Kirchmöser

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Kirchmöser Wappen.jpg
Verwaltungsgebäude der ehemaligen Pulverfabrik

Kirchmöser ist ein Stadt- und Ortsteil im Westen der Stadt Brandenburg an der Havel. Sein Industriegebiet spiegelt die deutsche Geschichte der letzten 100 Jahre wider.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kern des Ortsteils liegt auf einer Halbinsel in den Havelseen im Westen der Stadt Brandenburg und ist gegliedert in die Bereiche Kirchmöser West, Kirchmöser Ost und Kirchmöser Dorf, dem historischen Ortskern. Außerdem gehören die Siedlungen Bergenhof und Gränert zum Ortsteil. Ein Kranz von Seen umgibt den Ort: Wusterwitzer See, Wendsee, Plauer See und Möserscher See. Auf der Halbinsel selbst nimmt der Heilige See eine beachtliche Fläche ein. Die eiszeitlich gebildete Hochfläche der Karower Platte reicht an Kirchmöser Dorf heran. Zu dieser gehört der Kirchmöseraner Mühlenberg.

Der Ortsteil Kirchmöser hat 2008 insgesamt rund 4.150 Einwohner. Ein großer Teil des Ortes ist Industrie- und Gewerbefläche. Im Zuge des Niedergangs nach 1990 verlor dieser Standort massiv an wirtschaftlicher Substanz. Er wird derzeit schrittweise wieder aktiviert.

Einwohnerzahlen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jahr Einwohner
1842 232
1900 286
1916 600
1933 4.593
1939 5.314
1946 6.826
1952 5.402
2006 4.300
2008 4.156
2014 3.930

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bis 1914 war Kirchmöser, das bis dahin noch Möser hieß, ein kleines und abgelegenes Bauerndorf im Jerichower Land. Dann entwickelte es sich – der Krieg war Motor der Entwicklung – schnell zu einem Industrierevier mit wechselvoller Geschichte.

Dorfkirche

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Möser ist slawischer Herkunft und bedeutet Moor. 1358 wird der Ort als Moser erwähnt.[1] Möglicherweise ist er verwandt mit Masuren. [2] Den Zusatz Kirch erhielt der Ort erst nach Fertigstellung des Bahnhofs im März 1916. Damit sollten Verwechslungen zum Ort Möser in Sachsen-Anhalt vermieden werden,[1] der ebenso wie Kirchmöser an der Bahnstrecke Berlin–Magdeburg liegt.

Das Bauerndorf Möser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erzbischof Albrecht III. von Magdeburg verkaufte das Rittergut Gränert und das Dorf Möser, das an der heutigen Gränertstraße lag, an das Brandenburger Domkapitel. Die Urkunde hierzu vom 25. September 1387 ist die erste Erwähnung von Möser. 1446 verkaufte ein Herr von Werder Möser und Gränert an das Kloster Lehnin. 1542, nach Auflösung des Klosters, wurde der Kurfürst Besitzer von Dorf und Gut Gränert. Dieser verkaufte es 1560 an den kurfürstlichen Kämmerer Matthias von Saldern. 1577 wurden die Herrn auf Plaue, die der Familie von Arnim angehörten, Besitzer des Dorfes.

Das Dorf gehörte weiter zum Besitz von Plaue (Havel), das 1620 Eigentum der Familie von Goerne war. Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Dorf schwer zerstört.

1680 erhielt Adam von Goerne das Dorf von seinem Vater Christoph von Goerne. Östlich der Kirche von Möser baute sich Adam von Goerne seinen Herrensitz.

1819 verkaufte die Familie von Goerne das Dorf für 42.000 Reichstaler an 18 ansässige Bauern, die eine Gemeinde bildeten und einen Gemeindevorsteher bestellten.

Am 15. September 1832 vernichtete ein Großfeuer einen erheblichen Teil des Dorfes.

