Kirche Szillen

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Kirche Szillen
(Kirche Schillen)
Кирха Жиллена
Kirchenruine (2017)

Kirchenruine (2017)

Baujahr: 1701, 1819/1827
Stilelemente: Ziegelbau
Bauherr: Evangelische Kirchengemeinde Szillen
(Kirchenprovinz Ostpreußen, Kirche der Altpreußischen Union)
Turmhöhe:

44 Meter

Lage: 54° 54′ 15,7″ N, 21° 55′ 46,3″ OKoordinaten: 54° 54′ 15,7″ N, 21° 55′ 46,3″ O
Standort: Schilino
Kaliningrad, Russland
Zweck: Evangelisch-lutherische Pfarrkirche
Gemeinde: Nicht mehr vorhanden.
Vom Kirchengebäude steht nur noch die Ruine

Bei der Kirche Szillen (russisch Кирха Жиллена, der Ort hieß zwischen 1936 und 1946: Schillen) handelt es sich um einen verputzten Backsteinbau, der – nach Einsturz des Gebäudes bis auf den Chorraum 1818 – im Jahre 1819 (der Turm: 1827) wieder aufgebaut wurde. Sie war bis 1945 evangelisches Gotteshaus für die Bewohner des einst ostpreußischen Kirchspiels des heute Schilino genannten Ortes in der russischen Oblast Kaliningrad (Gebiet Königsberg (Preußen)).

Geographische Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das heutige Schilino liegt 15 Kilometer südlich der Kreisstadt Neman (Ragnit) und ist Bahnstation an der derzeit nicht betriebenen Bahnstrecke Tschernjachowsk–Sowetsk (Insterburg–Tilsit). Das Dorf ist Kreuzungspunkt fünf verschiedener Straßen, die es direkt mit Neman (Ragnit), Lunino (Lengwethen, 1938 bis 1946 Hohensalzburg), Nowokolchosnoje (Sandlauken, 1938 bis 1946 Sandfelde), Obrutschewo (Groß Wingsnupönen, 1938 bis 1946 Großwingen), Bolschakowo (Groß Skaisgirren, 1938 bis 1946 Kreuzingen) und Uljanowo (Kraupischken, 1938 bis 1946 Breitenstein) verbinden.

Die Kirchenruine steht innerorts nördlich der Straße 27K-186 nach Luinino.

Kirchengebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine erste Kirche wurde in Szillen zur Gründung des Kirchspiels im Jahre 1629 errichtet.[1][2] Bei ihr handelte es sich um einen Bau aus Fachwerk, der jedoch 1698 zusammenbrach.

Im Jahre 1701 wurde eine neue Kirche gebaut,[3] aus Feldsteinen und Ziegeln mit einem 44 Meter hohen Turm. Das Gotteshaus hatte einen polygonalen Chorabschluss. Zur Einweihung erschien auch der soeben in Königsberg gekrönte preußische König Friedrich I. Davon berichtete eine Inschrift[2] an der Kirche:

„Gott erhalt den ersten König und dies neue Gottes Haus.
Bring er bis zum letzten Tage uns nur Gnad und Segen aus.
Preußens König Friedrich I. hat dies Gotteshaus gebauet.
Dieses ist sein erstes Haus, als man ihn den Ersten schauet.“

Diese Kirche allerdings wurde 1818 durch einen Orkan bis auf den Altarraum zerstört. Ein Jahr später hatte man das Kirchenschiff bereits wieder aufgebaut, der Turm wurde 1827 vollendet.

Die Decke des Innenraumes der Kirche war in der Mitte gewölbt, an den Seiten über den Emporen war sie flach. Altar und Kanzel stammten aus der Zeit um 1720 und wurden 1820 zum Kanzelaltar vereinigt. Beide waren reich verziert. Aus dem gleichen Jahr und der gleichen Schule stammte der Beichtstuhl. Im Jahre 1832 erhielt die Kirche eine Orgel, die 1910 grundlegend erneuert wurde. Das Geläut bestand aus zwei Glocken.

Die Weltkriege überstand die Kirche unversehrt.[2] Nach 1945 jedoch diente sie als Lagerhalle für Getreide. Den Turmhelm trug man 1965 ab. Aufgrund mangelnder Gebäudepflege setzte ein starker Verfall ein, so dass man das einstige Gotteshaus 1983 bereits nicht mehr als Getreidespeicher nutzen konnte. In demselben Jahr noch brannte das Gebäude aus und das Dach stürzte ein. Heute steht nur noch eine Ruine mit Mauerteilen vom Turm, Schiff und Chor.[4]

Kirchengemeinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kirchspiel Szillen wurde im Jahre 1629 gegründet[5] und war nach Tilsit und Kraupischken (1938 bis 1946 Breitenstein genannt) das drittälteste Kirchspiel im bis 1945 bestehenden Kirchenkreis Tilsit-Ragnit. Dieser war Teil der Kirchenprovinz Ostpreußen der Kirche der Altpreußischen Union. Eigene Pfarrer amtierten an der Kirche Szillen von Anfang an. Das Kirchenpatronat war königlich bzw. staatlich. Im Jahre 1925 gehörten 7.500 Gemeindeglieder zur Pfarrei, die in über 50 Orten, Ortschaften und Wohnplätzen lebten.

Aufgrund von Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung sowie der restriktiven Kirchenpolitik der Sowjetunion kam das kirchliche Leben nach 1945 in Schilino zum Erliegen.

