Kernkraftwerk Wyhl

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
f1
Kernkraftwerk Wyhl
Lage
Kernkraftwerk Wyhl (Baden-Württemberg)
Kernkraftwerk Wyhl
Koordinaten 48° 11′ 9,6″ N, 7° 38′ 29″ OKoordinaten: 48° 11′ 9,6″ N, 7° 38′ 29″ O
Land: Deutschland
Daten
Eigentümer: Kernkraftwerk Süd GmbH
Betreiber: Kernkraftwerk Süd GmbH
Projektbeginn: 1973
Stilllegung: 1977

Bau eingestellt (Brutto):

1  (1375 MW)

Planung eingestellt (Brutto):

1  (1375 MW)
Stand: 30. Mai 2008
Die Datenquelle der jeweiligen Einträge findet sich in der Dokumentation.

Das Kernkraftwerk Wyhl (auch Kernkraftwerk Süd, KWS) war ein bei Wyhl am Kaiserstuhl in Deutschland geplantes Kernkraftwerk. Es sollte zwei Reaktorblöcke der 1300-Megawatt-Klasse (elektrische Leistung) umfassen, erhielt jedoch nur für Block I eine Teilerrichtungsgenehmigung. Mit dem Bau eines Reaktorgebäudes für Block I war bereits begonnen worden, infolge massiver Proteste und eines Baustopps des Verwaltungsgerichts Freiburg wurden die Bauarbeiten jedoch eingestellt.

Planung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zunächst war das Kernkraftwerk Süd bei der nahe gelegenen Stadt Breisach geplant. Dies wurde jedoch von der örtlichen Bevölkerung abgelehnt, vor allem aufgrund der zur Abwärmeabfuhr vorgesehenen Nasskühltürme, von deren Emissionen Bauern und Winzer der Umgebung negative klimatische Auswirkungen erwarteten. Am 19. Juli 1973 wurde im Rundfunk verkündet, dass der Standort Breisach aufgegeben werde und das Kraftwerk in Wyhl am Kaiserstuhl gebaut werden solle.[1] Der neue Standort war vom alten nur einige Kilometer entfernt: Hier wurden zwei Druckwasserreaktoren der Kraftwerk Union der 1300-Megawatt-Klasse vom Typ Vor-Konvoi mit einer thermischen Leistung jeweils 3762 MW und einer elektrischen Leistung zwischen ca. 1200 und ca. 1300 MW[2] (je nach Art der Kühlung) mit jeweils einem etwa 150 m hohen Naturzug-Nasskühlturm geplant.[3]

Proteste, Gerichtsverfahren, Projektaufgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufkleber gegen den Bau des Kernkraftwerkes Wyhl, 1975
Die Kritik am AKW Wyhl war Ende der 70er Jahre noch subtil: unter dem Schild „Mafia“ ist „Kraft“ eingemeißelt

Kurz nach der Ankündigung begannen 27 Bürger aus Wyhl, gegen den Bau des geplanten Kraftwerks zu protestieren. Bald darauf gründeten sich in umliegenden Ortschaften und im Elsass Initiativen: Kondensdämpfe aus den Kühltürmen könnten die Sonneneinstrahlung vermindern und Nebel vermehren, Kühlwasser aus dem Kraftwerk könne den Rhein aufheizen und sein biologisches Gleichgewicht gefährden, vor allem aber die Entwicklung des Rheintales zur industriellen Zone, zu einem „zweiten Ruhrgebiet“, waren die ersten Gründe für die Ablehnung.[4]

Mit Schreiben vom 10. Oktober 1973 beantragte die KWS beim Stuttgarter Wirtschaftsministerium (WM), die Errichtung eines KKW am Rhein bei Flusskilometer 246 zu genehmigen und zunächst eine Teilerrichtungsgenehmigung zu erteilen. Der Antrag wurde im Mai 1974 bekannt gemacht[5], einschließlich der einschlägigen Unterlagen zur Einsicht ausgelegt und Gelegenheit gegeben, innerhalb eines Monats Einwendungen zu erheben. Insgesamt sind mehr als 89.000 Einwendungen erhoben worden. Am 9. und 10. Juli 1974 fand in Wyhl ein Erörterungstermin statt, um über die erhobenen Einwendungen zu diskutieren[6]. Zahlreiche Schreiben gingen auch an den Bundesinnenminister Werner Maihofer, darunter auch ein Schreiben des Pfarrers von Emmendingen-Windenreute vom 9. August 1974, der sich unter anderem enttäuscht über den Erörterungstermin zum Bau des Kernkraftwerkes in Wyhl äußerte.

