Klaus Kühlwein

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Klaus Kühlwein (* 29. April 1955 in Viernheim) ist ein deutscher katholischer Theologe und Buchautor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kühlwein studierte Sozialwissenschaft, Philosophie und Theologie in Kiel und Frankfurt am Main und legte 1986 in Freiburg die Zweite Kirchliche Dienstprüfung für das höhere Lehramt ab. 1991 promovierte er bei Rupert Lay und Johannes Beutler an der Jesuitenhochschule St. Georgen über die Bergpredigt. Er ist am Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg im Breisgau tätig. Kühlwein forscht schwerpunktmäßig über die Thematik „Katholische Kirche und Nationalsozialismus“. Er besitzt die Zugangserlaubnis zum Vatikanischen Geheimarchiv und zum Archiv der Glaubenskongregation. Kühlwein ist Mitglied der Görres-Gesellschaft.

Studien über Pius XII.[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum 50. Todestag von Papst Pius XII. brachte er die Studie: Warum der Papst schwieg (Düsseldorf 2008) heraus. In dieser Studie versucht er die These zu belegen, dass Pius XII. wegen einer fundamentalen ethischen Unsicherheit zum Holocaust geschwiegen habe, nicht wegen Antisemitismus oder Antijudaismus oder Sympathie mit Hitlers Kampf gegen den stalinistischen Bolschewismus oder wegen kircheneigener bzw. persönlicher Interessen.

In einer zweiten Studie zum 70. Jahrestag der Judenrazzia erneuerte und vertiefte Kühlwein seine Kritik. Papst Pius habe nicht einmal auf einen Hilferuf untergetauchter Juden reagiert, „obwohl er, wovon Kühlwein überzeugt ist, Gefangennahme und Deportation der Juden nach Auschwitz hätte verhindern können. Er habe sich aber zu sehr in diplomatische Vorsichten und Rücksichten verfangen, die ihn wie eine Zwangsjacke lähmten.“[1]. Nach Kühlwein wäre Pius’ „schützende Hand … sogar weniger problematisch und riskant gewesen als das folgende Kirchenasyl.“[2] Am Ende der Studie (in der 1. Auflage) veröffentlichte Kühlwein einen Offenen Brief an Papst Franziskus, in dem er diesen u. a. bittet, den „im Vatikan unterstützten Mythos über Pius XII. als Retter der Juden während der Razzia“ zu beenden. Dieser Mythos verdränge die Wahrheit und verhindere die aussöhnende Erinnerung.[3]

Aufgrund seiner Unsicherheit habe Pius XII. entscheidende und tragische Fehler gemacht. Das betrifft vor allem sein zauderndes Verhalten während der SS-Judenrazzia in Rom am 16. Okt. 1943 und das Zulassen der Deportation von über 1000 eingefangenen Juden nach Auschwitz am 18. Oktober.

Kühlwein zählt zu den wenigen zeitgenössischen Theologen und Historikern, die noch deutliche Kritik an Pius XII. formulieren.

In einer Erklärung kritisierte Kühlwein die Entscheidung Papst Benedikts XVI. (am 19. Dezember 2009), den „heroischen Tugendgrad“ bei seinem umstrittenen Vorgänger Pius XII. anzuerkennen. Das sei eine Festlegung auf die baldige Seligsprechung, die überstürzt und ohne Zeitnot vorgenommen wurde.[4]

Im Rahmen des Gedenkens zum 70. Jahrestag des Kriegsendes (2015) forderte Kühlwein öffentlich von Vatikan ein Schuldbekenntnis für die Diplomatie Pius XII. In Artikeln in der Frankfurter Rundschau und in der Jüdischen Allgemeinen[5] beklagte er die Weigerung des Vatikans, irgendwelche Fehler angesichts der NS-Judenvernichtung anzuerkennen. Kühlwein wirft Papst Pius vor, dass er die Gewissensfrage, die die Shoah ihm stellte, beiseitegeschoben habe. Anstatt sich prophetisch-mutig vor die Juden zu stellen, habe er eine zweckorientierte Diplomatie verfolgt mit dem Ziel, „Berlin nicht auf die Füße zu treten“.[6] Die Anerkennung schuldhaften Versagens mit der Bitte um Vergebung könnte die Tür zu einer echten Aussöhnung mit dem Judentum öffnen.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher

  • Die Liste Dannecker. Als der Holocaust zu Pius XII. kam. Epubli, Berlin 2014, ISBN 978-3-8442-8935-0 (gekürzte und bearbeitete Taschenbuch-Ausgabe der 2. Auflage der Studie: Pius XII. und die Judenrazzia in Rom. Berlin 2013).
  • Pius XII. und die Judenrazzia in Rom. Epubli, Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-6284-1 (2., aktualisierte und erweiterte Auflage: Epubli, Berlin 2013, ISBN 978-3-8442-7035-8).
  • Warum der Papst schwieg. Pius XII. und der Holocaust. Patmos, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-491-72527-0.
  • Schöpfung ohne Sinn? Gott und das Leid. Patmos, Düsseldorf 2003, ISBN 3-491-77053-X.
  • Chaosmeister Jesus. Die Bergpredigt. Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1999, ISBN 3-460-33161-5.
  • Familienbeziehung und Bergpredigt-Weisungen. Kommunikatives Handeln nach den Antithesen und ihre Bedeutung aus der Sicht des Heidelberger familiendynamischen Modells. Peter Lang, Frankfurt/Bern/New York/Paris 1991, ISBN 3-631-44199-1.

Artikel/Beiträge

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Josef Kirchengast: Ein Hilferuf, der ohne Antwort blieb, Der Standard, 14. Oktober 2013.
  2. Andrea M. Jarach: Und Pius blieb stumm. Vor 70 Jahren wurden mehr als 1000 Juden aus Rom nach Auschwitz deportiert, Jüdische Allgemeine, 17. Oktober 2013, Nr. 42.
  3. Ebd. und: Pius XII. und die Judenrazzia in Rom. S. 328 f. Der Offene Brief wird zur Behandlung im Religionsunterricht an Gymnasien angeraten (M. Torberg /Hrsg.: Leben gestalten, Lehrerband, Kath. Religionsunterricht an Gymnasien, Ausgabe S, Bd. 3, S. 55, Klett Verlag, Stuttgart 2014).
  4. Ein schwerer Fehler. Erklärung zur erwartenden Seligsprechung Pius XII. (Memento des Originals vom 2. Dezember 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.klaus-kuehlwein.de, 20. Dezember 2009 (PDF; 38 kB).
  5. Klaus Kühlwein: Ein Schuldbekenntnis ist überfällig, in: Frankfurter Rundschau, 15. April 2015, (Titel im Feuilleton der Printausgabe: Wo bleiben die Tränen? 15. April 2015, S. 31–32.); ders.: Der Vatikan schweigt auch 70 Jahre danach, in: Jüdische Allgemeine, 7. Mai 2015, Nr. 19, S. 2.
  6. Der Vatikan schweigt auch 70 Jahre danach, in: Jüdische Allgemeine, ebd.