Klaus von Dohnanyi

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Klaus von Dohnanyi (1978)

Klaus Karl Anton von Dohnanyi [doˈnaːni] (* 23. Juni 1928 in Hamburg) ist ein deutscher Jurist und Politiker (SPD). Er war von 1972 bis 1974 Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, von 1969 bis 1981 Mitglied des Deutschen Bundestags und von 1981 bis 1988 Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Klaus von Dohnanyi (links) mit Bruno Kreisky auf dem SPD-Parteitag (1982)
Klaus von Dohnanyi (links) mit Eberhard Diepgen (1986)

Klaus von Dohnanyi wuchs im Berliner Stadtteil Grunewald auf. Sein Vater Hans von Dohnanyi wurde 1938 als Reichsgerichtsrat nach Leipzig versetzt. Er wurde als Widerstandskämpfer kurz vor Kriegsende hingerichtet. Von 1938 bis 1940 besuchte von Dohnanyi die Thomasschule zu Leipzig, von 1940 bis 1944 das Benediktinergymnasium Ettal und schließlich das Victoria-Gymnasium Potsdam.

Ab Herbst 1944 wurde er dem Volkssturm zugeteilt, dann aber im November 1944 als „kriegsverwendungsfähig“ gemustert und im Januar des nächsten Jahres in ein Kampfbataillon des Reichsarbeitsdienstes nach Karstädt in der Prignitz einberufen. Im Mai 1945 geriet er für wenige Tage in kanadische Gefangenschaft. Im Herbst 1945 traf er in Frankfurt am Main wieder auf seine Familie, von der er während des Kriegsdienstes getrennt war.

Er absolvierte 1946 sein Abitur am Benediktinerkloster St. Ottilien. Nach Kriegsende begann er 1946 ein Studium der Rechtswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, das er 1949 mit dem ersten juristischen Staatsexamen abschloss. 1949 wurde er „magna cum laude“ mit einer Dissertation über „Die Grundstücksteilung – Erscheinungsform und Rechtsfolgen nach geltendem Recht“ zum Dr. jur. promoviert.

Er studierte dank zweier Stipendien von 1950 bis 1951 an der Columbia und Stanford University. 1953 erwarb er an der Yale University den zur damaligen Zeit noch nicht sehr verbreiteten Abschluss eines Bachelor of Laws (LL.B.).

Von 1951 bis 1952 war er am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in München und von 1952 bis 1953 als Assessor in einem amerikanischen Anwaltsbüro in New York City und bei den Ford-Werken in Detroit beschäftigt. Ab 1954 arbeitete er als Volontär bei Ford in Köln, von 1956 an als Leiter der Planungsabteilung. 1957 legte er das zweite juristische Staatsexamen ab. Von 1960 bis 1968 war er geschäftsführender Gesellschafter und Leiter der Abteilung „Planung und Prognosen“ des Marktforschungsinstituts Infratest.

Von 1990 bis 1994 war von Dohnanyi unter anderem als Beauftragter der Treuhandanstalt für die Privatisierung ostdeutscher Kombinate, insbesondere beim Fördermaschinen- und Kranbauer TAKRAF in Leipzig, tätig.[1] [2][3] Von 2003 bis 2004 war er Sprecher des Gesprächskreises Ost.

Er ist Gründungskommissar der Bucerius Law School in Hamburg.

1997 sprach von Dohnanyi anlässlich der Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus vor dem Deutschen Bundestag.

Klaus von Dohnanyi bei der Matinee für Siegfried Lenz’ 85. Geburtstag, 2011

Heute gehört von Dohnanyi als stellvertretender Vorsitzender dem Konvent für Deutschland unter dem Vorsitz von Roman Herzog an, einem überparteilichen Gremium, das unter anderem für eine Föderalismusreform in Deutschland eintritt, die mit klaren Zuständigkeiten für Bundestag und Bundesrat wieder schnellere Entscheidungen in der bundesdeutschen Politik ermöglichen soll. Zudem war er Kurator der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, Beiratsvorsitzender des Berliner Wirtschaftsverlages Wegweiser GmbH, Mitglied des Aufsichtsrates der Audi AG und der PrimaCom AG und Aufsichtsratsvorsitzender der Design Bau AG und der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Seit 2009 leitet er den Mindestlohn-Ausschuss der Bundesregierung und im Jahr 2010 war er der federführende Schlichter im Tarifkonflikt bei der Lufthansa.

