Kindertransport

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Ankunft eines Transports polnischer Kinder im Hafen von London, Februar 1939

Als Kindertransport (auch Refugee Children Movement) wird international die Ausreise von über 10.000 Kindern, die als „jüdisch“ im Sinne der Nürnberger Gesetze galten, aus dem Deutschen Reich und aus von diesem bedrohten Ländern zwischen Ende November 1938 und dem 1. September 1939 nach Großbritannien bezeichnet. Auf diesem Wege gelangten vor allem Kinder aus Deutschland, Österreich, Polen, der Freien Stadt Danzig[1] und der Tschechoslowakei ins Exil. In Zügen und mit Schiffen konnten die Kinder ausreisen; die meisten sahen ihre Eltern nie wieder. Oftmals waren sie die einzigen aus ihren Familien, die den Holocaust überlebten.[2]

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Novemberpogrome gegen die jüdische Bevölkerung vom 9. auf den 10. November 1938 führten der Weltöffentlichkeit drastisch vor Augen, dass Juden in Deutschland schutzlos waren. Dennoch machten es die damals bestehenden strengen Einwanderungsbestimmungen vieler Länder den deutschen Juden trotz ihrer Verfolgung nahezu unmöglich, Deutschland zu verlassen.

Aufnahmeländer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den Novemberpogromen handelten die britische Regierung und die Bevölkerung Großbritanniens jedoch schnell. Am 15. November 1938 empfing der britische Premierminister Arthur Neville Chamberlain eine Abordnung einflussreicher britischer Juden und Quäker wie der in viele Hilfsaktionen des Germany Emergency Committee involvierten Bertha Bracey,[3] um über eine vorübergehende Aufnahme von Kindern und Jugendlichen in Großbritannien zu verhandeln. Die jüdische Gemeinde verpflichtete sich zur Stellung von Garantiesummen für die Reise- und Umsiedlungskosten der Kinder in Höhe von 50 Englischen Pfund pro Kind (nach heutigem Wert rund 1500 Euro) und versprach, die Kinder im Land zu verteilen und ihnen eine angemessene Ausbildung angedeihen zu lassen. Später sollten die Kinder mit ihren Familien wieder vereinigt werden und eine neue Heimat in Palästina finden.

Wenige Tage später lockerte die britische Regierung die Einreisebestimmungen, und es erging ein Aufruf an die britischen Familien, Pflegekinder aufzunehmen. Es durften nun jüdische Kinder bis zum Alter von 17 Jahren einwandern, sofern ein Förderer oder eine Pflegefamilie für sie gefunden wurde.

Diese Entscheidung traf die britische Regierung trotz ihrer bereits erfüllten Einwanderungsquoten auch mit dem Hintergedanken, diese Demonstration guten Willens könne die USA dazu bringen, ihre Einreisebestimmungen ebenfalls zu lockern. Das US-amerikanische Parlament lehnte einen entsprechenden Gesetzentwurf indes wenig später ab. In Westeuropa brachten Transporte 1500 jüdische Kinder in die Niederlande, 1000 nach Belgien, 600 nach Frankreich, 300 in die Schweiz und 450 nach Schweden.[4]

Geertruida Wijsmuller-Meyer, eine einflussreiche niederländische Bankiersfrau, verhandelte zeitgleich mit Adolf Eichmann, und es gelang ihr, eine pauschale Duldung solcher Transporte unter strengen Auflagen zu erlangen. So durften die Kinder nur einen Koffer, eine Tasche und zehn Reichsmark mitnehmen; Spielsachen und Bücher waren verboten, nur eine Fotografie erlaubt. Mitgeführte Wertsachen wurden beschlagnahmt. Den Reisegruppen wurden Blockvisa ausgestellt; jedes Kind bekam eine Nummer. Um tränenreiche – und damit öffentlichkeitswirksame – Abschiedsszenen zu unterbinden, wurde Eltern und Angehörigen verboten, bei der Abfahrt der Kinder den Bahnsteig zu betreten.[5] Wijsmuller-Meyer wurde für die Organisation der Kindertransporte als Gerechte unter den Völkern geehrt.

Schon im Dezember 1938 – nicht einmal drei Wochen nach den Novemberpogromen – begannen die Briten damit, auf diese Weise jüdische Kinder in ihr Land zu holen. Ein Jahr lang, bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939, wurden die Transporte von den Nationalsozialisten geduldet. Die Kinder fuhren mit dem Zug von ihren Heimatbahnhöfen über die Niederlande, meist nach Hoek van Holland, und von dort weiter per Schiff zu der englischen Hafenstadt Harwich. Der erste Transport kam am 2. Dezember 1938 in Parkeston Quay, Harwich, an. Er brachte 196 Kinder aus Berlin. Diese wurden unter großer Anteilnahme der britischen Bevölkerung und der Medien durch Betreuer in Empfang genommen und ihren Pflegefamilien zugewiesen. Aufnahmezentren befanden sich in Parkfield[6] und in Dovercourt.

Neben deutschen und österreichischen Kindern wurde auch versucht, tschechische jüdische Kinder durch derartige Kindertransporte zu retten. Der Brite Nicholas Winton wurde für die Rettung von 669 jüdischen Kindern aus Prag bekannt.

Die Aufnahmesituation in Großbritannien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon nach wenigen Wochen aber überstieg die Anzahl der ankommenden Flüchtlingskinder die angebotenen Pflegeplätze. Manche Kinder wurden in der Folge als kostenloses Dienstpersonal ausgenutzt, viele in Flüchtlingslagern interniert. Hinzu kam das Leid der Kinder, die überwiegend die Umstände ihrer Ausreise nicht kannten oder nicht verstanden und oftmals glaubten, ihre Familie habe sie verstoßen. Andere Kinder und Jugendliche litten darunter, dass ihnen die Gefahr, in der die zurückgebliebenen Eltern, Geschwister und andere Verwandte schwebten, durchaus bewusst war, und sie ihnen nicht helfen konnten. Mit all diesen Problemen mussten sich die Helferinnen und Helfer in den Auffanglagern auseinandersetzten, die zu einem großen Teil Flüchtlinge waren.

