Neumünster (Würzburg)

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Barocke Fassade des Stifts Neumünster, erbaut 1711–1716
Innenraum

Das Neumünster (auch Neumünster St. Johannes Evangelist und St. Johannes der Täufer) ist ein ehemaliges Kollegiatstift (Stift Neumünster, Kollegiatstift Neumünster) und dessen Kirche (Neumünsterkirche) in Würzburg in Bayern in der Diözese Würzburg.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Stelle des heutigen Neumünster errichtete wahrscheinlich schon Bischof Megingaud von Würzburg (im Amt von 754 bis Februar 769) einen Memorialbau, der die Erinnerung an den Martyriumsort von Kilian, Kolonat und Totnan wachhielt. In dieser Kirche wurde zuerst Bischof Burkard (Bischof von 741 bis Februar 754 und gestorben im Februar 755 in Homburg am Main) von Megingaud beigesetzt und später auch Megingaud selbst. Allerdings starb Megingaud am 26. September 783 im Kloster Neustadt am Main und der Sandstein für seinen Sarg stammt zweifellos aus Steinbrüchen rund um Neustadt. Der Sarg steht heute in der Krypta des Neumünster. Die Inschrift auf seinem Grabstein ist die älteste Monumentalinschrift Frankens nach der Römerzeit.

Um 1057 gründete dann Bischof Adalbero von Würzburg mit Unterstützung der polnischen Königin Richeza und der Grafen von Rothenburg-Comburg (vgl. Emehard)[1] das dem Evangelisten Johannes geweihte Stift Neumünster. 1653 wurde Johann von Heppenheim genannt vom Saal (1609–1672), Mainzer Domdekan, später auch Kanzler der Universität Heidelberg, hier zum Stiftspropst gewählt. Die Ende des 17. Jahrhunderts völlig umgestaltete Kirche des Stifts kam 1803 im Zuge der Säkularisation in Bayern in Staatsbesitz und diente zeitweilig als Munitionsdepot, weswegen 1808 die Kreuzbruderschaft ihr Stammgotteshaus vom Neumünster in die Marienkapelle verlegen musste bevor sie 1821 wieder in die Neumünsterkirche zurückkehrte.[2]

Ein selbstständige Kirchenstiftung für die Neumünsterkirche wird 1883 durch staatliche Behörden genehmigt. Eine eigene, von der Dompfarrei getrennte Pfarrei Neumünster wird erst 1907, nachdem 1901 ein eigener Filialkirchenbezirk eingerichtet worden war, gegründet. Die Einrichtung der Neumünsterpfarrei erfolgte unter Bischof Ferdinand Schlör.[3][4]

Seit 1908 ist sie katholische Pfarrkirche, die als Patrozinium St. Johannes der Evangelist und St. Johannes der Täufer besitzt. Beim Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945 erfuhr die Kirche schwere Beschädigungen, sodass u. a. die Altäre im westlichen Teil der Kirche und die Frankenapostelbüsten Tilman Riemenschneiders vernichtet wurden. Ihre Rekonstruktionen befinden sich heute hinter dem Altartisch. Nach dem Wiederaufbau übernahm die Neumünsterkirche von 1950 bis zum Wiederaufbau des Domes 1967 die Funktion der Bischofskirche der Diözese Würzburg.

Architektur und Ausstattung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neumünster mit Westfassade vor dem Kuppelbau
Epitaph von Johannes Trithemius von Tilman Riemenschneider, seit 1825 im Kollegiatstift Neumünster
Fassadengiebelgebälk mit von Jakob van der Auwerra entworfenen Figuren, darunter Auweras „Assunta“
Hauptaltar

Das Neumünster wurde als doppelchörige romanische Basilika mit zwei Querhäusern erbaut, später barock umgestaltet und statt des Westchores mit einem hohen Kuppelbau und barocker Prachtfassade versehen. Die Ausstattung stammt unter anderem von den Gebrüdern Johann Baptist und Dominikus Zimmermann. Dominikus Zimmermann schuf um 1720 vor allem Stuckdekorationen (wie etwa Gipsintarsien am 1945 verbrannten Bonifatiusalter). Ausmalungen (Freskenzyklus und Ölbilder) durch Johann Baptist Zimmermann (1732) und Nikolaus Stuber (1736) gingen weitgehend verloren, wurden nach 1945 jedoch zu einem großen Teil kopiert. Erhalten geblieben ist der Hauptaltar mit Johann Baptist Zimmermanns Johannes auf Patmos von 1724. Zur reichen Altarausstattung der Neumünsterkirche gehörten zudem (größtenteils 1945 verbrannte) Gemälde von Anton Clemens Lünenschloß, Giovanni Conca (um 1690 – 1771) und Joseph Scheubel.[5] Bedeutende Kunstwerke aus vorbarocker Zeit sind die Riemenschneider-Madonna (1493), das ebenfalls von Tilman Riemenschneider geschaffene Grabmal für Johannes Trithemius aus der Schottenkirche St. Jakob und ein gotisches Pestkreuz aus dem 14. Jahrhundert.