Vorausgegangen und mit konstituierend für den hiesigen Widerstand gegen das in Wyhl geplante KKW war bereits auch der erfolgreiche Kampf gegen die Errichtung eines Blei-Chemie-Werks in Marckolsheim im benachbarten französischen Elsass auf der anderen, westlichen Seite des Rheins.[7]

Am 12. Januar 1975 stimmten 55 Prozent der wahlberechtigten Bürger von Wyhl in einem Bürgerentscheid für den Verkauf des vorgesehenen Geländes an die KWS, da sie sich Arbeitsplätze erhofften. Am 22. Januar 1975 erteilte das Stuttgarter Wirtschaftsministerium der KWS die Erste Teilerrichtungsgenehmigung, die mit zahlreichen Auflagen verbunden war. Die Einwendungen wurden zurückgewiesen und die sofortige Vollziehung angeordnet[8].

Die juristische Auseinandersetzung ab 1975[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 21. Februar 1975 haben mehrere Gemeinden und Privatpersonen beim Verwaltungsgericht Freiburg Klage erhoben. Sie beanstandeten, dass die angegriffene Genehmigung nicht hätte erteilt werden dürfen, weil es an dem erforderlichen Schutz gegen schädliche Umwelteinwirkungen fehle. Nach ihrer Meinung seien erhebliche Nachteile zu befürchten, die sich durch die mit dem Betrieb des KKW verbundene Wärmeableitung durch Kühlwasser und durch die unvermeidbaren Radioaktivitätsabgaben ergeben könnten. Sie beanstandeten darüber hinaus, dass die erforderliche Sicherheit gegen Unfälle nicht gewährleistet sei.[8]

Parallel zu den mit den Klagen angestrengten Verfahren in der Hauptsache haben die Kläger vorläufigen Rechtsschutz beantragt, um im Eilverfahren zu verhindern, dass die KWS aufgrund der angeordneten sofortigen Vollziehung bis zum Abschluss der Hauptsacheverfahren – eine erhebliche Verfahrensdauer war abzusehen – mit dem Bau Fakten schafft.

Am 17. Februar 1975 wurde mit der Einrichtung der Baustelle für den Block I begonnen. Das war aufgrund der angeordneten sofortigen Vollziehung rechtlich zulässig. Die Entscheidung des Freiburger Verwaltungsgerichts im Eilverfahren stand zu diesem Zeitpunkt noch aus. In der Folge wurde die Baustelle des Kraftwerkes am Tag darauf von Protestierenden besetzt, von der Polizei geräumt und wieder besetzt.

Das Verwaltungsgericht hat durch Beschluss vom 14. März 1975 die sofortige Vollziehung der Ersten Teilerrichtungsgenehmigung (TEG) ausgesetzt und damit einen Baustopp verfügt. Ob die Antragsteller im Hauptsacheverfahren voraussichtlich erfolgreich sein würden, ließe sich – so das Gericht – derzeit noch nicht absehen. Eine Entscheidung darüber könne erst nach einer Beweisaufnahme im Hauptsacheverfahren getroffen werden. Das Gericht nahm deshalb eine Interessenabwägung vor, in der es die Interessen der Antragsteller am Aufschub der Bauarbeiten höher bewertete als die Interessen des Landes und der KWS an der Sicherung der Stromversorgung. Es ging dabei davon aus, dass sich die Antragsteller nicht nur auf die Folgen berufen könnten, die der Bau des Kraftwerks als solcher verursache, sondern darüber hinaus auch auf die Auswirkungen, die der spätere Betrieb mit sich bringen könne[8].

