Kosmodrom Wenchang

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Koordinaten: 19° 37′ 38″ N, 110° 57′ 3″ O

Kosmodrom Wenchang (China)
Jiuquan
Jiuquan
Taiyuan
Taiyuan
Xichang
Xichang
Wenchang
Wenchang
Kosmodrome in der Volksrepublik China

Das Kosmodrom Wenchang (chinesisch 文昌卫星发射中心 Wénchāng Wèixīngfāshèzhōngxīn) im Nordosten der Insel Hainan auf dem Gebiet der Großgemeinde Longlou (龙楼镇) der kreisfreien Stadt Wenchang ist der für die nächste Generation von Trägerraketen und Raumfahrzeugen geplante südlichste der vier Weltraumbahnhöfe der Volksrepublik China. Raketen können von dort aus die Startphase über dem Meer verbringen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Knapp 200 km westlich des heutigen Standorts, gut 200 m östlich des Dorfs Fuke (富克村) der Großgemeinde Yaxing (雅星镇) der bezirksfreien Stadt Danzhou befindet sich seit 1988 ein sehr einfaches Startgelände für Suborbital-Raketen vom Typ Zhinü (织女). Im Jahr 1986 hatte das damalige Institut für Weltraumphysik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (中国科学院空间物理研究所, Pinyin Zhōngguó Kēxuéyuàn Kōngjiān Wùlǐ Yánjiūsuǒ, das heutige Nationalen Zentrum für Weltraumwissenschaften) eine „Abteilung für Weltraumerkundung“ (探空部, Pinyin Tànkōng Bù) gegründet,[1] die wiederum 1987 an der Westküste der Insel Hainan, am Golf von Tonkin, eine Außenstelle errichtete, die sich mit der Erforschung der Hochatmosphäre, insbesondere der Ionosphäre bis in eine Höhe von 120 km, befassen sollte.[2] Als eine von mehreren Einrichtungen der Außenstelle Hainan der Abteilung für Weltraumerkundung wurde im Sommer 1988 am Stadtrand der damaligen Großgemeinde Fuke ein einfaches, 6000 m² messendes Raketenstartgelände angelegt, offiziell als „Startplatz für Weltraumerkundungsraketen der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, Hainan“ (中国科学院海南探空火箭发射场, Pinyin Zhōngguó Kēxuéyuàn Hǎinán Tànkōng Huǒjiàn Fāshèchǎng) bezeichnet. Dies war das erste zivile Kosmodrom Chinas.

Das Gelände bestand nur aus einer 225 m² großen betonierten Fläche, auf der die mobile Abschußrampe für die rund 7 m langen Raketen mit einem Durchmesser von 30 – 40 cm sicher geparkt werden konnte, einem Kommandobunker und einer Werkstatt für die Endmontage der in Einzelteilen vom Festland angelieferten Raketen. Bei Starts kommen noch zwei auf Lastwagen montierte Radargeräte hinzu, die die Telemetriedaten der Raketen empfangen. Gleich beim ersten Start einer Zhinü 1 (织女一号) am 25. Dezember 1988 zeigte sich ein grundsätzliches Problem des Standorts Hainan: durch die hohe Luftfeuchtigkeit war der Festtreibstoff der Rakete feucht geworden und konnte nicht genügend Schubkraft liefern. Die Rakete stürzte nach kurzem Flug wenige Kilometer entfernt in einen Acker, wo sie von den Wissenschaftlern erst nach zweitägiger Suche gefunden wurde und für 200 Yuan (damals der Preis einer Übernachtung in einem Viersterne-Hotel) von den unkooperativen Landwirten zurückgekauft werden musste.