Von Dohnanyi ist Mitglied der Atlantik-Brücke und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Er war 1986 Gründer der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Dohnányi

Bärbel von Dohnanyi (* 1926), Klaus und sein jüngerer Bruder Christoph von Dohnányi (* 1929, später Dirigent) sind Kinder von Hans von Dohnanyi und seiner Frau Christine Bonhoeffer (1903–1965), einer Schwester von Dietrich Bonhoeffer (evangelischer Theologe und Widerstandskämpfer). Der Jurist Hans von Dohnanyi arbeitete von 1929 bis 1938 im Reichsjustizministerium; seit 1934 hatte er Kontakt zu Kreisen des NS-Widerstandes. Seine Eltern wurden am gleichen Tag (5. April 1943) verhaftet wie Dietrich Bonhoeffer; Hans von Dohnanyi wurde kurz vor Kriegsende im KZ Sachsenhausen ermordet.

Von Dohnanyi ist mit der Schriftstellerin Ulla Hahn verheiratet. Seine erste Frau Renée Illing (* 1926), die er 1951 heiratete, war Kinderbuch-Illuistratorin [1] und starb 1958 an einem Gehirntumor. [4]. Aus dieser Ehe ging 1952 der Sohn Johannes hervor. Seine zweite Ehe führte er mit der Psychotherapeutin Christa Seidel, geborene Groß, einer Heidelberger Kaufmannsfamilie entstammend. Er hat drei Kinder: Sein Sohn aus erster Ehe Johannes von Dohnanyi (* 1952) ist ein deutsch-amerikanischer investigativer Journalist und Schriftsteller. Dieser war zusammen mit Bruno Schirra 2005 in die Cicero-Affäre verwickelt. In zweiter Ehe wurde Tochter Babette von Dohnanyi (* 1966), Künstlerin, geboren und Jakob von Dohnanyi (* 1961), Architekt, adoptiert.

Partei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von Dohnanyi ist seit 1957 Mitglied der SPD. 1979 wurde er zum Landesvorsitzenden der SPD in Rheinland-Pfalz gewählt. Als solcher führte er seine Partei als Spitzenkandidat in die Landtagswahl 1979, konnte sich jedoch nicht gegen Amtsinhaber Bernhard Vogel durchsetzen.

Nach seiner Wahl zum Hamburger Ersten Bürgermeister legte er seine Parteiämter in Rheinland-Pfalz nieder. Als Erster Bürgermeister führte er die SPD in die Bürgerschaftswahlkämpfe im Juni und Dezember 1982 sowie 1986 und 1987. Bei diesen Wahlen konnte er sich gegen seine Herausforderer Walther Leisler Kiep (1982) und Hartmut Perschau (1986 und 1987) durchsetzen.

Abgeordneter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1969 bis zu seiner Mandatsniederlegung am 24. Juni 1981 war Dohnanyi Mitglied des Deutschen Bundestages. Er zog stets über die Landesliste Rheinland-Pfalz in den Bundestag ein.

1979 wurde von Dohnanyi in den rheinland-pfälzischen Landtag gewählt, legte das Mandat aber nach kurzer Zeit wieder nieder. Von 1982 bis 1988 war er Mitglied der Hamburgischen Bürgerschaft.

Öffentliche Ämter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 1. März 1968 trat von Dohnanyi als beamteter Staatssekretär in das von Karl Schiller geleitete Bundesministerium für Wirtschaft ein. Dort war er bis zum 17. Oktober 1969 tätig. Am 21. Oktober endete die Regierung Kiesinger (nach der Bundestagswahl 1969 waren SPD und FDP eine Koalition eingegangen).

Am 22. Oktober 1969 wurde er Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (Kabinett Brandt I). Als Hans Leussink von diesem Amt zurückgetreten war, wurde von Dohnanyi am 15. März 1972 zu dessen Nachfolger ernannt. Mit dem Rücktritt von Willy Brandt vom Amt des Bundeskanzlers am 7. Mai 1974 schied auch von Dohnanyi am 16. Mai 1974 aus der Bundesregierung (Kabinett Brandt II) aus.

Am 16. Dezember 1976 wurde er als Staatsminister ins Auswärtige Amt berufen.[5]

Am 24. Juni 1981 wurde von Dohnanyi als Nachfolger von Hans-Ulrich Klose zum Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg gewählt und schied gleichzeitig aus dem Amt des Staatsministers im Auswärtigen Amt aus. Nach der Bürgerschaftswahl am 6. Juni 1982 blieb er geschäftsführend im Amt; die Bürgerschaftswahl am 19. Dezember 1982 bescherte der SPD wieder eine absolute Mehrheit in der Bürgerschaft. Nach der Bürgerschaftswahl am 17. Mai 1987 trug eine sozialliberale Koalition seinen Senat.

