Kirche Enge

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Kirche von Osten
Ansicht vom Utoquai (Seefeld)

Die Kirche Enge ist ein evangelisch-reformiertes Kirchengebäude im Zürcher Quartier Enge.

Geschichte[Bearbeiten]

Im Jahr 1880 zählte die damals noch selbständige Gemeinde Enge 3557 reformierte Einwohner, weshalb das bisherige Bethaus mit seinen 350 Sitzplätzen zu klein für die reformierte Kirchgemeinde geworden war. 1885 schenkte der damalige Kirchenpräsident Conrad Escher der Kirchgemeinde eine Wiese östlich des Bethauses, um die neue Kirche realisieren zu können. In der Gemeinde herrschte jedoch während Jahren keine Einigkeit, wo die Kirche gebaut werden sollte. In Frage kamen verschiedene Standorte, die die Kirche entweder im Ortszentrum unten oder auf einer höheren Lage weithin sichtbar hätten entstehen lassen. Als sich die Kirchgemeindeversammlung 1887 für den heutigen Standort auf der Bürgliterrasse aussprach, folgte ein jahrelanger Rechtsstreit mit dem Besitzer des darauf stehenden Restaurants Bürgli-Terrassen, Adolf Guyer-Zeller. Während und auch noch nach dem laufenden Prozesse, der vor Bundesgericht zugunsten der Kirchgemeinde endete, wurden weitere Bauplätze diskutiert. In der Kirchgemeindeversammlung vom 27. September 1890 wurden die Bürgliterrassen definitiv zum Standort der neuen Kirche gewählt und dem enteigneten Adolf Guyer-Zeller eine von einer Schätzungskommission berechnete hohe Summe ausbezahlt.[1]

Im Jahr 1890 fand ein Wettbewerb für den Bau einer neuen Kirche für die Enge statt. Da keines der 22 eingereichten Projekte überzeugen konnte, wurde auch keines zur Ausführung empfohlen. Am 16. August 1891 entschied sich die Kirchgemeindeversammlung für ein ausser der Konkurrenz eingereichtes Projekt des Architekten Alfred Friedrich Bluntschli, der einerseits ein Schüler und anderseits als Professor auch Nachfolger von Gottfried Semper an dem Zürcher Polytechnikum war. Nach seinen Plänen wurde die Kirche Enge in den Jahren 1892 bis 1894 im Neo-Renaissancestil erbaut. Die Grundsteinlegung fand am 14. Mai 1892 statt und am 24. Juni 1894 wurde die Kirche feierlich eingeweiht.[2]

Die beiden Pfarrhäuser wurden von Friedrich Bluntschli in zwei Etappen errichtet: Das ältere, südliche Pfarrhaus an der Bürglistrasse 19 erbaute er 1894, das jüngere nördliche an der Bürglistrasse 11 im Jahr 1900.[3] Die Gartenanlage um die Kirche wurde in zwei Phasen erbaut: 1894 wurde die engere Umgebung der Kirche nach Plänen von Alfred Friedrich Bluntschli gestaltet, 1925 erfolgte der zweite Teil, nachdem der alte Friedhof Enge aufgegeben und der SBB-Tunnel erbaut wurde, nach Plänen von Hermann Herter und den Gebrüder Mertens. 1927 erfolgte eine Renovation des Inneren sowie der Freitreppe, 1976 eine Gesamtrenovation. Der Turm wurde 1979 bis 1984 renoviert und das Äussere der Kirche in den Jahren 2002 bis 2003.[4]

Baubeschreibung[Bearbeiten]

Aussenbereich und Glocken[Bearbeiten]

