Kietrz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Kietrz
POL Kietrz COA.svg
Kietrz (Polen)
Kietrz
Kietrz
Basisdaten
Staat: Polen
Woiwodschaft: Opole
Powiat: Głubczycki
Gmina: Kietrz
Fläche: 18,87 km²
Geographische Lage: 50° 4′ N, 18° 0′ OKoordinaten: 50° 4′ 0″ N, 18° 0′ 0″ O
Höhe: 234 m n.p.m.
Einwohner: 6005 (30. Juni 2019)
Postleitzahl: 48-130
Telefonvorwahl: (+48) 77
Kfz-Kennzeichen: OGL
Wirtschaft und Verkehr
Straße: OpavaRacibórz
GłubczyceRacibórz
Nächster int. Flughafen: Katowice
Ostrava



Kietrz (deutsch Katscher, tschechisch Ketř) ist eine Stadt im Powiat Głubczycki der Woiwodschaft Opole in Polen. Sie ist Sitz der gleichnamigen Stadt-und-Land-Gemeinde mit etwa 10.900 Einwohnern.

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Stadt liegt in der Region Oberschlesien an der Troja, etwa zwanzig Kilometer südöstlich von Głubczyce (Leobschütz). Etwa zwei Kilometer südlich verläuft die Grenze zu Tschechien.

Nachbarorte sind Pietrowice Wielkie (Groß Peterwitz) im Osten, Gródczanki (Ratsch) im Südosten, Lubotiń (Liptin) im Südwesten, Nowa Cerekwia (Deutsch Neukirch) im Westen sowie Księże Pole (Knispel) und Czerwonków (Tschirmkau) im Nordwesten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Gegend der heutigen Stadt, an einem Flussübergang lassen sich entlang alter Handelsstraßen schon sehr frühe Siedlungsspuren nachweisen. Das Land war Durchzugsgebiet für Reisende aus den römischen Donauprovinzen in das nördliche Europa und umgekehrt. Mit Beginn der Zeitrechnung waren noch Teile des Stammes der Vandalen die Bewohner. Nach deren Abzug im Rahmen der Völkerwanderung wanderten im 6. Jahrhundert Slawen und später, etwa ab 1250 auch deutsche Kolonisten ein, als das Gebiet zur Markgrafschaft Mähren gehörte. Erste urkundliche Erwähnungen einer Ansiedlung dieser Stelle stammen aus dem 11. Jahrhundert.

König Ottokar II schenkte seinem Getreuen, Bruno von Schauenburg, Bischof von Olmütz, aus Dankbarkeit für Teilnahme und Unterstützung beim Kreuzzug im Jahr 1255 gegen die aufständischen, heidnischen Prußen, neben dem Hotzenplotzer Land auch das Gebiet um Katscher. Dieser wiederum verwaltete den Besitz nicht selbst, sondern belehnte damit einige Vertraute und schuf auf diese Weise eine eigene Hausmacht zur Festigung seiner Position. Katscher liegt im mährischen Grenzgebiet und wurde vor 1266 vom Bistum am Troja-Übergang, über den die Verbindung von Troppau nach Cosel führte, deutschrechtlich gegründet. Es entstanden ein großer Mühlenbetrieb mit mehreren Räderwerken und Fischteiche. Auch die Pfarrkirche ist für 1266 belegt. 1321 wurde Katscher durch den Olmützer Bischof Konrad zur Stadt erhoben. 1557 vergaben die Olmützer Bischöfe Katscher als ein Lehen an das Adelsgeschlecht Gaschin. Zum Vogteibezirk Katscher gehörten bis 1706 die Dörfer Langenau, Knispel, Ehrenberg und Krotfeld. Um 1713 wurde die Siedlung Wiedmut eingemeindet. Im 18. Jahrhundert gehörte Katscher zur Steuerrätliche Inspektion in Neustadt O.S.[1]

Als Besitz der Olmützer Bischöfe gehörte Katscher politisch bis 1742 zu Mähren. In diesem Jahr fiel es nach dem Ersten Schlesischen Krieg, zusammen mit dem größten Teil Schlesiens an Preußen. Die damals strittigen Verhandlungen zur Grenzziehung beim Abtritt Schlesiens, veranlassten Maria Theresia zum Zugeständnis, diesen Zipfel von Mähren ebenfalls als eine Gegenleistung an Preußen abzugeben. (Das Hotzenplotzer Land verblieb weiter im Machtbereich der Habsburger.) Ab 1816 war es dem Landkreis Leobschütz eingegliedert und gehörte bis 1877 den Freiherren, ab 1653 Reichsgrafen von Gaschin, von denen es die Grafen Henckel von Donnersmarck erwarben. Von wirtschaftlicher Bedeutung war zunächst die Handweberei, ab dem 19. Jahrhundert Plüsch-, Teppich- und Deckenfabriken sowie Emaillier- und Gipswerke. 1896 erhielt Katscher mit der Kleinbahn Groß Peterwitz–Katscher Anschluss an die Eisenbahnlinie Leobschütz–Ratibor. Größtes Unternehmen in der Stadt war seit 1907 die Davistan AG, später unter dem Namen Wilhelm Schaeffler AG ein kriegswichtiger Rüstungsbetrieb. Am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte Katscher eine evangelische Kirche, zwei katholische Kirchen, eine Synagoge, ein Amtsgericht und ein Schloss.[2]

