Kognitive Verhaltenstherapie

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Die kognitive Verhaltenstherapie ist eine Form der Verhaltenstherapie, die sich seit den 1960er Jahren aus einer Gegenbewegung zur behavioristischen Psychologie, dem Kognitivismus, entwickelte. Als Begründer kognitiver Therapien gelten Aaron T. Beck und Albert Ellis. Kognitionen umfassen Prozesse des Wahrnehmens, Erkennens, Begreifens, Urteilens und Schließens.

Grundprinzipien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Mittelpunkt der kognitiven Therapieverfahren stehen Kognitionen. Kognitionen umfassen Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen. Die kognitiven Therapieverfahren, zu denen die kognitive Therapie (KT) und die Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT) gehören, gehen davon aus, dass die Art und Weise, wie wir denken, bestimmt, wie wir uns fühlen und verhalten und wie wir körperlich reagieren. Schwerpunkte der Therapie sind

  • die Bewusstmachung von Kognitionen,
  • die Überprüfung von Kognitionen und Schlussfolgerungen auf ihre Angemessenheit,
  • die Korrektur von irrationalen Einstellungen und
  • der Transfer der korrigierten Einstellungen ins konkrete Verhalten.

Die kognitive Therapie stellt somit die aktive Gestaltung des Wahrnehmungsprozesses in den Vordergrund, weil in letzter Instanz nicht die objektive Realität, sondern die subjektive Sicht des Betrachtenden über das Verhalten entscheidet. Ist die Kognition inadäquat (z. B. durch Wahrnehmungsselektion und -bewertung), ist auch die Möglichkeit beeinträchtigt, Affekt und Verhalten zu korrigieren. Vor allem spontanes und emotional getriebenes Verhalten sind sehr von der Art beeinflusst, wie ein Mensch sein Modell der Umwelt gedanklich strukturiert hat.

Theoretischer Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beck beschreibt das kognitive Modell am Beispiel der Depression und geht dabei von folgenden Annahmen aus:

  1. negative kognitive Triade: Die Gedankeninhalte betreffen das Selbst („Ich bin hässlich“), die Welt („Keiner liebt mich“) und die Zukunft („Es wird so unerträglich bleiben“).[1] Der Patient hat ein negatives Selbstbild, er beurteilt sich selbst als fehlerhaft, unzulänglich, wertlos und nicht begehrenswert. Diese Gedanken gehen so weit, dass der Betroffene denkt, ihm fehlen Eigenschaften, um glücklich zu sein. Außerdem neigt er dazu, sich zu unterschätzen und zu kritisieren. Nach Beck und anderen (1975) seien Depressive vor allem dann anfällig für Suizid, wenn die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren gehe.[2]
  2. Schemata oder dysfunktionale Überzeugungen: Ein Beispiel für eine dysfunktionale Überzeugung wäre: „Wenn mich niemand liebt, ist mein Leben sinnlos.“[1] Die genannten Kognitionen gehen auf Schemata zurück, die aus vergangenen Erfahrungen entstanden sind. Mit diesem Konzept wird erklärt, warum ein depressiver Patient trotz objektiver Belege für positive Faktoren in seinem Leben seine schmerzverursachende und selbstverletzende Haltung beibehält. Schemata sind hier stabile kognitive Verarbeitungsmuster, die sich in der Kindheit und Jugend herausgebildet haben. Sie können für längere Zeit inaktiv sein, aber durch bestimmte Umweltereignisse (z.B. Stresssituationen) reaktiviert werden.
  3. kognitive Verzerrungen oder Fehler: Aufgrund der in der Kindheit gelernten Schemata findet laut Beck bei Depressiven eine fehlerhafte Informationsverarbeitung statt, die dem von Piaget beschriebenen kindlichen Denken ähnelt. Die Annahmen sind eindimensional, global, invariabel, verabsolutierend oder irreversibel. Erfahrungen werden in der Regel negativ interpretiert, subjektiv werden überwiegend Enttäuschungen und Niederlagen empfunden und auch die Zukunftserwartung ist negativ geprägt. Eine Veränderung der gegenwärtig empfundenen Situation wird ebenso wenig als möglich angenommen, wie eine eigene Beteiligung an dieser.