Dovercourt und das Workhouse-Camp in Claydon[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dovercourt (Lage) ist vor allem bekannt geworden durch die Arbeit von Anna Essinger, Hanna Bergas und deren Team aus der Bunce Court School. Wie es zu dieser Mitarbeit kam, schildert Anna Essinger: „Mehrere von uns wurden von einem der Flüchtlingskomitees gebeten, beim Empfang der Kindertransporte zu helfen, die seit den Pogromen in Deutschland und Österreich nach England kamen. Zusammen mit einigen ehemaligen Helfern und einigen der älteren Kinder der Schule gingen sechs von uns nach Dovercourt, um die Kinder zu empfangen.“[7] Ihr Einsatz dauerte vom Dezember 1938 bis Ende Januar 1939.

Eingang zum Warners Holiday Camp in Dovercourt, das vielen Flüchtlingskindern als Übergangslager diente.
Prototyp eines Butlin-Chalets, wie sie auch in Dovercourt ausgesehen haben.

Dovercourt, in der Nähe von Harwich, wo die meisten Kinder aus den Kindertransporten ankamen, war geplant worden als Sommercamp für etwa 1.000 schulpflichtige Kinder. Nach Leslie Baruch Brent[8] war Dovercourt eines der neun von Billy Butlin zwischen 1936 und 1966 im Vereinigten Königreich und Irland geplanten Ferienlager, von denen einige während des Zweiten Weltkriegs zu Auffanglagern umfunktioniert worden seien.[9] Das Camp bestand aus in Leichtbauweise errichteten Häuschen[10] und Schlafsälen, mit einer zentralen Halle für gesellige Zusammenkünfte, Mahlzeiten und gemeinschaftliche Aktivitäten. Allerdings war hier alles auf Sommerbetrieb ausgerichtet, aber „Dezember- und Januartage können an der britischen Küste kalt, grau und nass sein – und waren es. Regen ging allmählich in Schnee über. Die Räume im Lager waren für den Einsatz im Sommer gebaut worden, und obwohl beheizt, waren sie unangenehm kühl, gelegentlich eiskalt. Das Wasser in den Krügen auf den Frühstückstischen, die am Abend herausgestellt wurde, gefror über Nacht. Wir waren froh, dass wir trotz der extremen Kälte und der allgemein primitiven Lebensbedingungen einen ziemlich guten Gesundheitszustand der Jugendlichen halten konnten.“[11]

Im Lager war es die Aufgabe der drei Lehrkräfte des Bunce-Court-Teams, „den Kindern zu helfen, sich in der fremden Umgebung niederzulassen und so viel Englisch wie möglich in kurzer Zeit zu lernen. Unsere vierte Person hatte die riesige Küche zu organisieren, die Mahlzeiten zu planen und die Arbeit aller leute in der Küche zu koordinieren, zeitweise bis zu zehn. Wir hatten kaum die Schlafsäle und die große Halle bereit zur Belegung, als der erste Transport ankam.“[12]

Hanna Bergas schildert ausführlich die Anstrengungen und Schwierigkeiten, die es gekostet hat, den Kindern eine halbwegs angenehme Ankunft in dem für sie fremden Land zu bereiten, und Leslie Baruch Brent ergänzt ihre Sicht aus der Erfahrung eines ehemaligen Kindertransport-Kindes.[8] Doch dem Glücksgefühl, vielen Kindern zu einem Start in ein neues Leben verholfen zu haben, standen auch negative Erfahrungen gegenüber, wie Anna Essinger resümierte:

„Keiner von uns wird je die herzzerreißenden Tage und Wochen dort vergessen. Tausende von Kindern wurden gerettet, aber dies waren notwendigerweise eilig getroffene Vorkehrungen, und vielleicht war es nur natürlich, daß sich schwerwiegende Fehler nicht vermeiden ließen; Fehler, die wohl damit begannen, daß man Kindern erzählte, sie würden ein bequemes Leben haben, wenn sie von ihren Eltern weggingen und nach England kämen; Fehler von hiesigen Komitees, die glaubten, je schneller diese Kinder in englischen Familien unterkämen, desto besser wäre es für sie und die Gemeinschaft. Niemand von uns kannte die Kinder; in vielen Fällen waren nicht einmal die nackten Fakten ihrer Herkunft bekannt, und kaum jemand kannte die Familien, die sich anboten, sie bei sich aufzunehmen. Einige dieser Kinder erlebten, daß sie vährend dieser vier Jahre in acht bis zehn verschiedene Familien gesteckt wurden, und einige von den erst kürzlich zur Schule gestoßenen Neuen kamen infolge dieser übereilten und großzügigen Angebote, unbekannte Kinder aufzunehmen, hierher.“[13]

Dieser Kritik schloss sich auch Hanna Bergas an, die es begrüßte, dass schließlich entschieden wurde, die Kinder statt in Familien ohne Supervision auch in privaten Heimen, Internaten oder Kinderheimen unterzubringen. So wurde dann auch die Bunce Court School, ähnlich der Stoatley Rough School, eine Heimstätte für eine begrenzte Anzahl von Kindern der Kindertransporte:

„Bunce Court wurde gefragt, oder erlaubt, zehn Kinder auszuwählen, die wir für unsere Art der Bildung als am meisten empfänglich hielten. Wir waren natürlich besser in der Lage, eine Entscheidung zu treffen als die Wochenendbesucher, weil wir mit diesen Kindern für mindestens ein paar Wochen gelebt hatten. Ich kann im Nachhinein sagen, dass diese zehn alle viel von dem profitierten, was wir für sie tun konnten, und sie wurden, wie unsere anderen Kinder, glückliche, nützliche Erwachsene, sowohl als Eltern als auch als Mitglieder der menschlichen Spezies.[14]

Einer dieser zehn Kinder, die auf die Bunce Court School gehen durften, war Leslie Baruch Brent, der 1938 als dreizehnjähriger Lothar Baruch per Kindertransport nach Dovercourt gekommen war. Für ihn war dies ein Glückstreffer, wie er sich erinnert:

„Dies war das dritte glückliche Ereignis in meinem Leben, das mein Überleben, meine Entwicklung und meinen Werdegang maßgeblich beeinflusst hat. Ich verbrachte nur etwa vier Wochen in dem Lager und entkam dem ‚Viehmarkt‛ sowie dem Trauma, das bei vielen der Kinder verursacht wurde, die von zukünftigen Pflegeeltern nicht beachtet oder in einem alles andere als positiven Umfeld untergebracht worden sind. War ich ein Sonntagskind, wie mein geliebter Vater mir 1942 in einer Nachricht vom Roten Kreuz ins Gedächtnis rief? Aber ja!“[8]

Und auch Hanna Bergas kann trotz allem ein positives Fazit ihrer Zeit in Dovercourt ziehen:

„Alle von uns, die im Camp Dovercourt Camp gearbeitet hatten, waren um vielen Erfahrungen reicher, als es am 1. Februar 1939 geschlossen werden konnte. Wir waren uns des Dienstes bewusst, den es getan hatte, und auch dessen, wie eine solche Aufgabe verbessert werden könnte, wenn sie in der Zukunft wieder nötig würde. Wir wurden von Zeitungen und Radioleuten interviewt, um die Flüchtlingshilfe in der Anti-Nazi-Welt zu verstärken.“[15]

Trotz dieser positiven Rückblicke gab es sowohl für Hanna Bergas als auch für Leslie Baruch Brent ein Erlebnis in Dovercourt, das sie beide sehr verstört hat. Anlass war das Aufeinandertreffen jüdischer Flüchtlingskinder aus Deutschland und Österreich.

