Konfessionslosigkeit

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Konfessionslosigkeit bezeichnet, dass eine Person keiner Konfession angehört. Allgemeiner spricht man von ohne Bekenntnis (o.B.).

Zum Begriff[Bearbeiten]

Der Begriff Konfession (lateinisch confessio ‚Geständnis‘, ‚Bekenntnis‘) bezeichnet im heutigen Sprachgebrauch eine Untergruppe innerhalb einer Religion (ursprünglich nur der christlichen), die sich in Lehre, Organisation oder Praxis von anderen Untergruppen unterscheidet. Mittlerweile spricht man auch von islamischer oder jüdischer Konfession. Mitglieder nichtchristlicher Religionsgemeinschaften werden jedenfalls nicht allgemein als „konfessionslos“ bezeichnet.

„Personen, die weder einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgesellschaft noch einer staatlich eingetragenen religiösen Bekenntnisgemeinschaft angehören, gelten als Personen ohne Bekenntnis (o.B.).“

Durchführungserlass zum ReligionsunterrichtVorlage:§§/Wartung/alt-URL. Gfz: BMUKK-10.014/2-III/3/2007 (auf uibk.ac.at)[1]

Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, sind häufig Atheisten oder Agnostiker, können aber auch anderen oder keiner Gruppe angehören.

Im westlichen und mittleren Europa gibt es seit dem 19. Jahrhundert die Tendenz zunehmender Konfessionslosigkeit.

Konfessionslosigkeit mit oder ohne Religion[Bearbeiten]

Zum Teil wird der Begriff im Sinne von religionslos gebraucht. Einige halten eine solche Verwendung des Begriffs jedoch für „nicht immer zutreffend“, da es Menschen gebe, die keiner Glaubensgemeinschaft angehörten, die aber dennoch religiös seien. (Diese sähen sich selbst als konfessionslos oder überkonfessionell, nicht aber als „religionslos“ an)

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde durch Erlass des Reichsinnenministeriums vom 26. November 1936 auf den Melde- und Personalbögen der Einwohnermeldeämter sowie den Personalpapieren der Begriff gottgläubig eingeführt. Als gottgläubig galt, wer sich von den anerkannten Religionsgemeinschaften abgewandt hatte, jedoch nicht glaubenslos war.

Kritik am Begriff[Bearbeiten]

Die Verwendung des Begriffs konfessionslos ist umstritten. Organisationen wie der Humanistische Verband Deutschlands oder die Giordano-Bruno-Stiftung verwenden stattdessen den Begriff „konfessionsfrei“, da die Endung „-los“ zu Unrecht das Fehlen von etwas ausdrücke. Keine Konfession im traditionellen, religiös geprägten Sinne zu haben, sei kein Mangel. Daher sei der Begriff „konfessionsfrei“ inhaltlich zutreffender.[2][3][4]

Nationales[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Konfessionsloser Bevölkerungsanteil in Deutschland nach dem Zensus 2011 (inkl. „andere Religion“ und „keine Angabe“)
Rechtliche Situation

Ein förmlicher Kirchenaustritt ist erst seit 1847 in Deutschland möglich. Aktuell gilt in Deutschland das Staatskirchenrecht aus der Weimarer Reichsverfassung. Es ist durch den Weimarer Kirchenkompromiss geprägt und beinhaltet umfangreiche staatskirchenrechtliche Verträge, Konkordate und Regelungen, insbesondere bei Einrichtungen der sozialen Arbeit nach dem Subsidiaritätsprinzip.

Verbandslandschaft

Für die Interessenvertretung der Konfessionslosen in Deutschland haben sich Organisationen, wie z. B. der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), der Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) oder der Bund für Geistesfreiheit Bayern gebildet. Allerdings haben die verschiedenen Verbände einen relativ geringen Organisationsgrad. Der HVD hatte etwa im Jahr 2013[5] kaum mehr als 20.000 Mitglieder, andere, wie die Freidenker, nur wenige Tausend zumeist im Rentenalter befindliche Mitglieder.[6] Traditionell stammten solche Verbände aus einer bewusst antiklerikalen Abgrenzung von den Kirchen und einer Propagierung der Feuerbestattung Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts. Die mittlerweile unter dem Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften vereinten verschiedenen freireligiösen, monistischen und unitarischen Strömungen spielten bei religionsfernen Sozialdemokraten ebenso eine Rolle wie etwa die Deutsche Unitarier Religionsgemeinschaft auch völkisch-antisemitisch motiviert war. Ein eigenständiger DDR-Freidenker-Verband wurde erst 1989 gegründet, im Wesentlichen auf Betreiben der DDR-Staatssicherheit.[6] Die Mehrheit der Konfessionslosen in der heutigen Bundesrepublik gehört offensichtlich keiner einschlägigen Organisation an.