Durch die kognitive Verzerrung werden Ereignisse immer nach dem Muster der negativen kognitiven Triade interpretiert[1] („Jemand grüßt mich nicht, weil er mich nicht mag“). Die Gedanken der negativen kognitiven Triade verstärken wiederum die dysfunktionale Grundüberzeugung ebenso wie umgekehrt.[1] Folgende kognitiven Verzerrungen werden genannt (vgl. z. B. Wilken, S. 25 ff.):

  1. Willkürliche Schlussfolgerungen: Ohne sichtbaren Beweis oder sogar trotz Gegenbeweisen werden willkürlich Schlussfolgerungen gezogen.
  2. Übergeneralisierung: Aufgrund eines Vorfalls wird eine allgemeine Regel aufgestellt, die unterschiedslos auf ähnliche und unähnliche Situationen angewendet wird.
  3. Dichotomes Denken: Denken in Alles-oder-nichts-Kategorien.
  4. Personalisierung: Ereignisse werden ohne klaren Grund auf sich selbst bezogen.
  5. Selektive Abstraktion: Einige Einzelinformationen werden verwendet und überbetont, um eine Situation zu interpretieren. Damit werden bestimmte Informationen auf Kosten anderer überbewertet. Zum Beispiel wenn jemand, der von allen gegrüßt wird, von jemandem nicht beachtet wird und denkt, dass ihn keiner mag.
  6. Maximieren und Minimieren: Negative Ereignisse werden übertrieben und positive Ereignisse untertrieben. Zum Beispiel: „Dass ich einen bestimmten Abschluss hinbekommen habe, ist nichts wert. Aber dass der Kunde heute noch nicht zurückgerufen hat, zeigt, dass ich ein schlechter Verkäufer bin!“
  7. Katastrophisieren: Das Eintreffen oder die Bedeutung von negativen Ereignissen wird stark überbewertet: „Meinen Kindern wird bestimmt etwas Schlimmes passieren!“
  8. Emotionale Beweisführung: Das Gefühl wird als Beweis für die Richtigkeit der Gedanken genommen: „Ich fühle, dass ich nichts wert bin, also ist das auch so!“
  9. Etikettierung: Aus einer Handlung wird ein umfassender Sachverhalt gemacht, z. B.: „Ich habe verloren – ich bin ein absoluter Verlierer!“
  10. Gedankenlesen: Man meint, ohne nachzufragen die Gedanken der anderen zu kennen: „Die anderen denken, ich bin ein Versager!“
  11. Tunnelblick (selektive Aufmerksamkeit): Jemand sieht nur einen bestimmten Aspekt seines gegenwärtigen Lebens: „Wenn ich Stress auf der Arbeit habe, dann ist mein Leben verpfuscht!“

Ziel der Therapie ist es, dem Patienten zu vermitteln, dass Denkfehler und irrationale Annahmen zu Gefühlen von Minderwertigkeit und Bedrohung führen. Deshalb ist es wichtig, die negativen Gedanken zu identifizieren und in Frage zu stellen. Dies soll dazu führen, dass alternative, genauere und angepasstere Gedanken entwickelt werden. Im Gegensatz zu Ellis ist bei Beck auch der Inhalt der Gedanken von Bedeutung.

Automatische Gedanken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von zentraler Bedeutung für das Empfinden und die depressiven Symptome des Patienten sind nach Beck die so genannten „automatischen Gedanken“. Hierunter versteht man schnell ablaufende, blitzartig auftretende, subjektiv plausibel erscheinende und sich unfreiwillig einstellende Kognitionen, die zwischen einem Ereignis (externaler oder internaler Art) und einem emotionalen Erleben (Konsequenz) liegen. Die automatischen Gedanken sind zumeist im Sinne der oben beschriebenen Denkfehler verzerrt. Diese sich aufdrängenden automatischen Gedanken sind den Patienten zumeist zu Beginn der Therapie nicht bewusst, können jedoch bewusst gemacht werden und sind dadurch der therapeutischen Bearbeitung zugänglich.