Das Amt des Ersten Bürgermeisters hatte er bis zu seinem Rücktritt am 8. Juni 1988 inne. In seine Amtszeit fielen unter anderem

  • die Affäre um die lange Einkesselung von Antikernkraft-Demonstranten (sog. „Hamburger Kessel“),
  • die friedliche Lösung des Hafenstraßenkonflikts – diese setzte er gemeinsam mit seinem Stellvertreter Ingo von Münch (FDP) gegen Widerstände in beiden Parteien durch,
  • der Bau des Kernkraftwerks Brokdorf. Sein Vorgänger Klose war unter anderem zurückgetreten, weil er gegen den Bau des Kraftwerks war, sich aber nicht gegen Werner Staak, den Vorsitzenden der Hamburger SPD, durchsetzen konnte.[6]

Seit März 2011 ist von Dohnanyi Mitglied der Ethikkommission für sichere Energieversorgung.


Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Brief an die Deutschen Demokratischen Revolutionäre. München 1990, ISBN 978-3-378-00428-3[7]
  • Das deutsche Wagnis. München 1990, ISBN 978-3-426-26495-9
  • Notenbankkredit an den Staat?: Beiträge und Stellungnahmen zu dem Vorschlag, öffentliche Investitionen mit zins- und tilgungsfreien Notenbankkrediten zu finanzieren. Klaus von Dohnanyi (Hrsg.). [Willi Albers ...]. 1. Aufl., Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1986. (Schriften zur monetären Ökonomie; 22) ISBN 3789012149

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jochen Thies: Die Dohnanyis. Eine Familienbiografie. Propyläen, München 2004, ISBN 3-549-07190-6.
  • Marikje Smid: Hans Dohnanyi – Christine Bonhoeffer. Eine Ehe im Widerstand gegen Hitler. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002, ISBN 3-579-05382-5.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13681003.html
  2. http://www.berliner-zeitung.de/archiv/klaus-von-dohnanyi-kritisiert-den-real-existierenden-aufbau-ost-ringkaempfe-in-der-treuhand,10810590,9839256.html
  3. http://www.deutschlandfunk.de/es-war-eine-total-zerstoerte-wirtschaft.694.de.html?dram:article_id=68240
  4. welt.de: Interview mit Klaus von Dohnanyi vom 8. August 2008
  5. „Als Klaus von Dohnanyi im Dezember 1976 Staatsminister im Auswärtigen Amt wurde, schien der Höhepunkt seiner politischen Karriere schon hinter ihm zu liegen. Der Yale-Absolvent, eine Entdeckung Willy Brandts und von Karl Schiller 1968 als Staatssekretär ins Wirtschaftsministerium berufen, war im Mai 1974 aus dem Bonner Kabinett geflogen, weil der neue Kanzler Helmut Schmidt den Intimus seines Vorgängers nicht ausstehen konnte. Schon vor Entwicklungsminister Erhard Eppler mußte Bildungsminister Dohnanyi (Schmidt: „Noch so’n Spinner“) damals seinen Dienst quittieren, weil er zwar ideenreich, aber administrativ unzulänglich sein Amt geführt hatte. Seitdem eilt Dohnanyi der Ruf voraus, er sei untalentiert zur Leitung eines Ministeriums – nicht gerade eine Empfehlung für das, was ihn in der größten westdeutschen Kommune erwartet. So schien, zwei Jahre nach seinem Ministersturz, auch sein Verbleiben auf Bonns politischer Bühne gefährdet: Mit dem Vorwurf, er habe die Basis in seinem Wahlkreis Germersheim-Landau verkümmern lassen, plazierte die rheinland-pfälzische SPD Dohnanyi (Parteispitzname: ‚Doch-nie-da‘) auf dem scheinbar aussichtslosen Listenplatz 13. Wider Erwarten schaffte der ungeliebte adlige Genosse den Sprung zurück ins Bonner Parlament. Und zwei Monate später, Hans-Jürgen Wischnewski war auf Schmidts Wunsch als Staatsminister ins Kanzleramt gewechselt, trat Dohnanyi, auf Fürsprache seines Mentors Brandt, in Genschers AA-Dienste.“ Spitz auf Knopf. In: Der Spiegel. Nr. 25, 1981, S. 102–103 (online 15. Juni 1981).
  6. Spitz auf Knopf. In: Der Spiegel. Nr. 25, 1981, S. 102–103 (online 15. Juni 1981).
  7. Die Zeit Nr. 11 vom 9. März 1990 / Friedrich Dieckmann: Rezension

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Klaus von Dohnanyi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien