Kinderdorf Pestalozzi

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Kinderdorf Pestalozzi

Das Kinderdorf Pestalozzi ist ein Kinderdorf in Trogen, Appenzell Ausserrhoden, Schweiz. Trägerin ist die «Stiftung Kinderdorf Pestalozzi», ein Schweizer Kinderhilfswerk, welches weltweit das friedliche Zusammenleben durch die umfassende Stärkung der Kompetenzen und Rechte von benachteiligten Kindern und Jugendlichen fördert. Namensgeber ist der Schweizer Pädagoge und Erzieher Johann Heinrich Pestalozzi.

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kinderdorf im appenzellischen Trogen bildet das Herz der Stiftung, von dem alle Aktivitäten in der Schweiz und im Ausland ausgehen. Im Kinderdorf treffen Schulklassen aus Südost- und Osteuropa auf Schweizer Schüler. Ziel der erlebnispädagogischen Projektwochen ist es, Vorurteile abzubauen und mit kulturellen, religiösen und ideellen Unterschieden konstruktiv umzugehen. Neben den Projekten im Kinderdorf setzt sich die Stiftung für den Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung für Kinder und Jugendliche ein und ermöglicht in ihren Auslandsprojekten Kindern und Jugendlichen einen regelmässigen Schulbesuch.

In den 11 weiteren Ländern, in denen die Stiftung tätig ist, stehen keine Kinderdörfer. Vor Ort wird mit etablierten lokalen Partnerorganisationen zusammengearbeitet. Diesen wird fachliche Unterstützung im Projektmanagement sowie in den Themen Bildung und interkulturelles Zusammenleben angeboten.

Die Stiftung fördert auch das Engagement und die Mitwirkung von Kindern und Jugendlichen. Dazu werden in der Schweiz und im Ausland Projekte zur Bekanntmachung und Durchsetzung der Kinderrechte unterstützt und durchgeführt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kinderdorf Pestalozzi. Linolschnitt von Otto Schmid, 1948

Angesichts der Folgen des Zweiten Weltkrieges und des Elends der Kriegskinder und Kriegswaisen riefen der Schriftsteller Walter Robert Corti, die Kinderärztin Marie Meierhofer und weitere Gleichgesinnte in der Kulturzeitschrift Du vom August 1944 mit dem Artikel «Ein Dorf für die leidenden Kinder» zur Gründung eines Dorfes für Kriegskinder auf. Das Echo war gross und 1945 konnte die «Vereinigung Kinderdorf Pestalozzi» gegründet werden. Die Gemeinde Trogen stellte Land zur Verfügung.

Das Echo, das Walter Robert Cortis Aufruf für den Bau eines Kinderdorfs 1944 auslöste, veränderte sein Leben schlagartig und nachhaltig. Das Kinderdorf wurde zu seinem Lebenswerk, obwohl es eigentlich ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Verwirklichung eines anderen Plans sein sollte: Corti hatte davon geträumt, eine internationale Gelehrtensiedlung, eine Akademie für ethische Forschung, ins Leben zu rufen. Sein Traum gedieh bis hin zu den Bauplänen und scheiterte letztlich an den fehlenden finanziellen Mitteln.

Am 28. April 1946 fand die Grundsteinlegung zum Bau der ersten Häuser statt. Freiwillige Helfer aus verschiedenen Ländern halfen beim Aufbau der Häuser mit. Die ersten Kinder, die ins Kinderdorf kamen, stammten aus den Kriegsgebieten Europas: Frankreich, Polen, Österreich, Ungarn, Deutschland, Italien, Finnland, Griechenland und England.

