Kermesit

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Kermesit
Kermesite-Calcite-280586.jpg
Kermesitnadeln auf Calcit aus Pezinok (Karpaten), Slowakei
Allgemeines und Klassifikation
Andere Namen

Rotspießglanz

Chemische Formel Sb2S2O[1]
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Sulfide und Sulfosalze
System-Nr. nach Strunz
und nach Dana
2.FD.05 (8. Auflage: II/F.11)
02.13.01.01
Kristallographische Daten
Kristallsystem triklin (pseudomonoklin)
Kristallklasse; Symbol triklin-pinakoidal; 1[2]
Raumgruppe P1 (Nr. 2)Vorlage:Raumgruppe/2[1]
Gitterparameter a = 8,15 Å; b = 10,71 Å; c = 5,78 Å
α = 102,8°; β = 110,6°; γ = 101,0°[1]
Formeleinheiten Z = 4[1]
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte 1 bis 1,5
Dichte (g/cm3) 4,68
Spaltbarkeit vollkommen nach {001}[3]
Bruch; Tenazität spröde
Farbe kirsch- bis violettrot
Strichfarbe bräunlichrot
Transparenz durchscheinend bis undurchsichtig
Glanz Diamantglanz bis Metallglanz
Kristalloptik
Brechungsindizes nα = 2,720[4]
nβ = 2,740[4]
nγ = 2,740[4]
Doppelbrechung δ = 0,020[4]
Optischer Charakter zweiachsig positiv

Kermesit, veraltet auch als Rotspießglanz bekannt, ist ein eher selten vorkommendes Mineral aus der Mineralklasse der „Sulfide und Sulfosalze“. Es kristallisiert im triklinen Kristallsystem mit der Zusammensetzung Sb2S2O[1], ist also chemisch gesehen ein sauerstoffhaltiges Antimon-Sulfid.

Kermesit ist durchscheinend bis undurchsichtig und entwickelt meist nadelige bis faserige, radialstrahlige Kristalle und Mineral-Aggregate von kirsch- bis violettroter Farbe bei bräunlichroter Strichfarbe. Die Oberflächen der Kermesitkristalle weisen einen starken Diamant- bis Metallglanz auf.

Etymologie und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstmals entdeckt wurde Kermesit in der Grube „Neue Hoffnung Gottes“ bei Bräunsdorf (Gemeinde Oberschöna) in Sachsen und beschrieben 1737 durch Johann Ernst Hebenstreit, der das Mineral als Stibium rubrum bzw. als Rotes Spießglaserz bezeichnete.[5]

Der französische Mineraloge und Chemiker Balthazar Georges Sage (1740–1824) bezeichnet das Mineral 1779 in seinen Aufzeichnungen als Mine d'Antimoine en plumes (= Kermes mineral natif, deutsch: natürliches Kermesmineral). Der alte alchemistischer Begriff Kermes leitet sich vom persischen Wort "qurmizq" oder vom arabischen "al-qirmiz" ab und war die Bezeichnung für eine rote, aus Insekten gewonnene Farbe.[6] François Sulpice Beudant bezeichnet das Mineral in seinem Werk von 1832 kurz als Kermès bzw. Antimoine rouge. Weitere von ihm überlieferte Synonyme sind Antimonblende und Rotes Spiesglanzerz.[7]

Seinen bis heute gültigen Namen Kermesit erhielt das Mineral schließlich 1843 durch Edward John Chapman (1821–1904).[6]

Klassifikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der veralteten, aber noch gebräuchlichen Systematik der Minerale nach Strunz (8. Auflage) gehörte der Kermesit noch zur Abteilung der „nichtmetallartigen Sulfide“, wo er zusammen mit Cetineit, Ottensit und Sarabauit die unbenannte Gruppe II/F.11 bildete.

Die seit 2001 gültige und von der International Mineralogical Association (IMA) verwendete 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik ordnet den Kermesit in die neu definierte Abteilung der „Sulfide, Arsenide, Alkaide; Sulfide mit Halogeniden, Oxiden, Hydroxiden (H2O)“ ein. Diese Abteilung ist zudem weiter unterteilt nach der Art der in der Verbindung vorkommenden Kationen bzw. Halogene, Oxide oder Hydroxide, so dass das Mineral entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „mit O, OH, H2O“ zu finden ist, wo es als einziges Mitglied die unbenannte Gruppe 2.FD.05 bildet.

Die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Kermesit ebenfalls in die Klasse der Sulfide und dort in die Abteilung der „Sulfidminerale“ ein. Hier ist er als einziges Mitglied in der unbenannten Gruppe 02.13.01 innerhalb der Unterabteilung „Sulfide – einschließlich Seleniden und Telluriden – Oxisulfide“ zu finden.

Kristallstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kermesit kristallisiert triklin in der Raumgruppe P1 (Raumgruppen-Nr. 2) mit den Gitterparametern a = 8,15 Å; b = 10,71 Å; c = 5,78 Å; α = 102,8°; β = 110,6° und γ = 101,0° sowie 4 Formeleinheiten pro Elementarzelle.[1]

Bildung und Fundorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Langnadeliger Kermesit mit starkem, metallischem Glanz aus Kwekwe (Que Que), Midlands, Simbabwe Größe: 3.3 × 1.3 x .5 cm

Kermesit ist ein typisches Sekundärmineral, das durch Verwitterung aus Stibnit in Antimon-Lagerstätten entsteht. Begleitminerale sind daher vor allem Stibnit und gediegen Antimon, aber auch Cervantit, Senarmontit, Stibiconit und Valentinit.

Als eher seltene Mineralbildung kann Kermesit an verschiedenen Fundorten zum Teil zwar reichlich vorhanden sein, insgesamt ist er aber wenig verbreitet. Bisher (Stand: 2012) gelten rund 200 Fundorte als bekannt.[4] Neben seiner Typlokalität Grube „Neue Hoffnung Gottes“ bei Bräunsdorf in Sachsen trat das Mineral in Deutschland noch in der Grube „Segen Gottes“ bei Wiesloch in Baden-Württemberg, im Kreis Brandholz/Goldkronach im bayerischen Fichtelgebirge, in der Grube „Hilfe Gottes“ (Erzbergwerk Grund) sowie in den Gruben „Claus-Friedrich“ und „Samson“ bei Sankt Andreasberg im niedersächsischen Harz, der Caspari-Zeche bei Uentrop in Nordrhein-Westfalen sowie den Gruben „Hoffnung“ bei Martinsknipp und „Apollo“ bei Raubach in Rheinland-Pfalz zutage.

Bekannt aufgrund außergewöhnlicher Kermesitfunde sind unter anderem Pezinok und Pernek in der Slowakei, wo radialstrahlige Aggregate mit bis zu zehn Zentimeter langen Kristallnadeln gefunden wurden. Immerhin bis zu fünf Zentimeter große Kristalle traten in der „Globe and Phoenix Mine“ bei Kwekwe in Simbabwe zutage.[8]

In Österreich fand sich Kermesit bisher nur in der Antimongrube bei Stadtschlaining im Burgenland, im Hüttenberger Erzberg im Nordosten von Kärnten und am Wetterbauergraben bei Mixnitz/Pernegg an der Mur in der Steiermark.

Der einzige bisher bekannte Fundort in der Schweiz liegt in der Gemeinde Aranno im Kanton Tessin.

Weitere Fundorte liegen unter anderem in Australien, Bolivien, China, Finnland, Frankreich, Griechenland, Iran, Italien, Japan, Kanada, Kirgisistan, Kolumbien, Luxemburg, Mexiko, Portugal, Spanien, Südafrika, Tschechien, Türkei, Ukraine, im Vereinigten Königreich (Großbritannien) und in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA).[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kermesite – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 115.
  2. Webmineral - Kermesite (englisch)
  3. Kermesite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (handbookofmineralogy.org [PDF; 495 kB; abgerufen am 21. Mai 2017]).
  4. a b c d e Mindat - Kermesite (englisch)
  5. Iohan Ernesti Hebenstreit: De Antimonio rubro. In: Acta physico-medica Academiæ Cæsareæ Leopoldino-Carolinæ Naturæ Curiosum exhibentia Ephemerides sive Observationes Historias et Experimenta a Celeberrimis Germaniæ et Exterarum Regionum Viris Habita et Communicata Singulari Studio Collecta. Band 4, 1737, S. 557–561 (strahlen.org [PDF; 898 kB]).
  6. a b Thomas Witzke: Die Entdeckung von Kermesit bei www.strahlen.org
  7. F. S. Beudant: Kermès, antimoine rouge. In: Traité Élémentaire de Minéralogie. 2. Auflage. Paris 1832, S. 617–618 (rruff.info [PDF; 79 kB; abgerufen am 21. Mai 2017]).
  8. Petr Korbel, Milan Novák: Mineralien-Enzyklopädie. Nebel Verlag GmbH, Eggolsheim 2002, ISBN 3-89555-076-0, S. 40 (Dörfler Natur).
  9. Fundortliste für Kermesit beim Mineralienatlas und bei Mindat