Klaus Schmidt (Historiker)

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Klaus Schmidt (2011)

Klaus Schmidt (* 9. Dezember 1935 in Rheydt) ist ein deutscher protestantischer Theologe, Menschenrechtsaktivist, Historiker und Autor.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Familie und Ausbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schmidt wuchs in einer bürgerlichen Akademiker-Familie am Niederrhein auf, er überlebte den Bombenkrieg durch Evakuierung (Kinderlandverschickung) nach Schlesien, besuchte das humanistische Gymnasium in München-Gladbach und machte sein Abitur auf dem Jesuitenkolleg in Bad Godesberg. Er studierte an den Universitäten Bonn, Hamburg, Heidelberg und Göttingen. 1992 heirateten Schmidt und Ghita Gothóni, eine finnische Sängerin und Roman-Autorin[1].

Beruflicher Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1961/62 war Schmidt Stipendiat des Ökumenischen Rats der Kirchen in den USA. Dortige Studien, Praktika und ein Anti-Rassismus-Training unter Martin Luther King verarbeitete er in dem Buch Religion – Versklavung und Befreiung. Ab 1965 war er Berufsschulpfarrer in Köln.

Politisches Engagement[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schmidt engagierte sich in der außerparlamentarischen Opposition, unter anderem als Vorsitzender des „Republikanischen Clubs“ in Köln. In den 1970er Jahren solidarisierte sich der Studierendenpfarrer mit Teilen der Studentenbewegung und unterstützte den befreundeten pro-sandinistischen ASTA-Auslandsreferenten Enrique Schmidt-Cuadra, der später Kommunikationsminister in Nicaragua wurde und 1984 von Contras erschossen wurde.

Mit der Theologin Dorothee Sölle arbeitete Schmidt auch bei der engagierten Veranstaltungsreihe Politisches Nachtgebet, die von 1968 bis 1972 regelmäßig in der Antoniterkirche (Köln) stattfand, zusammen und gab mit ihr zwei Bücher zum Thema Christentum und Sozialismus heraus. Über Jahre gab es evangelikale und christdemokratische Versuche, bei der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland im Zuge der Berufsverbotskampagnen der 1970er Jahre eine Entlassung des "linksradikalen Pfarrers" aus dem kirchlichen Dienst zu erwirken; diese scheiterten.

Aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen trat er u. a. wegen des Einsatzes der Luftwaffe im Kosovo nach mehrjähriger Mitgliedschaft aus. Er nahm und nimmt an Aktionen des Kölner Rom e. V. zugunsten von inhuman untergebrachten Roma-Familien und an lokalen Friedensaktivitäten teil.

Als Menschenrechtsaktivist auf den Philippinen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1987/88 arbeitete Schmidt als theologischer Dozent und Menschenrechtsarbeiter auf den Philippinen. Im Auftrag des dortigen Protestantischen Kirchenrats beteiligte er sich an „fact finding missions“ zur Aufdeckung blutiger Übergriffe von Militär und Paramilitärs. Das Militär entführte ihn und unterstellte ihm die Beteiligung an Guerilla-Aktionen. Wochenlang intervenierten neben der Deutschen Botschaft die rheinische Kirchenleitung, Außenminister Hans-Dietrich Genscher und zahlreiche politische und kulturelle Prominenz, darunter Schmidts Freund Günter Wallraff. Erst nach Verhandlungen vor dem philippinischen Höchsten Gericht (Supreme Court) wurde der Menschenrechtsaktivist freigelassen. 1989 nahm er seinen Dienst in der Berufs(fach)schule wieder auf.

Publizist[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1970 bis 1992 war Schmidt Mitherausgeber und -redakteur der Zeitschrift Junge Kirche, die sich vorrangig mit den Themen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung befasste. Nach seiner Pensionierung 1994 intensivierte Schmidt seine publizistische Arbeit, die sich auf Buch-Produktionen, Vorträge, Rundfunk- und Zeitschriftenbeiträge erstreckte. Er verfasste Doppel-Biografien über rheinische Demokraten und Demokratinnen im Umkreis der Revolution von 1848/49, so zu Johanna Kinkel und Gottfried Kinkel, zu Mathilde Franziska Anneke und Fritz Anneke, über den demokratischen Arzt Andreas Gottschalk und Franz Raveaux. Zu allen Biografien präsentierte er in Köln und anderen Städten Ausstellungen. Zu einem Standard-Werk wurde seine Monographie Glaube, Macht und Freiheitskämpfe zu 500 Jahren Protestanten im Rheinland[2].

