Kirchdorf (Siedlungstyp)

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Eine vielgestaltige Entwicklung zeigte Plessa. Die hie­sige Holz­kapelle gehörte zum Dia­konat in Elster­werda. Nicht jeden Sonn­tag fand eine Messe statt. Daher besuch­ten die Plessaer häu­figer den Gottes­dienst in Dreska. Die 1792 entstan­dene Dorf­kirche Plessa brannte 1811 mit dem ganzen Dorf ab. Zur im selben Jahr gebil­deten Paro­chie Plessa zählte die Dorf­kirche in Kahla. Ihre Mutter­kirche wurde 1814 neu erbaut. Das dazuge­hörige Pfarr­haus von 1865 führte zur Auf­lösung des Dia­konats Elster­werda. Plessa unter­standen das kirch­lose Kraupa sowie als Tochter­kirchen die zu Dreska und Kahla. Das 1896 wieder­errich­tete Dia­konat Elster­werda erhielt Dreska und Kraupa, bei Plessa verblieb Kahla. Am 1. Januar 1999 wurden Döll­ingen, Dreska, Hohen­leipisch, Kahla und Plessa zum Kirch­spiel Plessa zusammen­gefasst, die Dorf­kirche Plessa um 1911.[1]

Kirchdorf bezeichnet in der Siedlungsgeographie eine unterste Mittelpunktsiedlung, eine Ortschaft mit einer religiösen Versorgungsfunktion für wenige, meist umliegende Siedlungen. Die Einwohner seines kleinen Einzugsbereichs verwenden traditionell die Kurzform „das Dorf“.[2][3]

Begriffsabgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Amtliche Ortsverzeichnis für Bayern von 1964 verstand unter Pfarrdorf eine Siedlung mit Pfarreisitz, unter Kirchdorf eine mit Kirche, in der regelmäßig Gottesdienste stattfanden, jeweils bezogen auf den aktuellen Stand. Dies floss nicht in die geographische Fachliteratur ein.[4][5]

Siedlungen mit einer höheren zentralörtlichen Funktion – die Unterzentren konnten ebenfalls kirchliche Dienste anbieten. Die Prignitz wuchs Mitte des 14. Jahrhunderts aus mehreren Ländchen zusammen. Ihre Zentren beherbergten Vögte, hielten Märkte ab usw. In Vier davon – Lenzen an der Elbe, Putlitz, Wittstock an der Dosse und Flecken Zechlin – standen die Kirche, das Pfarrhaus einer Großparochie. Sie umfassten mehrere kirchlose Dörfer. Großflächig belegten das erst die Protokolle der Generalvisitation der Reformationszeit. Dennoch gaben sie wohl den Zustand des Hochmittelalters, seit dem Landesausbau und der elbslawischen Missionierung wieder. Beides setzte mit dem Wendenkreuzzug von 1147 ein.[6][7][8][9][10]

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gabriele Schwarz verband die Entstehung in Europa mit zwei bestimmten Punkten – der Zeit, in der die ländliche Bevölkerung nahezu komplett als Selbstversorger lebte, und den Streusiedlungen. Mehr religiöse als wirtschaftliche Gründe hoben in ausgeprägten Streusiedlungsgebieten (nördliches und westliches Europa) eine Ortschaft heraus. Sie entwickelte eine geschlossene Ortsanlage, der dann die Bezeichnung Dorf zukam.[2]

Gerhard Henkel resümierte rückblickend aus Sicht des 19./20. Jahrhunderts. In den norddeutschen Streusiedlungsgebieten formten sich Kirchspiele. Einem zentralen Kirchdorf waren einige Einzelsiedlungsgruppen und kleinere Weiler (Synonym für Streusiedlung) angegliedert.[11]

Dass die Genese von Kirchdörfern mitunter anders ablief, belegte nachfolgend die Altmark.[12]