„Bald leisteten uns Kinder aus Wien Gesellschaft und ich fand es ziemlich verstörend, als ein seltsamer Messerkampf zwischen den älteren Jungen aus Berlin und Wien ausbrach. Jüdische Jungen, die den Nazis entkommen waren, nahmen sich hier eine alte Feindschaft zum Vorbild, die anscheinend zwischen den beiden Städten existierte. Einfach unbegreiflich! Offensichtlich ließen sie diese nationalen Rivalitäten zu, um sich über ihre jüdischen Bande und ihre gemeinsame Erfahnıng während der Verfolgung hinwegzusetzen. Es bleibt nur zu hoffen, dass sie bald aus diesem Unsinn herausgewachsen sind. Harry Schwartz erinnerte sich in And the Policeman Smiled daran, dass ‹die Deutschen sich noch immer als Deutsche und die Österreicher sich als Österreicher betrachteten; sie betrachteten sich in erster Linie nicht als Juden. Wenn man daran zurückdenkt, gab es dafür keine Erklärung.›“[16]

Etwa zur gleiche Zeit, als Anna Essinger und Hanna Bergas ihre Arbeit in Dovercourt aufgenommen hatten, wurde Sophie Friedländer, die sich freiwillig für die Betreuung der Kindertransport-Kinder gemeldet hatte, ebenfalls von einem der Flüchtlingskomitees zur stellvertretenden Camp-Leiterin („Second-in-Command“) für ein weiteres Feriencamp ernannt, in dem vorwiegend ältere Mädchen aus Dovercourt betreut werden sollten.

„Die meisten waren über 16 Jahre, aus Wien. Man hatte sie aus dem Camp in Dovercourt herausgenommen, weil man fürchtete, daß es mit den vielen gleichaltrigen und älteren Jungs bald Schwierigkeiten geben würde. So standen diese Mädchen schon mittags bei der Postausgabe und warteten sehnsüchtig auf Post – aus Dovercourt. Um ihnen zu einer Unterbringung zu verhelfen, mußten wir sie zumindest etwas kennenlernen. Natürlich konnten die Gruppenleiterinnen mit ihnen sprechgen, und wir trugen am Abend zusammen, was wir von ihnen erfahren hatten. Für ihre Unterbringung in Familien waren noch nicht alle Formalitäten erledigt, deshalb waren sie vorläufig im Camp untergebracht.“[17]

Dieses Camp befand sich in Selsey Bill. (Lage) Sophie Friedländer beschreibt die Schwierigkeiten, innerhalb kürzester Zeit und mit einem bunt zusammengewürfelten Team Strukturen für den Alltag im Camp aufzubauen. Doch viel Zeit dazu blieb ihr nicht. Nach vierzehn Tagen bereits erfolgte eine Inspektion des Camps durch ein Londoner Komitee, dem auch Helen Bentwich, die Frau von Norman Bentwich, angehörte, und kurz danach wurde sie nach Dovercourt beordert.

Sophie Friedländer lässt offen, wann genau das passierte, doch scheint es nach der Zeit gewesen zu sein, in der Anna Essinger und Hanna Bergas noch in Dovercourt arbeiteten, denn in keinem ihrer drei Berichte über ihre Arbeit in Dovercourt wird erwähnt, dass sie sich dort begegnet seien. Außerdem berichtet Friedländer, dass sie bis nach Ostern in Dovercourt gearbeitet hätte, währen Hanna Bergas (siehe oben) davon ausging, das Camp sei am 1. Februar 1939 geschlossen worden.

Der Grund für Sophie Friedländers Abordnung nach Dovercourt, wo zu dem Zeitpunkt etwa 500 Kinder und Jugendliche untergebracht waren, „hauptsächlich Jungs über 16 Jahre, die direkt aus Konzentrationslagern gerettet worden waren“,[17] waren Uneinigkeiten zwischen dem Personal und dem Campleiter. Friedländer sollte die Lage eruieren und der vorgesetzten Stelle darüber berichten. Das tat sie bereit am Morgen nach ihrer Ankunft. Der Lagerleiter wurde umgehend durch einen vom übrigen Personal besser gelittenen Mitarbeiter abgelöst und Friedländer blieb im Camp als „Selection Officer“. Ihre Aufgabe war es fortan, für die Camp-Bewohner Stellen außerhalb des Camps zu finden, vorwiegend in dazu bereiten Familien. Wie oben schon Leslie Baruch Brent, berichtet auch Sophie Friedländer von den Schwierigkeiten bei der Vermittlung der Kinder und Jugendlichen, die von diesen oft als Viehmarkt („Cattle Market“) empfunden worden sei.[17]

Nach Ostern 1939 wurde das Dovercourt-Camp aufgelöst und die letzten etwa 200 Jungen und eine kleine Gruppe Kindergarten-Kinder wurden in dem alten „Workhouse“ in Claydon (Essex) (Lage) einquartiert.[18] Zusammen mit einem englischen Protestanten und einem irischen Katholiken gehörte Sophie Friedländer dort dem Leitungsteam an. Die Hauptaufgabe bestand nach wie vor darin, für die verbliebenen Kinder Familienplätze zu finden oder Arbeitsstellen für die Älteren.