Am 27. Mai 1975 fand eine Sondersitzung der Landesregierung statt, die sich mit dem weiteren Vorgehen befasste.[1]

Am 14. Oktober 1975 wurde der vom Verwaltungsgericht Freiburg im März 1975 verhängte Baustopp aufgrund der Beschwerden der Landesregierung unter Ministerpräsident Hans Filbinger und der KWS vom Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim aufgehoben.[9] Auch der VGH sah den voraussichtlichen Ausgang des Hauptsacheverfahrens als offen an und nahm eine Interessenabwägung vor, die nunmehr freilich zugunsten des Landes und der KWS ausfiel. Allein durch den genehmigten Bau des Kraftwerks könnten die Antragsteller schlechterdings nicht beeinträchtigt sein. Die VGH-Richter betonten jedoch, dass das Risiko für den Beginn der genehmigten Bauphase von der Kernkraftwerk Süd GmbH selbst zu tragen sei und dass die Entscheidung in der Hauptsache, welche das Verwaltungsgericht Freiburg zu fällen habe, immer noch zu ihrem Nachteil ausfallen könne. Die Bauplatzbesetzer, die das Gelände des Kernkraftwerks seit 18. Februar 1975 blockierten, bezeichneten den Beschluss als eine erste Schlappe ihres Einsatzes.[10]

Das Battelle-Institut erarbeitete für ein Honorar von 950.000 DM eine Strategie für die Verhandlungen im Auftrag der Landesregierung. Das Ergebnis mündete in die Offenburger Gespräche, in denen die Landesregierung erreichte, dass die Protestierenden den besetzten Bauplatz im November 1975 verließen.

Dennoch demonstrierten am 8. Oktober 1976 rund 1000 Bürger gegen Ministerpräsident Filbinger im benachbarten Kiechlinsbergen und am 30. Oktober 1976 ebenfalls rund 1000 Menschen bei der „Platzbegehung“ im Wyhler Wald. Am 6. November beteiligten sich rund 1.200 Menschen am „Solidaritätsfackelzug“ für Brokdorf in der Freiburger Innenstadt. Nach weiteren Bauvorbereitungen und der Installation eines Baustromanschlusses wurde die Baustelle erneut durch Protestierende besetzt.

Zur Vorbereitung der Anfang des Jahres 1977 geplanten mündlichen Verhandlung im Hauptsacheverfahren verständigte sich das Freiburger Verwaltungsgericht mit allen am Verfahren Beteiligten auf ein abgestimmtes, zügiges und transparentes Verfahren. Der gesamte – mit den Sachverständigen zu erörternde – Streitstoff wurde in einen – 100 Fragen umfassenden – Fragebogen eingearbeitet, in dessen Endfassung die Anregungen aller Beteiligter eingingen. Auch die Frage, welche Sachverständigen zu hören seien, wurde mit den Beteiligten im Konsens gelöst[11].

Mündlich verhandelt hat das Gericht (drei professionelle, zwei ehrenamtliche Richter) an zwölf Tagen in der Zeit vom 27. Januar bis 16. Februar 1977 in der Herbolzheimer Breisgauhalle. Zwischen 300 und 500 Personen nahmen täglich an der Verhandlung teil. Dem Vorsitzenden Richter gelang es mit Besonnenheit und Geduld, für eine betont sachliche Atmosphäre zu sorgen. Ein Antrag auf Ablehnung eines Richters wegen der Besorgnis der Befangenheit wurde nicht gestellt. Die Stellungnahmen der insgesamt 53 angehörten Sachverständigen wurden auf 180 Bändern mitgeschnitten, sofort übertragen und den Sachverständigen vorgelegt. Insgesamt umfasste das Wortprotokoll circa 1500 Seiten.

Das Gericht gab mit seinen am 14. März 1977 im Freiburger Landgericht verkündeten Urteilen den Klagen statt, weil es nach „übereinstimmender Auffassung in der Kammer“ an der rechtlichen Genehmigungsvoraussetzung fehle, dass die „erforderliche Vorsorge gegen Schäden“ getroffen worden sein müsse[12][8]. Ein Bersten des Reaktordruckbehälters sei zwar äußerst unwahrscheinlich, verursache aber doch so katastrophale Schadensfolgen, dass es „nach den von der Kammer vertretenen Wertmaßstäben“ nicht als vernachlässigbares Restrisiko angesehen werden könne, und der Reaktor deshalb nur mit einer Berstsicherung gebaut werden dürfe, wie sie für ein in Ludwigshafen geplantes KKW mit einem leistungsschwächeren Druckwasserreaktor vorgesehen gewesen sei. Dieses Ergebnis wurde offensichtlich von allen Beteiligten als überraschend empfunden, obwohl 28 der in der mündlichen Verhandlung erörterten 100 Fragen die Reaktorsicherheit betrafen und natürlich auch die Berstsicherung eingehender zur Sprache gekommen war.[12]