Seit dem 12. Juli 1847 fährt eine Eisenbahn durch Möser. Aber erst am 1. Mai 1905 wurde in der Nähe des Dorfes der Haltepunkt Gränert eingerichtet.

Die Pulverfabrik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 2. November 1914 fiel der Beschluss, zwischen dem Dorf Möser und der Stadt Plaue auf der abgelegenen Halbinsel eine Pulverfabrik zu errichten. Das Gelände wurde abgesteckt, und am 9. November 1914 wurde der Grundstücksübergang, insgesamt 550 Hektar, im Katasteramt Genthin besiegelt.

Der Wasserturm, 65 m hoch

Die Königlich-Preußische Pulverfabrik bei Plaue Havel entstand in einem besonderen Bautempo. 400 Fabrikbauten und 172 Wohnungen wurden in etwa einem Jahr aus dem Boden gestampft. 1916 wurde der Wasserturm, 65 Meter hoch und bis heute Wahrzeichen Kirchmösers, fertig. 4000 Arbeiter und Beamte sowie zusätzlich 2000 Kriegsgefangene arbeiteten in der Fabrik.

Bahnhofsgebäude

1916 wurde auch der noch heute bestehende Bahnhof eingeweiht.Dabei erhielt das Haveldorf bei Plaue nun den Namen Kirchmöser im Unterschied zu Möser an derselben Strecke.

1918 wurde die Pulverproduktion eingestellt. Auf der Halbinsel Wusterau wurden die Sprengstoffvorräte der preußischen Pulverfabriken vernichtet.

Das erste Beamtenwohnhaus in Kirchmöser-West von 1916
Hochbunker der Bauart Winkel

Die Reichsbahnzeit ab 1919[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Pulverfabrik Plaue wurde 1919 der Reichseisenbahnverwaltung übertragen und firmierte nun unter Eisenbahnwerk Brandenburg-West. Es wurde ein Werk für die Instandhaltung von Lokomotiven eingerichtet, das 1924 den Betrieb aufnahm. Darüber hinaus entstanden ein Instandhaltungswerk, eine Weichenwerkstatt, eine Chemische Versuchsanstalt und weitere Werkstätten auf dem weitläufigen Gelände.

Die kleine Dorfkirche im Ortsteil Mahlenzien im April 2010
Rathaus

Am 1. November 1924 wurde das neue Rathaus in der Nähe des Bahnhofs eingeweiht.

Ab 1926 hieß die Anlage Reichsbahnausbesserungswerk Brandenburg-West. 2.500 Mitarbeiter wurden hier beschäftigt. Lokomotiven und Waggons wurden hier nach modernsten Methoden, teilweise am Fließband, gewartet und instand gesetzt. Kirchmöser wurde selbstständiger Amtsbezirk.

In den 1920er Jahren ließ die Reichsbahn viele Wohnungen in einem zeittypischen Eisenbahnstil als Gartenstadt in Kirchmöser-West und -Ost errichten.

Kirchmöser im Dritten Reich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ort wurde trotz der gewaltigen Eisenbahnanlagen zu einem Naherholungsort. 1942 kam es zu wesentlichen Änderungen. Das Lokwerk wurde komplett demontiert und auf 276 Waggons Richtung Ukraine abtransportiert. Dort wurde es allerdings nie wieder aufgebaut. Die Brandenburger Eisenwerke GmbH übernahmen die verbliebenen Anlagen. Kriegsgefangene und Fremdarbeiter wurden hier zur Produktion von Panzerteilen und Panzern eingesetzt.

Nachkriegszeit und DDR[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fertigungsanlagen des Panzerwerkes wurden sofort nach Kriegsende demontiert und in die UdSSR verbracht. Die sowjetische Besatzungsmacht richtete auf dem Gelände nun ein Panzerreparaturwerk ein.

Parallel dazu nahm die Reichsbahn in den Resten des ehemaligen Werkes die Arbeit wieder auf. Seit 1946 erreichte die Produktion im RAW Brandenburg-West wieder ein normales Niveau.

