KiSS-Syndrom

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KiSS ist die Abkürzung für Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung. Die Existenz eines KiSS-Syndroms im Sinne eines Krankheitsbildes, das klinisch vor allem zu Störungen der Körperhaltung im Säuglings- und Kleinkindalter führen oder für eine Reihe von Verhaltensstörungen verantwortlich sein soll, ist nicht bewiesen.[1] Während manche Alternativmediziner vielfach KiSS diagnostizieren und manuelle Therapie empfehlen, erkennt die evidenzbasierte Medizin die Diagnose nicht an, da die pathophysiologische Vorstellung nicht nachweisbar ist und wissenschaftliche Untersuchungen zu den empfohlenen Therapiemethoden bisher nicht vorgelegt wurden. Deswegen wird dem KiSS in der Wissenschaftsgemeinde keine Bedeutung beigemessen. In Deutschland wird die Behandlung des KiSS-Syndroms in aller Regel nicht von den Krankenkassen übernommen.

Begriffsherkunft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemäß dem Manualmediziner und Chirurgen Heiner Biedermann, auf den der Begriff des KiSS-Syndroms zurückgeht,[2] sei KiSS eine Fehlstellung bei Kindern im Bereich der oberen Halswirbelsäule, welche in der Entwicklung das KiDD-Syndrom (Kopfgelenk-induzierte Dyspraxis/Dysgnosie) nach sich ziehen könne. Gemäß Wolfgang von Heymann soll das von Biedermann postulierte Syndrom weitgehend identisch sein mit dem bereits 1968 postulierten „zervikal-dienzephal-kinesiologischen Syndrom“ von Gottfried Gutmann, ein Lehrer Biedermanns.[3] Das KiSS-Syndrom als Diagnose in der angloamerikanischen Literatur existiert nicht.[3]

Als Ursache für die Fehlstellung der Halswirbelsäule werden von Biedermann geburtstraumatische Ereignisse sowie die Belastung der Halswirbelsäule bei der Geburt angeführt. Hierbei sollen die bei der Geburt ausgeübten Kräfte auf dem Babyhals wirken, so dass sich Halswirbel verschöben; dies solle in einer Blockade von Funktionssystemen führen, die Kopf und Körper miteinander verbinden.[4]

Auch Unfälle in den ersten Lebensmonaten, etwa ein Fall vom Wickeltisch, soll zu einer solchen Fehlstellung führen können. Nach Biedermann sollte unter anderem bei Babys, die exzessiv schreien (umgangssprachlich: „Schreibabys“) untersucht werden, ob ihre Schwierigkeiten von der Halswirbelsäule herrühren.[5] Weitere postulierte Symptome sind allgemein eine schiefe Haltung, Unruhe, ein verbeulter bzw. asymmetrischer Schädel, Trinkvorlieben (z. B. nur das Trinken von einer Seite), Spucken, Sabbern oder kurze Schlafphasen.[6][4] Biedermann behauptet, dass etwa vier bis fünf Prozent aller Kleinkinder unter dem Kiss-Syndrom litten.[4]

Die Diagnose eines KiSS-Syndroms wird von der evidenzbasierten Medizin abgelehnt. Das KiSS-Syndrom bezeichnet eine angebliche Haltungsasymmetrie. Die evidenzbasierte Medizin kennt aber nur folgende Haltungsasymmetrien:

Wirksamkeit und Bewertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In randomisierten Studien, die es zu diesem Themengebiet nur sehr vereinzelt gibt, konnte für die Manualtherapie keine überlegene Wirksamkeit nachgewiesen werden.[7] Trotzdem werden von den Alternativmedizinern Behandlungstechniken wie z. B. die Manualtherapie, Feldenkrais-Methode, Osteopathie, Cranio-Sacral-Therapie oder auch Atlas-Therapie empfohlen.

Die Gesellschaft für Neuropädiatrie warnt, dass Manipulationen im Bereich der Halswirbelsäule zur Behandlung von Symmetriestörungen oder motorischen Koordinationsstörungen grundsätzlich nicht zu empfehlen seien.[8]

Ralf Stücker, Privatdozent und Leitender Arzt der Abteilung Kinderorthopädie am Altonaer Kinderkrankenhaus führt an, dass die „(…) unter der Etikette (des) KISS-Syndrom durchgeführte Röntgenuntersuchung und Behandlung der Kopfgelenke unzähliger Säuglinge und Kleinkinder nach heutigem Kenntnisstand jedoch in keiner Weise gerechtfertigt“ seien.[9] Zudem ist er der Ansicht, dass auffälliges Schreien nach der Geburt nichts mit einer Blockade von Halswirbeln zu tun habe; stattdessen wird die Kopfhaltung von Babys wegen einer sich verengenden Gebärmutter zum Ende der Schwangerschaft eingeschränkt und auch nach der Geburt beibehalten.[4] „Das fühlt sich an wie ein steifer Hals“, so Stücker.[4] Der abgeflachte bzw. asymmetrische Schädel entstehe eher dadurch, dass Babys seltener auf dem Bauch gelegt werden. Stücker kritisiert auch die für eine KiSS-Diagnose aufgenommenen Röntgenaufnahmen als unnötige Strahlenbelastung, da diese Art der Bildgebung angesichts der Knorpellstruktur der neonatalen Halswirbelsäule kaum Ergebnisse brächte.[4]