Die Einrichtung in Fuke existiert immer noch (19° 31′ 16,3″ N, 109° 8′ 53,2″ O), aber seit 1991 finden dort keine Starts mehr statt. Stationsleiter Wan Zhenfu (宛振福), ein Veteran der ersten Stunde, erfüllte dort zeitweise nur noch eine Hausmeisterfunktion.[3] Die Hauptverwaltung in Danzhou wird dagegen derzeit zu einem Forschungszentrum für kurze Raumflüge ausgebaut.[4]

Bereits 1975 hatte ein leitender Angestellter des damaligen Siebten Ministeriums für Maschinenbauindustrie (第七机械工业部, Pinyin Dì Qī Jīxiè Gōngyè Bù, eine Vorläuferorganisation der heutigen Nationalen Raumfahrtbehörde) vorgeschlagen, dass China auf Hainan ein Kosmodrom speziell für den Start von geostationären Satelliten bauen sollte. Durch die Nähe zum Äquator am 19. Grad nördlicher Breite wäre eine Steigerung der Ladungseffizienz um 7,4 Prozent gegenüber den anderen, weiter nördlich gelegenen Startplätzen möglich, was eine Erhöhung der Nutzlast einer gegebenen Rakete bedeuten würde. Außerdem bräuchte ein von Hainan aus gestarteter Satellit nach dem Abtrennen von der Trägerrakete weniger Treibstoff, um seine geostationäre Position 35.786 km über dem Äquator zu erreichen, Treibstoff, der später bei eventuellem Bahnverfall für Kurskorrekturen verwendet werden kann und somit dem Satelliten eine um mindestens 2 Jahre längere Lebensdauer gewährt.[5] Damals befand man sich jedoch noch in der Kulturrevolution, und der Vorschlag wurde aus politischen Gründen abgelehnt. In Zeiten des Kalten Krieges hielt man einen Standort in Küstennähe für zu gefährdet durch ausländische Mächte.[6]

Andererseits gibt es aber auch konkrete technisch-geographische Gründe, die gegen den gegenwärtigen Standort des Kosmosdroms sprechen. Schon 1987 hatte es von Seiten der Akademie der Wissenschaften Überlegungen gegeben, den Startplatz für die Suborbital-Raketen an der Ostküste anzulegen. Wegen des sumpfigen Geländes in Meeresnähe und der dadurch bedingten hohen Investitionen für eine Befestigung des Untergrunds sowie der relativ hohen Bevölkerungsdichte an der Ostküste Hainans entschied man sich dann doch für Danzhou.[7]

Die Insel Hainan gehörte, unterteilt in die Präfekturen Daner (儋耳郡) und Zhuya (珠崖郡),[8] seit 110 v. Chr. zur chinesischen Provinz Jiaozhi (交阯), dem heutigen Guangdong.[9][10] Im April 1988 wurde die Insel dann zu einer eigenständigen Provinz und gleichzeitig Chinas größter Sonderwirtschaftszone ernannt. Erster Gouverneur der neuen Provinz wurde Liang Xiang (梁湘, 1919–1998), der seit 1987 die verwaltungsmäßigen Vorbereitungen zur Unabhängigkeit geleitet hatte. Ein Jar später, 1989, betreute der mit Liang Xiang befreundete Raumfahrtingenieur He Zhibin (何质彬, *1939), der gerade die Akademie der Wissenschaften verlassen hatte, um für die Hainaner Aufbaufluggesellschaft (海南建设航空公司, die Vorläuferorganisation der Hainan Airlines) zu arbeiten, eine Delegation von sechs großen Finanzgruppen aus Japan, die nach eigenen Angaben vom Weltraumforschungsinstitut der damaligen Behörde für Wissenschaft und Technologie Japans auf die Insel entsandt worden waren.[11] Die Japaner waren von der äquatornahen Lage Hainans und den Konditionen für Investoren in der Sonderwirtschaftszone begeistert. Sie boten an, 40 Milliarden Dollar zu investieren, um auf Hainan den größten Weltraumbahnhof Asiens zu bauen.

