Koranismus

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Der Koranismus (arabisch القرآنية, DMG al-Qurʾāniyya) ist eine Strömung im Islam, deren Anhänger allein den Koran als Quelle des Glaubens ansehen und Hadithe als theologische Quelle neben dem Koran ablehnen.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im traditionellen sunnitischen Verständnis des Islams gilt der Koran als Hauptquelle des Glaubens und der Glaubenspraxis, er wird aber interpretiert unter Bezug auf die Prophetenbiographie (Sira) von Mohammed, auf Spruchsammlungen des Propheten wie die des Buchārī und sprachliche Erläuterungen wie die des Tabari. Diese Quellen sind deutlich später als der Koran entstanden, und sie legen für den Korantext einen Sinn fest, der oft nicht unmittelbar dem Text zu entnehmen ist. Die Gültigkeit und Wertigkeit der einzelnen Hadithe ist auch im traditionellen Islam umstritten, dennoch werden sie mehrheitlich nicht komplett abgelehnt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon im 8. Jahrhundert berichtet Muhammad ibn Idrīs asch-Schāfiʿī von der sogenannten Ahl al-Kalām, einer islamischen Gruppierung, die, nach Daniel Browns Ansicht, die Autorität des Hadith vollständig ablehnten. Der Hadith dürfe laut ihnen nie über den Koran bestimmen.[1]

Im 19. und 20. Jahrhundert erschienen wieder koranistische Verständnisweisen von verschiedenen Personen. Im asiatischen Bereich waren dies unter anderem Sayyid Ahmad Khan und Abdullah Chakralawi.

Später folgten unter anderem Ghulam Ahmad Parwez, Edip Yüksel, Kassim Ahmad und Rashad Khalifa, der Entdecker des 19er Korancodes.

Glaubensgrundlage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Koranismus gilt einzig und allein der Koran und die daraus folgenden Interpretationen, als Glaubensquelle. Anders als andere islamische Strömungen, werden externe Quellen, wie die Hadithe als Glaubensinhalte abgelehnt. Insbesondere wird das Konzept der Abrogation abgelehnt, was zur Folge hat, dass die Interpretation des Koranismus erheblich von den orthodoxen Lehrmeinungen abweicht. Viele Vertreter des Koranismus in islamischen Staaten wurden verfolgt, was diese zur Emigration zwang.

Vergleichbare Ansätze gibt es im Judentum bei den Karäern und im (vor allem evangelischen) Christentum mit dem Konzept sola scriptura.

Als Glaubensgrundlage werden unter anderem verschiedene Verse aus dem Koran genommen, welche den koranistischen Ansatz legitimieren würden. Als Beispiele lassen sich nennen:

"6:38 Es gibt kein Tier auf der Erde und keinen Vogel, der mit seinen Flügeln fliegt, die nicht Gemeinschaften wären gleich euch. Wir haben im Buch nichts vernachlässigt. Hierauf werden sie zu ihrem Herrn versammelt."

"6:114 Soll ich denn einen anderen Schiedsrichter als Allah begehren, wo Er es doch ist, der das Buch, ausführlich dargelegt, zu euch herabgesandt hat? Diejenigen, denen Wir die Schrift gaben, wissen, daß es von deinem Herrn mit der Wahrheit herabgesandt wurde. So gehöre ja nicht zu den Zweiflern."

"12:1 Alif-Lām-Rā. Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches."[2]

Dogmatische Unterschiede zum traditionellen Islam[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Salāt (Gebet)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch die koranistische Auslegung des Korans entstehen Unterschiede zum traditionellen Islam hinsichtlich der Ausübung und des Verständnisses des Glaubens. So gibt es Koranisten, die zum Beispiel aus dem Koran nur zwei bzw. drei tägliche Gebete herauslesen, während andere hingegen das arabische Wort Salāt als einen spirituellen Kontakt bzw. eine spirituelle Hingabe zu Gott, durch die Befolgung des Korans, ansehen, und es daher nicht als einen Ritus ansehen.

Die Segenssprüche für die Propheten, die einen Bestandteil des traditionellen Salāt darstellen, werden bei vielen Koranisten ausgelassen. Auch die genau traditionelle Abfolge des Salāt, sowie das Reinigen der Nase, des Mundes und der Ohren bei der rituellen Gebetswaschung (Wudū') sehen viele Koranisten nicht als zwingend notwendig an, da diese nicht im Koran erwähnt werden.