Neben seiner Arbeit über Geschichte und Gestalten des rheinischen Protestantismus porträtierte er den katholischen Arzt Franz Vonessen, der sich während des „Dritten Reichs“ geweigert hatte, an Zwangssterilisierungen mitzuwirken, und den ebenfalls katholischen Waisenhausdirektor Friedrich Tillmann, der als Büroleiter die NS-„Euthanasie“ mitverantwortete[3].

Öffentlich wirkte Klaus Schmidt zudem als Stadtführer der Antonitercitytours in Köln,[4] zumeist zu den Themen seiner Publikationen, etwa Franz Vonessen. [5]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2006 wurde Schmidt vom Landschaftsverband Rheinland mit dem Rheinlandtaler ausgezeichnet[6].

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Monographien

  • Religion – Versklavung und Befreiung. Von der englischen Reformation zur amerikanischen Revolution. Kohlhammer, Stuttgart 1978, ISBN 3-1700-4712-4.
  • Gerechtigkeit, das Brot des Volkes. Johanna und Gottfried Kinkel. Eine Biographie. Radius, Stuttgart 1996, ISBN 978-3-9320-5010-7.
  • Kanzel, Thron und Demokraten. Die Protestanten und die Revolution 1848/49 in der preußischen Rheinprovinz. Schmidt von Schwind, Köln 1998, ISBN 978-3-932-0501-0-7.
  • Mathilde und Fritz Anneke. Aus der Pionierzeit von Demokratie und Frauenbewegung: Eine Biographie. Schmidt von Schwind, Köln 1998, ISBN 978-3-932-0501-4-5.
  • Franz Raveaux. Karnevalist und Pionier des demokratischen Aufbruchs in Deutschland. Greven, Köln 2001, ISBN 978-3-774-3032-6-3.
  • Andreas Gottschalk. Jüdischer Protestant, Armenarzt und Pionier der Arbeiterbewegung. Greven, Köln 2002, ISBN 3-7743-0336-3.
  • Das gefährdete Leben. Der Kölner Arzt und Gesundheitspolitiker Franz Vonessen (1892-1970). Eine Biographie. Greven, Köln 2004, ISBN 978-3-7743-0346-1.
  • mit Helmut Signon (überarbeitet und aktualisiert von Klaus Schmidt): Alle Straßen führen durch Köln. Greven, Köln 2006.
  • Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland. Greven, Köln 2007, ISBN 978-3-7743-0385-0.
  • „Ich habe aus Mitleid gehandelt.“ Der Kölner Waisenhausdirektor und NS-„Euthanasie“-Beauftragte Friedrich Tillmann (1903-1964). Metropol, Berlin 2010, ISBN 978-3-940938-71-8
  • Kölns kleine Leute. Geschichten und Porträts. Greven, Köln 2011, ISBN 978-3-7743-0469-7.
  • Aufstieg einer Minderheit. 500 Jahre Protestanten in Köln. Lit, Münster 2016, ISBN 978-3-643-13361-8.

Mitherausgeber und -autor (Auswahl)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. private Homepage von Ghita Gothóni
  2. Ulrike Völler: 500 Jahre Protestanten. Artikel der Kölner Rundschau vom 8. Mai 2007.
  3. Engelbert Broich: Fast vergessene Opfer und eine zwiespältige Biographie: Klaus Schmidt porträtiert den Kölner Waisenhausdirektor und NS-„Euthanasie“-Beauftragten Friedrich Tillmann. Artikel vom 20. Juli 2010 auf www.kirche-koeln.de.
  4. Referentenwebsite bei den www.AntoniterCityTours.de, aufgerufen am 11. November 2015
  5. Anselm Weyer: Subtile Spuren bei der Führung durch "Braunsfeld 1945". Artikel vom 13. September 2005 auf www.kirche-koeln.de.
  6. Pfarrer erhält den Rheinlandtaler. Artikel auf www.ekir.de vom 18. April 2006.