Der Berner Primarlehrer Arthur Bill leitete das neu gegründete Kinderdorf als Hausvater und Lehrer zusammen mit seiner Frau Berta Bill während 25 Jahren (1947 bis 1972). Er formulierte die beiden Hauptziele des Kinderdorfes folgendermassen:

  • Es will dem verlassenen notleidenden Kind eine Heimstätte bieten, in der es in familienähnlicher Geborgenheit all das findet, was zu seiner harmonischen Entwicklung erforderlich ist.
  • Es will ein Dorf sein, in dem sich Kinder, Jugendliche und Erzieher aus verschiedenen Ländern und Kulturen zu einer Nachbarschaft und zu gemeinsamem Tun finden können, das sie über alles Trennende der Sprache, des Glaubens und des Herkommens hinweg das Gemeinsame, das Allgemeinmenschliche als tragendes Bauelement der kleinen Völkergemeinschaft erleben lässt.

In jedem Haus lebten Kinder aus demselben Land, die von einem Hausvater und Lehrer des betreffenden Landes betreut und in ihrer Kultur unterrichtet wurden. Gemeinsame Anlässe oder Wettkämpfe wurden so gestaltet, dass sich die einzelnen Gruppen immer aus verschiedenen Nationalitäten zusammensetzten.

Von Anfang an gab es einen engen Erfahrungs- und Kinderaustausch sowie gemeinsame Bildungskurse mit dem am 1. Mai 1946 von Margherita Zoebeli in Rimini gegründeten Centro educativo italo-svizzero (CEIS). Eines ihrer gemeinsamen Anliegen war, sich gegen die Ausgrenzung der Schwächeren und für ihre volle Akzeptanz einzusetzen.[1]

Mit 20 tibetischen Flüchtlingskindern wurde 1960 die erste Kindergruppe aus einem aussereuropäischen Kulturkreis aufgenommen.

Während der Griechischen Militärdiktatur fand 1967–1970 der griechische Lyriker Nikiforos Vrettakos jeweils mehrere Monate im griechischen Kinderhaus Kypseli des Kinderdorfes Zuflucht. Dort schrieb er Gedichte, erzählte den Kindern Geschichten und nahm regelmässig an den «internationalen» wöchentlichen Morgenfeiern teil.

Bis 1970 wurden 15 Wohnhäuser gebaut, um Kindern in Not aus aller Welt ein Zuhause zu geben. 1982 wurde das Konzept mit der Gründung der Auslandhilfe der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi als Hilfe vor Ort ausgeweitet.

Für Kinder asiatischer und afrikanischer Herkunft, die bereits in der Schweiz leben, wurden 1987/1988 zwei «internationale Häuser» eröffnet. Das Projekt für tibetische Kinder und Jugendliche zweiter und dritter Generation in der Schweiz begann.

1991 wurden letztmals Kinder, die direkt aus dem Ausland kommen – es waren dies kambodschanische Flüchtlinge aus thailändischen Flüchtlingslagern – für einen permanenten Aufenthalt im Kinderdorf aufgenommen.

Ab 1993 besuchen die Kinder und Jugendlichen nicht mehr nur die kinderdorfeigene Schule, sondern wenn immer möglich die Schulen der umliegenden Gemeinden.

Zur 50-Jahr-Feier des Kinderdorfes 1996 erschien zum Gedenken an Vrettakos der Text- und Bildband Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen und sein griechischer Dichter mit dem Zyklus der sechzehn Gedichte, die er von 1967 bis 1970 im Kinderdorf geschrieben hatte.

Im November 2003 gründeten 25 Organisationen das Netzwerk Kinderrechte Schweiz mit dem Ziel, die Anerkennung und Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte des Kindes stärker zu fördern. Als Koordinationsstelle fungierte bis 2008 die «Stiftung Kinderdorf Pestalozzi».

Als Höhepunkt des «Internationalen Jahres des Sports und der Sporterziehung 2005» fand im Kinderdorf Pestalozzi das Jugendcamp Play for Peace («Spiel für Frieden») statt. Träger dieses zweiwöchigen Events im Sommer waren die Stiftung, die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit sowie der Sonderberater des UNO-Generalsekretärs für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden, Adolf Ogi.