Andere mögliche Unterschiede sind zum Beispiel, dass menstruierende Frauen, nach Meinung vieler Koranisten, auch beten dürfen, Männer und Frauen in einer Moschee zusammen beten dürfen, dass es kein Nachholen des Salāt gibt etc.[3][4][5][6]

Schahāda (Glaubensbekenntnis)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Ansicht vieler Koranisten lautet die richtige Schahāda: Lā ilāha illā ʾllāh(u) : „Es gibt keinen Gott außer Gott“. Somit wird der traditionelle zweite Teil der traditionellen Schahāda bewusst ausgelassen, da unter anderem dieser so im Koran nicht vorkommt.[7][8]

Zakāt (Almosensteuer)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im traditionellen Islam ist das Geben der Zakāt eine religiöse Pflicht. Diese beträgt 2,5 Prozent des jährlichen Einkommens. Viele Koranisten hingegen sehen diesen Prozentsatz nicht vor, da dieser nicht explizit im Koran vorkommt. Auch gibt es Koranisten, die das Wort Zakāt eher als eine Läuterung, eine symbolische Reinigung der Seele von seinen Sünden, ansehen, da das arabische Wort "Zakāt" von der arabischen Wurzel zāy kāf wāw stammt, welches auch "Reinheit bzw. Reinigung" bedeutet.[9][10][11][12]

Vertreter[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ahmed Subhy Mansour (geboren 1949), ist ein ägyptischer islamischer Wissenschaftler.[13] Er musste wegen seiner Ansichten Ägypten verlassen und lebt in den USA.[14]
  • Chekannur Maulavi (geboren 1936; unter ungeklärten Umständen am 29. Juli 1993 verschollen[15]) ist ein progressiver islamischer Geistlicher, der in Kerala (Indien) lebte. Er vertrat unkonventionelle Positionen zum Islam, die er allein aus dem Koran begründete.
  • Edip Yüksel (geboren 1957) ist ein Kurde aus der Türkei. Er vertrat bis ca. 1985 islamistische Positionen, und musste, nachdem er nur noch allein den Koran gelten ließ, die Türkei 1989 verlassen und lebt seitdem in den USA. Er schrieb mehrere Bücher zum Koran, darunter eine neue Übersetzung ins Englische.
  • Kassim Ahmed (geboren 1933) stammt aus Malaysia. Er schrieb das Buch Hadith: A Re-evaluation, in dem er bestritt, dass die Hadithe eine Grundlage bei Mohammed oder im Koran haben.
  • Kerem Adigüzel ist ein schweizerischer Autor und Koranexeget. Er veröffentlichte sein Buch Schlüssel zum Verständnis des Koran und betreibt die Website alrahman.de. Im Jahr 2017 gründete Adigüzel den Verein Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe, dessen Ziel ist, einen aufgeklärten, koranistischen Islam in der Gesellschaft zu verbreiten.[16]
  • Muhammad Tawfīq Sidqī (1881–1920). Er war ein ägyptischer Arzt, der vor allem Beiträge zu der Zeitschrift al-Manār von Raschīd Ridā leistete. Im August 1906 veröffentlichte er in al-Manār einen Artikel mit dem Titel "Der Islam ist nur der Koran allein" (al-Islām huwa al-Qurʾān waḥda-hū).[17] Darin kritisierte er die Sunna und vertrat die Auffassung, dass sich die Muslime allein auf den Koran stützen sollten, da die Handlungsweise des Propheten nur für die ersten Generationen der Muslime als Vorbild intendiert gewesen sei. Der Artikel, der das Ergebnis von Diskussionen mit Raschīd Ridā war, bei denen Sidqī seine Ideen von der zeitlichen Beschränktheit der Sunna vorgetragen hatte, stieß bei den zeitgenössischen muslimischen Gelehrten auf heftige Ablehnung, und es gab mehrere von ihnen, die dazu Widerlegungen verfassten; diese wurden wiederum in al-Manār veröffentlicht.[18]
  • Rashad Khalifa (1935–1990), ist ein ägyptischer Biochemiker und Reformer, der später in den USA lebte. In seinem Buch Quran, Hadith and Islam und in seiner englischen Übersetzung des Korans argumentierte er, dass der Koran die einzige Quelle des islamischen Glaubens und Praxis sei. Er erklärte, dass Hadithe und die Sunna 'satanische Erfindungen' seien. Ferner stellte er Spekulationen über die Zahl 19 im Koran an. Er wurde ermordet.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Abdur Rab: Rediscovering Genuine Islam: The Case for a Quran-Only Understanding, CreateSpace Independent Publishing Platform, 2014. ISBN 978-1-495-28717-6 (englisch).
  • Aisha Y. Musa: Hadith as Scripture: Discussions on the Authority of Prophetic Traditions in Islam, New York: Palgrave, 2008. ISBN 0-230-60535-4 (englisch).
  • Ali Usman Qasmi: Questioning the Authority of the Past: The Ahl al-Qur'an Movements in the Punjab, Oxford University Press, 2012. ISBN 0-195-47348-5 (englisch).
  • Daniel Brown: Rethinking Tradition in Modern Islamic Thought, Cambridge University Press, 1996. ISBN 0-521-65394-0 (englisch).
  • Edip Yüksel: The Quran: A Reformist Translation (2007–2012), Brainbow Press, ISBN 978-0-9796715-0-0 (englische Übersetzung des Korans)
  • Edip Yüksel: Manifesto for Islamic Reform, Brainbow Press, 2007–2012. ISBN 978-0-9796715-6-2 (englisch).
  • Kerem Adigüzel: Schlüssel zum Verständnis des Koran, lulu.com, S.l. 2015, ISBN 978-1-326-39991-7

