Kevin Russell

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Kevin Russell (2019)

Kevin Richard Russell (* 12. Januar 1964 in Hamburg) ist ein deutscher Sänger. Bekannt wurde er als Leadsänger der Rockband Böhse Onkelz, der er von 1980 bis 2005 angehörte und nach der Reunion der Band seit 2014 wieder angehört. Ebenso ist er Leadsänger und Songwriter der 2012 gegründeten Band Veritas Maximus.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kevin Russell (2007)

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kevin Richard Russell wuchs als jüngstes von drei Kindern (eine Schwester und ein Bruder) auf. Sein britischer Vater arbeitete zu dieser Zeit als Pilot bei der Lufthansa, seine Mutter kam aus Hamburg. Laut Russell war sie alkoholsüchtig, was sich negativ auf die Familienverhältnisse ausgewirkt habe. Russell besuchte zeitweise die Realschule, verließ diese ohne Abschluss und versuchte schließlich über ein Berufsgrundschuljahr in einer Elektrofachschule, den Hauptschulabschluss zu erlangen.

1977 zogen er und seine Familie von Hamburg nach Hösbach. Dort lernte er Peter Schorowsky und Stephan Weidner kennen, mit denen er später die Rockband Böhse Onkelz gründen sollte. 1983 begann er eine Ausbildung zum Schiffsmechaniker, die er nicht abschloss. Ab 1986 arbeitete er als Tätowierer, 1999 wurde sein Sohn geboren.[1]

Im Jahre 1990 starb sein bester Freund Andreas „Trimmi“ Trimborn nach einer Messerstecherei in einer Kneipe in den Armen von Russell.[2] Die Böhsen Onkelz widmeten dem Gestorbenen später unter anderem das Lied Nur die Besten sterben jung.

Am 27. Juni 2015, nur wenige Stunden vor dem Beginn eines Konzerts am Hockenheimring, heiratete Russell seine langjährige Freundin Simone.[3]

Drogenprobleme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Russell litt viele Jahre an Drogen- und Alkoholproblemen. Diese Problematik wurde auch in einigen Liedern wie z. B. Hast du Sehnsucht nach der Nadel, H oder Leiden und auch in der offiziellen Biographie thematisiert. Im Januar 2006 wurde Russell in der Mainzer Uniklinik stationär behandelt; von der Band wurde als Grund dafür ein schwerer Drogenrückfall genannt. Es kam zu einem bakteriellen Infekt, weshalb er sich einer Gehirnoperation unterziehen musste und zeitweise im künstlichen Koma lag. Nach eigenen Angaben trank er häufig täglich „viereinhalb Liter Jägermeister“ und konsumierte bis zu „20 Gramm 70-prozentiges Kokain“.[4]

Erster schwerer Verkehrsunfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 16. November 2000 hatte Russell einen schweren Autounfall, als er abends um 21:30 Uhr im Taunus bei regennasser Fahrbahn in einer scharfen Haarnadelkurve mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit zwei andere Autos überholte, dabei die Kontrolle über sein Gefährt verlor und eine Böschung hinabstürzte. Anschließend musste die Feuerwehr den Verunglückten aus seinem zerstörten Fahrzeug herausschneiden. Russell erlitt bei dem Unfall einen Oberschenkelhalsbruch, eine Platzwunde am Kopf, ein Schleudertrauma und eine schwere Gehirnerschütterung. Wegen des Unfalls und der folgenden Reha-Zeit des Onkelz-Sängers musste das ursprünglich für den Herbst 2000 festgelegte Jubiläumskonzert 20 Jahre Böhse Onkelz auf den 3. März 2001 verschoben werden, das schließlich nicht wie geplant in der Ballsporthalle, sondern in der Festhalle in Frankfurt am Main stattfand. Sänger Kevin Russell konnte das Jubiläumskonzert nur mithilfe von starken Schmerzmitteln und im Gehen beeinträchtigt absolvieren.[5][6] Durch die Einnahme der verschreibungspflichtigen Schmerzmittel wurde Russell erneut süchtig nach harten Drogen wie Heroin und Kokain.[7]

Zweiter schwerer Verkehrsunfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Silvesterabend 2009 verursachte Kevin Russell unter Drogeneinfluss mit 232 km/h[8] in einem Audi R8 auf der A 66 bei Frankfurt am Main einen Verkehrsunfall mit zwei männlichen Schwerverletzten und beging anschließend zu Fuß Unfallflucht. Am 1. Juli 2010 wurde Anklage gegen Russell erhoben.[9] Am 4. Oktober 2010 wurde er vom Landgericht Frankfurt am Main wegen fahrlässiger Körperverletzung, Gefährdung des Straßenverkehrs sowie Unfallflucht zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verurteilt.[10] Die Fahrerlaubnis wurde ihm für vier Jahre entzogen.[11] Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Nebenklagevertreter leiteten beim Bundesgerichtshof (BGH) Revision gegen das Urteil ein; die Staatsanwaltschaft zog ihren Revisionsantrag später zurück. Mit Beschluss vom 7. März 2011 verwarf der BGH Russells Revisionsantrag, womit er die Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten antreten musste.[12] Ein entsprechender Befehl zum Haftantritt im Mai 2011 wurde ihm zugestellt, jedoch trat er diese nicht an. Russells Anwalt setzte am 24. Juni 2011 Rechtsmittel ein, um ihn aufgrund seiner Gesundheitssituation als haftunfähig einzustufen.[13] Der 3. Strafsenat lehnte am 11. Juli 2011 den Antrag auf Haftaufschub ab. Die Richter argumentierten, dass Russell sogar eine verbesserte Behandlung erhalten werde, da aufgrund der permanenten Überwachung in Haft sogar schneller als in Freiheit medizinisch reagiert werden könne.[14]

