Komplexitätsreduktion

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Geographische Karten veranschaulichen raumbezogene Daten und komplexe Zusammenhänge, sie sind somit ein Beispiel für Komplexitätsreduktion. Das Bild zeigt die Ortelius Weltkarte Typvs Orbis Terrarvm von 1570.

Komplexitätsreduktion ist eine Selektion der tatsächlich in der Umwelt auftretenden und wahrnehmbaren Informationen, die sowohl von Lebewesen vorgenommen wird als auch bei sozialen Systemen auftritt. Technisch gesehen ist Komplexitätsreduktion eine Datenvorverarbeitung oder Filterung.

Ohne Komplexitätsreduktion würde (zumindest bei höher entwickelten Lebewesen, die zur Wahrnehmung vieler verschiedener Arten von Reizen imstande sind) zum einen Reizüberflutung auftreten, so dass die aus der Umwelt auf das Lebewesen einströmenden Informationen nicht oder nicht mehr sinnvoll verarbeitet werden könnten. Zum anderen dient sie der Ermöglichung oder Vereinfachung von Kommunikation.

Lebewesen und soziale Systeme[1] können denselben Lebenssachverhalt auf unterschiedliche Weise in ihrer Komplexität reduzieren.

Komplexitätsreduktion ist grundsätzlich mit Informationsverlust verbunden. Wird die Komplexität des Systems selbst reduziert, so sinkt seine Anpassbarkeit an die Komplexität seiner Umwelt. Oft wird jedoch nur die Komplexität der Darstellung des Systems reduziert und die Komplexität des Systems selbst unverändert gelassen. Die Komplexitätsreduktion ist dann eine unumkehrbare Abbildung, die das Systemverständnis derer, die diese Darstellung nutzen, beschränkt.

Die Seekarte der Jagdgesellschaft in Lewis Carrolls The Hunting of the Snark ist eine Parodie auf die Reduktion von Komplexität.

Eine Parodie auf solch eine Komplexitätsreduktion ist die Seekarte der Jagdgesellschaft in Lewis Carrolls The Hunting of the Snark.[2]

In technischen Systemen erfolgt Komplexitätsreduktion durch verschiedene Arten von Filtern. Ein Beispiel ist die digitale Verarbeitung analoger Signale: Die größte im analogen Signal vorkommende Frequenz muss unterhalb der Hälfte der Abtastfrequenz liegen. Deswegen muss die Komplexität des analogen Signals mit einem Antialiasing-Filter im Frequenzbereich entsprechend reduziert werden, damit es im aufnehmenden Verarbeitungssystem nicht zu Fehlinformationen kommt.

In sozialen Systemen sind Wirtschaftsindikatoren ein Beispiel für Komplexitätsreduktionen. Dieser Indikatoren werden aus einer Menge von Daten berechnet, die aus dem Indikator nicht mehr rückgerechnet werden können. Die Beobachtung von Wirtschaftsindikatoren kann der rückgekoppelten Steuerung der Komplexitätsreduktion dienen. Die Komplexitätsreduktion ist dann variabel: Beobachtet wird zunächst nur der Wirtschaftsindikator; wenn jedoch definierte Auffälligkeiten auftreten, kann entschieden werden, die Komplexitätsreduktion teilweise oder ganz zu umgehen und die einzelnen Daten mit höherem Aufwand genauer zu analysieren. Technisch gesehen entspricht eine solche variable Komplexitätsreduktion einer adaptiven Filterung.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zu den sozialen Systemen zählen auch internationale Akteure wie Staaten, siehe etwa Gert Krell: Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen, 3. Aufl., Baden-Baden 2004, S. 383. ISBN 383290347X
  2. Henry Holidays Illustration zum Vers „He had bought a large map representing the sea, / Without the least vestige of land: / And the crew were much pleased when they found it to be / A map they all could understand.“ in Lewis Carrolls Ballade The Hunting of the Snark, 1876