Festgestellt hat das Freiburger Verwaltungsgericht in seinen Wyhl-Urteilen aber auch, dass sie die zahlreichen weiteren Einwände der Kläger gegen die Rechtmäßigkeit der erteilten Genehmigung nicht überzeugt hätten. Ausdrücklich verneint wurde deshalb unter anderem die Frage, ob die mit dem Betrieb des geplanten KKW auf der Gemarkung Wyhl zwangsläufig verbundene Ableitung von zwei Dritteln der erzeugten Wärme durch Kühlwasser so nachteilige Folgen für die Kläger haben könne, dass sie in ihren Rechten verletzt würden. Vor allem diese standortspezifischen Sorgen hatte die Kläger veranlasst, gegen die der beigeladenen KWS erteilte Genehmigung gerichtlich vorzugehen.[12]

In einem Schreiben des baden-württembergischen Kultusministers Wilhelm Hahn (CDU) an Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) vom 5. April 1977 zeigte sich der Minister in Vertretung des Ministerpräsidenten besorgt über den möglichen Bau eines Kernkraftwerks in Marckolsheim in Frankreich. Im Zuge des weiteren Widerstands, auch im organisatorisch, räumlich und zeitlich eng verknüpften Engagement und Kampf gegen die Errichtung des weiter südlich im „Dreyeckland“ wieder im Elsass gelegenen Kernkraftwerk Fessenheim entstand 1977 auch das zunächst illegal sendende selbst-organisierte freie Radio Verte Fessenheim. Dieses sendet als ältestes nicht-kommerzielles privates Radio Deutschlands unter „Radio Dreyeckland“ nach wie vor aus Freiburg im Breisgau.

Gegen die am 14. März 1977 verkündeten Freiburger Wyhl-Urteile haben die beigeladene KWS am 18.3.1977 und das beklagte Land am 4. April 1977 Berufung eingelegt. Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg in Mannheim hat im Rahmen der Beweisaufnahme eine größere Zahl schriftlicher Sachverständigen-Gutachten eingeholt. In der Zeit vom 30. Mai 1979 bis 4. November 1981 wurde an 13 Tagen in Mannheim mündlich verhandelt, um in diesem Rahmen auch die schriftlichen Gutachten mit den Sachverständigen zu erörtern.[13] Durch Urteil vom 30. März 1982, änderte der VGH die Urteile des VG Freiburg und wies die Klagen ab. Der VGH sah es als durch die Beweisaufnahme geklärt an, dass vor allem ein katastrophales Versagen des Reaktordruckbehälters „praktisch ausgeschlossen“ sei und es einer zusätzlichen Berstsicherung nicht bedürfe. Das verbleibende Restrisiko hätten die Kläger hinzunehmen. Die übrigen Bedenken der Kläger gegen die Rechtmäßigkeit der angegriffenen Genehmigung teilte der Mannheimer VGH ebenso wenig wie das Freiburger Verwaltungsgericht. Als Reaktion auf dieses Urteil fand in Wyhl fand daraufhin eine Kundgebung mit über 30.000 Kernkraftwerks-Gegnern statt.

Mit ihrer vom Mannheimer VGH in seinem Urteil zugelassenen Revision, über die das Bundesverwaltungsgericht durch Urteil vom 19. Dezember 1985 – wenige Monate vor dem katastrophalen Unfall in Tschernobyl am 26. April 1986 – entschied, hatten die Kläger keinen Erfolg[14]. Anders als in seiner bis zu diesem Urteil maßgeblichen Rechtsprechung, die noch von einer umfassenden Kontrollpflicht der Verwaltungsgerichte ausging (deshalb die aufwendigen Beweisaufnahmen des VG Freiburg und des Mannheimer VGH), hieß es jetzt, dass es nicht Sache der verwaltungsgerichtlichen Kontrolle sein könne, „die der Exekutive zugewiesene Wertung wissenschaftlicher Streitfragen einschließlich der daraus folgenden Risikoabschätzung durch eine eigene Bewertung zu ersetzen“. Diese Einschränkung der richterlichen „Kontrolldichte“ ist in der Rechtswissenschaft mit gewichtigen Gründen kritisiert worden. Dem unbegrenzten Gefahrenpotenzial von Großanlagen – so der Staats- und Verwaltungsrechtler Jörn Ipsen – entspreche allein die unbeschränkte richterliche Kontrolle der Anlagegenehmigungen.[14][15]

