Kerbwirkung

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Die Kerbwirkung tritt an eingeschnittenen oder gekerbten Körpern auf, die auf Zug, Scherung oder Torsion belastet werden. Sie setzt sich aus zwei Mechanismen zusammen:

Die Kerbwirkungszahl ist als Quotient aus Formzahl und Stützziffer definiert: \mathcal {}\beta_k = \frac{\alpha_k}{n}

Technische Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kerbwirkung ist häufig unerwünscht, da sie Bauteile in technischen Anwendungen höher beansprucht, sodass diese, um ihre bestimmungsgemäße Lebensdauer zu erreichen, größer gebaut werden müssen oder ansonsten vorzeitig versagen. Andererseits wird die Kerbwirkung gezielt eingesetzt.

Siehe hierzu auch: Kerbfestigkeit

Gezielte Anwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Links: gekerbtes Bauteil. Rechts: Entlastungkerbe verbessert Kraftfluss
  • Entlastungskerben: Eine zusätzliche Kerbe kann den Kraftfluss an einem stark belasteten Bereich vorbeileiten. Nebenstehendes Bild verdeutlicht den Effekt. Die roten Pfeile zeigen den Kraftfluss. Im Beispiel (Bild links) wird aus konstruktiven Gründen ein scharfer Absatz benötigt, was mit hohen Kerbspannungen einhergeht. Das Bauteil wird wechselnd belastet und wird an diesem Absatz (roter Kreis) brechen, da er die Schwachstelle darstellt. Eine zusätzliche Kerbe (Bild rechts) mit großem Radius lenkt den Kraftfluss sanft auf den kleineren, unteren Querschnitt um. So sinkt die maximale Spannung im Bauteil und die Tragfähigkeit erhöht sich, anstatt sich zu verringern. Entlastungskerben können auch unbeabsichtigt auftreten, beispielsweise beim Glasschneiden.
  • Um bei Überlastungen einen unvermeidbaren Bruch gezielt nur an einer bestimmten Stelle auftreten zu lassen, werden Kerben als Sollbruchstellen platziert. Bei der Konstruktion achtet man dann darauf, dass die Bruchstelle einfach erreichbar und das geschädigte Bauteil kostengünstig ersetzbar ist, sowie auch weitergehende Schadensrisiken vermieden werden.
  • Anritzen von Glas, Keramik und anderen spröden Materialien, um sie gezielt entlang der Kerbe zu brechen. Ein laienhafter Versuch die Wirkung des Anritzens zu verbessern, indem der Vorgang wiederholt wird, hat die gegenteilige Wirkung. Es entstehen Entlastungskerben und das Material bricht schlechter.
  • Verpackungen, wie z. B. Konservendosen oder Getränkedosen mit Aufreißlaschen oder Folienverpackungen werden mit vorgestanzten Kerben versehen, um das Öffnen zu erleichtern

Kerbwirkung als Störfaktor und Gegenmaßnahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nietverbindung mit keilförmigen Einlagen zur Reduzierung der Kerbwirkung am Übergang vom senkrechten Pfeiler zum waagerechten Träger
Beispiel einer mittels High Frequency Impact Treatment (kurz HiFIT) / Hochfrequenzhämmern nachbehandelten Schweißkonstruktion zur Reduzierung der Kerbwirkung am Schweißnahtübergang

Kerben, die zu einem unerwünschten Ausfall führen, können zahlreiche Ursachen haben:

  • Viele natürliche Vorgänge hinterlassen Kerben, wie z. B. Rost an der Oberfläche von Stahlbauteilen. Die Struktur solcher Konstruktionen wird geschwächt; nach fortschreitender Schädigung beendet dann ein Riss spontan die Tragfähigkeit.
  • Die Kerbwirkung geht von rauen Oberflächen aus. Oftmals kann man ihr mit geglätteten oder polierten Oberflächen entgegenwirken.
  • Einschlüsse im Körper, z. B. Lunker oder Graphit in Grauguss, wirken als Kerben.
  • Die Art des Fügeverfahrens, z. B. Nieten statt Kleben, beeinflusst die Kerbwirkung an der Nahtstelle.
  • Die Geometrie des Bauteils kann Kerbenwirkung hervorrufen, z. B. ein Wellenabsatz oder eine Änderung des Querschnitts rotationssymmetrischer (runder) Bauteile.
  • Schweißnahtübergänge haben durch Ihre geometrische Form und durch Zugspannungen aufgrund des Erkaltungsprozesses eine starke Kerbwirkung. Diese kann durch Bearbeitung mittels Hochfrequenzhämmern sehr effektiv reduziert werden.

Mechanismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kerbwirkung

Die sechs Bilder zeigen, wie die Kerbwirkung entsteht:

  1. Ausgangslage: Ein normaler Rundstab, der nicht belastet wird und eine zylindrische Form hat.
  2. Wird an den Enden eine Zugkraft längs der Bauteilachse aufgebracht, dann verlängert sich der Stab unter dem Einfluss der Zugkraft. Gleichzeitig zieht er sich quer zur Zugrichtung (rote Pfeile) zusammen (Querkontraktion). Wie sehr er sich in Querrichtung zusammenzieht, wird von der Querdehnungszahl (Poissonzahl) beschrieben.
  3. Schweißt man an den Rundstab eine Hülse an (gelb hinterlegt) und belastet ihn wiederum auf Zug, so ändert sich nichts Wesentliches an den Verhältnissen. Auch hier zieht sich der Stab in Querrichtung zusammen.
  4. Wenn allerdings die Hülse mit dem Rundstab über die gesamte Länge fest (stoffschlüssig) verbunden wäre oder – was von der Wirkung analog wäre – der Zugstab eingekerbt wird, ergeben sich zusätzliche Spannungen. Die gelb markierten Zonen werden von der Zugkraft in Längsrichtung nicht gedehnt, deshalb ziehen sie sich nicht in Querrichtung zusammen. Andererseits möchte sich das Kernmaterial (grau hinterlegt), welches die Zugkraft weiterleitet, nach innen zusammenziehen (rote Pfeile). Die gelb markierten Zonen sacken aber nicht nach und erzeugen stattdessen eine Querkraft, die nach außen gerichtet ist und das Kernmaterial an der Querkontraktion hindern will.
  5. Hier ist die Spannungsverteilung in einer Welle dargestellt, die auf Zug belastet wird. Die Spannungen verteilen sich einigermaßen gleichmäßig über den gesamten Querschnitt.
  6. Wählt man eine dickere Welle und versieht sie mit einem Einstich, sodass der Restquerschnitt den gleichen Durchmesser d hat, wie die vorige Welle, dann ergibt sich an den Übergangsstellen eine Spannungsüberhöhung. In dieser Situation entstehen nicht nur Zugspannungen in Längsrichtung, sondern die Kerbe erzeugt auch Zugspannungen in Querrichtung. Das tragende Kernmaterial wird zusätzlich belastet und der nun mehrachsige Spannungszustand führt zu lokalen Spannungsspitzen. Die Welle mit der Kerbe ist also weniger tragfähig als die ungekerbte, schmale Welle, obwohl sie eine größere Masse hat.

Nimmt man an, dass in Bild (4) der größte Durchmesser D und der engste Durchmesser d ist, dann reißt dieser gekerbte Stab bei geringeren Zugspannungen in einer Weise als ein Stab, der über die gesamte Länge nur einen Durchmesser d haben würde.

Wie stark eine Kerbe die Spannung überhöht, hängt allein von der Form der Kerbe ab:

  • Spitze oder tiefe Kerben wirken stärker als gut ausgerundete oder flache Kerben.

Welche örtliche Schädigungswirkung zustande kommt, hängt vom Werkstoff und der Belastungsart ab:

  • Der Werkstoff kann besonders empfindlich auf Kerbeinflüsse sein; dies gilt insbesondere für spröde Werkstoffe. Zähe (duktile) Werkstoffe hingegen können durch plastische Deformation (Fließen) Spannungsspitzen abmildern. Des Weiteren sind Werkstoffe wie lamellares Gusseisen durch ihr besonderes Gefüge ausgesprochen unempfindlich gegenüber zusätzlichen Kerben, da es durch sein Gefüge schon voller Kerben und somit an sich ausgesprochen spröde ist.
  • Die Art der Belastung ist von Bedeutung; so gibt es einachsige Beanspruchungskonstellationen, etwa ruhende oder schwellende Zugbelastung im Falle von einachsigem Zug oder wechselnde Zug- und Druckbelastungen im ebenso einachsigen, jedoch anders gearteten Belastungsfall, oder darüber hinausgehende mehrachsige Beanspruchungen.

Berechnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Berechnung von Kerben im Zuge der Tragfähigkeitsberechnung von Wellen ist in der DIN-743 (Teil 1–4) genormt. Für die Konstruktion von Bauteilen unter Berücksichtigung der Kerbwirkung sind zwei Größen relevant: Die Formzahl \alpha_k und die Kerbwirkungszahl \beta_k. Die Formzahl ist definiert als das Verhältnis von Spannungsüberhöhung zu Nennspannung, die Kerbwirkungszahl als Verhältnis der Ausschlagsspannungen von ungekerbter und gekerbter Probe.[1]

Formzahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Visualisierung der Spannungsspitze \sigma_{max} an einem gekerbten Flachstab

Der Spannungsverlauf im Querschnitt einer Kerbe ist, anders als bei einem flachen Zugstab, nicht linear. An den Rändern finden sich Spannungsspitzen, die teilweise um ein Vielfaches höher sind als die Nennspannung. Zum Ausgleich ist die tatsächliche Spannung in der Querschnittsmitte geringer als die Nennspannung. Die Formzahl setzt nun die höchste in der Kerbe vorliegende Spannung in ein Verhältnis zur Nennspannung:

\alpha_k=\frac{\sigma_{max}}{\sigma_n}

Dabei ist

\sigma_{max} die Spannungsspitze
\sigma_n die Nennspannung.[1]

Die Formzahl ist abhängig von der Geometrie des Werkstücks. Es gilt dabei

\alpha_k = \frac{1}{\sqrt{W}}.[1]
Graph zur Bestimmung der Formzahl \alpha_k bei einem Wellenabsatz

W ist eine Geometriefunktion, die für jede Kerbe unterschiedlich ist. Selbst für einfache Geometrien nimmt W in der Regel komplizierte Zusammenhänge an.[2] In der Praxis wird die Formzahl meist nicht von Hand berechnet, sondern aus in Tabellenwerken abgedruckten Diagrammen abgelesen. Im nebenstehenden Bild wird ein derartiges Diagramm gezeigt. Auf der Abszisse wird das Verhältnis des Kerbradius zum Wellendurchmesser abgetragen, auf der Ordinate die Formzahl \alpha_k. Die blauen, übereinanderliegenden Linien repräsentieren das Verhältnis der Durchmesser an dem am Wellenabsatz vorliegenden Durchmesserübergang. Höherliegende Linien stellen dabei höhere Durchmesserübergänge dar. Es wird sichtbar, dass die Formzahl besonders große Werte bei scharfen Kerbradien und großen Durchmesserübergängen annimmt. Folglich sind bei der Konstruktion von Bauteilen flache Kerben und kleine, eventuell in mehreren Schritten realisierte Durchmesserübergänge gute Lösungen.[1]

Formzahlen können auch mithilfe der Finiten Elemente Methode (FEM) ermittelt werden. Gleiches gilt für spannungsoptische Untersuchungen und Dehnungsmessungen. Bei bekannter Stützziffer kann die Kerbwirkung für den speziellen Anwendungsfall ermittelt werden.

Kerbwirkungszahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kerbwirkungszahl wird zur Auslegung von unter schwingender Beanspruchung stehenden Bauteilen verwendet. Zur Bestimmung werden eine gekerbte und eine ungekerbte Probe einem Wöhlerversuch unterzogen. Die gekerbte Probe bricht bei gleicher Ausschlagsspannung in der Regel nach einer geringeren Zahl an Lastzyklen, da die Kerbe zum Ausgangspunkt eines Risses wird. Folglich liegt Dauerfestigkeit bei der glatten Probe bei höheren Ausschlagsspannungen vor als bei der gekerbten Probe. Das Verhältnis dieser beiden Ausschlagsspannungen ist definiert als Kerbwirkungszahl. Es gilt

\beta_k=\frac{\sigma_A}{\sigma_{Ak}}.

Dabei ist:

\sigma_A die Ausschlagsspannung, die bei einer ungekerbten Probe zu Dauerfestigkeit führt
\sigma_{Ak} die Ausschlagsspannung, die bei einer gekerbten Probe zu Dauerfestigkeit führt.

Während die Formzahl eine rein geometrische Größe ist, wird die Kerbwirkungszahl über die Ergebnisse empirischer Versuche definiert und ist abhängig von der Zugfestigkeit des verwendeten Werkstoffs.[1]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kerbwirkung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die wesentlichen Arbeiten auf dem Gebiet gehen von Heinz Neuber aus, der die erste Auflage seines Buches 1937 veröffentlichte. Die 3. Auflage von 1985 der Kerbspannungslehre – Theorie der Spannungskonzentration – Genaue Berechnung der Festigkeit liegt im Springer Verlag unter ISBN 3-540-13558-8 vor.
  • DIN 743-2: Tragfähigkeitsberechnung von Wellen und Achsen – Teil 2: Formzahlen und Kerbwirkungszahlen.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Christoph Broeckmann, Paul Beiss: Werkstoffkunde I. Institut für Werkstoffanwendungen im Maschinenbau der RWTH Aachen, Aachen 2014, S. 69–79.
  2. Berechnung von Kerben – Kerbspannung berechnen. In: www.maschinenbau-wissen.de. Abgerufen am 7. Februar 2016.