KiSS-Syndrom

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KiSS ist die Abkürzung für Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung. Die Existenz eines KiSS-Syndroms im Sinne eines Krankheitsbildes, das klinisch vor allem zu Störungen der Körperhaltung im Säuglings- und Kleinkindalter führen soll oder für eine Reihe von Verhaltensstörungen verantwortlich sein soll, ist nicht bewiesen.[1] Während manche Alternativmediziner vielfach KiSS diagnostizieren und manuelle Therapie empfehlen, erkennt die evidenzbasierte Medizin die Diagnose nicht an, da die pathophysiologische Vorstellung nicht nachweisbar ist und wissenschaftliche Untersuchungen zu den empfohlenen Therapiemethoden bisher nicht vorgelegt wurden. Dementsprechend wird dem KiSS in der Wissenschaftsgemeinde keine Bedeutung beigemessen. In Deutschland wird die Behandlung des KiSS-Syndroms in aller Regel nicht von den Krankenkassen übernommen.

Begriffsherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemäß dem Manualmediziner und Chirurgen Heiner Biedermann, auf den der Begriff des KiSS-Syndroms zurückgeht,[2] sei KiSS eine Fehlstellung bei Kindern im Bereich der oberen Halswirbelsäule, welche in der Entwicklung das KiDD-Syndrom (Kopfgelenk-induzierte Dyspraxis/Dysgnosie) nach sich ziehen könne. Auch diese Diagnose wird von der evidenzbasierten Medizin abgelehnt. Als Ursache für die Fehlstellung der Halswirbelsäule werden von Biedermann geburtstraumatische Ereignisse sowie die Belastung der Halswirbelsäule bei der Geburt angeführt.

Das KiSS-Syndrom bezeichnet eine Haltungsasymmetrie. Die evidenzbasierte Medizin kennt aber nur folgende Haltungsasymmetrien:

Wirksamkeit und Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In randomisierten Studien, die es zu diesem Themengebiet nur sehr vereinzelt gibt, konnte für die Manualtherapie keine überlegene Wirksamkeit nachgewiesen werden.[3] Trotzdem werden von den Alternativmedizinern Behandlungstechniken wie z. B. die Manualtherapie, Feldenkrais-Methode, Osteopathie, Cranio-Sacral-Therapie oder auch Atlas-Therapie empfohlen.

Die Gesellschaft für Neuropädiatrie führt an, dass Manipulationen im Bereich der Halswirbelsäule zur Behandlung von Symmetriestörungen oder motorischen Koordinationsstörungen grundsätzlich nicht zu empfehlen seien.[4]

Ralf Stücker, Privatdozent und Leitender Arzt der Abteilung Kinderorthopädie am Altonaer Kinderkrankenhaus führt an, dass die „(…) unter der Etikette (des) KISS-Syndrom durchgeführte Röntgenuntersuchung und Behandlung der Kopfgelenke unzähliger Säuglinge und Kleinkinder nach heutigem Kenntnisstand jedoch in keiner Weise gerechtfertigt“ seien. [5] Dieter Karch, Professor und ärztlicher Leiter der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie in Maulbronn bemängelte die Nachweisbarkeit der Diagnose mit den Worten: „Man darf nicht über Jahre etwas propagieren, ohne in dieser Zeit Studien vorzulegen.“[6] Laut dem Professor und Leiter der Sektion Kinderorthopädie und Wirbelsäulenchirurgie der Universitätsklinikum Heidelberg, Claus Carstens, „hält KiSS einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand.“[6] Die Diagnose des Syndroms birgt außerdem die Gefahr, vorhandene schwerwiegende Krankheiten zu übersehen.[7]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Manualmedizinische Behandlung des KiSS-Syndroms und Atlastherapie nach Arlen (PDF-Datei; 44 kB), Stellungnahme der Gesellschaft für Neuropädiatrie e.V., Kommission zu Behandlungsverfahren bei Entwicklungsstörungen und zerebralen Bewegungsstörungen D. Karch, E. Boltshauser, G. Groß-Selbeck, J. Pietz, H.-G. Schlack
  2. Biedermann H. Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörungen bei Kleinkindern. der kinderarzt 1991; 22:1475-1482
  3. Olafsdottir E, Forshei S, Fluge G, Markestad T. Randomised controlled trial of infantile colic treated with chiropractic spinal manipulation. In: Arch Dis Child 2001; 84: 138–41
  4. D.Karch, G.Gross-Selbeck, H.G. Schlack, A.Ritz, F. Hanefeld, Behandlung motorischer Störungen mit manueller Therapie (einschließlich der Vorgehensweise nach Kozijavkin) - Stellungnahme der Gesellschaft für Neuropädiatrie (2000) (PDF-Datei; 40 kB)
  5. R. Stücker, DAS KISS-Syndrom – Fakt oder Fiktion?, erschienen in: pädiatrie hautnah 12/2000
  6. a b J. Schweitzer, Endlich richtig krank - Das KiSS-Syndrom - Oder wie Ärzte aus gesunden Kindern zahlende Patienten machen. ZEIT 35/2000
  7. *V. Hackenbroch und J. Koch: Biedermanns schiefe Kinder. Der Spiegel 12/2009, 16. März 2009

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heiner Biedermann, KISS-Kinder: Ursachen, (Spät-)Folgen und manualtherapeutische Behandlung frühkindlicher Asymmetrie. Thieme, Stuttgart, 2007.
  • D. Karch, E. Boltshauser, G. Groß-Selbeck, J. Pietz, H.-G. Schlack: Manualmedizinische Behandlung des KiSS-Syndroms und Atlastherapie nach Arlen. Stellungnahme der Gesellschaft für Neuropädiatrie e. V. Kommission zu Behandlungsverfahren bei Entwicklungsstörungen und zerebralen Bewegungsstörungen. 2005. (PDF, 44 KB)
  • Ch. Bollmann, Th. Wirth: Der Stellenwert des KiSS-Syndroms unter den Haltungsasymmetrien. pädiatrie hautnah 5·2005, S. 244-49 (PDF, 122 KB)
  • DGMM Stellungnahme Manuelle Medizin im Kindesalter - DGMM-Konsens zu Symptomenkomplexen, Diagnostik und Therapie Manuelle Medizin 2013 51:414 - 425.
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