Die hygienischen Verhältnisse im Workhouse waren wenig erfreulich. Friedländer berichtet von riesigen Staubmassen und dem Vorhandensein von Ratten. Im Laufe des Jahres spitzte sich die Situation gar zu:

„Inzwischen hatten wir nicht nur eine Epidemie von Krätze, die den Arzt aus Berlin und die Ärztin aus Wien täglich beschäftigte, es gab auch Fälle von Scharlach und Diphtherie, mindestens von Bazillenträgern. Das bedeutete Quarantäne für uns alle, die mit und ohne neue Fälle immer wieder verlängert wurde, was merkwürdigerweise nur die deutschen und Österreichischen Insassen betraf. Die Engländer und Iren waren offenbar immun und konnten ihre täglichen Pub-Besuche aufrechterhalten.“[17]

Die gemeinsame Camp-Leitung endete mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Das englische Mitglied deLeitungsteams erklärte sich zum alleinigen Leiter und hielt vor den versammelten Camp-Bewohnern eine Rede: „Es ist Krieg, und ihr seid jetzt alle in Feindesland. Wer etwas an der Campleitung kritisiert, kritisiert die Regierung und wird interniert.“[19] Eine weitere Folge des Kriegsausbruchs war es, dass die Chancen für die Kinder und Jugendlichen schwanden, außerhalb des Camps Anschluss zu bekommen:

„Nun versiegten auch die Angebote für die Unterbringung der Jungs. Nicht nur das: Für viele Kinder, die schon in Familien untergebracht waren, drohte erneut die Unsicherheit. Familienväter wurden eingezogen; für ein zusätzliches Kind aufzukommen, konnte ein Problem werden. So entstanden damals in fast allen größeren Städten Wohnheime für Flüchtlingskinder und -jugendliche. Sie wurden getragen von örtlichen Komitees und geführt von Flüchtlings-Betreuern, was für viele Kinder eine segensreiche Einrichtung wurde. Hier konnten sie - eher als in einer Familie - den Zusammenhang zu ihrer Vergangenheit kollektiv aufrechterhalten, was wir für ihre gesunde Weiterentwicklung für unbedingt wichtig hielten.“[17]

Gegen Ende des Jahres 1939 versuchte Sophie Friedländer in Absprache mit einigen Kolleginnen und Kollegen die vorgesetzte Dienststelle in London über die immer unerträglicher werdenden Zustände im Camp zu informieren. Kurz vor Weihnachten kam die schriftliche Antwort: „Your services are no longer required.“ Als Sophie Friedländer und ein Kollege daraufhin noch einmal persönlich in London zu intervenieren suchten wurde ihnen gesagt: „Wenn es ihnen nicht gefällt, können sie dorthin zurückkehren, wo sie hergekommen sind.“[17] Was aus den verbliebenen Kindern und Jugendlichen wurde, wird von Friedländer nicht mehr berichtet.

Nachfolgeeinrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Betreuung der Kinder und Jugendlichen nach ihrer Zeit in den Auffanglagern gewannen Einrichtungen an Bedeutung, die in Deutschland bis heute wenig bekannt sind: die Farm-Schools und Refugee Hostels. Diese waren nicht nur eine Ergänzung zur Familienunterbringung der geflüchteten Kinder, sondern auch eine bewusste Alternative dazu. Rebekka Göpfert skizziert den politischen Hintergrund, der bei den Farmgründungen eine Rolle spielte, und macht auf die unterschiedlichen Interessen der sich um die jüdischen Flüchtlingskinder kümmernden Organisationen – Kinder- und Jugend-Alijah und Refugee Children’s Movement (RCM), dem organisatorischen Rückgrat der Kindertransporte – aufmerksam.

„Im Gegensatz zum RCM wandte sich Youth Aliyah grundsätzlich gegen die Plazierung der Kinder in Pflegefamilien, auch in jüdische, da eine solche Unterbringung sie nicht ausreichend auf ein Leben im Kibbuz in Palästina vorbereite. Daher wurden zu diesem Zwecke eigens Farmen erworben bzw. gepachtet, auf denen die Kinder arbeiten würden. Da die Kapazität dieser Farmen nicht ausreichte, um sämtliche Kinder aufzunehmen, wurden einzelne Kinder auf englische Farmen verteilt, die möglichst in erreichbarer Nähe untereinander standen, so dass abends und am Wochenende ein gemeinsames Programm veranstaltet werden konnte.“[20]

Göpfert berichtet etwa 20 Hachschara-Zentren in Großbritannien, in denen sich neben Kindern auch Jugendliche und Erwachsene aufgehalten haben sollen. Dazu gehörten unter anderem:

Die Lager in Kent mussten bei Kriegsausbruch geschlosen werden, weil sie in einer Zone lagen, in der deutsche Angriffe auf Großbritannien erwartet wurden. In dieser Zone durften sich keine Enemy Aliens aufhalten, für welche auch deutschstämmige jugendliche und erwachsene Flüchtlinge gehalten wurden. Bydon wurde als Ersatz der beiden Lager eingerichtet.[20]

Die in den erwähnten Farm-Schools praktizierte Ausbildung war dem Ziel der Vorbereitung einer Auswanderung nach Palästina untergeordnet. Wichtig war deshalb der Erwerb der Hebräischen Sprache und der praktische und theoretische Erwerb von handwerklichen und landwirtschaftlichen Grundkenntnisse. Darüber hinaus erfolgte der Unterricht in den üblichen englischen Schulfächern.

Für die Kinder war die Ausbildung – abhängig von ihrem Alter – mit mehr oder weniger harter Arbeit auf der eigenen Farm oder einem benachbarten Bauernhof verbunden. Über den reinen Ausbildungszweck hinaus dienten diese Feldarbeiten aber auch dazu, die eigene Versorgung zu sichern.

Ein wichtiger Bestandteil der hinter den Jugendfarmen stehenden Konzeption war es aber auch, für das oben schon thematisierte psychische Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen zu sorgen. Diesem Ziel dienten gemeinsame Veranstaltungen und Unternehmungen am Abend und am Wochenende, wobei es auch immer darum ging, dem Verlust der Heimat und des Elternhauses positive Erfahrungen und Gefühle entgegenzusetzen. Göpfert geht davon aus, „daß die emotionale Betreuung der Kinder in einem solchen Heim im allgemeinen intensiver oder warmherziger war als in englischen Familien.[21]

Neben den von Göpfert genannten Einrichtungen gab es alleine in Schottland noch mehrere Gemeinschaftsunterkünfte für die Kinder und Jugendlichen der Kindertransporte:

  • Garnethill Hostel in Glasgow
  • „A Quaker hostel for women and girls, located on the other side of the synagogue in Renfrew Street, from 1940-1942. This hostel accommodated fifteen people at a time, mostly adults. [..]
  • Polton House, near Dalkeith in Midlothian
  • and others at Birkenward, Skelmorlie in Ayrshire, Ernespie House (Castle Douglas), and The Priory in Selkirk.“[22]

Sophie Friedländer und Hilde Jarecki[23] gründeten und leiteten selber zwei Gemeinschaftsunterkünfte:

Unterstützung und Hilfe bekamen die Kinder und Jugendlichen auch von verschiedenen Exil-Organisationen und von Einrichtungen, die von deutschen Emigranten gegründet worden waren. Die Pädagogin Anna Essinger war bereits 1933 mit 66 Kindern nach England geflohen und nahm später in ihrem Internat Bunce Court School Flüchtlinge aus den Kindertransporten auf. Auch Organisationen wie die FDJ in Großbritannien kümmerten sich um die vertriebenen Kinder und Jugendlichen. Die FDJ hatte zwref name="Göpfert" />

Die in den erwähnten Farm-Schools praktizierte Ausbildung war dem Ziel der Vorbereitung einer Auswanderung nach Palästina untergeordnet. Wichtig war deshalb der Erwerb der Hebräischen Sprache und der praktische und theoretische Erwerb von handwerklichen und landwirtschaftlichen Grundkenntnisse. Darüber hinaus erfolgte der Unterricht in den üblichen englischen Schulfächern.

Für die Kinder war die Ausbildung – abhängig von ihrem Alter – mit mehr oder weniger harter Arbeit auf der eigenen Farm oder einem benachbarten Bauernhof verbunden. Über den reinen Ausbildungszweck hinaus dienten diese Feldarbeiten aber auch dazu, die eigene Versorgung zu sichern.

Ein wichtiger Bestandteil der hinter den Jugendfarmen stehenden Konzeption war es aber auch, für das oben schon thematisierte psychische Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen zu sorgen. Diesem Ziel dienten gemeinsame Veranstaltungen und Unternehmungen am Abend und am Wochenende, wobei es auch immer darum ging, dem Verlust der Heimat und des Elternhauses positive Erfahrungen und Gefühle entgegenzusetzen. Göpfert geht davon aus, „daß die emotionale Betreuung der Kinder in einem solchen Heim im allgemeinen intensiver oder warmherziger war als in englischen Familien.ischen 1941 und 1945 die FDJ „in England ungefähr 750 Mitglieder. Davon sind ca 100 nach Deutschland zurück gegangen.“[24]

Beginn des Zweiten Weltkriegs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das offizielle Ende der Kindertransporte war der 1. September 1939, als mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg entfesselt wurde. Der letzte bekannte Kindertransport, organisiert von Geertruida Wijsmuller-Meijer, erfolgte durch den niederländischen Frachter SS Bodegraven, der mit 80 Kindern an Bord am 14. Mai 1940 unter deutschem Maschinengewehrfeuer von IJmuiden aus den Kanal überquerte und schließlich in Liverpool landete. Frau Wijsmuller hätte mitfliehen können, aber laut ihrer Biographie wollte sie bei ihrem Mann in Holland bleiben.

Mit Beginn des Weltkrieges verschärfte sich die Situation der Flüchtlingskinder in Großbritannien, worauf bereits Sophie Friedländer (siehe oben) aufmerksam gemacht hatte. Viele wurden von den Pflegefamilien in Flüchtlingslager abgegeben oder als deutsche Spione verdächtigt. So kam es dazu, dass ältere Kinder zunächst auf der Isle of Man interniert und danach in australische und andere Internierungslager gebracht wurden. Sie konnten später zurückkehren, wenn sie in die englische Armee eintraten.[25] Dennoch fanden knapp 10.000 Kinder in Großbritannien Schutz.

Rund 8000 weitere Kinder waren in Pflegefamilien oder Heimen in den Niederlanden, in Belgien, in Frankreich, der Schweiz oder in Schweden untergekommen.[4] Nicht alle entgingen der Deportation in den Osten und der Vernichtung.

In Frankreich wurden nach der Besetzung Nordfrankreichs durch die Wehrmacht im Sommer 1940 und im übrigen Frankreich, das vom Vichy-Regime regiert wurde, mit Hilfe der Résistance etwa 10.000 jüdische Kinder vor der Deportation und dem Tod gerettet. 2000 davon gelangten zwischen 1942 und 1944 illegal in die Schweiz. Einige Hundert wurden über die Pyrenäen nach Spanien geschleust. Die übrigen blieben im Land versteckt, häufig in Einrichtungen der katholischen Kirche.

Traumatisierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele der Kinder erfuhren erst nach Kriegsende Details ihrer Rettung und des Schicksals ihrer in Deutschland verbliebenen Familie. Mark Jonathan Harris, dessen Film Kindertransport – In eine fremde Welt 2001 als bester Dokumentarfilm mit dem Oscar prämiert wurde, beschreibt, wie die Kinder mit der Verarbeitung ihrer Erlebnisse allein gelassen wurden:

„Das Schicksal der Kinder und ihre weitere Geschichte weisen bleibende Spuren der Traumatisierung auf. Viele sahen ihre Eltern nie wieder, und selbst wenn Mutter oder Vater am Ende der Naziherrschaft zu den Überlebenden gehörten, kamen meist keine normalen Beziehungen mehr zustande. Unter den Kindern sind Depressionen und Beziehungsstörungen, Ängste aller Art, Ruhelosigkeit und Misstrauen besonders häufig, Folgen eines traumatischen Identitätsverlustes. Hinzu kommt das ‚Schuldgefühl der Überlebenden‘ (‘survivors guilt’): Ähnlich wie bei Menschen, die als ‚versteckte Kinder‘ unter falscher Identität der Vernichtungsmaschinerie der Nazis entgingen, wurde den Kindern der Rettungsaktion die eigene Trauer über das Erlittene nicht zugestanden, nicht von der Umwelt und nicht vom eigenen Gewissen.“

Erinnerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kindertransport-Denkmal Frank Meislers, vor dem Bahnhof Friedrichstraße, Berlin
Kindertransport-Denkmal Frank Meislers, vor dem Danziger Bahnhof Gdańsk Główny
Kindertransport-Denkmal Frank Meislers, im Fährhafen von Hoek van Holland

Die Flucht jüdischer Kinder wurde seit 2002 der Öffentlichkeit in Österreich ins Bewusstsein gerufen durch das Schulprojekt A Letter To The Stars und durch die Künstlergruppe „Counter/Act“, die in Wien Pappschachteln verteilte, in denen auf Papierstreifen der Rassismus angeprangert wurde. Unter anderem befanden sich in der Schachtel Anzeigen jüdischer Eltern, die 1938/1939 dringend Adoptiv- oder Pflege-Eltern in England für ihre Kinder suchten. Die Anzeigen wurden in der Originalform im November 2006 in Die Presse sowie in der Jewish Chronicle in London nachgedruckt, wo sie ursprünglich erschienen waren.

Eine Anzeige lautete:

„Auf der Suche nach einem Ausweg: Welche großmütige Familie übernimmt in der heutigen harten Zeit die Sorge für meine Kinder oder adoptiert sie? Ihr Vater ist Dr. Ing., lange Zeit Mitarbeiter der Österr. Staatsbahnen, und als Jude jetzt arbeitslos. Die zwei Kinder sind 10 und 12½ Jahre alt, hübsch und vollkommen gesund. Die Eltern wären glücklich, die Kinder in einer jüdischen gläubigen Familie zu wissen. Dr. Ing. S. Morgenstern, 2, Böcklinstrasse, Wien 2.“

Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den 1980er Jahren wurden die britische Reunion of Kindertransport und die amerikanische Kindertransport Association gegründet.

2001 wurde der Verein Child Survivors Deutschland e. V. – Überlebende Kinder der Shoah gegründet, die erste Vorsitzende war Cilly Levitus-Peiser. Hier haben sich Menschen zusammengeschlossen, die als Kinder in der NS-Zeit wegen ihres Judentums beziehungsweise ihrer jüdischen Wurzeln verfolgt wurden.[26]

Gedenkstätten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Mai 2012 widmet sich die Wanderausstellung „Wenn ihr hier ankommt …“ – Schicksal einer jüdischen Familie zwischen Kindertransport und gescheiterter Emigration von Christoph Gann dem Thema am Beispiel der Meininger/Nürnberger Familie Mosbacher. Die zwölfjährige Eva Mosbacher gelangte im Mai 1939 nach England. Ihre Eltern wurden drei Jahre später deportiert und ermordet. Eva Mosbacher nahm sich 1963 in London das Leben.[34]

Gerettete Kinder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige der geretteten Kinder sind:

Eine nahezu komplette Liste der Kinder und Jugendlichen, die die Whittingehame Farm School besucht haben, ist auf der Webseite über die Geschichte der Schule zu finden.[48]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weitere Helfer

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Personenübergreifend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Benz (Hrsg.): Die Kindertransporte 1938/39 : Rettung und Integration, mit Beiträgen von Ilse Aichinger, Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 2003, (Fischer; 15745, Reihe Die Zeit des Nationalsozialismus), ISBN 3-596-15745-5.
  • Mark Jonathan Harris & Deborah Oppenheimer & Jerry Hofer: Kindertransport in eine fremde Welt Goldmann, München 2000 ISBN 3-442-15138-4.
  • Barry Turner: Kindertransport. Eine beispiellose Rettungsaktion. Bleicher, Gerlingen 2002 ISBN 3-88350-033-X.
  • Rebekka Göpfert: Der Jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39. Geschichte und Erinnerung Campus, Frankfurt 1999 ISBN 3-593-36201-5
  • Gerald James Holton, Gerhard Sonnert: What happened to the children who fled Nazi persecution. New York, NY: Palgrave Macmillan 2006 ISBN 978-1-4039-7625-3. (Untersuchung in den USA)
  • Claudia Curio: Verfolgung, Flucht, Rettung. Die Kindertransporte 1938/39 nach Großbritannien Metropol, Berlin 2006 ISBN 3-938690-18-6. (Dissertation)
  • Gertrude Dubrovsky: Six from Leipzig. Kindertransport and the Cambridge Refugee Children’s Committee Vallentine Mitchell, Edgware 2003 ISBN 978-0-85303-470-4.
  • Anne C. Voorhoeve: Liverpool Street Ravensburger, 2007 ISBN 978-3-473-35264-7.
  • Gerrit Pohl: Die Unzen der Zeit (Gedichte zum 3. Hamburger Kindertransport) Schardt Verlag Oldenburg 2012 ISBN 978-3-89841-626-9.
  • Anna Wexberg-Kubesch: Vergiss nie, dass du ein jüdisches Kind bist. Der Kindertransport nach England 1938/39, Wien 2012, Mandelbaum Verlag ISBN 978-3-85476-410-6.
  • Anja Salewsky: »Der olle Hitler soll sterben!« Erinnerungen an den jüdischen Kindertransport nach England. Econ Ullstein List Verlag, München, 2002, ISBN 3-548-60234-7. Im Juni 1999 fand in London zum zweiten Mal nach 1989 eine „Reunion of the Kindertransport“ statt. Die Journalistin Anja Salewsky nahm auf eigene Kosten und ohne Auftrag daran teil und führte Gespräche mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Aus diesen Gesprächen entstand zunächst die einstündige Sendung "Once I was a Münchner Kindl", die mehrfach vom Bayrischen Rundfunk gesendet wurde. In der Folge entstand dann dieses reich illustrierte Buch, das zwölf von ursprünglich 33 Biografien wiedergibt.[49]
  • Sophie Friedländer/Hilde Jarecki: Sophie & Hilde. Ein gemeinsames Leben in Freundschaft und Beruf. Ein Zwillingsbuch, von Sophie Friedländer und Hilde Jarecki, herausgegeben von Bruno Schonig, Edition Hentrich, Berlin 1996, ISBN 978-3-89468-229-3. Sophie Friedländer berichtet unter anderem über ihre Arbeit in Dovercourt und dessen Nachfolgeeinrichtung. Ab 1942 gründeten und leiteten die beiden Frauen Refugee Hostels.

Belletristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eine literarische Bearbeitung des Themas unternimmt W. G. Sebald in dem Roman Austerlitz (2001).
  • Linda Winterberg (Nicole Steyer): Solange die Hoffnung uns gehört. aufbau taschenbuch, Berlin, 2017, ISBN 978-3-7466-3289-6. Auf der Basis sehr präziser Recherchen und anhand von Romanfiguren, die realen Personen nachempfunden sind (Eva Heymann, Walter Bloch und andere) gestaltet die Autorin einen Roman, der den Bogen spannt von den Kindertransporten zum Überleben an der Bunce Court School.[50]
  • Ursula Krechels Roman Landgericht (Jung und Jung, Salzburg / Wien 2012, ISBN 978-3-99027-024-0) räumt dem Thema Kindertransport breiten Raum ein und stützt sich dabei auf das Schicksal realer Personen: Der Familie von Robert Michaelis und dessen Kindern Ruth (verheiratete Barnett) und Martin. Diese Thematik spielt auch eine wichtige Rolle in der ZDF-Verfilmung des Romans aus dem Jahre 2017.