Am 28. April 2006 – 60 Jahre nach der Grundsteinlegung zum ersten Wohnhaus – wurde das Besucherzentrum eröffnet. Auf zwei Stockwerken zeigt es eine Ausstellung zur Geschichte des Kinderdorfes und über das heutige Leben. 2008 erhielt das Besucherzentrum für seine Publikumsfreundlichkeit ein Zertifikat des Europäischen Museumspreises.

Mit dem Lehrgang emPower – Intercultural Leadership Programme for Young Adults bietet die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi seit 2006 eine neue Ausbildung an. Während neun Monaten werden junge Erwachsene aus verschiedenen Ländern im Kinderdorf interkulturell ausgebildet. Als interkulturelle Jugendarbeiter (Fachleute der interkulturellen Kommunikation) geben sie in ihren Heimatländern ihre Erfahrungen und ihr Wissen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen weiter.

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In der Strategie 2012 formuliert die Stiftung ihren Beitrag zu einem konstruktiven Umgang mit den Auswirkungen der weltweiten Migration und der Zunahme der kulturellen Vielfalt klar und deutlich: “We promote peaceful cohabitation by comprehensively strengthening the competencies and rights of disadvantaged children and adolescents.

Pädagogen und Förderer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Internationale Ausstrahlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kinderdorf wurde rasch international bekannt. In den ersten zehn Jahren zählte es gegen 500'000 Besucher. Prominente Besucher waren unter anderem Konrad Lorenz, der 14. Dalai Lama, Auguste Piccard, Henri Guisan, Josephine Baker, Pablo Casals, Martin Buber, Königin Friederike und König Paul von Griechenland, Gustav Wyneken, Werner Bergengruen, Carl Jacob Burckhardt, Hermann Gmeiner.

Nach dem gleichen Modell entstand 1947 in Deutschland das Pestalozzi Kinderdorf Wahlwies bei Stockach, um den zahllosen Kriegswaisen und obdachlosen Kindern und Jugendlichen eine neue Heimat zu schaffen.

Dies war auch die anfängliche Intention in Österreich, wo die Ehepaare Schubert, Maislinger und Walla 1947 in Salzburg die Erste Österreichische Kinderdorfvereinigung (heute Pro Juventute Kinderdorfvereinigung) und Hermann Gmeiner 1949 in Tirol die bald weltweit agierenden SOS-Kinderdörfer gründeten.

1957 wurde in England das Pestalozzi International Village, Sedlescombe, East Sussex, gegründet.

Film und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1953: «Unser Dorf» («Sie fanden eine Heimat», «The Village»). Film von Leopold Lindtberg. Praesens-Film, Zürich.
  • Walter Robert Corti: Der Weg zum Kinderdorf Pestalozzi. Haupt Verlag, Bern 1955/2002, ISBN 978-3-258-06468-0.
  • Argyris Sfountouris (Pseudonym: Damianos Nikos)[2]: Das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen und sein griechischer Dichter. (mit Arthur Bill). Verlag Haupt, Bern 1996.
  • Walter Robert Corti, Guido Schmidlin (Hrsg.): Ein Dorf für die leidenden Kinder. Das Kinderdorf Pestalozzi in den Jahren 1949 bis 1972 mit Arthur Bill als Dorfleiter. Verlag Haupt, Bern 2002, ISBN 3-258-06470-9.
  • Arthur Bill: Helfer unterwegs. Geschichten eines Landschulmeisters, Kinderdorfleiters und Katastrophenhelfers. Stämpfli, Bern 2002, ISBN 3-7272-1323-X.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kinderdorf Pestalozzi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Arthur Bill: Helfer unterwegs. Geschichten eines Landschulmeisters, Kinderdorfleiters und Katastrophenhelfers. Stämpfli, Bern 2002, ISBN 3-7272-1323-X, Seite 69.
  2. Argyris ist als Überlebender des Massakers von Distomo im Kinderdorf aufgewachsen und hat die Gedichte ins Deutsche übersetzt

Koordinaten: 47° 24′ 12″ N, 9° 27′ 36″ O; CH1903: 752565 / 252242