In der Halle des Panzerwerkes der Sowjetarmee wurde das Walzwerk Willi Becker eingerichtet, das 1954 Teil des Stahl- und Walzwerks Brandenburg wurde.

1949 wurde Kirchmöser, bisher zum Landkreis Jerichow II gehörig, dem Landkreis Westhavelland und damit dem Land Brandenburg zugeordnet. Seit 1952 ist Kirchmöser ein Ortsteil der kreisfreien Stadt Brandenburg an der Havel.

1952 begann das Weichenwerk Kirchmöser mit der Herstellung von Weichen für Bahnen in aller Welt.

1957 wurde das ehemalige Verwaltungsgebäude der Pulverfabrik zu einer Klinik umgebaut. Die Augenklinik und die Orthopädie der Städtischen Klinik Brandenburg an der Havel waren bis 2003 hier ansässig.

Seit 1965 hieß das RAW Werk für Gleisbaumechanik Brandenburg-Kirchmöser. Sämtliche Gleisbaumaschinen und Krane der Reichsbahn wurden hier gewartet.

Neustart 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Recht schnell nach der Wende löste die Rote Armee das Panzerreparaturwerk auf. Die Deutsche Bahn organisierte viele Dinge neu und privatisierte in den Folgejahren das Werk für Gleisbaumechanik (wurde von Spezialtechnik Dresden übernommen) und das Weichenwerk (wurde von Butzbach übernommen). 1992 wurde das Walzwerk abgewickelt. In der Halle des Lok- bzw. Panzerwerks ist nun eine Feuerverzinkerei und eine Leitplankenproduktion angesiedelt.

Zum 1. Januar 2003 übernahm die Stadt Brandenburg an der Havel einen Großteil des Geländes, insgesamt rund 400 Hektar, mit dem Ziel der Revitalisierung des Industriestandortes. Zudem erfolgte im Jahre 2003/2004 die Übernahme von rund 10 Hektar ehemaliger NVA-Fläche durch die Stadt. Seitdem wird aufgeräumt, nicht mehr brauchbare Bauten werden abgerissen und neue Verkehrswege entstehen. Eine Mammutaufgabe ist die Beseitigung von Altlasten. Rund 285.000 Tonnen belastetes Erdreich sind zu beseitigen. Die noch in großer Anzahl vorhandenen brauchbaren Bauten werden renoviert und neuen Nutzungen zugeführt.

Die Anbindung an die Eisenbahnstrecke Magdeburg-Berlin macht den Standort besonders attraktiv für Produzenten von Eisenbahnmaterial. Einrichtungen der Deutschen Bahn, das Weichenwerk und die Gleisbaumechanik sind Kristallisationskerne für diesen Wirtschaftszweig.

Seegartenbrücke Kirchmöser - Plaue

2006 wurde die neue Zweigwerk zwischen Kirchmöser und Plaue eingeweiht.

Eingemeindung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchmöser wurde am 25. Juli 1952 nach Brandenburg an der Havel eingemeindet.[3]

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wasser[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchmöser liegt am Havelknick westlich Brandenburgs an der Havel direkt an einer Europäischen Wasserstraße Elbe-Havel-Kanal. Ein kleiner Hafen ermöglicht den Güterumschlag auf Binnenschiffe. An der langen Uferlinie Kirchmösers befinden sich mehrere Häfen für Sportboote und Badestellen.

Eisenbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Kirchmöser-Dorf befindet sich der Bahnhof Kirchmöser an der Bahnstrecke Berlin–Magdeburg. Stündlich fahren Regionalexpresszüge in Richtung Berlin und Magdeburg.

Das Industriegelände ist immer noch mit einem dichten Netz von Anschlussgleisen versehen.