Die Projektaufgabe als politische Entscheidung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem Filbinger im Frühjahr 1975 verkündet hatte, im „Ländle“ (Baden-Württemberg) würden bei einem Nicht-Bau „die Lichter ausgehen“[16], erklärte der 1983 amtierende Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) überraschend, das Kernkraftwerk Wyhl sei vor 1993 nicht nötig. 1987 bekräftigte er den Verzicht bis zum Jahr 2000. Seit 1995 ist der ehemalige Bauplatz als Naturschutzgebiet ausgewiesen.[3]

Bis Ende der 1990er Jahre war auf dem Kraftwerksgelände ein 160 Meter hoher, seilnetzverspannter Stahlgittermast mit einer Traverse an der Spitze aufgestellt. Darauf befanden sich diverse meteorologische Geräte, um die Windgeschwindigkeit und -richtung zu bestimmen und mit den dabei gewonnenen Daten etwaige Auswirkungen der aus den Kühltürmen aufsteigenden Abwärme mit ihrem Wolken-bildenden Wasserdampf-Kondensat auf das regionale Wettergeschehen abschätzen zu können.[3]

Der Widerstand gegen die Errichtung eines Kernkraftwerks am Kaiserstuhl wurde von breiten Teilen der regionalen Bevölkerung, von Teilen des lokalen Klerus ebenso wie von Landwirten als auch Akademikern und Intellektuellen sowie Künstlern, vor allem aber auch von vielen traditionellen CDU-Anhängern getragen (in der Gegend setzte ein massiver Schwund unter den Parteimitgliedern ein) und verlief weitgehend friedlich. Der erfolgreiche Protest hatte Signalwirkung auf andere Standorte wie Brokdorf, Grohnde oder Kaiseraugst (Schweiz), der friedliche Charakter ging jedoch verloren: Beim Kampf gegen die Errichtung des Kernkraftwerk Brokdorf kam es im Herbst 1976 zu bürgerkriegsähnlichen Schlachten zwischen Polizei und Demonstranten.[3]

Darüber hinaus kann der Widerstand als grundlegender Impuls überhaupt für die neuzeitliche Antiatomkraft-, Bürgerinitiativen- und Umweltbewegung in Deutschland gelten, inklusive der Herausbildung und Gründung einer „grünenPartei.

Auch wenn die Freiburger Wyhl-Urteile nicht bestätigt wurden und es rechtlich kein Hindernis gab, dass dem Bau des KKW in Wyhl entgegen gestanden hätte, gewann doch die diese tragende Überzeugung, dass das mit dem Betrieb von Kernkraftwerken verbundene Risiko unterschätzt werde, Jahr für Jahr – und nicht zuletzt durch die Reaktorunfälle wie denen in Harrisburg (1979) und Tschernobyl (1986) – an Boden. 2002 wurde schließlich ein Verbot des Neubaues von Kernkraftwerken im Atomgesetz festgeschrieben[11]. Das endgültige „Aus“ leitete die Bundeskanzlerin mit ihrer Regierungserklärung vom 9.6.2011 ein. Ihre Haltung zur Kernenergie habe sich nach Fukushima geändert: „Ich habe eine neue Bewertung vorgenommen“. Das Restrisiko könne nur der akzeptieren, der überzeugt sei, das es nach menschlichem Ermessen nicht eintrete. Jetzt sei es eingetreten[17].

Verbleib der Komponenten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bereits für Block 1 gefertigten Großkomponenten (z. B. Dampferzeuger und Reaktordruckbehälter) wurden für das Kernkraftwerk Philippsburg 2 verwendet. Dieses war ursprünglich zu fast 100 % bau- und zeichnungsgleich mit dem einst geplanten Block 1 in Wyhl.

Daten der Reaktorblöcke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es waren zwei Reaktoren geplant:[18][19]

Reaktorblock Reaktortyp Netto-
leistung
Brutto-
leistung
Anfang Projektplanung Baubeginn Projekteinstellung
Wyhl-1[2] Druckwasserreaktor 1.300 MW 1.375 MW 1973 1975 1995
Wyhl-2 Druckwasserreaktor 1.300 MW 1.375 MW 1973 - 1995

Gedenken, Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Gedenken an den erfolgreichen Widerstand gibt es viele Beiträge: So steht im Rheinauewald von Wyhl ein viel besuchter Gedenkstein (gesetzt im Jahr 2000 mit der Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, MdB Gila Altmann). Anlässlich der „40 Jahre Widerstand“-Feier wurde am 28. Februar 2012 vor dem Evangelischen Gemeindehaus in Weisweil von Landesbischof Fischer ein weiterer Gedenkstein eingeweiht.