Depressogene Grundannahmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die automatischen, situationsspezifischen Gedanken liefern laut Beck die Zugangsmöglichkeit zu den dahinter liegenden, grundlegenderen und situationsübergreifenden „depressogenen Grundannahmen“. Depressogene Grundannahmen sind jene dysfunktionalen Überzeugungen, die den Betreffenden zur Depression prädispositionieren. Die Grundannahmen sind nicht unmittelbar bewusst und können vom Patienten meist erst nach längerer Introspektion artikuliert werden. Sie sind schwerer zu erkennen und zu bearbeiten als automatische Gedanken. Beck zählt einige Grundannahmen auf, die zur Depression dispositionieren, hier einige Beispiele (aus Wilken, 1998, S. 28):

  1. Um glücklich zu sein, muss ich bei allem, was ich unternehme, Erfolg haben.
  2. Um glücklich zu sein, muss ich immer von allen Menschen akzeptiert werden.
  3. Wenn ich Fehler mache, bedeutet das, dass ich unfähig bin.
  4. Ich kann ohne dich nicht leben.
  5. Wenn jemand anderer Meinung ist als ich, bedeutet das, dass er mich nicht mag.
  6. Mein Wert als Mensch hängt davon ab, was andere von mir denken.

Analyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Beschreibung der kognitiven Grundannahmen, die den automatischen Gedanken zu Grunde liegen.
  2. Beschreibung der automatischen Gedanken, die einer Person aufgrund problematischer Ereignisse durch den Kopf gehen.
  3. Es wird erforscht, bei welchen Ereignissen die automatischen Gedanken auftreten. In diesem Zusammenhang ist es von wesentlicher Bedeutung, was genau nun die automatischen Gedanken in der jeweiligen Situation ausgelöst hat.
  4. Weiterhin versucht die Analyse zu erfassen, welche Gefühle, welches Verhalten und welche körperlichen Reaktionen mit den automatischen Gedanken verbunden sind. Denn so können die körperlichen Symptome beispielsweise schon ein erster Anhaltspunkt dafür sein, wie, wo und wann diese Grundannahme entstanden sein könnte.
  5. Im letzten Schritt versucht der Analytiker herauszufinden, welche prägenden Erlebnisse der Klient in seiner Kindheit erfahren musste. Gleichzeitig wird untersucht, inwieweit die Erlebnisse für die Entstehung sowie für die Aufrechterhaltung der Grundannahmen verantwortlich sind.

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die kognitive Verhaltenstherapie verbindet Methoden auf kognitiver Ebene und Verhaltensebene. Um eine Veränderung kognitiver Muster und damit verbundener Verhaltensweisen zu erreichen, werden kognitive Verfahren und verhaltensorientierte Verfahren eingesetzt.

Grundannahme des therapeutischen Vorgehens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werden die Kognitionen inhaltlich verändert, so wird auch das Erleben, das Fühlen und das Verhalten einer Person sich verändern. Eine Korrektur von dysfunktionalen Kognitionen führt zumindest zu einer Besserung des Zustandes der depressiven Person.

Ziel der Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hauptziel der Kognitiven Therapie nach der Beck’schen Theorie ist es, die verzerrten, nicht realitätsgerechten Kognitionen, die der depressiven Störung des Klienten zu Grunde liegen, zu verändern in Richtung auf eine realitätsadäquatere Wahrnehmung und Interpretation der Realität. Das depressive Denken, das als global, eindimensional, absolutistisch, irreversibel und bewertend beschrieben wird, soll hin zu einem differenzierten Denken mit den Attributen konkret, mehrdimensional, relativierend, reversibel und nicht wertend beeinflusst werden. Der Klient soll im Laufe der Therapie lernen, seine verzerrten, nicht realitätsgerechten Kognitionen selbständig zu identifizieren und letztlich auch zu verändern.

Bevor die kognitive Therapie im engeren Sinne stattfinden kann, werden in der Regel verhaltenstherapeutische Maßnahmen eingeleitet, um das Aktivitätsniveau des Klienten schrittweise zu steigern, da Inaktivität sehr häufig bei depressiven Patienten auftritt.

Sechs Schritte der kognitiven Umstrukturierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1. Vorstellung des kognitiven Modells

Zu Beginn der Therapie versucht der Therapeut dem Klienten die Zusammenhänge zwischen automatischen Gedanken und den kognitiven Grundannahmen zu erklären. Denn es ist entscheidend, dass der Klient weiß, wie die Therapie funktionieren soll. Auf diese Weise verspricht man sich einen größeren Therapieerfolg, da der Klient weiß, was der Therapeut mit seinem methodischen Vorgehen beabsichtigt und was dies bei ihm auslösen soll.

