Kirchveischede

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Koordinaten: 51° 5′ 27″ N, 7° 59′ 58″ O

Kirchveischede
Wappen von Kirchveischede
Höhe: 330 m ü. NHN
Fläche: 31,04 km²
Einwohner: 900 (30. Jun. 2016)
Bevölkerungsdichte: 29 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. Juli 1969
Postleitzahl: 57368
Vorwahl: 02721
Kirchveischede (Lennestadt)
Kirchveischede

Lage von Kirchveischede in Lennestadt

Die Pfarrkirche St. Servatius am Fluss Veischede
Die Pfarrkirche St. Servatius am Fluss Veischede
Luftbild von Kirchveischede

Kirchveischede ist eine Ortschaft im Sauerland mit etwa 1000 Einwohnern, eingemeindet in die Stadt Lennestadt im Kreis Olpe. Der Ort liegt an der B55 im Tal der Veischede, einem Nebenfluss der Lenne.

Etwa 1,5 Kilometer südwestlich der Ortschaft liegt die Wallanlage Hofkühl, die vermutlich in der Eisenzeit entstand. Auf dem gegenüberliegenden Bergrücken findet sich die Wallburg Jäckelchen, eine nachkarolingisch-ottonische Burg, die zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert entstand.

Ortsentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstmals erwähnt wurde der Ort im Jahre 1045 in einer Urkunde, die bezeugt, dass der Abtei Deutz ein Gut in dem Dorf „Viesche“ überlassen wird. Die Historiker sind sich einig, dass dieses Dorf „Viesche“ das heutige Kirchveischede bezeichnet.[1] Der Ortsname Kirchveische – statt „Viesche“ oder auch „Veische“ – ist erstmals 1519 nachweisbar.[2]

Der Ortsname beruht auf dem Gewässernamen Veischede. Eine Bezugnahme u.a. auf das niederdeutsche „Fiseln“ (dünn regnen) bzw. das altnordische „Fisa“ (fächeln, sich hin und her bewegen) und die hieraus abgeleitete Bezeichnung für „sickernder oder auch sich hin und her bewegender Bach“ ist problematisch. Flöer kommt in einer neueren Untersuchung zu dem Schluss, dass die bisher vorgeschlagenen Deutungsmöglichkeiten „keinen gangbaren Weg“ bieten und dass eine andere Erklärung des Gewässernamens bisher nicht gelingt. [3]

Mit der Eroberung der Burg Bilstein durch Erzbischof Dietrich von Moers im Jahr 1445 wurde Kirchveischede mit dem Amt Bilstein in das Herzogtum Westfalen eingegliedert und gehörte damit zum Kurfürstentum Köln. Eine frühe und ziemlich vollständige Übersicht über die in Kirchveischede lebenden Familien liefert eine Erhebungsliste des Herzogtums Westfalen aus dem Jahr 1536 zur Finanzierung der Türkenkriege. Demnach gab es zu dieser Zeit 18 Haushaltsvorstände, deren Zahl in etwa der damaligen Anzahl der Häuser entsprochen haben dürfte.[4]

Noch im 17. und 18. Jahrhundert lebten die meisten Familien in Kirchveische von der Landwirtschaft. In den meisten Fällen waren die Bauern Pächter oder Lehnsträger von Gütern, an denen seit 1445 die Kölner Kurfürsten und Erzbischöfe oder die Kirchveischeder Kirche das Eigentum hatten.[5]

Die Bevölkerungszunahme im 18. Jahrhundert führte zu einer wachsenden Zahl von Menschen, die außerhalb der Landwirtschaft ihren Unterhalt bestreiten musste. Nach einem Steuerregister von 1775 lebten in Kirchveische auf 16 Höfen insgesamt 32 Beilieger, die kein Wohneigentum besaßen. Sie wohnten in den Häusern der Eingesessenen oder in Nebengebäuden und bestritten ihren Lebensunterhalt als Handwerker oder Tagelöhner.[6]

In der Ortsmitte befindet sich die Pfarrkirche St. Servatius. In der Nähe der Kirche gruppieren sich historische Fachwerkhäuser. Elf Gebäude stehen derzeit unter Denkmalschutz: Haus Hardenacke (Röthe 1), Haus Drüeke (Röthe 4), Haus Sondermann (Röthe 6), Haus Hein (Westfälische Straße 50), Pfarrkirche St. Servatius, Pfarrhaus am Kellenberg 1, Haus Nolting (Westfälische Str. 41), Haus Schlüngermann (Westfälische Straße 43), Haus Epe (Zum Kellenberg 2), Haus Nolting (Westfälische Straße 48) und Haus Drüeke (Am Radenberg 1).