Regionale Beispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In der Altmark wies das mittelalterliche Niederkirchenwesen eine große Bandbreite auf. Im äußersten Nordwesten und im Nordzipfel herrschten Großparochien vor. Ihre großzügig angelegten Pfarrkirchen waren offenbar auf einen überörtlichen Bedarf ausgelegt. Manche fielen unter Kirchdorf, wobei es im Laufe der Zeit zu Veränderungen kam. Der Sprengel Henningen versorgte das gleichnamige Dorf und sechs weitere. Im Spätmittelalter erhielten Letztere Kapellen. Einige gottesdienstliche Handlungen fanden jetzt vor Ort statt. Die zentralörtliche Funktion bestand nun teilweise im Wohnsitz des Pfarrers und denen im Gegensatz zu den Kapellen umfangreicher ausfallenden Rechten der Pfarrkirche. Die Besonderheiten in diesem Teil der märkischen Landschaft führte Lieselott Enders auf die Vernetzung mit dem Herzogtum Sachsen bzw. seinen Nachfolgeländern zurück. Dies äußerte sich beispielsweise in der Zugehörigkeit zum Bistum Verden.[12][13][14]
    Die natürlichen Gegebenheiten der Wische brachten nur wenige kleine, kirchlose Dörfer hervor. Jene und einige Agrareinzelsiedlungen wurden von einem Kirchdorf betreut. In der mittleren und südöstlichen Altmark, also im Bistum Halberstadt, folgte eine Kleinparochie auf die andere. Sie umfassten eine, maximal zwei Tochterkirchen und äußerst selten ein Dorf ohne eigene Kirche. In der Südaltmark lagen nicht genügend Schriftquellen für eine umfassende Auswertung vor.[12][15]
  • Die Kirchdörfer von Schweden bildeten sich vor und nach der Reformation heraus. Sie dienten neben ihrer religiösen Funktion zum Abhalten von Gerichten, Eintreiben von Steuern und Veranstalten von Märkten.[2]
  • In Westfalen wirkte sich die Entstehungsweise der Kirche auf die Entwicklung des Siedlungsgrundrisses aus. Die Gründung im Anschluss an einen bestehenden Drubbel führte zu einer unregelmäßigen Form. Anders vollzog es sich bei einer Eigenkirche eines weltlichen Grundherrn in Verbindung mit einem Schulzenhof. Hier konnten sich die anderen Bauernhöfe ringförmig um den ursprünglich ummauerten Kirchhof gruppieren. In seltenen Fällen gehörten zu den Hofstellen keine landwirtschaftlichen Nutzflächen. Dann setzte sich die Gemarkung neben den Hausgrundstücken und ihren Gärten lediglich aus Wegen zusammen. Die soziale Struktur eines westfälischen Kirchdorfs prägten kleine Handwerker und Geschäftstreibende sowie zumindest im Ortskern die jüngere Schicht der Kötner oder Brinksitzer.[2]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Walter Christaller: Die zentralen Orte in Süddeutschland. Eine ökonomisch-geographische Untersuchung über die Gesetzmäßigkeit der Verbreitung und Entwicklung der Siedlungen mit städtischen Funktionen. Fischer, Jena 1933, DNB 571889050.
  • Lieselott Enders: Die Altmark. Geschichte einer kurmärkischen Landschaft in der Frühneuzeit (Ende des 15. bis Anfang des 19. Jahrhunderts) (= Klaus Neitmann [Hrsg.]: Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs. Band 56). Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-8305-1504-3.
  • Gerhard Henkel: Der ländliche Raum. Gegenwart und Wandlungsprozesse seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland (= Jörg Bendix, Hans Gebhardt, Ernst Löffler, Paul Reuber (Hrsg.): Studienbücher der Geographie). 4., ergänzte und neu bearbeitete Auflage, Gebrüder Borntraeger Verlagsbuchhandlung, Berlin / Stuttgart 2004, ISBN 3-443-07109-0.
  • Cay Lienau: Die Siedlungen des ländlichen Raumes (= Das Geographische Seminar). 4., überarbeitete Auflage, Westermann Schulbuchverlag, Braunschweig 2000, ISBN 3-14-160283-2.
  • Gabriele Schwarz: Allgemeine Siedlungsgeographie. Teil 1. Die ländlichen Siedlungen. Die zwischen Land und Stadt stehenden Siedlungen. In: Allgemeine Siedlungsgeographie (= Josef Schmithüsen [Hrsg.]: Lehrbuch der Allgemeinen Geographie. Band 6). 2 Bände, 4. Auflage, Walter de Gruyter, Berlin 1988, ISBN 3-11-007895-3.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Autorengemeinschaft unter Leitung von Dietrich Hanspach: B 3 Plessa, Landkreis Elbe-Elster. In: Luise Grundmann im Auftrag Leibniz-Institut für Länderkunde Leipzig und Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (Hrsg.): Der Schraden. Eine landeskundliche Bestandsaufnahme im Raum Elsterwerda, Lauchhammer, Hirschfeld und Ortrand (= Landschaften in Deutschland. Werte der deutschen Heimat. Band 63). 2., verbesserte Auflage, Böhlau Verlag, Köln / Weimar / Wien 2005, ISBN 3-412-23905-4, S. 106–111, hier S. 107, unter Einbeziehung von: Döllingen S. 74; Dreska S. 70; Hohenleipisch S. 68; Kahla S. 79; Kraupa S. 62–63.