Bevölkerungsanteile

In Deutschland wird die Konfession von Arbeitnehmern zur Ermittlung der zu erhebenden Kirchensteuer staatlich erfasst. Außerdem gehört die Konfession zu den demografischen Merkmalen, die im Rahmen empirischer Untersuchungen (z. B. bei einer Volkszählung) erfragt werden. 1970 wurde vom Statistischen Bundesamt die Zahl von 3,9 % Konfessionslosen in der Bundesrepublik Deutschland ermittelt (evangelisch 49 %, römisch-katholisch 44,6 %, muslimisch 1,3 %). Nach der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland stieg der Anteil der Bevölkerung ohne Konfession bis 1987 auf 11,4 %. Im Gefolge der Wiedervereinigung stieg der Anteil im vereinigten Deutschland auf 22,4 %. Der Anteil der Menschen ohne Konfession in den neuen Bundesländern war signifikant höher, da dort – je nach Statistik – zwischen 65 % und 80 % der Bevölkerung keiner Konfession angehören. Ursächlich für diesen hohen Wert war die atheistische Ausrichtung der DDR, die bekennende Christen zur Republikflucht wie andere zum Kirchenaustritt motivierte. Mittlerweile sind die Konfessionslosen von 32,3 % im Jahr 2004 auf zuletzt 36,6 % im Jahr 2013 angewachsen; sie stellen mit rund 29,6 Millionen Personen im Vergleich mit den beiden Volkskirchen, der römisch-katholischen mit 30,3 % und der EKD mit 28,9 %, heute eine vergleichbar große Gruppe in der Bevölkerung dar.[7][8]

Aktuelle Tendenzen

Aktive Religionspolitik wurde aufgrund des lange vorherrschenden Postulats einer zunehmenden Säkularisierung wenig beachtet oder betrieben.[9][10] In der jüngsten Vergangenheit kam es zu einer Neuformierung eines Religionsverfassungsrechts auf europäischer Ebene.[11] International wie im europäischen Rahmen wird eine wieder zunehmende Bedeutung und Neuformierung von Religion(en) in einer postsäkularen Gesellschaft konstatiert.[12] Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen konstatiert einigen Verbänden, so dem HVD, gegenüber anderen, etwa den als überaltert und eher lethargisch bezeichneten Freidenkern, eine beachtliche, insbesondere auch soziale Arbeit. Die im HVD versammelten „neuen“ Freidenker fordern demnach nicht mehr die radikale Trennung von Staat und Kirche (bzw. Weltanschauung) im Sinne eines traditionellen Laizismus, sondern reklamieren die spezifische deutsche staatliche Unterstützung des Staates für Religionsgemeinschaften auch für sich. Unter anderem in Berlin unterhält der HVD etliche soziale Einrichtungen und will analog zur kirchlichen Seelsorge in der Bundeswehr eine Art „humanistische Beratung“ aufbauen.[6] In einigen Bundesländern besitzen Verbände von Konfessionsfreien so den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Österreich[Bearbeiten]

In Österreich haben sich im Jahr 2009 laizistische Organisationen im Zentralrat der Konfessionsfreien organisiert, der sich als bundesweite Interessenvertretung der österreichischen Konfessionslosen versteht. Im Rahmen der letzten offiziellen Volkszählung im Jahr 2001[13] hatten sich 963.263 Österreicher als konfessionslos deklariert, was einem damaligen Bevölkerungsanteil von rund 12 % entsprach. Da seit der Registerzählung 2011 die Religionszugehörigkeit der Österreicher nicht mehr statistisch erfasst wird, kann der aktuelle Anteil der Konfessionslosen lediglich als Differenz zu den offiziellen Mitgliederzahlen der Religionsgemeinschaften geschätzt werden. Nach entsprechenden Berechnungen[14] des Zentralrates der Konfessionsfreien leben heute etwa 2,4 Millionen Menschen ohne Religionsbekenntnis mit einem Bevölkerungsanteil von rund 29 % in Österreich. Die Katholiken stellen mit aktuell 61,4 % eine absolute Bevölkerungsmehrheit, das Verhältnis der römisch-katholischen Kirche in Österreich zur Republik wurde im Konkordat aus dem Jahr 1933 geregelt, welches im Jahr 1957 auch durch die Zweite Republik anerkannt wurde. Im Jahr 2013 organisierte die Initiative gegen Kirchenprivilegien ein letztlich erfolgloses Volksbegehren, das unter anderem eine Aufkündigung dieses Konkordats forderte. Interessenvertreter für Konfessionslose sind der Ansicht, in Österreich sei die Trennung von Kirche und Staat mangelhaft, und kritisieren die Anbringung religiöser Symbole in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen und Gerichten.[15]

Großbritannien[Bearbeiten]

In Großbritannien genießt die Anglikanische Kirche den Status einer Staatsreligion, der noch im Jahr 1983 eine relative Mehrheit von 40 % der Bevölkerung angehörte. Mittlerweile hat sich deren Mitgliederzahl auf rund 16 % reduziert, womit heute die Gruppe der Konfessionslosen mit mehr als 50 % eine absolute Bevölkerungsmehrheit darstellt.[16]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. als Beispiel, Österreich: gesetzlich anerkannte Kirche oder Religionsgesellschaft und staatlich eingetragene religiöse Bekenntnisgemeinschaft sind zwei der Formen der Anerkannten Religionen in Österreich;
    vergl. zu weiterer Verwendung auch „Für die Zeit zwischen dem Austritt aus der einen und dem Eintritt in eine andere Glaubensgemeinschaft gilt man als Person ohne Bekenntnis (o.B.).“ in Allgemeines zum Übertritt in eine andere Glaubensgemeinschaft, help.gv.at
  2. http://humanismus.de/wir-ueber-uns
  3. wissenrockt.de: Interview mit Horst Groschopp, Direktor der Humanistischen Akademie Deutschland. Juni 2011. Abgerufen am 16. Februar 2015.
  4. Wolfgang Proske: Auf dem Weg zum "Zentralrat der Konfessionsfreien". März 2005. Abgerufen am 16. Februar 2015.
  5. REMID (2013)
  6. a b c Zeitgeschehen Der verlängerte Arm einer herrschenden Partei – Vor 15 Jahren wurden die DDR-Freidenker gegründet, Andreas Fincke EKD EZW
  7. Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland: Religionszugehörigkeit, Deutschland Bevölkerung 1970–2011. Januar 2011. Abgerufen am 16. Februar 2015.
  8. Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland: Religionszugehörigkeit, Deutschland Bevölkerung 2010-2013. Februar 2014. Abgerufen am 16. Februar 2015.
  9. Religionspolitik – Öffentlichkeit – Wissenschaft: Studien zur Neuformierung von Religion in der Gegenwart Martin Baumann, Frank Neubert, Theologischer Verlag, Zürich 2011.
  10. Europäische Religionspolitik Politik und Religion Volume 14, 2013, S. 141–151. Zur Genese des europäischen Religionsverfassungsrechts als responsiver Ordnung – oder: Der europäische Stiersprung, Michael Droege
  11. Europäische Religionspolitik Politik und Religion Volume 14, 2013, S. 175–196. Auf dem Weg zu einem europäischen Religionsverfassungsrecht? – Aktuelle Überlegungen aus deutscher Perspektive, Ansgar Hense
  12. vgl. Charismatisch-pfingstliches Christentum: Herkunft, Situation, ökumenische Chancen, Walter J. Hollenweger, Vandenhoeck & Ruprecht, 1997
  13. Statistik Austria: Bevölkerung nach dem Religionsbekenntnis und Bundesländern 1951 bis 2001, abgerufen am 19. Februar 2015
  14. Statistik 2014, Zentralrat der Konfessionsfreien, abgerufen am 25. April 2015
  15. Kreuzdebatte Österreich, abgerufen am 19. Februar 2015
  16. British Social Attitudes Report 31, abgerufen am 1. Februar 2015