Kognitive Verzerrung

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Kognitive Verzerrung (im englischen Original cognitive bias) ist ein kognitionspsychologischer Sammelbegriff für systematische (nicht zufällige) Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen. Sie bleiben meist unbewusst. Oft resultieren daraus kognitive Heuristiken, wie zum Beispiel Urteilsheuristiken.

Beispiele[Bearbeiten]

  • Attributionsfehler, auch correspondence bias: Die Neigung, die Ursache für ein beobachtetes Verhalten zu oft in der handelnden Person und zu selten in den äußeren Bedingungen zu suchen.
  • Bestätigungsfehler, auch confirmation bias: Die Neigung, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie die eigenen Erwartungen erfüllen.
  • Kontrollillusion, auch illusion of control: Die falsche Annahme, zufällige Ereignisse durch eigenes Verhalten kontrollieren zu können.
  • Rückschaufehler, auch hindsight bias: Die verfälschte Erinnerung an eigene Vorhersagen, die bezüglich eines Ereignisses getroffen werden, nach dem Eintreten des Ereignisses.
  • Illusorische Korrelation, die fälschliche Wahrnehmung eines Kausalzusammenhangs zweier Ereignisse.
  • Impact Bias: Die psychischen Auswirkungen eines vorgestellten negativen Ereignisses wie Verlust des Arbeitsplatzes oder Trennung vom Partner werden in Dauer und Tiefe systematisch zu stark erwartet.[1]
  • Scope Insensitivity/Scope neglect, das Nichtbeachten der (geringen) Größe eines Problems. Z. B. erklären sich Menschen in einer Studie bereit im Durchschnitt 78 USD für die Rettung von 20000 Vögeln zu bezahlen. Werden sie hingegen zur Zahlungsbereitschaft zur Rettung von 2000 Vögeln gefragt, kommt im Durchschnitt beinahe der gleiche Wert heraus.[2]
  • Der Aufrechterhaltung eines positiven, konsistenten Selbstbildes dienen die selbstwertdienliche Verzerrung und der Lake-Wobegon-Effekt.
  • Die Neigung, situative Hinweisreize zur Kausalattribution von Emotionen heranzuziehen, siehe Zwei-Faktoren-Theorie der Emotion.
  • Die Neigung, generische als spezifische Maskulina zu lesen bzw. Rollenklischees entsprechende Vermutungen anzustellen (Baggerführer = Mann), siehe Gender Bias.
  • Die Neigung, in Datenströmen Muster zu sehen, selbst wenn gar keine da sind, siehe Apophänie, Clustering-Illusion, Pareidolie.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. D. T. Gilbert, E. C. Pinel, T. D. Wilson, S. J. Blumberg, T. P. Wheatley: Immune neglect: A source of durability bias in affective forecasting. In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 75, 1998, S. 617–638. Online-Text (PDF-Datei; 2,5 MB)
  2. HANEMANN, W. Michael. Valuing the environment through contingent valuation. The Journal of Economic Perspectives, 1994, 8. Jg., Nr. 4, S. 19-43.

Aufsätze[Bearbeiten]

  • J. St. B. T. Evans: Interpretation and matching bias in a reasoning task. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology. Band 24, 1972, S. 193–199.
  • J. St. B. T. Evans, J. L. Barston, P. Pollard: On the conflict between logic and belief in syllogistic reasoning. In: Memory and Cognition. Band 11, 1983, S. 295–306.
  • K. C. Klauer, J. Musch, B. Naumer: On belief bias in syllogistic reasoning. In: Psychological Review. Band 107, 2000, S. 852–884.

Literatur[Bearbeiten]

  • Daniel Kahneman, Paul Slovic, Amos Tversky: Judgment under uncertainty: Heuristics and biases. Cambridge University Press, Cambridge (UK) 1982.
  • Daniel Kahneman (2011): Thinking, fast and slow, Allen Lane Paperback, ISBN 978-1-846-14606-0
  • Ken Manktelow: Reasoning and Thinking. Psychology Press, Hove (UK) 2000, ISBN 0-86377-709-0.
  • R. F. Pohl: Cognitive Illusions: A Handbook on Fallacies and Biases in Thinking, Judgement and Memory. Psychology Press, Hove (UK) 2004, ISBN 1-84169-351-0.

Weblinks[Bearbeiten]