Heute liegt der Ort im weitflächigen Einzugsbereich der neu entstandenen evangelisch-lutherischen Gemeinde in Sabrodino (Lesgewangminnen, 1938 bis 1946 Lesgewangen) in der Propstei Kaliningrad[6] (Königsberg) der Evangelisch-lutherischen Kirche Europäisches Russland.

Kirchspielorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In das Kirchspiel Szillen waren – neben dem Pfarrort – noch 54 Dörfer und kleinere Ortschaften eingepfarrt:[5][7]

Name Änderungsname
1938 bis 1946
Russischer Name Name Änderungsname
1938 bis 1946
Russischer Name
*Anstippem Ansten *Nurnischken Dreisiedel Pokrowskoje
Aschmoweitkuhnen ab 1933:
Achtfelde
*Ostwethen Ostfelde
Babillen Billen Bobry Paballen Werfen Wischnjowoje
Bebruwethen Bebern Padaggen Brandenhof Lasarewo,
dann: Bobry
Blindupönen Weidenfließ Pakullen Fuchshausen
Boyken Boizowo,
dann: Pokrowskoje
Papuschienen Buschdorf
Bruiszen,
1936–1938: Bruischen
Lindenbruch Puschkino Petratschen Petersmoor Tuschinskoje
*Czibirben Birben Puschkino Poszunen,
1936–1938: Podschuhnen
Eichenheim
Dejehnen Dehnen Wischnjowoje Popelken Bruchfelde Prudowka
Duden Krutschinino Rablauken Rabenhof
Falkenstein, Forst Rethenay Rethen
Gaidszen,
1936–1938: Gaidschen
Drosselbruch Watutino *Ruddecken Rudakowo
Gerlauken *Sackeln
Grüneberg, Forst *Schleckaiten Schlecken Torfjanowka
Gurbischken Nettelhorst Gorbunowo Schunwillen Argenau Jurjewo,
dann: Fadejewo
Hirschberg, Forst Schwirblienen Mühlenhöh Bobry
Ilauszen,
1936–1938: Ihlauschen
Hochmooren *Skrebudicken Finkental Minino
Jägerkrug Markowskoje Sommerau Sagorskoje
Jodszehmen Schwarzerd Polewoje Thorunen
Jurken Schubino Usseinen Larischhofen
Kartzauningken Fichtenwalde Roschtschino Uszberszen,
1936–1938: Uschberschen
Birkenweide Fjodorowo
Kindschen *Uszelxnen
1936–1938: Uschelxnen
Erlenbruch Wischnjowoje
Krebschen Eichbaum Pokrowskoje *Uszlauszen Eichenhorst
Kropien,
ab 1928:
Usseinen
Larischhofen Wilkawischken Wildhegen Kowaljowo
Lepalothen Siebenkirchberg Ochotnitschje Wilkerischken Wilkenau
Maßwillen Aksakowo Wingeruppen Bruchhof Wolkolamskoje
*Norwilkischken Argenflur Stanowoje Wittgirren-Stannen Stannen Schustowo

Pfarrer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwischen 1629 und 1945 amtierten an der Kirche Szillen zwanzig Geistliche als evangelische Pfarrer:[8]

  • Peter Kurzau
  • Erhard Waldeck, 1643–1646
  • Friedrich Prätorius d. Ä., 1646–1785
  • Friedrich Prätorius d. J., 1673–1710
  • Gabriel Engel, 1711–1731
  • Georg Christoph Liebe, 1732–1764
  • Johann Ernst Fiedler, 1762–1777
  • Bernhard Gottlieb Kalau, 1778–1788
  • Justin Ludolph Backhusius, 1789–1807
  • Friedrich Wilhelm F. Mielcke, 1807–1845
  • Hermann Julius Albert Herford, 1845–1878
  • Johann Heinrich August Herford, 1878–1883
  • Anton Gustav Laudien, 1883–1893
  • August Eduard Sinnhuber, 1893
  • Richard Otto Rudolf Werner, 1893–1906
  • August W. Hermann Hartung, 1906–1935
  • Paul Benrdien, 1925
  • Bruno Jordahn, 1936–1945
  • Gerhard Boehm, 1937
  • Gerhard Plunder, 1941–1942

Kirchenbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den Kirchenbüchern der Pfarrei Szillen haben sich erhalten[9] und werden im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin-Kreuzberg aufbewahrt:

  • Taufen: 1687 bis 1707 sowie 1751 bis 1805
  • Trauungen: 1752 bis 1793
  • Begräbnisse: 1794 bis 1819.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Daniel Heinrich Arnoldt: Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandnen Predigern. Königsberg 1777, S. 133–134.
  • Kühnast: Nachrichten über Grundbesitz, Viehstand, Bevölkerung und öffentliche Abgaben der Ortschaften in Littauen nach amtlichen Quellen. Band 2, Gumbinnen 1863, S. 419–437.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Daniel Heinrich Arnoldt: Kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandnen Predigern. Königsberg 1777, S. 133–134.
  2. a b c Schilino – Szillen/Schillen bei ostpreussen.net
  3. Walther Hubatsch, Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen, Göttingen, 1968, S. 112, Abb. 495/500.
  4. Кирха Жиллена – Die Kirche Szillen bei prussia39.ru (mit Fotos der Kirchenruine aus den Jahren 2012)
  5. a b Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens, Band 3: Dokumente, Göttingen, 1968, S. 488.
  6. Evangelisch-lutherische Propstei Kaliningrad
  7. Der * kennzeichnet einen Schulort.
  8. Friedwald Moeller: Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945, Hamburg, 1968, Seite 131.
  9. Christa Stache: Verzeichnis der Kirchenbücher im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin, Teil I: Die östlichen Kirchenprovinzen der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, Berlin, 1992³, S. 110.