Kloster Kirschgarten (Worms)

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Das Kloster Kirschgarten war ein Zisterzienserinnenkloster, welches ab 1443, bis zur Auflösung 1525, von den Augustiner-Chorherren übernommen wurde. Es lag südwestlich vor dem Speyerer Tor der Stadt Worms.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frauenkloster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kalenderblatt "Februar" aus dem Codex Liechtenthal 37, um 1300, mit Vermerk über eine in Kirschgarten verstorbene Nonne aus dem Geschlecht Bolanden-Hohenfels

Der Wormser Bischof Heinrich II. von Saarbrücken (1217–1234) stimmte um 1226 der Ansiedlung von Nonnen im Gartengebiet südwestlich der Stadt Worms zu. Als Stifter der Gemeinschaft werden der bischöfliche Kämmerer Richezo und seine Gemahlin Agnes genannt. Sie stellten dafür einen Garten mit einem vom Eisbach gebildeten Weiher zur Verfügung, den sie als Lehen vom Domkapitel innehatten. Es erwuchs daraus ein bischöfliches Eigenkloster, dem 1236, von Bischof Landolf von Hoheneck (1234–1247), das Gelände geschenkt wurde, auf dem es stand und welches dadurch erstmals urkundlich belegt ist. 1237 nahm es die Zisterzienserregel an, die Klosterkirche konnte man erst 1276 errichten. Ursprünglich hieß der Konvent Mariengarten, es setzte sich jedoch die Bezeichnung Kirschgarten durch, unter welchem Namen er allgemein bekannt wurde.[1] Anfangs übte der Zisterzienserabt von Otterberg die geistliche Leitung aus, laut Urkunde aus dem Jahre 1285 unterstand Kirschgarten damals, zusammen mit dem Nonnenkloster Klein-Frankenthal, dem Abt von Groß-Frankenthal.[2] Aus dieser Zeit wird in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe ein deutsch-lateinischer Psalter aus dem Kloster Kirschgarten aufbewahrt (Codex Liechtenthal 37),[3] welcher der dort 1320 verstorbenen Nonne Anna von Bolanden gehörte.[4]

1428 war das Kloster ausgestorben, es lebte nur noch die Äbtissin Guda von Büches. Eine Verfügung des Konzils von Basel forderte mit Datum vom 18. Januar 1435 den Wormser Bischof zu einer Renovation des Konvents auf. Versuche des Bischofs Friedrich von Domneck (1426–1445), eine Neubesiedlung mit Zisterzienserinnen zu erreichen, scheiterten, da die deshalb kontaktierten Äbte von Schönau und Maulbronn keine Nonnen nach Worms entsenden wollten.

Inkunabelseite aus De fraternitate rosarii des Johannes von Lambsheim (1495); Sendbrief des Theologen Johannes Oudewater, adressiert an Johannes von Lambsheim im Kloster Kirschgarten

Männerkloster[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Daher wandten sich der Wormser Oberhirte und Kurfürst Ludwig IV. (Pfalz) an die Windesheimer Reformkongregation der Augustinerchorherren. Diese entsandte Regularkanoniker aus dem Kloster Böddeken, welche 1443 dort einzogen, das Kloster reformierten und es schnell zu einem lokalen Zentrum der kirchlichen Erneuerung machten. Der Nonnenkonvent war dadurch zu einem Männerkloster geworden.

In dieser Zeit wirkten dort mehrere bedeutende Kleriker, die zahlreiche Schriften hinterließen. Einer davon war Johannes von Lambsheim, ein Theologe, Gelehrter und religiöser Autor. Ein anderer, der Prior Johannes Heydekyn von Sonsbeck,[5] verfasste die um 1500 entstandene Kirschgartener Chronik, welche viele lokalgeschichtlich bedeutsame Ereignisse festhält und u. a. auch die Vita des seligen Erkenbert von Frankenthal überliefert.[6] In dieser Chronik ist auch vermerkt, dass der Bischof von Eichstätt Chorherren aus Kirschgarten angefordert habe, um das dortige Kloster Rebdorf zu reformieren.[7] 1459 gründeten Kirschgartener Chorherren zudem das fränkische Kloster Birklingen in Iphofen. 1477 holte sich der Württemberger Herzog Eberhard im Bart Kirschgartener Chorherren zur Reform des Stiftes Sindelfingen.[8]

Aufhebung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Pfälzischen Bauernkrieg vertrieben 1525 Wormser Bürger die Chorherren aus dem Kloster, plünderten es und die Stadt zog den Besitz an sich. Die letzten 22 Chorherren siedelten mit Erlaubnis des Pfälzer Kurfürsten ins augustinische Nachbarkloster Groß-Frankenthal über. Zu den Umständen der Klosterplünderung, Enteignung und Übersiedlung nach Frankenthal gibt es den zeitgenössischen Bericht des Kirschgartener Klerikers Johann von Stuttgart, abgedruckt in den Geschichtsblättern für die mittelrheinischen Bistümer, Verlag Kirchheim, Mainz, 1884. Schon bald erfolgte auf Befehl des Rates die endgültige Zerstörung des Klosters durch Geschützbeschuß. Die Chorherren prozessierten jahrelang gegen die Enteignung. 1542 bzw. 1546 kam es unter kurpfälzischer Vermittlung zu einem Vergleich, in dem die Stadt Worms 6000 Gulden Schadenersatz zahlte und die Kirschgartener Ruine dem Konvent Klein-Frankenthal überließ, mit der Bedingung, sie dürfe nicht mehr aufgebaut werden.[9]

Johann Goswin Widder belegt im Theil II (Seite 398) seiner Landesbeschreibung Versuch einer vollständigen Geographisch-Historischen Beschreibung der Kurfürstlichen Pfalz am Rheine, dass die vom Kloster Groß-Frankenthal nach Klein-Frankenthal vertriebenen Augustiner-Chorherren 1564 auch letzteres räumen mussten und man ihnen zum Verbleib nun wieder das ruinöse Kloster Kirschgarten in Worms angewiesen habe.[10] Möglicherweise war es deshalb kurzfristig nochmals bewohnt.