Die Fachwerkhäuser wurden überwiegend in den Jahren 1784 bis 1790, vermutlich im Rahmen von Neubaumaßnahmen nach einem großen Brand, errichtet. Wenngleich die Häuser individuelle Besonderheiten aufweisen, entspricht der Grundtypus der Häuser dem eines niederdeutschen Hallenhauses. Funktional erfüllt das Hallenhaus drei Aufgaben: Es dient gleichzeitig der Behausung der Menschen, der Aufstellung des Viehs und der Speicherung der Ernte.[7]

Mit der Säkularisation im Jahre 1802 endete die kurkölnische Periode. In der folgenden politisch wechselvollen Zeit wurden das Herzogtum Westfalen und somit auch Kirchveischede zunächst dem Großherzogtum Hessen-Darmstadt zugeschlagen und dann ab 1816 von Preußen übernommen. Kirchveischede gehörte fortan zum Regierungsbezirk Arnsberg und damit zur Provinz Westfalen.

In dem Zeitraum 1775 bis 1818 wuchs die Bevölkerungszahl von Kirchveische um ca. 25 % auf 246. Dies führte in Verbindung mit dem Ausbleiben einer nachhaltigen Verbesserung der Wirtschaftsstruktur in der Zeit von 1836 bis 1882 zu zahlreichen Auswanderungen. Die Situation verbesserte sich erst, als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für einen längeren Zeitraum die Tabak- und Zigarrenindustrie im Nachbarort Bilstein und Kirchveischede entwickeln konnte.[6]

Von 1904 bis 1916 hatte der Ort mit der Veischedetalbahn, einem Oberleitungsbus-Betrieb, Anschluss an die Ruhr-Sieg-Strecke im Bahnhof Grevenbrück. Bedingt durch die Kriegswirren und Materialmangel musste der Betrieb 1916 eingestellt werden; die Bahn wurde später durch den Kraftpostbetrieb ersetzt.[8]

Am 1. Juli 1969 wurde Kirchveischede in die neue Stadt Lennestadt eingegliedert.[9]

Die waldreiche Umgebung mit vielen Wanderwegen, die Schönheit des Ortes mit den markanten Fachwerkhäusern, der in der Nähe gelegene Aussichtsturm Hohe Bracht, Burg Bilstein, die Attahöhle im nahen Attendorn sowie der Biggesee verleihen dem Ort einen hohen Freizeitwert mit Beschäftigungsmöglichkeiten im Gaststätten- und Übernachtungsgewerbe. Daneben bestehen auch Arbeitsmöglichkeiten in nahe liegenden Orten mit Gewerbe insbesondere in der Eisen- und Metallverarbeitung.

Kirchveischede ist mehrfach zum schönsten Dorf im Sauerland gewählt worden und darf den Titel Golddorf tragen.

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchveischede ist der Geburtsort des Fußballtrainers Helmut Schulte.

Literatur und Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Historische Fachwerkhäuser in Lennestadt-Kirchveischede, herausgegeben vom Heimat- und Verkehrsverein Kirchveischede e.V., Juli 2004.
  • Unser Dorf Kirchveischede, M. Heer, N. Klein, A. Schlüngermann, G. Schnütgen, H-P. Schröder, H. Steinberg, G. Becker, 1984.
  • Soldatenschicksale aus Kirchveischede Autoren, H. Steinberg, U. Rauchheld, A. Schlüngermann

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Kirchveischede – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Günther Becker, Lennestadt – Kirchveischede – aus der Geschichte eines sauerländischen Kirchdorfs, Hrsg. vom St. Hubertus Schützenverein e.V. Kirchveischede, Lennestadt 1976, S. 12f.
  2. Günther Becker, Lennestadt – Kirchveischede – aus der Geschichte eines sauerländischen Kirchdorfs, Hrsg. vom St. Hubertus Schützenverein e.V. Kirchveischede, Lennestadt 1976, S. 15.
  3. Michael Flöer: Die Ortsnamen des Kreises Olpe. Westfälisches Ortsnamenbuch (WOB), Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2014, S. 240–243.
  4. Günther Becker, Lennestadt – Kirchveischede – aus der Geschichte eines sauerländischen Kirchdorfs, Hrsg. vom St. Hubertus Schützenverein e.V. Kirchveischede, Lennestadt 1976, S. 30.
  5. Günther Becker, Lennestadt – Kirchveischede – aus der Geschichte eines sauerländischen Kirchdorfs, Hrsg. vom St. Hubertus Schützenverein e.V. Kirchveischede, Lennestadt 1976, S. 41.
  6. a b Günther Becker, Lennestadt – Kirchveischede – aus der Geschichte eines sauerländischen Kirchdorfs, Hrsg. vom St. Hubertus Schützenverein e.V. Kirchveischede, Lennestadt 1976, S. 55.
  7. Marlies Heer, Norbert Klein, Alfons Schlüngermann, Gregor Schnütgen, Hans Peter Schröder, Helga Steinberg, Günther Becker: Unser Dorf Kirchveischede - von seinen Häusern und seinen Menschen, Hrsg. vom St. Hubertus Schützenverein Kirchveischede e. V., Lennestadt–Kirchveischede 1984, S. 15 ff.
  8. Ludger Kenning und Jürgen Lehmann, Obusse in Deutschland, Band 2, Nordhorn 2011, S. 219 – 225.
  9. Martin Bünermann: Die Gemeinden des ersten Neugliederungsprogramms in Nordrhein-Westfalen. Deutscher Gemeindeverlag, Köln 1970, S. 90.