Im Jahr 1945 gehörte Katscher zum Landkreis Leobschütz im Regierungsbezirk Oppeln der preußischen Provinz Schlesien des Deutschen Reichs.

Katscher wurde im Zweiten Weltkrieg stark zerstört und im Frühjahr 1945 von der Roten Armee besetzt. Im Sommer 1945 wurde Katscher wie fast ganz Schlesien von der sowjetischen Besatzungsmacht gemäß dem Potsdamer Abkommen unter polnische Verwaltung gestellt. Für Katscher wurde die polnische Ortsbezeichnung Kietrz eingeführt, anschließend begann die Zuwanderung polnischer Bevölkerung. In der Folgezeit wurden die deutschen Einwohner größtenteils aus Katscher vertrieben.

Demographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bevölkerungsentwicklung bis 1945
Jahr Einwohner Anmerkungen
1803 1325 [3]
1810 1298 [3]
1816 1279 davon 38 Evangelische, 1159 Katholiken und 82 Juden[3]
1818 1498 [4]
1821 1446 [3]
1825 1549 darunter 1389 Katholiken, 48 Evangelische und 112 Juden[5]
1834 1952 [4]
1840 2422 davon 2279 Katholiken, 35 Evangelische und 108 Juden[6]
1852 2845 [7]
1855 2626 [8]
1861 3086 davon 68 Evangelische, 2870 Katholiken, 148 Juden;[8] in 636 Haushaltungen (mit Ausnahme von drei mährischen wird in allen deutsch gesprochen)[9]
1867 3360 am 3. Dezember[10]
1871 3607 darunter 50 Evangelische und 160 Juden (150 Nichtdeutsche);[11] nach anderen Angaben 3606 Einwohner, davon 66 Evangelische, 3354 Katholiken, 186 Juden[10]
1890 3976 darunter 99 Evangelische und 137 Juden[12]
1900 4082 meist Katholiken[2]
1933 8820 [12]
1939 8921 [12]

Kirchliche Zugehörigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch nach dem politischen Übergang an Preußen 1742 gehörte die bis dahin mährische Enklave Katscher kirchlich weiterhin zum Erzbistum Olmütz. Das 1742 gegründete Kommissariat Katscher umfasste den an Preußen gefallenen Teil des Bistums Olmütz und bestand aus den Dekanaten Katscher, Hultschin und Troplowitz. Nach dem Verlust des Hultschiner Ländchens bestand das Kommissariat Katscher ab 1923 aus den Dekanaten Katscher, Branitz und Leobschütz. In der Zeit von 1938 bis 1945 waren ihm auch die sudetendeutschen Gebiete der Erzdiözese Olmütz eingegliedert. Erst 1972 gliederte Papst Paul VI. mit einer Apostolischen Konstitution den bis dahin zum Erzbistum Olmütz gehörenden Sprengel des Kommissariats Katscher/Kietrz in das Erzbistum Breslau ein.[13] Mit der päpstlichen Bulle „Totus Tuus Poloniae Populus“, vom 25. März 1992 wurde die Organisation der Kirche in Polen geändert. Das Gebiet der Dekanate Branice, Głubczyce und Kietrz wurde dem Bistum Oppeln eingegliedert, das zur Kirchenprovinz Katowice gehört.

