Konstituente

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Der Ausdruck Konstituente (von lateinisch constituens, Partizip I von constituere „aufstellen, einsetzen“)[1] bezeichnet allgemein eine Einheit, die „Teil einer größeren, komplexeren Einheit ist“.[1] In der Sprachwissenschaft werden damit Teile einer größeren sprachlichen Einheit bezeichnet.

In einem weiteren Sinn gibt es Konstituenten „auf jeder Ebene“.[2] Auch „Bestandteile von Wörtern (können) als Konstituenten bezeichnet werden“.[3] Dazu siehe auch: IC-Analyse. Ebenso gibt es Konstituenten von Bedeutungen.[4]

Der Ausdruck entstammt der amerikanischen strukturalistischen Linguistik und wird vor allem mit Konstituentengrammatiken assoziiert.[5] Der Konstituentenbegriff ist aber auch auf Dependenzstrukturen der Dependenzgrammatiken anwendbar, da auch Dependenzstrukturen zerlegt werden können.[6]

Zur Feststellung von Konstituenten hat man eine Reihe von Tests durchgeführt, die sogenannten Konstituententests.

Im Folgenden geht es nur um Konstituenten im Sinne von Satzelementen.

Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Konstituente kann wie folgt definiert werden:

Konstituente
Eine Gruppe von Wörtern, die von einer syntaktischen Regel als Einheit behandelt werden.[7]

In einer Baum­struktur entspricht eine Konstituente dem ganzen Baum oder einem kompletten Teilbaum des Baumes. Dieser Definition nach entspricht also jedem Knoten im Baum eine Konstituente.

Konstituenten in Konstituentengrammatiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Definition nach enthält der folgende Baum der Konstituentengrammatik elf Konstituenten:

Konstituenten im Konstituentenstrukturbaum

Die folgenden Wörter und Wortkombinationen im Baum sind Konstituenten: dieser, Baum, hat, genau, elf, Konstituenten, dieser Baum, genau elf, genau elf Konstituenten, hat genau elf Konstituenten, Dieser Baum hat genau elf Konstituenten. Der Baum zeigt aber nur eine der denkbaren Analysen. Bei einer anderen Zerlegung der Konstituenten ändert sich die Wortkombinatorik, z. B.

Konstituenten im Konstituentenstrukturbaum

Dieser Baum enthält eine Konstituente weniger; es gibt keine finite VP-Konstituente, d. h. hat genau zehn Konstituenten gilt hier nicht als Konstituente.[8] Die Zerlegung von Sätzen in Konstituenten kann also sehr wohl zu verschiedenen Ergebnissen führen, je nachdem welche Grundannahmen der Zerlegung unterstellt werden.

Konstituenten in Dependenzgrammatiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Konstituentenbegriff entstammt dem amerikanischen Strukturalismus, der vor allem mit den Arbeiten von Leonard Bloomfield, Rulon Wells, und dem jungen Noam Chomsky assoziiert ist. Der amerikanische Strukturalismus ging aber vom Prinzip der Konstituenz aus, d. h. syntaktische Strukturen fußten auf dem Prinzip der Konstituenz. Wenn man aber die obige Definition auf dependenzgrammatische Strukturen anwendet, können diese sehr wohl auch in Konstituenten zerlegt werden. Der obige Satz enthält aber weit weniger Konstituenten, nur sechs statt elf oder zehn:

Konstituenten im Dependenzbaum

Da der Baum nur sechs Knoten hat, enthält er nur sechs Konstituenten: dieser, genau, dieser Baum, genau sechs, genau sechs Konstituenten, und Dieser Baum hat genau sechs Konstituenten. Ein zweites Beispiel eines Dependenzbaums unterstreicht den Unterschied:

Konstituenten im Dependenzbaum

Da dieser Baum zwölf Knoten enthält, enthält er auch zwölf Konstituenten. Der entsprechende Konstituenzbaum dieses Satzes enthält weit mehr Konstituenten:

Konstituenten im Konstituentenstrukturbaum

Dieser Baum hat 19 Knoten, also enthält er 19 Konstituenten. Dabei ist zu merken, dass die Struktur der VP vergleichsweise flach ist. Bei einer geschichteten (=tieferen) VP gäbe es mehr als 19 Konstituenten. Der Vergleich von Dependenz- mit Konstituenzstrukturen zeigt, dass das Verständnis, was als Konstituente gilt, davon abhängt, ob man Dependenz oder Konstituenz als Grundprinzip der Syntax annimmt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vilmos Ágel u. a. (Hrsg.): Dependenz und Valenz. In: Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft. 25/1-2, S. 188–229. Mouton de Gruyter, Berlin/ New York 2003/6.
  • Leonard Bloomfield: Language. Henry Holt, New York 1933.
  • Noam Chomsky: Syntactic Structures. Mouton, The Hague/Paris 1957.
  • Timothy Osborne, Michael Putnam, Thomas Groß: Bare phrase structure, label-less trees, and specifier-less syntax: Is Minimalism becoming a dependency grammar? In: The Linguistic Review. 28, 2011, S. 315–364.
  • Lucien Tesnière: Éleménts de syntaxe structurale. Klincksieck, Paris 1959.
  • Rulon S. Wells: Immediate Constituents. In: Language. 23, 1947, S. 81–117.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Konstituente – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Duden, Online, http://www.duden.de/zitieren/10132655/2.2
  2. Achim Stein: Einführung in die französische Sprachwissenschaft. 3. Auflage. Metzler, Stuttgart/ Weimar 2010, S. 49 f.
  3. Christa Dürscheid: Syntax. Grundlagen und Theorien. 5. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2010, ISBN 978-3-8252-3319-8, S. 29. (UTB, 3319)
  4. Michael Schlaefer: Lexikologie und Lexikographie. 2. Auflage. E. Schmidt, Berlin 2009, S. 187: Konstituent ist ein „Element im strukturhaften Aufbau von Wortbildungen, Sätzen, Bedeutungen“.
  5. Vgl. Bloomfield (1933), Wells (1947), und Chomsky (1957).
  6. Die Dependenzgrammatik beruht vor allem auf dem Lebenswerk von Lucien Tesnière (1959). Siehe auch Ágel u. a. (2003/6).
  7. Andrew Carnie (2010): Constituent Structure, 2nd edition, Oxford University Press. S. 18.
  8. Was der Status einer finiten VP-Konstituente betrifft, vgl. Osborne u. a. (2011:323-4).