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Daniel W. Brown: Rethinking tradition in modern Islamic thought. 1996, ISBN 978-0-521-57077-0, S. 13–14.
  2. islam.de / Quran Übersetzung /. Abgerufen am 22. August 2018.
  3. https://www.alrahman.de: Die erfundene Religion und der Koran - Kapitel 36: Gebet - alrahman. In: alrahman. 6. März 2006 (alrahman.de [abgerufen am 21. August 2018]).
  4. https://www.alrahman.de: Menstruation und Beten im Islam, Fasten während der Menstruation... - alrahman. In: alrahman. 18. Juli 2013 (alrahman.de [abgerufen am 21. August 2018]).
  5. Paigham Mustafa: The Quran: God's Message to Mankind. Hrsg.: Xeitre-Signat. Xeitre-Signat, S. 12, 123 ff., etc.
  6. An understanding of salat (slw) from Al Quran. Abgerufen am 21. August 2018.
  7. The Shahada (Proclamation of Faith) of the Believers | Submission.org - Your best source for Submission (Islam). Abgerufen am 21. August 2018 (englisch).
  8. https://www.alrahman.de: Die Shahadah: Das Glaubensbekenntnis der Ergebenen - alrahman. In: alrahman. 15. März 2007 (alrahman.de [abgerufen am 21. August 2018]).
  9. Andreas Heisig: Zakat im Koran. Abgerufen am 21. August 2018 (deutsch).
  10. Zakat – Muslims for Allah / Quran Alone / Quranists / Submission/ Islam. Abgerufen am 21. August 2018 (amerikanisches Englisch).
  11. https://www.alrahman.de: DeRudKR - Kap. 36: Almosen und Wohltätigkeit - alrahman. In: alrahman. 6. März 2006 (alrahman.de [abgerufen am 21. August 2018]).
  12. Mawrid Reader. Abgerufen am 21. August 2018.
  13. About Us. Ahl-alquran.com. Abgerufen am 10. April 2018.
  14. Muslims' Unheralded Messenger; Antiterrorism Group Founder Hopes To Rally a Crowd. Abgerufen am 10. April 2018.
  15. Girja Kumar, The Book on Trial: Fundamentalism and Censorship in India, Har Anand Publications, 1997, pp. 34–35
  16. Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe. Abgerufen am 11. Mai 2018 (Schweizer Hochdeutsch).
  17. Der Text ist hier einsehbar.
  18. G. H. A. Juynboll: The authenticity of the tradition literature: Discussions in modern Egypt. Brill, Leiden 1969, S. 23–30.