In den Jahren 1711 bis 1716 erfolgte unter dem Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau zu Vollraths der Neubau des von dem Architekten Joseph Greising[6] entworfenen Kuppelbaus über der angeblichen Grabstätte der Frankenapostel und am Vorplatz des Kuppelbaus der Anbau der möglicherweise von Johann Dientzenhofer[7] entworfenen und von Greissing und/oder anderen 1712 bis 1716 verwirklichten Westfassade der Stiftskirche. Diese, an die Gestaltung der Fassade der Turiner Kirche San Filippo Neri durch Guarino Guarini erinnernde, Fassade am heutigen Kürschnerhof trägt mittig auf dem Fries ihres Hauptgebälks die Inschrift JOANNES PHILIPPUS EPISCOPUS, den Namen des Fürstbischofs. Auf dem Fries des Fassadengiebelgebälks: SS. MM. CHILIANO ET SOCIIS PATRIAE PATRONIS („Den heiligen Märtyrern Kilian und seinen Gefährten, den Patronen des Vaterlandes“).[8] Der Figurenschmuck (die Stiftspatrone Johannes der Evangelist und Johannes der Täufer, dazwischen der Salvator mundi inmitten der inzwischen ins Stift Haug verbrachten und durch Kopien ersetzten Frankenpatrone und darunter eine Assunta, die Aufnahme Marias in den Himmel) der Neumünsterfassade stammt von dem Hofbildhauer Jakob van der Auwera (1672–1760), von dem etwa auch eine um 1713 entstandene große Mondsichelmadonna am Haus Obere Johannitergasse 17 (heute Domerpfarrgasse 10) stammt. Jakobs Sohn, Johann Wolfgang van der Auwera, schuf ebenfalls (beim Feuersturm von 1945 zerstörte) Arbeiten für das Neumünster.[9]

In der vom Kirchenraum durch abwärtsführende Treppen oder von der Straße direkt zugänglichen Westkrypta, der Kiliansgruft, wo auch der Bischof Matthias Ehrenfried begraben liegt, befinden sich seit der Neugestaltung der Krypta anlässlich des Kiliansjubiläums 1989[10] in einem 1985 von dem westfälischen Künstler Heinrich Gerhard Bücker geschaffenen Schrein die Gebeine der drei Frankenapostel Kilian, Kolonat und Totnan. Ebenfalls in der Kiliansgruft untergebracht sind zwei Steinsärge aus dem 8. Jahrhundert. Der Sarg des zweiten Bischofs Megingaud, gestorben am 26. September 783 im Kloster Neustadt am Main, ist mit der ältesten Monumentalinschrift Frankens nach der Römerzeit versehen. Die Kirche wurde auf der angeblichen Fundstätte der Gebeine errichtet. Die Quelle, die sich dort noch immer befindet, gilt als wundertätig. Seit 1982 birgt die Kiliansgruft auch die Urne von Georg Häfner; die lebensgroße Statue des 2011 seliggesprochenen Priesters und Märtyrers schuf Karlheinz Oswald.

Renovierung bis 2009[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2009 fand eine zweijährige Innenrenovierung und erneute Umgestaltung ihren Abschluss. Anstelle der 1945 zerstörten Barockaltäre im Kuppelraum fanden zwei klassizistische ehemalige Nebenaltäre aus dem Dom St. Kilian hier einen neuen Standort. In die Barockausstattung wurden moderne Werke u. a. von Markus Fräger, Jacques Gassmann, Thomas Lange, Jürgen Lenssen, Michael Morgner, Ernst Singer, Michael Triegel, Hann Trier und Ben Willikens integriert. Hoch im Mittelschiff des Neumünsters sind acht Bilder in leuchtenden Farben von Thomas Lange aus dem Johannesevangelium, die Lebensstationen und Wunder Jesu darstellen.

Während der Renovierungsarbeiten im benachbarten Dom von 2011 bis 2012 war die Neumünsterkirche erneut vorübergehend Bischofskirche von Würzburg.

Lusamgärtchen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkstein für Walther von der Vogelweide und Reste des ehemaligen Kreuzganges

An der Nordseite der Kirche liegt das Lusamgärtchen, früher Kreuzgang des Neumünster-Stifts und Begräbnisstätte, mit einem Gedenkstein von Bildhauer Fried Heuler für den 1230 verstorbenen Walther von der Vogelweide, der mit hoher Wahrscheinlichkeit hier begraben liegt. In diesem Gedenkstein befinden sich vier Mulden für Körner und Wasser (für die Vögel).

Zum Lusamgärtchen gehört der Nordflügel des ehemaligen romanischen Kreuzganges von ca. 1170, von dem 16 Arkaden erhalten sind. Der Zugang ist von der Martinstraße oder durch die Kirche möglich.

Orgel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Orgel

Die große Orgel auf der Westempore wurde 1949 von der Orgelbaufirma Klais (Bonn) erbaut. Das Instrument hat elektrische Spiel- und Registertrakturen. Im Zuge einer umfassenden Renovierung im Jahre 2009 wurde die Disposition geringfügig verändert. Außergewöhnlich ist die Transmission des Bordun 32′ aus dem Pedal in das Hauptwerk.

