Kleinwohnungsfrage

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Wohnhaus von 1908 für alleinstehende Geringverdiener in Moskau

Der Begriff Kleinwohnungsfrage bezeichnete im deutschsprachigen Raum vom Ende des 19. Jahrhunderts[1] bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Problem fehlender bezahlbarer Wohnungen, besonders abgeschlossener Kleinwohnungen in Großstädten.[2][3] Diese Zeit war durch hohe Arbeitslosigkeit und einen Mangel an bezahlbarem Wohnraum gekennzeichnet, der vor allem die armen bis mittleren Bevölkerungsschichten in den Städten betraf. Besonders Arbeiter- und Angestelltenfamilien als zahlenmäßig stärkste aber wirtschaftlich schwächere Gruppen waren stark betroffen, denn bezahlbare, von Allgemeinflächen des Hauses abgeschlossene Kleinwohnungen[4][5] mit eigenem Badezimmer fehlten.[6] Vielfach lebte die einfache Bevölkerung in sogenannten Mietskasernen mit als unhygienisch empfundenen gemeinschaftlichen Sanitäranlagen[7] oder benutzte ein Volksbad bzw. Tröpferlbad (in Österreich).

Die Lösung der Kleinwohnungsfrage wurde in der Zeit der Weimarer Republik durch die Förderung des Wohnungsbaus zur öffentlichen Aufgabe.[8] Ein Lösungsansatz war der soziale Wohnungsbau.[9] Zunehmend wurden von der öffentlichen Hand Wohnungen mit einer eigenen Bademöglichkeit errichtet.[10] Ziel war es, dringend benötigte Kleinwohnungen für die ärmeren Bevölkerungsschichten bereitzustellen.[11]

Wegweisend war Walter Gropius, der während des Congrès International d’Architecture Moderne (CIAM) in Frankfurt 1929 und nachfolgend in Brüssel 1930 sein Konzept des Wohnhochhauses vorstellte.[12]

„die großstadt muß sich positivieren, sie braucht den anreiz der eigenentwickelten, ihrem lebensorganismus entsprechenden besonderen wohnform, die ein relatives maximum an luft, sonne und pflanzenwuchs mit einem minimum an verkehrswegen und an bewirtschaftungsaufwand vereint.“

Walter Gropius: Referat auf der dritten Tagung des CIAM 27.–29. November 1930 in Brüssel[13]

Neben den städtebaulichen und architektonischen Ausarbeitungen stellte Gropius auch gesellschaftspolitische Grundannahmen vor. Die Entlastung von der Hausarbeit sei die Voraussetzung für persönliche Selbstständigkeit, entsprechend müsse nach der Auflösung der Großfamilie der Staat bestimmte Funktionen übernehmen, indem er Kinderheime, Schulen, Altersheime und Krankenhäuser zentral organisiere.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Felix Tripeloury: Ist das Erbbaurecht seiner im BGB getroffenen rechtlichen Konstruktion nach geeignet, eine Lösung der Kleinwohnungsfrage herbeizuführen? (Diss. Greifswald, 1912)
  • Bartmann, Peter: Das Erbbaurecht des Bürgerlichen Gesetzbuchs als Mittel zur Lösung der Kleinwohnungsfrage. Frankfurt am Main, 1914
  • Magistrat der Stadt Wiesbaden: Denkschrift zum Stand der Kleinwohnungsfrage, 1919
  • Adolf Zeller: Die Kleinwohnungsfrage und ihre Lösung. Leineweber, 1919
  • Juan Rodríguez-Lores und Gerhard Fehl (Hg.): Die Kleinwohnungsfrage. Zu den Ursprüngen des sozialen Wohnungsbaus in Europa. Christians, Hamburg, 1988, ISBN 3767210096
  • Renate Banik-Schweitzer: Die Kleinwohnungsfrage in Wien um die Jahrhundertwende. 1988

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. [1] Stadtwachstum, Industrialisierung, sozialer Wandel, Bände 156–158, herausgegeben von Peter Borscheid,Hans Jürgen Teuteberg, S. 111
  2. Jutta Allmendinger und Wolfgang Ludwig-Mayerhofer: Soziologie des Sozialstaats: Gesellschaftliche Grundlagen, historische Zusammenhänge und aktuelle Entwicklungstendenzen (Grundlagentexte Soziologie), Beltz Juventa, 1999, S. 172 [2]
  3. Wischermann, Clemens 1985: Familiengerechtes Wohnen. In: Teuteberg, H. J. (Hrsg.), Homo habitans. Zur Sozialgeschichte des ländlichen und städtischen Wohnens in der Neuzeit, Münster: Coppenrath, S. 169–198
  4. Die Wohnungsreform der 20er Jahre Kapitel 1.1. Die abgeschlossene Wohnung
  5. Adelheid von Saldern: "Daheim an meinem Herd ..." Die Kultur des Wohnens, in: August Nitschke/Gerhard A. Ritter/Detlev J.K. Peukert/Rüdiger vom Bruch (Hg.), Jahrhundertwende. Der Aufbruch in die Moderne 1880–1930, Bd. 2, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 55
  6. Freiraumqualität statt Abstandsgrün Prof. Dr. Maria Spitthöver, Kapitel Licht, Luft und Sonne – Freiräume im Mietgeschosswohnungsbau der 20er Jahre, Universität-Gesamthochschule Kassel, 2002, S. 29
  7. Hildegard Schroeteler von Brandt: Stadtbau- und Stadtplanungsgeschichte: Eine Einführung, Kohlhammer, 2008, ISBN 978-3170188648, S. 138 [3]
  8. Neues Bauen für neue Menschen? Planungen städtischer Verwaltungen und Aneignung durch die Bewohner im sozialen Wohnungsbau der 1920er Jahre (Memento vom 1. Februar 2014 im Internet Archive) foev-speyer.de im wayback.archive
  9. Juan Rodríguez-Lores und Gerhard Fehl (Hg.): Die Kleinwohnungsfrage. Zu den Ursprüngen des sozialen Wohnungsbaus in Europa. Christians, Hamburg, 1988, ISBN 3767210096
  10. Wohnen jetzt und vor 80 Jahren, S. 130, jdzb.de
  11. Klaus Kramer: Das private Hausbad 1850-1950: Und die Entwicklung des Sanitärhandwerks, ISBN 978-3980587402, S. 73 [4]
  12. Manuskript des Bauhaus-Archiv, Berlin; zitiert nach: Reginald R. Isaacs: Walter Gropius. Der Mensch und sein Werk. Band 2/I, Ullstein Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-548-27544-3, S. 544.
  13. Manuskript des Bauhaus-Archiv, Berlin; zitiert nach: Reginald R. Isaacs: Walter Gropius. Der Mensch und sein Werk. Band 2/I, Ullstein Verlag, Frankfurt am Main 1986, ISBN 3-548-27544-3, S. 544.
  14. Walter Gropius: Gemeinschaftsräume im Wohnhochhaus. In: Moderne Bauformen. Heft VIII, 1931; zitiert nach: Günther Uhlig: Kollektivmodell Einküchenhaus. Wohnreform und Architekturdebatte zwischen Frauenbewegung und Funktionalismus 1900–1933. Gießen 1981, S. 134.