  2. a b c d Gabriele Schwarz: Allgemeine Siedlungsgeographie. Teil 1. Walter de Gruyter, Berlin 1988, ISBN 3-11-007895-3, VI. Mittelpunkts-Siedlungen. 1. Mittelpunkte in Streusiedlungsgebieten, S. 413–416, hier S. 413.
  3. Cay Lienau: Die Siedlungen des ländlichen Raums. 4. Auflage, Westermann Schulbuchverlag, Braunschweig 2000, ISBN 3-14-160283-2, 5 Siedlungsfunktion, Infrastruktur und sozialökonomische Struktur. 5.1 Siedlungsfunktionen. 5.1.3 Versorgungsfunktion. b) unterste Versorgungszentren, S. 99.
  4. Bayerisches Statistisches Landesamt (Hrsg.): Amtliches Ortsverzeichnis für Bayern. Gebietsstand am 1. Oktober 1964. Mit statistischen Angaben aus der Volkszählung 1961 (= Beiträge zur Statistik Bayerns. Heft 260). Süddeutscher Verlag, München 1964, Abschnitt I. Vorbemerkungen zum Aufbau und Inhalt des Ortsverzeichnisses. Grundlegende Hinweise. 3. Topographische Bezeichnungen. b) „Pfarrdorf“ oder „Kirchdorf“, S. 2 (Digitalisat in Münchener Digitalisierungszentrum [abgerufen am 9. Januar 2019]).
  5. Matthias Schopp: Geographie der ländlichen Siedlungen. Zusammenfassungen von Buchtexten und Artikeln zur Vorbereitung auf das Staatsexamen. Grin Verlag, Norderstedt 2014, ISBN 978-3-656-71291-6, 5 Siedlungsfunktion, Infrastruktur und sozialökonomische Struktur. 5.1 Siedlungsfunktionen. 5.1.3 Versorgungsfunktion, S. 19.
  6. Cay Lienau: Die Siedlungen des ländlichen Raums. 4. Auflage, Westermann Schulbuchverlag, Braunschweig 2000, ISBN 3-14-160283-2, 5 Siedlungsfunktion, Infrastruktur und sozialökonomische Struktur. 5.1 Siedlungsfunktionen. 5.1.3 Versorgungsfunktion. c) Unterzentren, S. 99–100.
  7. Lieselott Enders: Die Prignitz. Geschichte einer kurmärkischen Landschaft vom 12. bis zum 18. Jahrhundert (= Klaus Neitmann [Hrsg.]: Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs. Band 38). 1. Auflage, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2000, ISBN 3-935035-00-4, A. Herrschaftsbildung und Siedlung. I. Ausgangssituation, Auftakt und Merkmale. 3. Merkmale des hochmittelalterlichen Siedlungsbildes. Kirchen- und Pfarrorganisation, S. 43.
  8. Rosemarie Baudisch: Geographische Grundlagen und historisch-politische Gliederung Brandenburgs. In: Ingo Materna, Wolfgang Ribbe (Hrsg.): Brandenburgische Geschichte. Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-002508-5, Landschaften. Prignitz, S. 24–25.
  9. Lieselott Enders: Die Prignitz. Geschichte einer kurmärkischen Landschaft vom 12. bis zum 18. Jahrhundert (= Klaus Neitmann [Hrsg.]: Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs. Band 38). 1. Auflage, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2000, ISBN 3-935035-00-4, A. Die politischen Verhältnisse. 2. Die innere Verwaltung. a) Vogtei und Hauptmannschaft, S. 135–140.
  10. Lieselott Enders: Die Prignitz. Geschichte einer kurmärkischen Landschaft vom 12. bis zum 18. Jahrhundert (= Klaus Neitmann [Hrsg.]: Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs. Band 38). 1. Auflage, Verlag für Berlin-Brandenburg, Potsdam 2000, ISBN 3-935035-00-4, B. Das Städtewesen. 2. Ausgestaltung der Städte bis zum Ende der Askanierzeit. b) Die wirtschaftliche Entwicklung. Marktfunktion, S. 81–82.
  11. Gerhard Henkel: Der ländliche Raum. 4. Auflage, Gebrüder Borntraeger Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 2004, ISBN 3-443-07109-0, 6 Infrastruktur und Kommunalpolitik. 6.1 Infrastruktur. Versorgungsinfrastruktur. 12. Kirche, S. 338–339.
  12. a b c Lieselott Enders: Die Altmark. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-8305-1504-3, D. Kultur und Lebensweise in Stadt und Land. I. Kirche, Geistlichkeit und religiöse Gemeinschaften. 1. Kirchen- und Pfarrorganisation. Großparochien, S. 1169–1174.
  13. Thomas Sternberg: Kapelle. In: Walter Kasper mit Konrad Baumgartner, Horst Bürkle, Klaus Ganzer, Karl Kertelege, Wilhelm Korff, Peter Walter (Hrsg.): Lexikon für Theologie und Kirche (LexThK). 5. Band. Hermeneutik bis Kirchengemeinschaft. Sonderausgabe der 3. Auflage, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2006, ISBN 978-3-451-22012-8, I. Liturgiegeschichtlich, Sp. 1209.
  14. Lieselott Enders: Die Altmark. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-8305-1504-3, D. Kultur und Lebensweise in Stadt und Land. I. Kirche, Geistlichkeit und religiöse Gemeinschaften. 1. Kirchen- und Pfarrorganisation. Großparochien. Fußnote 29, S. 1170 (Ausdehnung Sprengel Henningen).
  15. Lieselott Enders: Die Altmark. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-8305-1504-3, B. Die ländliche Gesellschaft in der Frühneuzeit. II. Das Siedlungsgebiet im Wandel der Frühneuzeit. b) Auf- und Ausbau von Gutsbesitz bei Altsiedlungen bis 1550, S. 213–215, Wische-Einzelhöfe: S. 214.