Die Kirche liegt auf einer Hügelkuppe und ist auch von der Promenade des Zürichsees aus gut sichtbar. Wegen ihrer markanten Lage und ihrer repräsentativen Erscheinung gilt die Kirche Enge als eines der Wahrzeichen des Quartiers. Geschaffen wurde sie von Alfred Friedrich Bluntschli als Zentralbau mit kreuzförmigem Grundriss samt Kuppeltambour über der etwas erhöhten Vierung. Die Ost-West-Richtung des Gebäudes wird durch die grosse Vorhalle im Osten und dem rechteckigen Chorvorbau für die Orgel im Westen hervorgehoben. Verschiedene Baumaterialien (Gneis aus dem Tessin, Savonnière-Kalkstein aus Frankreich, Toggenburger Tuff und Baveno-Granit) gliedern das Äussere der Kirche. Die repräsentative Eingangsfront ist der Stadt und dem See zugewandt. Der Turm wurde im nordwestlichen Winkel der Anlage als italienischer Campanile gestaltet und birgt fünf Glocken aus der Glockengiesserei Jakob Keller (Zürich) in der Schlagtonfolge b0–d1–f1–g1–b1. Sie hängen im Stahlstuhl an verkröpften Stahljochen.

Zum Haupteingang steigt von der Seestrasse eine grosszügige Treppenanlage aus Granit empor. Gerahmt wird der Fuss der Treppe durch die 1925 von Arnold Hünerwadel geschaffenen Statuen einer klugen und einer törichten Jungfrau. Von der Bürglistrasse führt eine geschwungene Auffahrt zum Kirchplatz.[5]

Innenraum[Bearbeiten]

Innenansicht

Alfred Friedrich Bluntschli gestaltete das Innere der Kirche als einheitlichen Zentralraum, der sich um den Taufstein, den Abendmahlstisch, die Kanzel und die Orgel gruppiert. Jeder Kreuzarm besitzt eine Empore um die Vierung, die Kuppel ruht auf grossen Vierungspfeilern. Über den Kreuzarmen spannen sich breite Tonnengewölbe. Die Wände sind mit Quadratmalereien verziert, das Gebälk und die Gurtenkassetten sind mit Ornamenten bemalt. Die Kapitelle und die Balustraden wurden mit Bildhauerarbeiten versehen. Der Taufstein aus Pavonazzo-Marmor steht in der Mittelachse auf einem um zwei Stufen erhöhten Podium vor der Kanzelwand. Er hat die Gestalt eines Pokales oder Brunnens, ist jedoch flach wie ein Tisch. Um die Schale läuft in goldenen Kapitalen die Umschrift: «Lasset die Kindlein zu mir kommen». Mit einem hölzernen Umbau kann der Taufstein zum Abendmahlstisch erweitert werden. In den Kreuzkuppelzwicken befinden sich vier Evangelistenmedaillons von Eugen Ott, die Zwillingsrundbogenfenster zeigen Petrus und Paulus, Luther und Zwingli, König David als Sänger mit zwei Engeln und wurden von Friedrich Berbig gestaltet. Die Kanzel wurde nach einer Vorlage aus der Renaissance gestaltet und trägt am Fuss die Jahreszahl 1894. Ihr Kanzelkorb besitzt Eichenholzschnitzereine von Josef Regl, die Leuchter der Kirche wurden vom Architekt Alfred Friedrich Bluntschli entworfen.[6]

Die Kirche bietet Platz für rund 1200 Personen.[7]

Orgel[Bearbeiten]

Blick auf die Orgel

Die Orgel wurde 1894 von dem Orgelbauer Th. Kuhn (Männedorf) erbaut und 1951 gemäss der Disposition von Organist E. Vollenwyder erneuert. 1993 wurde das Fernwerk hinzugefügt, das von II. und III. Manual aus angespielt werden kann. Das Schleifladen-Instrument hat 68 Register auf drei Manualen und Pedal. Die Spiel- und Registertrakturen sind elektrisch. Weitgehend verschwunden sind die einst üppigen Schnitzereien des Gehäuses.[8]