Im Rathaus der Gemeinde Weisweil ist ein Archiv der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen eingerichtet, das einen umfangreichen Einblick in die Geschichte um die Verhinderung des Kernkraftwerks in Wyhl gewährt.

Ausstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bürger, helft euch selbst. Wyhl – ein Beispiel. Fotos von Manfred Richter, Rathaus Emmendingen, Februar bis April 2015.[20]

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1976, Nina Gladitz: Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv.
    • NDR, Karsten Biehl, Eberhard Hollweg: Brokdorf - ein zweites Wyhl?.
  • 1982, Regiekollektiv Medienwerkstatt Freiburg: S'Weschpe-Näscht. Die Chronik von Wyhl 1970 bis 1982.
  • 2015, Bodo Kaiser, Siggi Held: Wyhl und die Linken - Geschichten aus dem Wyhler Wald.[21]

Literatur und Materialien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Dokument (RTF)
  2. a b Kernkraftwerk Wyhl 1 im PRIS der IAEA (Memento vom 4. Juni 2011 im Internet Archive) (englisch)
  3. a b c d freidok.uni-freiburg.de: Der Widerstand gegen das Kernkraftwerk Wyhl (pdf; 3,6 MB)
  4. Hans-Helmut Wüstenhagen: Bürger gegen Kernkraftwerke. Wyhl der Anfang? rororo aktuell, Reinbek bei Hamburg 1975, ISBN 3-499-11949-8, S. 13ff.
  5. Vgl. Bekanntmachung des Antrages im Staatsanzeiger für BW und in der Badischen Zeitung v. 18.05.1974
  6. Vgl. die unten zitierten Urteile des VG Freiburg v. 14.03.1977 und des VGH Mannheim vom 30.03.1982.
  7. Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Regionalverband Südlicher Oberrhein, Freiburg, 20. August 2014: bund-rvso.de: Bauplatzbesetzung Marckolsheim Elsass 1974–1975: Ein wichtiger Impuls für die Umweltbewegung
  8. a b c d Hartmut Albers: Gerichtsentscheidungen zu Kernkraftwerken, Argumente in der Energiediskussion. Hrsg.: Volker Hauff. Band 10. Villingen-Schwenningen 1980, ISBN 3-7883-0834-6, S. 59 ff.
  9. Hanno Kühnert: Am runden Tisch. In: Die Zeit. 28. Januar 1977, abgerufen am 25. Januar 2009.
  10. Rheinische Post. 15. Oktober 1975, S. 1.
  11. a b badische-zeitung.de, 11. März 2017, Joachim von Bargen (beteiligter Verwaltungsrichter): Als Wyhl verhindert wurde: Die Richter und das Restrisiko (12. März 2017)
  12. a b c vgl. Neue Juristische Wochenschrift (NJW) 1977, S. 1645 ff.
  13. Die Öffentliche Verwaltung (DÖV) 1982, S. 863 ff.
  14. a b vgl. Verwaltungsblätter Baden-Württemberg (VBlBW) 1986, S. 170 ff.
  15. Vgl. die Veröffentlichungen der Vereinigung der Deutschen Staatsrechtslehrer Heft 48, Berlin 1990, ISBN 3-11-012565-X, S. 177 ff., 201.
  16. »Ohne das Kernkraftwerk Wyhl werden zum Ende des Jahrzehnts in Baden-Württemberg die ersten Lichter ausgehen.« Hans Filbinger am 27.02.1975 im Landtag bei der Landeszentrale für politische Bildung
  17. Bundesregierung | Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Energiepolitik "Der Weg zur Energie der Zukunft" (Mitschrift). Abgerufen am 16. März 2017 (deutsch).
  18. WNA Reactor Database (englisch)
  19. Jens Ivo Engels: Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltensstile in Naturschutz und Umweltbewegung. 1950–1980. 2006, S. 352.
  20. Mit dem Weitwinkel im Wyhler Wald
  21. Bettina Schulte: Die Kommunisten im Wyhler Wald. In: Badische-zeitung.de, 13. Februar 2015.
  22. Wulf Rüskamp: Über die Grenzen hinweg. In: Badische-zeitung.de, 31. Dezember 2014.
  23. Themenschau zu 40 Jahren AKW in Emmendingen. In: Badische-zeitung.de, 13. Februar 2015.