In Katscher ist auch eine jüdische Ansiedlung seit dem 18. Jahrhundert belegt. Die anfangs wachsende Gemeinde wurde in der Zeit der Industrialisierung durch Abwanderung in größere Städte wieder kleiner, umfasste 1933 nur noch 42 Personen und fiel der Verfolgung durch die Nazis zum Opfer. Von der einstigen Synagoge und der jüdischen Schule bestehen heute keine Spuren mehr.[14]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die bereits 1266 erwähnte St.-Thomas-Kirche wurde 1563–1577 durch Nikolaus von Gaschin wiederaufgebaut und 1720–1722 als Stiftung des Münchner Matthäus Geldner neu errichtet. Die einheitliche Innenausstattung stammt aus dem zweiten Viertel des 18. Jahrhunderts. Die Gemälde der Vier Evangelisten und der Maria Magdalena stammen vom Troppauer Maler Josef Lux. Das Gemälde des Hauptaltars schuf der Münchner[15] Hofmaler Johann Kaspar Sing.
  • Das Schloss Katscher wurde in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichtet. 1557–1877 gehörte es dem Adelsgeschlecht Gaschin, danach bis zur Enteignung 1945 den Grafen Henckel von Donnersmarck. 1945 wurde es zerstört und nicht wieder aufgebaut. Ruinenreste sind vorhanden.
  • Die Säule Mariä Heimsuchung auf dem Ring wurde 1730 von Johannes vom Berge gestiftet.
  • Das Naturschutzgebiet Góra Gipsowa wurde bereits 1935 von der damaligen Oppelner Naturschutzbehörde als „Naturschutzgebiet Kalkberg bei Katscher“ eingerichtet und war eines der ersten Naturschutzgebiete im Deutschen Reich. Es liegt südlich von Kietrz und ist ein bedeutender nordwestlicher Standort einer südosteuropäischen, pontischen Flora.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Melchior Ferdinand von Gaschin (1581–1665), Landeshauptmann von Oppeln-Ratibor sowie der Grafschaft Glatz
  • Richard Henkes (1900–1945), Pallottinerpater, Seliger, Lehrer an der Pallottinerschule Katscher
  • Richard Keilholz (1873–1937), Webschulleiter und autodidaktischer Natur- und Heimatforscher
  • Alfons Luczny (1894–1985), Generalleutnant der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg
  • Richard Preiß (1902–nach 1945), Politiker (NSDAP)
  • Wilhelm Schaeffler (1908–1981), deutscher Unternehmer
  • Albrecht Schönherr (1911–2009), evangelischer Theologe
  • Joachim Pokorny (1921–2003), deutscher Ingenieur und Hochschullehrer, autodidaktischer Natur- und Heimatforscher sowie Ehrenbürger in seiner Geburtsstadt Kietrz

Gemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Stadt-und-Land-Gemeinde (gmina miejsko-wiejska) Kietrz gehören die Stadt und eine Reihe von Dörfern.

Partnerstädte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Historia Powiatu Prudnickiego - Starostwo Powiatowe w Prudniku. Abgerufen am 9. November 2020.
  2. a b Meyers Großes Konversations-Lexikon. 6. Auflage, Band 10, Leipzig und Wien 1907, S. 755.
  3. a b c d Alexander August Mützell und Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 5: T–Z, Halle 1823, S. 306–307, Ziffer 303.
  4. a b Felix Triest: Topographisches Handbuch von Oberschlesien, Wilh. Gottl. Korn, Breslau 1865, S. 851–855.
  5. Johann Georg Knie: Alphabethisch-Statistisch-Topographische Uebersicht der Dörfer, Flecken, Städte und andern Orte der Königl. Preuß. Provinz Schlesien, mit Einschluß des jetzt ganz zur Provinz gehörenden Markgrafthums Ober-Lausitz und der Grafschaft Glatz; nebst beigefügter Nachweisung von der Eintheilung des Landes nach den verschiedenen Zweigen der Civil-Verwaltung. Breslau 1830, S. 946–947.
  6. Johann Georg Knie: Alphabetisch-statistisch-topographische Uebersicht der Dörfer, Flecken, Städte und andern Orte der Königl. Preusz. Provinz Schlesien. 2. Auflage, Breslau 1845, S. 843.
  7. Kraatz: Topographisch-statistisches Handbuch des Preußischen Staats. Berlin 1856, S. 282.
  8. a b Felix Triest: Topographisches Handbuch von Oberschlesien, Wilh. Gottl. Korn, Breslau 1865, S. 825, Ziffer 48.
  9. Felix Triest: Topographisches Handbuch von Oberschlesien, Wilh. Gottl. Korn, Breslau 1865, S. 852.
  10. a b Königliches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Schlesien und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. Dezember 1871. Berlin 1874, S. 378–379, Ziffer 2.
  11. Gustav Neumann: Geographie des Preußischen Staats. 2. Auflage, Band 2, Berlin 1874, S. 181–182, Ziffer 13.
  12. a b c Michael Rademacher: Deutsche Verwaltungsgeschichte von der Reichseinigung 1871 bis zur Wiedervereinigung 1990. Landkreis Leobschütz (poln. Glubczyce). (Online-Material zur Dissertation, Osnabrück 2006).
  13. "Vratislaviensis - Berolinensis et alarium"
  14. Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum, Leobschütz (Schlesien), letzter Abschnitt: Katscher, abgerufen am 6. Oktober 2016
  15. Im Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Polen Schlesien. München•Berlin 2005, ISBN 3-422-03109-X, S. 445 wird irrtümlich als Geburtsort das ostböhmische Braunau angegeben.