Die beiden Insassen des bei dem Unfall zerstörten und in Brand geratenen Opels schwebten danach zeitweise in Lebensgefahr und erlitten beide schwere bleibende Schäden und Traumatisierungen: Der 20-jährige Fahrer trug unter anderem Verbrennungen, eine Leberblutung, eine Milzruptur, eine Nierenverletzung sowie ein Schädel-Hirn-Trauma mit anhaltenden Gedächtnisstörungen davon. Der 22-jährige Beifahrer erlitt unter anderem Verbrennungen, die sein Gesicht teilweise entstellt haben, außerdem mussten ihm drei Finger amputiert werden.[15][16][17][18] Es wurde berichtet, dass Russell während der Gerichtsverhandlungen gelacht und Grimassen geschnitten haben soll, die als Verhöhnung der Opfer interpretiert wurden.[19] Im November 2012 wurde ein handschriftlicher Brief Russells veröffentlicht, in dem er unter anderem den Unfallopfern sein Bedauern ausdrückt.[20]

Im August 2011 trat Russell seine Haftstrafe an und wurde wegen seines Gesundheitszustandes umgehend ins Gefängniskrankenhaus verlegt.[21] Im Dezember 2011 verließ er das Gefängnis und ging in eine Therapieeinrichtung, die die Justiz regelmäßig über den Verlauf der Therapie informierte.[22]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach eigenen Angaben besitzt Russell die britische Staatsangehörigkeit.[23]

Die Tattoo-Illustration auf dem Cover des 1992er Albums The Madman’s Return des Eurodance- und Trance-Projektes Snap! stammt von ihm.[24]

Musikalische Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kevin Russell (2015)

Böhse Onkelz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1980 gründete er zusammen mit Stephan Weidner und Peter Schorowsky die Rockband Böhse Onkelz. Er war von Gründung bis zur Auflösung 2005 und ist seit der Neugründung 2014 Leadsänger der Band.

Solo-Karriere[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem vorläufigen Ende der Böhsen Onkelz im Jahre 2005 hätte Kevin Russell der Sänger eines Bandprojekts namens Puritanzz and Pioneers mit Matthias "Gonzo" Röhr als Gitarrist und Jason Newsted als Bassist werden sollen. Die dahingehenden Pläne scheiterten jedoch an der Absage von Kevin Russell in Bezug auf das Projekt.[25]

In dem am 15. Mai 2006 von der Band Nordend Antistars veröffentlichten Stück Unser Stadion – unsere Regeln ist Russell erstmals seit seinem Koma als Backgroundsänger zu hören.

Eigentlich sollte Russell auch einen Song der Band Eschenbach, produziert von Stephan Weidner, einspielen. Jedoch entschied sich die Band kurz nach der Ankündigung wieder dagegen, da sie nicht wollte, dass die Platte nur deswegen gekauft wird. Letztendlich wurde der Song von Stephan Weidner eingespielt.

Zuletzt stand Russell am 15. August 2009 bei Outer Limits, einem Festival in Hofheim in Unterfranken, zusammen mit der Coverband KOMA für einige Songs auf der Bühne. Das war das zweite Mal seit der Auflösung der Böhsen Onkelz, nach seinem Auftritt beim Festival Onkelz Non Stop in Geiselwind im Juni 2009, dass Russell Lieder seiner eigenen Band auf einer Bühne vortrug.

Am 21. Dezember 2012 gab Russell auf seiner Website bekannt, dass er wieder auf die Bühne wolle.[26] Sein erstes Solo-Konzert fand am 9. März 2013 in Geiselwind statt.[27]

Veritas Maximus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2012 ist Russell Sänger der Band Veritas Maximus. Das erste Album namens Glaube und Wille erschien am 30. Mai 2014 und stieg auf Platz 5 der deutschen Charts ein.[28][29] Der Name der Band kommt aus dem Lateinischen und soll „die höchste Wahrheit“ bedeuten, ist aber grammatikalisch unkorrekt und müsste eigentlich veritas maxima heißen.

Diskografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chartplatzierungen
Erklärung der Daten
Alben[30]
Glaube und Wille (mit Veritas Maximus)
  DE 5 13.06.2014 (8 Wo.)
  AT 13 13.06.2014 (3 Wo.)
  CH 29 08.06.2014 (1 Wo.)