Personenbezogen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marion Charles: „Ich war ein Glückskind: Mein Weg aus Nazideutschland mit dem Kindertransport.“ cbj, München 2013 ISBN 978-3-570-40222-1.
  • Ruth L. David: Ein Kind unserer Zeit: autobiographische Skizzen eines jüdischen Mädchens: Kindheit in Fränkisch-Crumbach, Kindertransport nach England, Leben im Exil. Frankfurt 1996.
  • Brigitte Diersch: Das kurze Leben der Doris Katz (Memento vom 21. März 2015 im Internet Archive).
  • Charles Hannam:[51] A boy in that situation. An autobiography. Harper & Row, London 1977, ISBN 978-0-06-022219-2; Harper Collins, NY 1978, ISBN 978-0-06-022218-5; Scholastic, NY 1990.
  • Christoph Gann: „12 Jahre, Jude, 10.5.39 abgemeldet nach England“. Das Schicksal Eva Mosbachers und ihrer Eltern. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2013 ISBN 978-3-943588-17-0.
  • Ruth Barnett: Nationalität: Staatenlos: die Geschichte der Selbstfindung eines Kindertransportkindes. Übersetzung aus dem Englischen Lukas Guske. Metropol-Verlag, Berlin 2016. Siehe auch: Ursula Krechel: Landgericht (2012)
  • Dorrith M. Sim:In my Pocket. 1996; weitere Auflage 2012. ISBN 978-0-948785-05-4 [Kinderbuch mit Illustrationen von Gerald Fitzgerald]
    • in Deutsch: In meiner Tasche. 1. Aufl.: Kassel 2000; 2. Aufl. Kassel 2013. ISBN 3-9806761-1-0.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sabine Brüning, Peter Merseburger: Als sie nicht mehr deutsch sein durften. Über die Kindertransporte nach England. Dokumentarfilm. Sender Freies Berlin 1989.
  • Mark Jonathan Harris & Lee Holdridge & Judi Dench: Into The Arms Of Strangers: Stories Of The Kindertransport 2000 u.ö.; deutsche Version Kindertransport – In eine fremde Welt 2001 (siehe DVD)
  • Käthe Kratz: Vielleicht habe ich Glück gehabt Dokumentarfilm, Österreich 2002
  • Melissa Hacker: My Knees Were Jumping. Remembering the Kindertransports. Dokumentarfilm. Docurama, erschienen 2000 (Tochter von Ruth Morley)
  • Mirjam Unger: Vienna’s Lost Daughters. Dokumentarfilm. polyfilm video (ausgezeichnet mit dem Publikumspreis – beliebtester Film der Diagonale 2007) ISBN 978-3-9502204-5-2
  • Mathias Haentjes (mit Lorenz Beckhardt): Der Jude mit dem Hakenkreuz. Dokumentation, WDR Köln 2007.

Theateraufführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Musikstück[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Am 17. Juni 2012 führte das Hallé-Orchester Manchester den in seinem Auftrag von Carl Davis komponierten Liederzuklus Last Train to Tomorrow auf. Diese Uraufführung war der Erinnerung an die Kindertransporte gewidmet.[53][54]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kindertransporte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Kindertransport – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erwin Lichtenstein: Die Juden der Freien Stadt Danzig unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. Mohr, Tübingen 1973, S. 103.
  2. Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages: Kindertransporte nach Großbritannien (2008) (Memento vom 20. Dezember 2008 im Internet Archive) (PDF; 75 kB)
  3. The missing chapter: How the british quakers helped to save the jews of Germany and Austria from nazi persecution
  4. a b Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 2: Deutsches Reich 1938 – August 1939 (hrsg. von Susanne Heim), München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0, S. 45.
  5. 600 Child Refugees Taken From Vienna; 100 Jewish Youngsters Going to Netherlands, 500 to England. In: New York Times. 6. Dezember 1938 (online, kostenpflichtig [abgerufen am 28. März 2013]).
  6. Dieses Aufnahemzentrum befand sich in einem Vorort von Lowestoft in der Grafschaft Suffolk.
  7. Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943), in: Hildegard Feidel-Mertz (Hrsg.): Schulen im Exil. Die Verdrängte Pädagogik nach 1933. rororo, Reinbek, 1983, ISBN 3-499-17789-7, S. 71–88
  8. a b c Leslie Baruch Brent Ein Sonntagskind? Vom jüdischen Waisenhaus zum weltbekannten Immunologen. BWV Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin, 2009, ISBN 978-3-8305-1702-3, S. 65–69
  9. Zu Billy Butlin siehe auch den Artikel in der englischen WIKIPEDIA: Billy Butlin. Dort wird auch auf dessen Camp in Dovercourt eingegangen.
    Alan Major dagegen spricht von einem Warner' Holiday Camp (Alan Major: Bunce Court, Anna Essinger and New Herrlingen School, Otterden, in:Bygone Kent Magazine, Volume 10, 1989, Part Three, p. 653). Auf der Webseite Erinnerungen an die Butlin-Camps und einigen verwandten Seiten wird dieser vermeintliche Widerspruch aufgelöst. Butlin wollte offenbar ein Camp in Dovercourt errichten, hatte dafür auch schon fertige Pläne, entschied sich aber dann für den Standort Clacton. Captain Harry Warner, der eng mit Butlin zusammengearbeitet hat und ähnliche Camps betrieb, übernahm von Butlin Ort und Pläne für Dovercourt.
  10. Ein besseren Eindruck vom Camp als das nebenstehende Bild gibt ein Foto auf der Webseite des „United States Holocaust Memorial Museum“: Jewish refugee children from Germany – part of a Children’s Transport (Kindertransport) – at the holiday camp at Dovercourt Bay
  11. Hanna Bergas: Fifteen Years – Lived among, With and For Refugee Children, Palo Alto, California 1979 PDF von Fifteen Years online abrufbar., S. 41. „December and January days on the British coast can be, and were, cold, grey and wet. Rain gradually became snow. The rooms in the camp were built for use in summer, and though heated, were uncomfortably chilly, occasionally ice-cold. The water in the jugs on the breakfast tables, which were laid in the evening, froze overnight. We were glad that in spite of the extreme cold and the generally primitive living conditions, we maintained a fairly good state of health among teh youngsters.“
  12. Hanna Bergas: Fifteen Years, S. 39. „… to help the children to settle in the strange surroundings and to learn as much English as possible in a short time. Our fourth person was to organize the huge kitchen, to plan the meals, and to coordinate the work of all the people in the kitchen, up to ten at time. We had scarcely got the dormotories and the big hall ready for occupancy when the first transport arrived.“
  13. Anna Essinger: Die Bunce Court School (1933–1943), S. 77
  14. Hanna Bergas: Fifteen Years, S. 42. „Bunce Court was asked, or permitted, to select ten children whom we considered most congenial to our way of education. We were, of course, better able to make a decision than the weekend visitors, as we had lived with these children for at least a few weeks. I can sys in retrospect that those ten all profited much from what we could do for them, and became, as our other children, happy, useful adults, both as parents and as members of the human species.“
  15. Hanna Bergas: Fifteen Years, S. 42. „All of us who had worked at Dovercourt Camp were richer by many experiences when, on February First, 1939, it could be closed; we were conscious of the service it had done, and also of how, if such a task were needed again in the furure, it could be improved on. We were interviewed by newspapers and radio people to stimulate refugee help across the anti-Nazi world.“
  16. Leslie Baruch Brent: Ein Sonntagskind?, S. 66, und Hanna Bergas: Fifteen Years, S. 41
  17. a b c d e f Sophie Friedländer/Hilde Jarecki: Sophie & Hilde. Ein gemeinsames Leben in Freundschaft und Beruf. Ein Zwillingsbuch, von Sophie Friedländer und Hilde Jarecki, herausgegeben von Bruno Schonig, Edition Hentrich, Berlin, 1996, ISBN 978-3-89468-229-3, S. 52–64.
  18. The Workhouse. The Story of an Institution. Allerdings wird in der ausführlichen Chronik die Zwischennutzung als Camp für die Flüchtlingskinder nicht erwähnt.
  19. Zitiert nach: Sophie Friedländer/Hilde Jarecki: Sophie & Hilde, S. 62
  20. a b Rebekka Göpfert: Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39, S. 124–125. Göpfert irrt allerdings mit ihrer Aussage, dass Millisle Farm bald wieder hätte geschlossen werden müssen. Die Einrichtung bestand bis 1948.
  21. Rebekka Göpfert: Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39, S. 126“
  22. „Unfortunately, no admission registers have as yet been found for these three other hostels.“ (The Garnethill Hostel for Nazi-Era Refugees 1939-1948, in Glasgow)
  23. Sophie Friedländer/Hilde Jarecki: Sophie & Hilde, S. 74 ff.
  24. Gespräch mit Alfred Fleischhacker, 2008. Ebenfalls: Alfred Fleischhacker (Hrsg.): Das war unser Leben, Erinnerungen und Dokumente zur Geschichte der FDJ in Großbritannien 1939 – 1946. Neues Leben, Berlin 1996. ISBN 3-355-01475-3, S. 8, 198 ff.
  25. a b Alexander Schuller: „Dieser Schmerz hört nie auf.“ In: Hamburger Abendblatt vom 6. Dezember 2013, S. 17.
  26. Website der Child survivors
  27. ORF:Skulptur erinnert an Kindertransporte. Kents Skulptur zeichnet sich durch zwei Anachronismen aus: das Kind trägt moderne Turnschuhe und eine Kippa. Die aus Wien verschickten Kinder trugen keine Kippa.
  28. Züge ins Leben – Züge in den Tod. kindertransporte.de
  29. Marlies Emmerich: Rettende Reise nach Großbritannien. In: Berliner Zeitung, 31. Mai 2008
  30. Denkmäler Kindertransport
  31. Einweihung des Denkmals
  32. Bericht des NDR
  33. HaRakevet 109 (Juni 2015), S. 14 (109:07, XII).
  34. Homepage der Wanderausstellung
  35. Ein Sonntagskind? bei DNB
  36. a b c d e f g h i Mit Interview-Auszügen dokumentiert bei Anja Salewsky: »Der olle Hitler soll sterben!«
  37. Kindertransporte als Rettungsaktion junger Deutscher jüdischer Herkunft Kindheit, Schul- und Jugendzeit münden in den Kindertransport am 5. Jan. 1939 nach England: Der Mutterstadter Alfred Dellheim erzählt seine Geschichte und die seiner Familie. Ein Rückblick, 2002.
  38. Franziska Holthaus: „Plötzlich war alles ganz anders“, Neue Osnabrücker Zeitung, 28. Mai 2010.
  39. Kurt Gutmann, Nebenkläger im Sobiborprozess (PDF; 93 kB)
  40. Aufbruch zum Leben (Wissenschaft, NZZ Online). Nzz.ch. Abgerufen am 21. Mai 2010.
  41. Joachim Kronheim im DRAFD-Wiki.
  42. Die Kaliski-Schule auf haGalil.com.
  43. Zur Geschichte der Geschwister siehe auch: Ruth Barnett: Nationalität: Staatenlos
  44. Vgl.: Ruth L. David: Ein Kind unserer Zeit: autobiographische Skizzen eines jüdischen Mädchens: Kindheit in Fränkisch-Crumbach, Kindertransport nach England, Leben im Exil. Frankfurt 1996.
  45. USHMM-Collections: Oral history interview with Marion Walter
  46. Herbert Wise obituary, Artikel des Guardian vom 12. August 2015.
  47. Hanna Zack Miley: Meine Krone in der Asche: Der Holocaust, die Kraft der Vergebung und der lange Weg zur persönlichen Heilung, Fontis - Brunnen Basel, 2014, ISBN 978-3-03848-010-5.
  48. East Lothian at War: Whittingehame Farm School
  49. Barbara Link: Ein verzweifelter Schrei gab zwölf Schicksalen den Titel. In: Die Welt, 21. April 2001
  50. Der jüdische Kindertransport nach England: „Der olle Hitler soll sterben!“ judentum.net
  51. Hannam auch im NRW-Projekt, siehe Weblinks.
  52. Die Kindertransporte – Berliner Kinder auf dem Weg nach London auf der Website beim Theater an der Parkaue.
  53. Carl Davis: my Kindertransport song cycle. theguardian.com
  54. Konzertankündigung