Dieter Karch, Professor und ärztlicher Leiter der Klinik für Kinderneurologie und Sozialpädiatrie in Maulbronn, bemängelte die Nachweisbarkeit der Diagnose mit den Worten: „Man darf nicht über Jahre etwas propagieren, ohne in dieser Zeit Studien vorzulegen.“[10] Laut Claus Carsten, Professor und Leiter der Sektion Kinderorthopädie und Wirbelsäulenchirurgie der Universitätsklinikum Heidelberg, „hält KiSS einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand.“[10] Die Diagnose des Syndroms birgt außerdem die Gefahr, vorhandene schwerwiegende Krankheiten zu übersehen.[4]

Natalie Grams ist der Ansicht, dass die angeblichen Symptome (z. B. Schreien oder kurze Schlafphasen) zum normalen Baby-Dasein dazugehören und nicht therapiebedürftig seien; „schlimmstenfalls möchte die Person mit der durchaus fordernden Phase der frühen Kindheit Geld verdienen“.[6]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Heiner Biedermann: KISS-Kinder: Ursachen, (Spät-)Folgen und manualtherapeutische Behandlung frühkindlicher Asymmetrie. Thieme, Stuttgart 2007.
  • D. Karch, E. Boltshauser, G. Groß-Selbeck, J. Pietz, H.-G. Schlack: Manualmedizinische Behandlung des KiSS-Syndroms und Atlastherapie nach Arlen. Stellungnahme der Gesellschaft für Neuropädiatrie e. V. Kommission zu Behandlungsverfahren bei Entwicklungsstörungen und zerebralen Bewegungsstörungen. 2005; neuropaediatrie.com (PDF; 44 kB)
  • Ch. Bollmann, Th. Wirth: Der Stellenwert des KiSS-Syndroms unter den Haltungsasymmetrien. In: pädiatrie hautnah, 5, 2005, S. 244–249; paediatrie-hautnah.de (PDF; 122 kB)
  • DGMM Stellungnahme Manuelle Medizin im Kindesalter – DGMM-Konsens zu Symptomenkomplexen, Diagnostik und Therapie. In: Manuelle Medizin, 51, 2013, S. 414–425.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dieter Karch et al.: Manualmedizinische Behandlung des KISS-Syndroms und Atlastherapie nach Arlen. Stellungnahme der Gesellschaft für Neuropädiatrie e. V. In: Manuelle Medizin. Band 43, Nr. 2, 1. April 2005, S. 100–105, doi:10.1007/s00337-005-0351-y (gesellschaft-fuer-neuropaediatrie.org [PDF]).
  2. H. Biedermann: Kopfgelenk-induzierte Symmetriestörungen bei Kleinkindern. In: der kinderarzt. 22, 1991, S. 1475–1482.
  3. a b Wolfgang von Heymann: „Tonusasymmetriesyndrom“ und „sensomotorische Dyskybernese“. In: Manuelle Medizin. Band 50, Nr. 4, 1. August 2012, S. 285–288, doi:10.1007/s00337-012-0919-2.
  4. a b c d e f g Julia Koch, Veronika Hackenbroch: Erfundene Krankheit: Biedermanns schiefe Babys. In: Spiegel Online. 16. März 2009, abgerufen am 26. September 2020.
  5. Angela Heller: Nach der Geburt: Wochenbett und Rückbildung, Thieme, 2002, ISBN 978-3-13-125041-4, S. S185–187.
  6. a b Natalie Grams: Kinder-Osteopathie: Babys sind weder schief noch blockiert. In: Spektrum der Wissenschaft. 22. September 2020, abgerufen am 25. September 2020.
  7. E. Olafsdottir et al.: Randomised controlled trial of infantile colic treated with chiropractic spinal manipulation. In: Archives of Disease in Childhood. Band 84, Nr. 2, Februar 2001, S. 138–141, doi:10.1136/adc.84.2.138, PMID 11159288, PMC 1718650 (freier Volltext).
  8. D. Karch, G. Gross-Selbeck, H. G. Schlack, A. Ritz, F. Hanefeld: Behandlung motorischer Störungen mit manueller Therapie (einschließlich der Vorgehensweise nach Kozijavkin). (Memento vom 2. Dezember 2013 im Internet Archive) (PDF; 40 kB) Stellungnahme der Gesellschaft für Neuropädiatrie, 2000.
  9. R. Stücker: DAS KISS-Syndrom – Fakt oder Fiktion? In: pädiatrie hautnah. 12/2000.
  10. a b J. Schweitzer: Endlich richtig krank – Das KiSS-Syndrom – Oder wie Ärzte aus gesunden Kindern zahlende Patienten machen. In: Die Zeit, Nr. 35/2000.