9. ISBN 978-1-4384-3023-2
  3. a b http://www.integralworld.net/lane1.html
  4. Ken Wilber: Naturwissenschaft und Religion. Die Versöhnung von Weisheit und Wissen. 1998, ISBN 3-8105-2334-8, Seite 9 und 13
  5. Marian de Souza (Hrsg.), International Handbook of Education for Spirituality, Care and Wellbeing, Springer 2009, S. 427. ISBN 978-1-4020-9017-2
  6. Nebeneinanderstellungen in Integrale Vision, S. 112 f, ausführlich in Integrale Psychologie, S. 221 ff
  7. Integrale Vision, S. 123 ff., Integrale Spiritualität, S. 81 ff.
  8. Integrale Vision, S. 37 ff.
  9. Integrale Spiritualität, S. 252 ff.
  10. Integrale Spiritualität S. 15, 107 ff.
  11. Siehe auch Exzerpt aus Integrale Spiritualität (PDF; 634 kB)
  12. Integrale Spiritualität S. 397
  13. Carol Gilligan: Die andere Stimme. Lebenskonflikte und Moral der Frau. München 1982
  14. Gidley, J. Educational Imperatives of the Evolution of Consciousness: The Integral Visions of Rudolf Steiner and Ken Wilber, The International Journal of Children’s Spirituality. 12 (2): 170–135.
  15. Frank Visser, Über die Bedeutung von unabhängiger integraler Forschung, abgerufen am 10. April 2016