Straße[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schwachpunkt des Standortes Kirchmöser ist die Straßenanbindung. Im Norden führt eine Straße über die Seegartenbrücke zur Bundesstraße 1. Weniger gut ausgebaut ist die Verbindung nach Süden zur Bundesautobahn 2. Bis zu den Anschlussstellen Wollin oder Ziesar sind es etwa 13 bzw. 20 Kilometer.

ÖPNV[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Buslinie verbindet den Bahnhof Kirchmöser mit dem Stadtgebiet von Brandenburg an der Havel. Die Straßenbahnlinie von Brandenburg-Hauptbahnhof nach Kirchmöser-West wurde im September 2002 eingestellt.

Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Industriegelände wird die Infrastruktur hinsichtlich der Anforderungen der Zukunft massiv ausgebaut, und Neuansiedlungen von Unternehmen werden seit 2006 häufiger gemeldet.

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kirchmöser ist einer der drei Hauptstandorte der DB Systemtechnik der Deutschen Bahn AG mit über 100 Mitarbeitern. Hier konzentrieren sich Wissenschaft und Ingenieur-Know-How auf den Gebieten der Materialprüfung, des Brandschutzes, der zerstörungsfreien Prüfung, der Erstellung von Instandhaltungshandbüchern und der Gestaltung und Optimierung von Instandhaltungsprozessen.
  • Ein weiterer Betrieb der Deutschen Bahn AG ist das Bahn-Umweltzentrum.

Traditionsbetriebe, wie

haben sich mit vielen Schwierigkeiten in die Marktwirtschaft retten können und sind inzwischen wieder anerkannte Unternehmen auf ihren Gebieten.

Neu entstanden sind:

  • Feuerverzinkerei
  • Leitplankenfabrik
  • Bahnstromkraftwerk von Uniper

und weitere.

Als ehemaliger Standort einer Pulverfabrik und historischer Bahn-Standort finden sich hervorragende städtebauliche Grundstrukturen aus der Entstehungszeit in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Fremdenverkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die räumliche Abgeschiedenheit der Halbinsellage beschert Kirchmöser einen besonderen Charakter. Der Ort liegt inmitten von 190 Hektar Naturschutzgebiet. 18 Kilometer geschützte Uferlinien mit Sportbootanlagen und Badestellen ziehen wieder Erholungssuchende an. Industrie und Natur existieren hier ohne Konflikte.

Ein Industrielehrpfad führt zu den bedeutendsten Bauten im Industriegebiet. Der Wasserturm kann nach Voranmeldung bestiegen werden und erlaubt einen weiten Blick über die Landschaft im Westen Brandenburgs. Ein Modell und eine Ausstellung im Torhaus des Nordtores informieren über Geschichte und Gegenwart.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Breckow: Vom Bauerndorf zur Industriegemeinde – Eine Chronik von Kirchmöser. Erster Teil. Von den Anfängen bis 1. Weltkrieg. Hrsg. Helmut Borstel. Brandenburg (Havel) 2007.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Reinhard E. Fischer, Die Ortsnamen der Länder Brandenburg und Berlin. Alter – Herkunft – Bedeutung. be.bra wissenschaft verlag, ISBN 978-3-937233-30-7, S. 118.
  2. Orts-, Gewässer- und Flurnamen des Wendlandes und der Altmark (Punkt 6) Forschungsbeitrag von Prof. Jürgen Udolph. Abgerufen am 8. März 2016.
  3. Gemeinden 1994 und ihre Veränderungen seit 01.01.1948 in den neuen Ländern, Verlag Metzler-Poeschel, Stuttgart, 1995, ISBN 3-8246-0321-7, Herausgeber: Statistisches Bundesamt

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Autorenkollektiv: 90 Jahre Stahl aus Brandenburg - Zeitzeugen berichten, Westkreuz-Verlag Berlin/Bonn 2005, ISBN 3-929592-80-0
  • Ausstellung im Nordtor des Geländes

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Koordinaten: 52° 22′ N, 12° 25′ O