Kidariten

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Die Kidariten waren eine Nachfolgedynastie des zentralasiatischen Kuschana-Reiches zwischen 390 und ca. 467/77 n. Chr.[1] Sie gelten als eine Gruppe der sogenannten iranischen Hunnen, die aber sehr wahrscheinlich in keiner direkten Beziehung zu den Hunnen in Europa stand. Der Begriff der iranischen Hunnen geht auf die numismatischen Forschungen Robert Göbls zurück.[2] Göbl ging davon aus, dass auf die Kidariten noch die Alchon- und Nezak-Gruppen folgten (die durch Münzen bekannt sind), als letzte Gruppe schließlich die Hephthaliten.

Die ethnische Identität der Kidariten ist nur schwer zu klären. Aufgrund der Schilderung des spätantiken Geschichtsschreibers Priskos (der von „kidaritischen Hunnen“ berichtet)[3] stellt die Forschung eine Verbindung zwischen den Chioniten und Kidariten her. Kidariten ist wohl nur als dynastische Bezeichnung zu verstehen, die sich von dem Namen ihres Königs Kidara ableitet.[4] In der neueren Forschung ist daher die These aufgestellt worden, dass Chioniten und Kidariten nicht zwei getrennte Gruppen waren, sondern dass vielmehr die Kidariten ein Clan der Chioniten waren bzw. von ihnen abstammten.[5]

Die Chioniten wiederum waren um die Mitte des 4. Jahrhunderts kurzzeitig Verbündete des persischen Sassanidenreichs, wenngleich das Bündnis nicht längere Zeit Bestand hatte. Möglicherweise sind die Invasoren, gegen die der Sassanidenkönig Bahram V. im frühen 5. Jahrhundert kämpfte, mit den Kidariten zu identifizieren, wenngleich ihr Name in diesem Zusammenhang in den (wenigen) schriftlichen Quellen nicht auftaucht; eventuell handelte es sich wie gesagt noch um Chioniten.[6] Die Goldmünzen der Kidariten sind an den Kuschana-Stil angelehnt und deuten darauf hin, dass sich die Kidariten selbst als direkte Nachfolger der Kuschana-Herrscher betrachteten, deren Reich von den „iranischen hunnischen“ Invasoren (zu denen wohl eben auch die Kidariten gehört zu haben scheinen) überrannt worden war.[7]

Die Herrschaftszeit Kidaras, des Gründers der Dynastie, ist sehr umstritten. Aufgrund der Datierung verschiedener Münzfunde wird der Beginn seiner Regierungszeit in die Zeit um 390 angesetzt.[8] In chinesischen Quellen aus dem frühen 5. Jahrhundert wird Kidara als Jiduoluo erwähnt. Priskos spricht wie erwähnt von „kidaritischen Hunnen“, die als Gegner des Sassanidenkönigs Yazdegerd II. auftraten. Ebenso existieren Münzfunde aus Gandhara in Nordindien, das im frühen 5. Jahrhundert von den Kidariten erobert worden war. Auf diesen taucht ebenfalls der Name „Kidara“ auf, der als eine zusätzliche Krone die von Yazdegerd II. trägt, was als Indiz dafür gewertet werden kann, dass er um 420/30 in Erscheinung trat; doch datieren wie gesagt die meisten Numismatiker Kidara in die Zeit um 390.[9]

Um die Mitte des 5. Jahrhunderts hatten die Kidariten mit anderen Gruppen zu kämpfen. Auch mit Peroz I. kam es zu Kampfhandlungen, in denen der Kidaritenkönig Kunkhas unterlag.[10] Um 467 verloren die Kidariten ihre Hauptstadt Balaam (möglicherweise identisch mit Balch). Ein kidaritisches Restreich konnte sich jedoch in Gandhara bis mindestens 477 halten, bevor die Alchon sie dort vertrieben; auch in Sogdien scheinen Kidariten noch einige Zeit geherrscht zu haben. Zwischen Hephthaliten und Persern kam es bald darauf wieder zu Kampfhandlungen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Daniel T. Potts: Nomadism in Iran. From Antiquity to the Modern Era. Oxford University Press, Oxford u.a. 2014, S. 129ff.
  • E. V. Zeimal: The Kidarite Kingdom in Central Asia. In: B. A. Litvinsky (Hrsg.): The crossroads of civilizations. A.D. 250 to 750. Unesco, Paris 1996, ISBN 9-231-03211-9 (History of Civilizations of Central Asia 3), S. 119–133.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. den Artikel Kidarites in der Encyclopædia Iranica.
  2. Robert Göbl: Dokumente zur Geschichte der iranischen Hunnen in Baktrien und Indien. 4 Bände. Wiesbaden 1967.
  3. Priskos, Fragment 25 und 31 (Edition Pia Carolla).
  4. E. V. Zeimal: The Kidarite Kingdom in Central Asia. In: B. A. Litvinsky (Hrsg.): The crossroads of civilizations. A.D. 250 to 750. Paris 1996, S. 119f.
  5. Daniel T. Potts: Nomadism in Iran. From Antiquity to the Modern Era. Oxford u.a. 2014, S. 129.
  6. Vgl. Nikolaus Schindel: Wahram V. In: Nikolaus Schindel (Hrsg.): Sylloge Nummorum Sasanidarum. Bd. 3/1. Wien 2004, S. 365f.
  7. Siehe den Überblick im Artikel Kidarites, in der Encyclopædia Iranica.
  8. E. V. Zeimal: The Kidarite Kingdom in Central Asia. In: B. A. Litvinsky (Hrsg.): The crossroads of civilizations. A.D. 250 to 750. Paris 1996, S. 121.
  9. Artikel Kidarites, in der Encyclopædia Iranica.
  10. E. V. Zeimal: The Kidarite Kingdom in Central Asia. In: B. A. Litvinsky (Hrsg.): The crossroads of civilizations. A.D. 250 to 750. Paris 1996, S. 126.