I Hauptwerk C–g3
1. Bordun (Nr. 41) 32′[Anm. 1]
2. Principal 16′
3. Bordun 16′
4. Oktave 8′
5. Offenflöte 8′
6. Lieblich Gedackt 8′
7. Viola di Gamba 8′[Anm. 2]
8. Superoktave 4′
9. Koppelflöte 4′
10. Spitzflöte 2′
11. Mixtur VI-VIII 113
12. Cornett V 8′[Anm. 3]
13. Trompete 16′
14. Trompete 8′
15. Celesta [Anm. 1]
II Oberwerk C–g3
16. Principal 8′
17. Rohrflöte 8′
18. Violflöte 8′
19. Oktave 4′
20. Blockflöte 4′
21. Schwegel 2′
22. Sifflöte 1′
23. Sesquialter II 223
24. Scharff V–VI 1′
25. Englisch Horn 16′[Anm. 4]
26. Krummhorn 8′
27. Trompete 8′[Anm. 5]
Tremulant
III Schwellwerk C–g3
28. Holzflöte 8′
29. Salicional 8′
30. Vox coelestis 8′[Anm. 1]
31. Principal 4′
32. Querflöte 4′
33. Nasard 223
34. Waldflöte 2′
35. Nachthorn 1′
36. Terzian II 135
37. Mixtur IV–VI 113
38. Fagott 16′
39. Oboe 8′[Anm. 6]
40. Schalmey 4′
Tremulant
Pedal C–g1
41. Untersatz 32′
42. Principalbass 16′
43. Subbass 16′
44. Zartbass 16′
45. Octavbass 8′
46. Flötenbass 8′
47. Choralbass 4′
48. Flachflöte 2′
49. Hintersatz IV–VI 2′
50. Posaune 16′
51. Fagott 16′
52. Basstrompete 8′
53. Clarine 4′
54. Singend Cornett 2′
  • Koppeln:
    • Normalkoppeln: II/I, III/I, III/II, I/P, II/P, III/P
    • Suboktavkoppeln (2009): II/I, III/III, III/I, III/II
    • Superoktavkoppeln (2009): II/I, III/III, III/I, III/II
  • Anmerkungen:
  1. a b c hinzugefügt 2002.
  2. Vormals: Rohrquint.
  3. Vormals: Cymbel.
  4. Vormals: Ranckett.
  5. Aus Schwellwerk. Vormals: Trompete 4′.
  6. Vormals: Trompete 8′.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jürgen Eminger: Die Neumünsterfassade in Würzburg. Tuduv, München 1987, ISBN 3-88073-258-2.
  • Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände; Band 2: Vom Bauernkrieg 1525 bis zum Übergang an das Königreich Bayern 1814. Theiss, Stuttgart 2004, ISBN 3-8062-1477-8, S. 576–678 und 942–952, hier: S. 630–632, 640 f., 644–646, 658, 661 f. und 946.
  • Kuhn, Rudolf (1968) Großer Führer durch Würzburgs Dom und Neumünster: mit Neumünster-Kreuzgang und Walthergrab, S. 108.
  • Alfred Wendehorst: Das Stift Neumünster in Würzburg. Germania Sacra NF 26: Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz. Das Bistum Würzburg 4. de Gruyter, Berlin/New York 1989, ISBN 3-11-012057-7. (online)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Neumünster (Würzburg) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wilhelm Engel in: Willy Schmitt-Lieb, Wilhelm Engel: Würzburg im Bild. Wisli-Mappe, Würzburg 1956, S. 10.
  2. Wolfgang Weiß: Die katholische Kirche im 19. Jahrhundert. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 430–449 und 1303, hier: S. 434.
  3. Wolfgang Weiß: Die katholische Kirche im 19. Jahrhundert. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 430–449 und 1303, hier: S. 431.
  4. Sybille Grübel: Zeittafel zur Geschichte der Stadt von 1814–2006. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. Band 2, 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 1225–1247, hier: S. 1232 und 1235.
  5. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 658 und 662.
  6. Sein Name steht in einer am 18. Juni 1711 im Grundstein des Kuppelbaus versenkten Urkunde.
  7. Rudi Held: Die Fassade der Neumünster-Kirche in Würzburg.
  8. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 630–632, 640 f. (Tafel 53) und 946.
  9. Stefan Kummer: Architektur und bildende Kunst von den Anfängen der Renaissance bis zum Ausgang des Barock. 2004, S. 644–646 und 664.
  10. Klaus Wittstadt: Kirche und Staat im 20. Jahrhundert. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band I-III/2, Theiss, Stuttgart 2001–2007; III/1–2: Vom Übergang an Bayern bis zum 21. Jahrhundert. 2007, ISBN 978-3-8062-1478-9, S. 453–478 und 1304 f., hier: S. 475–478: Die Entwicklung am Ende des 20. Jahrhunderts – die Amtszeit Bischof Paul-Werner Scheeles (1979–2003). S. 477.

Koordinaten: 49° 47′ 37,8″ N, 9° 55′ 53,7″ O