Kissinger Diktat

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Erste Seite des Kissinger Diktates in der Handschrift Herbert von Bismarcks

Das Kissinger Diktat bezeichnet ein von Otto von Bismarck am 15. Juni 1877 in Bad Kissingen diktiertes diplomatisches Aktenstück, das wichtige Grundzüge seiner außenpolitischen Konzeption enthielt.

Bismarck fürchtete Koalitionen der anderen europäischen Mächte gegen das neu entstandene Deutsche Reich von 1871 ("Albtraum von Koalitionen" oder französisch "cauchemar des coalitions") mit seiner verwundbaren geographischen Position in der Mitte Europas. Dabei ging er von einer prinzipiellen Gegnerschaft Frankreichs aus, da die Vereinigung Deutschlands im Jahre 1870/71 in einem Krieg gegen Frankreich erreicht wurde. Frankreich hatte am Ende das Elsaß und einen Teil von Lothringen verloren und Bismarck fürchtete daher eine französische Revanche. Im Kissinger Diktat, das Otto von Bismarck am 15. Juni 1877 in Bad Kissingen seinem Sohn Herbert im Zusammenhang mit der Balkankrise (1875-78) diktierte, entwarf er das Idealbild „nicht … irgendeines Ländererwerbs, sondern das einer politischen Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unser bedürfen, und von Koalitionen gegen uns durch ihre Beziehungen zueinander nach Möglichkeit abgehalten werden“[1].

Das Dokument beschreibt eine defensive Politik, um einen Krieg in Mitteleuropa zu vermeiden und so die Position Deutschlands zu sichern. Um Bündnisse gegen Deutschland zu verhindern, wollte Bismarck die Interessenkonflikte zwischen den anderen europäischen Mächten an der Peripherie oder außerhalb Europas nutzen. Eine Unterstützung oder zumindest neutrale Stellung Deutschlands in diesen Konflikten sollte für die anderen Großmächte notwendig sein.

Das Kissinger Diktat konzipierte das im Bündnissystem Bismarcks verwirklichte Programm seiner Diplomatie, die aus einer gewissen realistischen Einsicht in das internationale Kräfteverhältnis um die Sicherung der außenpolitischen Stellung des preußisch-deutschen Reiches bemüht war, dazu aber – um die Interessengegensätze der europäischen Mächte zum Gewinn deutscher Bündnispartner ausnutzen zu können – kein internationales Problem wirklich lösen wollte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Rainer F. Schmidt: Die Balkankrise von 1875 bis 1878 – Strategien der großen Mächte. In: Historische Mitteilungen. Im Auftrage der Ranke-Gesellschaft. Band 58, 2004, ISSN 0936-5796, S. 36–96.
  • Egmont Zechlin: Die Reichsgründung, 3. Auflage, Ullstein Verlag, Frankfurt - Berlin - Wien 1978, ISBN 3-548-03840-9, Seiten 176–180.

Externe Links[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Text des „Kissinger Diktats“

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die Auswärtige Politik des Deutschen Reiches 1871–1914, hrsg. Institut für Auswärtige Politik in Hamburg, Bd. 1, Berlin 1928, S. 58f.