Böhse Onkelz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Veritas Maximus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Kevin Russell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kevin Russel: Böhse-Onkelz-Sänger bricht sein Schweigen Faz.de vom 1. Oktober 2010
  2. Kritsanarat Khunkham: Böhse-Onkelz-Sänger: "Ausländerfeindlich, brutal und gewalttätig". In: DIE WELT. 7. Januar 2010 (welt.de [abgerufen am 30. Dezember 2017]).
  3. Vor Konzert: Onkelz-Sänger heiratet am Hockenheimring! mannheim24.de, 28. Juni 2015, abgerufen am 30. Juni 2015.
  4. „Ich trank viereinhalb Liter Jägermeister pro Tag“. In: Focus Online, 13. Mai 2013, abgerufen am 27. April 2019.
  5. Gonzo: Die offizielle und autorisierte Biographie von Matthias Röhr. Autobiographie verfasst mit den Co-Autoren Dennis Diel und Marco Matthes, Hannibal Verlag, Höfen, 1. Auflage, November 2019. S. 249 f. + 254
  6. Kevins erster folgenschwerer Unfall auf der offiziellen Homepage der Böhsen Onkelz in der Rubrik Timeline, www.onkelz.de, abgerufen am 15. April 2020
  7. Gonzo: Die offizielle und autorisierte Biographie von Matthias Röhr. Autobiographie verfasst mit den Co-Autoren Dennis Diel und Marco Matthes, Hannibal Verlag, Höfen, 1. Auflage, November 2019. S. 273
  8. Stern.de: Böhse-Onkelz-Sänger muss ins Gefängnis. Abgerufen am 7. März 2011
  9. Anklage gegen Böhse-Onkelz-Sänger erhoben (Memento vom 4. Juli 2010 im Internet Archive). RP Online, 1. Juli 2010.
  10. Böses Erwachen für Böhse-Onkelz-Sänger. In: Focus online, 4. Oktober 2010. Abgerufen am 29. Oktober 2013.
  11. Böhse-Onkelz-Sänger muss über zwei Jahre ins Gefängnis. In: Der Tagesspiegel, 4. Oktober 2010. Abgerufen am 4. Oktober 2010.
  12. Hessischer Rundfunk: Meldung auf hr-online.de (Memento vom 10. März 2011 im Internet Archive). Abgerufen am 7. März 2011.
  13. Kevin Russell wehrt sich gegen Haftantritt. n24.de. Abgerufen am 29. Oktober 2013.
  14. Hessischer Rundfunk: Beschwerde abgelehnt - Onkelz-Sänger muss Haft antreten@1@2Vorlage:Toter Link/www.hr-online.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  15. Die Welt: Aussagen der Opfer schocken "Böhse Onkelz"-Fans, 24. September 2010, abgerufen am 29. September 2012
  16. Focus: Fahrerflucht: Böhse-Onkelz-Sänger vor Gericht, 24. September 2010, abgerufen am 29. September 2012
  17. n-tv: "Du hast mich zum Krüppel gemacht": "Böhser Onkel" vor Gericht, 24. September 2010, abgerufen am 29. September 2012
  18. Spiegel: Kevin Russell muss Haftstrafe antreten, 11. Juli 2011, abgerufen am 29. September 2012
  19. Stern: Kevin Russell muss hinter Gitter, 4. Oktober 2010, abgerufen am 29. September 2012
  20. Fanseite der Band Böhse Onkelz: http://onkelz.de/blog/wp-content/uploads/2012/11/statement.jpg (Memento vom 20. Januar 2013 im Internet Archive), 2. November 2012, abgerufen am 9. November 2012
  21. Focus: Böhse-Onkelz-Sänger: Kevin Russell landet im Gefängniskrankenhaus, 8. August 2010, abgerufen am 29. September 2012
  22. Spiegel: Entlassung aus dem Gefängnis: Böhse-Onkelz-Sänger in Drogentherapie, 10. April 2012, abgerufen am 29. September 2012
  23. Hessischer Rundfunk: Meldung auf hr-online.de, abgerufen am 19. April 2011@1@2Vorlage:Toter Link/www.hr-online.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  24. Das Snap!-Album The Madman's Return bei discogs, abgerufen am 24. November 2022.
  25. Gonzo: Die offizielle und autorisierte Biographie von Matthias Röhr. Autobiographie verfasst mit den Co-Autoren Dennis Diel und Marco Matthes, Hannibal Verlag, Höfen, 1. Auflage, November 2019. S. 325 f.
  26. Kevin Russell: [1]
  27. Manuel Liebler: Kevin Russell live in Geiselwind. Comeback nach der Tragödie. In: Metal Hammer, 2. Mai 2013. Abgerufen am 8. September 2013.
  28. Die Band (Memento vom 29. Oktober 2013 im Internet Archive). vm-sc.de. Abgerufen am 8. September 2013.
  29. Veritas Maximus in den deutschen Charts
  30. Charts DE Charts AT Charts CH