Das Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde, Band 2, 1841 (Seite 410) konstatiert, das Kloster sei nach der Aufhebung verfallen und das Gelände habe später den Wormser Domherren zum Gartenaufenthalt gedient. 1834 erwarb Cornelius Heyl (1792–1858) das Areal und gründete dort die Lederwerke Cornelius Heyl AG. 1841 standen offenbar noch Reste der Klostergebäude, von der Kirche sei schon damals nichts mehr vorhanden gewesen. Vom Kloster Kirschgarten existieren heute (2012) keine baulichen Überreste mehr.[11]

Varia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Worms erinnert der Kirschgartenweg an das Kloster. Es befand sich im Bereich dieser Straße.

Der Mannheimer Stadtteil Kirschgartshausen, heute zu Mannheim-Sandhofen gehörig, trägt seinen Namen vom Wormser Kloster Kirschgarten her. Die kleine Ansiedlung hieß ursprünglich Husen (Hausen) und fiel 1275 durch Verkauf an das Kloster Kirschgarten, weshalb dessen Namen dem ursprünglichen vorangestellt wurde und es nunmehr Kirschgartshausen hieß. Die Nonnen betrieben dort ein landwirtschaftliches Gut mit zugehöriger Kapelle St. Gangolf und veräußerten den Besitz 1422 an die Kurpfalz.[12]

In Laumersheim gibt es die Weinlage Kirschgarten, die sich auf den dortigen Feldern des Klosters Kirschgarten erstreckt, das in dem Dorf einen Gutshof besaß.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Franz Falk: Die Verwüstung des Klosters Kirschgarten durch die Wormser 1525. Bericht eines Augenzeugen. In: Geschichtsblätter für die mittelrheinischen Bistümer. Jg. 1, Nr. 3, 1. April 1884, Sp. 65–70, Jg. 1, Nr. 4, 1. Juli 1884, Sp. 101–105, Jg. 2, Nr. 5, 1. Oktober 1884, Sp. 138–142.
  • Joachim Kemper: Klosterreformen im Bistum Worms im späten Mittelalter (= Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte. Bd. 115). Gesellschaft für Mittelrheinische Kirchengeschichte, Mainz 2006, ISBN 3-929135-49-3, S. 236 (Zugleich: Mainz, Universität, Dissertation, 2003/2004), online (PDF; 2,63 MB).
  • Christine Kleinjung: Frauenklöster als Kommunikationszentren und soziale Räume. Das Beispiel Worms vom 13. bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts (= Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters. Bd. 1). Didymos-Verlag, Korb 2008, ISBN 978-3-939020-21-9 (Zugleich: Mainz, Universität, Dissertation, 2005), Rezension.
  • Johann Georg Lehmann: Urkundliche Geschichte der Klöster in und bei Worms. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 2, 1838/1841, ISSN 0066-636X, S. 397–483, hier S. 397–410, Scan aus der Quelle.
  • Paulus Weissenberger OSB: Geschichte des Klosters Kirschgarten in Worms (= Der Wormsgau. Beiheft. Bd. 6). Stadtbibliothek, Worms 1937.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Johann Georg Lehmann: Urkundliche Geschichte der Klöster in und bei Worms. In: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 2, 1838/1841, ISSN 0066-636X, S. 397–483, hier S. 397–410, Scan aus der Quelle.
  2. Franz Xaver Remling: Urkundliche Geschichte der ehemaligen Abteien und Klöster im jetzigen Rheinbayern, Band 2, Seite 10, Neustadt an der Haardt, 1836; Scan aus der Quelle
  3. Digitalscan des aus dem Kloster Kirschgarten stammenden Psalters, Codex Liechtenthal 37.
  4. Christa Bertelsmeier-Kierst: Beten und Betrachten - Schreiben und Malen. Zisterzienserinnen und ihr Beitrag zum Buch im 13. Jahrhundert. In: Anton Schwob, Karin Kranich-Hofbauer: Zisterziensisches Schreiben im Mittelalter. Das Skriptorium der Reiner Mönche (= Jahrbuch für internationale Germanistik. Reihe A: Kongressberichte. Bd. 71). Lang, Bern u. a. 2005, ISBN 3-03-910416-0, S. 163–177, hier S. 176, Scan aus der Quelle.
  5. Zu Johannes Heydekyn von Sonsbeck
  6. Webseite zur Kirschgartener Chronik.
  7. Ottokar Lorenz: Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts. Band 1. 3., umgearbeitete Auflage. Hertz, Berlin 1886, S. 133, Scan aus der Quelle.
  8. Paulus Weissenberger OSB: Geschichte des Klosters Kirschgarten in Worms, Der Wormsgau, Beiheft Nr. 6, Stadtbibliothek Worms, 1937, S. 71
  9. Joachim Kemper: Klosterreformen im Bistum Worms im späten Mittelalter. 2006, S. 256–258.
  10. Scan aus Widders Landesbeschreibung.
  11. Scan aus der Quelle
  12. Webseite zu Kirschgartshausen.
  13. Zur Laumersheimer Weinlage Kirschgarten.

Koordinaten: 49° 37′ 54,1″ N, 8° 21′ 35,7″ O