I Hauptwerk C–g3
Principal 16'
Quintatön 16'
Principal 8'
Flauto major 8'
Gemshorn 8'
Gedackt 8'
Octave 4'
Rohrflöte 4'
Octave 2'
Mixtur V-VII 2'
Scharf IV-V 1'
Cornet V 8'
Trompete 8'
Clarion 4'
II Kronpositiv C–g3
Principal 8'
Rohrgedackt 8'
Spitzflöte 8'
Principal 4'
Blockflöte 4'
Sesquialtera II 22/3´
Waldflöte 2'
Quinte 11/3´
Mixtur III-V
Rankett 16'
Krummhorn 8'
Schalmey 4'
Tremulant
III Schwellwerk C–g3
Bourdon 16'
Principal 8'
Bourdon 8'
Offenflöte 8'
Unda Maris 8'
Salicional 8'
Octave 4'
Flöte 4'
Quinte 22/3'
Flageolet 2'
Terz 13/5'
Mixtur V-VI 11/3'
Cimbel III-IV 1/2'
Bombarde 16'
Trompette harm. 8'
Oboe 8'
Clairon 4'
Tremulant
Fernwerk C–g3
Gamba 16'
Gamba 8'
Flûte harmonique 8'
Flûte traversière 4'
Piccolo 2'
Sifflet 1'
Tuba 16'
Corno 8'
Vox Humana 8'
Tremulant
Pedal C–f1
Untersatz 32'
Principalbass 16'
Flöte 16'
Subbass 16'
Gedacktbass 16'
Principal 8'
Bourdon 8'
Spillflöte 8'
Octave 4'
Flöte 2'
Rauschpfeife III 4'
Mixtur V 2'
Posaune 16'
Fagott 16'
Trompete 8'
Clairon 4'

Würdigung[Bearbeiten]

Die Kirche Enge ist ein monumentales Bauwerk an markanter Lage und gilt als einer der wichtigsten Kirchenbauten im Stil der Neurenaissance in der Schweiz. Zugleich ist die Kirche Enge eines der bekanntesten Werke von Architekten Friedrich Bluntschli. Als Vorlage diente Bluntschli ein Projekt seines Lehrers Gottfried Semper für die nach anderen Plänen realisierte römisch-katholische Kirche St. Peter und Paul in Winterthur. Nach dem Vorbild der Kirche Enge wurde wenige Jahre später auf der gegenüberliegenden Seeseite die Kreuzkirche in Hottingen erbaut.[9]

Quellen[Bearbeiten]

  • François Guex: Schweizerische Kunstführer. Reformierte Kirche, Zürich-Enge. GSK Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Basel 1978 (= Schweizerische Kunstführer, ohne ISBN).
  • Hochbaudepartement der Stadt Zürich, Amt für Städtebau: Enge, Wollishofen, Leimbach. NZZ, Zürich 2006, ISBN 3-03823-074-X (= Baukultur in Zürich, Band V).
  • Hochbaudepartement der Stadt Zürich: Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Zürich 2006.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jürg Weyermann: Zum Bauplatzstreit. Download der Kirchgemeinde Enge. Abgerufen am 2. August 2015.
  2. Martin Zollinger: Vom Bauverein bis zur Festpredigt. Download der Kirchgemeinde Enge. Abgerufen am 2. August 2015.
  3. Website der Kirchgemeinde Enge, Abschnitt Baugeschichte und Gesamtanlage. Abgerufen am 2. August 2015.
  4. Hochbaudepartement der Stadt Zürich: Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Zürich 2006, S. 76–77.
  5. Hochbaudepartement der Stadt Zürich: Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Zürich 2006, S. 76.
  6. Hochbaudepartement der Stadt Zürich: Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Zürich 2006, S. 78.
  7. Website der Kirchgemeinde, Abschnitt Das Innere der Kirche. Abgerufen am 2. August 2015.
  8. Nähere Informationen zur Orgel
  9. Hochbaudepartement der Stadt Zürich: Reformierte Kirchen der Stadt Zürich. Spezialinventar. Zürich 2006, S. 77.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kirche Enge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

47.3625555555568.5297222222222Koordinaten: 47° 21′ 45,2″ N, 8° 31′ 47″ O; CH1903: 682422 / 246318