2. Aufdeckung und Bewusstwerdung der dysfunktionalen Kognitionen

In dieser Phase der Therapie wird der Klient vornehmlich zur Selbstbeobachtung angehalten. Die Selbstbeobachtung ist der Schlüssel zur Bewusstwerdung der dysfunktionalen Kognitionen. Unterstützend werden dabei auch Rollenspiele und systematische Gesprächstechniken mit eingesetzt.

3. Infragestellen der dysfunktionalen Kognitionen

Sind die dysfunktionalen Kognitionen in der vorangegangenen Phase ins Bewusstsein gedrungen, so geht es im nächsten Abschnitt der Therapie um die Überprüfung der Angemessenheit jener Kognitionen. Der Klient muss nun die Kognitionen hinterfragen und nach rationalen Gesichtspunkten überprüfen, ob sie realistisch und begründet sind.

4. Reflexion der Kognitionen

Der Klient reflektiert seine eigenen Kognitionen, lernt selbst deren Unangemessenheit zu erkennen und wird dadurch fähig, die automatischen Gedanken zu hinterfragen und in letzter Konsequenz abzulegen.

5. Entwicklung alternativer Überzeugungen

In dieser Phase der Therapie werden neue funktionale Überzeugungen ausgebildet, mit denen der Klient zukünftige Situationen positiv beeinflussen und erleben kann. Es erfolgt also eine Umstrukturierung der dysfunktionalen Kognitionen in funktionale.

6. Training der funktionalen Kognitionen

Die so entwickelten funktionalen Kognitionen müssen nun im Sinne der Stabilisierung aktiv im Alltag geübt und trainiert werden. Dies kann in einem frühen Stadium zunächst noch mit z. B. Rollenspielen erreicht werden und später dann in realen Alltagssituationen. Bevor die Therapie als abgeschlossen gelten kann, muss zunächst eine Phase erfolgen, welche von ständigen Erfolgskontrollen geprägt ist. Diese Kontrollen sind nötig, um eventuelle Stagnationen oder Rückschläge rechtzeitig zu erkennen und diesen entgegenwirken zu können.

Methoden der kognitiven Umstrukturierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrale Methode der Gesprächsführung ist der so genannte „Sokratische Dialog“, damit soll der Klient angeleitet werden, seine dysfunktionalen Denkinhalte zu identifizieren und zu verändern. Kognitive Hausaufgaben (in Form von schriftlichen Trainingseinheiten – z. B. Spaltentechniken, Tagesprotokolle negativer Gedanken) kommen ebenfalls zur Anwendung.

Kern der Technik von Beck ist die so genannte Realitätsüberprüfung. Dabei geht es darum, die verzerrten Kognitionen an der Realität zu testen, das heißt zu überprüfen, inwiefern die formulierten Wahrnehmungen und Interpretationen des Klienten empirisch belegbar sind und welche kognitiven Verzerrungen ihnen möglicherweise zu Grunde liegen. Bei dieser Realitätsüberprüfung wird der Klient zum Beispiel angeleitet, im Alltag Beobachtungen zu sammeln, die seinen Interpretationen bzw. Schlussfolgerungen widersprechen.

Verhaltensorientierte Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verhaltensorientierte Verfahren sollen dazu dienen, den Klienten zu aktivieren und seine affektiven Störungen wenigstens ansatzweise in den Griff zu bekommen. Die Änderung des Verhaltens führt zu positiven Emotionen, diese wiederum führen zu veränderten Kognitionen. Zu den verhaltensorientierten Techniken gehören:

Kognitive Verfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kognitionsorientierte Verfahren sollen dazu dienen, eine langfristige kognitive Umstrukturierung zu erreichen: Negative Kognitionen sollen durch rationalere ersetzt werden, was zu aktiverem, kompetenterem Verhalten führen soll. Zu den kognitionsorientierten Verfahren gehören:

  • Sammeln und Aufzeichnen automatischer Gedanken
  • Zweispaltentechnik: Argumentieren gegen automatische Gedanken
  • Erkennen von Mustern kognitiver Verzerrungen
  • Realitätstesten: Testen der Kognitionen
  • Umattribution: Trennung der Verantwortlichkeiten
  • Entkatastrophisieren
  • Aufbau von Erwartungen

Segal und andere (2002) postulieren, dass nicht unbedingt eine Veränderung der Inhalte depressiven Denkens notwendig sei, sondern vielmehr eine Änderung der Haltung gegenüber den eigenen Gedanken, Bildern und Erinnerungen.[3]

Verhalten und Rolle des Therapeuten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Becks kognitive Therapie beruht auf dem Prinzip des kollaborativen Empirismus: Klient und Therapeut sind gleichberechtigte Partner, da der Klient als Experte seiner Denkmuster gilt. Aktive Beteiligung des Klienten ist also dringend erforderlich.

Wirksamkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Die kognitive Verhaltenstherapie hat sich insbesondere in der Behandlung von Phobien[4], Panikattacken und Depressionen[5] als sehr effektiv erwiesen.[6][7] Auch bei der Behandlung von Essstörungen wurde ihre Wirksamkeit nachgewiesen (Fairburn 1985 In: Thiel; Paul 2000).

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kritik an Becks kognitiver Therapie wurde vor allem von John D. Teasdale geübt. Ein kurzer Überblick:

  • Beck postuliert, dass unrealistische Schemata und gestörte Kognitionen die Ursache der Depression sind. Jedoch hat sich gezeigt, dass diese eher die Folge von Depressionen sind als deren Ursache: In Phasen der Erholung verschwinden die dysfunktionalen Einstellungen.
  • Rationale Argumente erweisen sich oft, trotz Einsicht des Klienten, als ineffektiv.
  • Depressives Denken ist zustandsabhängig.
  • Depressiver Realismus: Depressive haben oft bessere Einschätzungen als Nichtdepressive darüber, inwieweit sie Aufgaben bewältigen können oder nicht (Dysfunktionalität somit fraglich).
  • Intervention auf rein kognitiver Ebene reicht nicht, da, laut Teasdale, die depressogenen Schemata aus visuellen, auditiven, somatischen und kognitiven Informationen bestehen. Interventionen müssen die anderen Modalitäten ebenfalls betreffen.

Psychoanalytische Kritiker knüpfen häufig an der Reduzierung der Psychologie auf eine „Laborwissenschaft“ an. Die Psychoanalyse vertritt die Auffassung, dass es unmöglich sei, die komplexen Zusammenhänge der Psyche in einer Laborsituation nachzustellen. Psychoanalytiker kritisieren, dass verhaltenstherapeutische Therapien vor allem die Reduzierung der Symptome zum Ziel habe, wie dies in der Verhaltenstherapie üblich ist. Durch deren Reduzierung solle nämlich keineswegs die Ursache für eine psychische Störung bekämpft, sondern lediglich ein leidiges Symptom für kurze Zeit verbessert werden. Dadurch können sich Symptome anderer Art bilden. Diesen Vorgang nennt man Symptomverschiebung. Hierdurch bezweifeln sie die Nachhaltigkeit der Verbesserungen. Die in der Verhaltenstherapie vorherrschende Neigung zur Effizienz wird ebenso kritisiert. Mit möglichst kurzen Therapien werde dem Individuum wenig Raum gegeben und lediglich die Krankheit in den Mittelpunkt des Kontakts zwischen Therapeuten und Klienten gestellt. Dies könne eine nachhaltige Heilung verhindern.

Jedoch konnte dieser Kritikpunkt in Katamnesestudien nicht bestätigt werden. Es kommt nach Durchführung oder Inanspruchnahme der kognitiven Verhaltenstherapie nicht häufiger zu Symptomverschiebungen als bei anderen Therapieformen.

Kritiker aus humanistischen Therapieformen wie der Gesprächspsychotherapie oder der Gestalttherapie sind der Meinung, dass die Verhaltenstherapie den Menschen von außen determiniert (bestimmt) sieht und das innere Wachstum, die persönliche Verantwortung, die Willensfreiheit geleugnet oder nicht beachtet wird. Somit sei eine nachhaltige Entwicklung generell ausgeschlossen.

Beispiel: Anorexie und Bulimie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Corinna Jacobi, Andreas Thiel und Thomas Paul haben 2000 ein Buch Kognitive Verhaltenstherapie bei Anorexia und Bulimia nervosa veröffentlicht und berichten darin das Folgende:

Im Fall einer Essstörung soll die kognitive Verhaltenstherapie den Kreislauf von verzerrtem Gewichtsideal, diätischem Essverhalten und mangelnden alternativen Konfliktbewältigungsstrategien durchbrechen, indem sie hilft, das Essverhalten zu normalisieren, verzerrte Einstellungen zu Körper und Gewicht systematisch in Frage zu stellen, Auslöser, Hintergründe und die Funktion des gestörten Essverhaltens deutlich zu machen und neue Bewältigungsstrategien anzuwenden. Sie soll den Betroffenen ermutigen, mit neuen Verhaltensweisen Erfahrungen zu sammeln und mit Problemen in Zukunft anders und möglicherweise besser zurechtzukommen.

Durchführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ambulante Durchführung als Gruppentherapie mit zehn Teilnehmern.
  • Dauer und Umfang: 16 Wochen, 20 Sitzungen.
  • Therapeutenteam am besten gemischtgeschlechtlich.
  • Phase 1 (4 Wochen, Sitzung 1–8)
    • Diagnostik
      • Erstellen einer individuellen Problemanalyse des gestörten Essverhaltens, weiterer Problembereiche, der Vorgeschichte etc.
    • Informationsvermittlung
      • über die Bedeutung soziokultureller Einflüsse, Zusammenhänge von Diät und Essstörungen
      • über die Bedeutung eines bestimmten Körpergewichts (Set-Point-Theorie) und möglicher Folgeschäden
    • Aufbau von Alternativverhalten
  • Phase 2 (8 Wochen, Sitzung 9–16)
    • Aufbau von Alternativverhalten und Festigung des Verhaltens in kritischen Situationen
    • Bearbeitung zu Grunde liegender Konflikte
    • Korrektur verzerrter Einstellungen zu Körper und Gewicht
      • Identifikation und Konfrontation mit verzerrten Einstellungen zu Körper und Gewicht, Korrektur dysfunktionaler Einstellungen und Überzeugungen
  • Phase 3 (4 Wochen, Sitzung 17–20)
    • Stabilisierung und Bilanzierung
    • Rückfallanalyse und Vorbereitung auf Schwierigkeiten in der Zukunft

Vertreter kognitiver Therapien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Aaron T. Beck: Cognitive Therapy and the Emotional Disorders. Intl Universities Press, 1975. ISBN 0-8236-0990-1
  • Aaron T. Beck: Kognitive Therapie der Depression. Herausgegeben von Martin Hautzinger. Aus dem Amerikanischen von Gisela Bronder. 3. Auflage. Beltz, Weinheim u. a. 2004 (Beltz-Taschenbuch: Psychologie), ISBN 3-407-33023-5.
  • Beate Wilken: Methoden der Kognitiven Umstrukturierung. Ein Leitfaden für die psychotherapeutische Praxis. 5., aktualisierte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-17-021324-1 (Kohlhammer-Urban-Taschenbücher 466).
  • Dieter Schwartz: Vernunft und Emotion: die Ellis-Methode, Vernunft einsetzen, sich gut fühlen und mehr im Leben erreichen. Praxis der rational-emotiven Verhaltenstherapie. 5. (unveränderte) Auflage. Borgmann (modernens lernen), Dortmund 2007, ISBN 3-86145-165-4.
  • Jeffrey E. Young, Janet S. Klosko: Sein Leben neu erfinden. Den Teufelskreis selbstschädigenden Verhaltens durchbrechen ... und sich wieder glücklich fühlen. Junfermann, Paderborn 2006, ISBN 978-3-87387-619-4 (Originaltitel: Reinventing Your Life. Übersetzt von Theo Kierdorf mit Hildegard Höhr).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d James N. Butcher, Susan Mineka & Jill M. Hooley: Klinische Psychologie. 13. Auflage. Pearson Studium, München 2009, ISBN 978-3-8273-7328-1, S. 299 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  2. Frank Wills: Kognitive Therapie nach Aaron T. Beck: Therapeutische Skills kompakt. Band 7. Junferman, Paderborn 2014, ISBN 978-3-95571-133-7, S. 120 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  4. Kircher, Tilo, et al. "Effect of cognitive-behavioral therapy on neural correlates of fear conditioning in panic disorder." Biological psychiatry 73.1 (2013): 93-101.
  5. Fava, Giovanni A., et al. "Six-year outcome of cognitive behavior therapy for prevention of recurrent depression." American Journal of Psychiatry (2014).
  6. Butler, Andrew C., et al. "The empirical status of cognitive-behavioral therapy: a review of meta-analyses." Clinical psychology review 26.1 (2006): 17-31.
  7. Hofmann, Stefan G., et al. "The efficacy of cognitive behavioral therapy: a review of meta-analyses." Cognitive therapy and research 36.5 (2012): 427-440.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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