Kaum waren die Investoren wieder nach Japan zurückgekehrt, schickte He Zhibin einen Bericht an die Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie für Landesverteidigung sowie an das Ministerium für Luft- und Raumfahrtindustrie (航空航天工业部, Pinyin Hángkōng Hángtiān Gōngyè Bù, die unmittelbare Vorläuferorganisation der heutigen Nationalen Raumfahrtbehörde), worin er das Ansinnen der Japaner unterstützte. Angesichts der Tatsache, dass Hainan gerade erst zur Provinz ernannt worden war, es noch an der Infrastruktur mangelte und man diese nicht ausländischen Investoren überlassen wollte – Satellitenstarts mit ausländischen Partnern waren am 26. Oktober 1985 genehmigt worden – lehnte die chinesische Regierung den Plan jedoch ab. Am 14. September 1989 wurde dann auch Gouverneur Liang Xiang vom Ministerium für Disziplinaraufsicht der schweren Korruption angeklagt und aller Ämter enthoben,[12] womit sich das Projekt Weltraumbahnhof zunächst erledigt hatte.[13]

Mit dem Nachrichtentechnik-Ingenieur Liu Jianfeng (刘剑锋, * 1936) aus Tianjin wurde auf Empfehlung von Premierminister Li Peng ein auf der Insel nicht vernetzter Nordchinese zum neuen Gouverneur ernannt. Liu verlustierte sich jedoch in Grabenkämpfen mit dem Provinzvorsitzenden der KPCh, was eine geschlossene Interessenvertretung Hainans auf nationaler Ebene verhinderte und die Entwicklung der Insel behinderte.[14] Als 1990 im Rahmen der Vorplanungen für ein bemanntes Raumfahrtprogramm über die Errichtung eines vierten, speziell für schwere Trägerraketen gedachten Kosmodroms nachgedacht wurde, war es wieder He Zhibin, der einen formalen Antrag für einen Bau besagten Kosmodroms in Hainan einreichte. Die äquatornahe Lage der Insel war in der Tat ein starkes Argument für den Standort, aber nachdem zahlreiche Experten den Antrag ausführlich erörtert hatten, war es wieder die mangelnde Infrastruktur, die zu seiner Ablehnung führte. Es hätte einer Investition von mindestens 20 Milliarden Yuan bedurft, was damals für die Regierung in Peking inakzeptabel war. Als das bemannte Raumfahrtprogramm am 21. September 1992 per Beschluss des Ständigen Ausschusses des Politbüros der Kommunistischen Partei Chinas offiziell gestartet wurde, wegen des Datums „Projekt 921“ (921工程, Pinyin 921 Gōngchéng) genannt, wurde dort das Kosmodrom Jiuquan als Startplatz für die Raumschiffe bestimmt.

Nach dem Ende des Kalten Krieges gab es immer noch die seit den 1950er Jahren schwelenden und immer wieder eskalierenden Territorialkonflikte im Chinesischen Meer, die für Hainan durchaus eine militärische Bedrohung darstellen. Nichtsdestotrotz nahm die Diskussion um ein Kosmodrom auf der Insel ab 1994 wieder Fahrt auf. He Zhibin, mittlerweile Stellvertretender Minister für Wissenschaft und Technologie der Provinz Hainan, lud immer wieder Raumfahrtexperten auf die Insel ein und ließ mehrere Machbarkeitsstudien erarbeiten. Um die Booster – und bei eventuellen Unfällen die Trümmer – der mit der Erdumdrehung in östlicher Richtung startenden Raketen ins Meer fallen zu lassen, kam nur ein Standort an der Ostküste der Insel in Frage. Fünf Orte wurden in die engere Wahl gezogen, und zwar, von Nord nach Süd:

Mitte der 1990er Jahre war die chinesische Raumfahrt auf zwei Behörden aufgeteilt. Die Infrastruktur, also die Kosmodrome und das Satellitenkontrollzentrum Xi’an, unterstanden der Kommission für Wissenschaft, Technik und Industrie für Landesverteidigung, während die Anstalt für Raumfahrtindustrie (中国航天工业总公司, Pinyin Zhōngguó Hángtiān Gōngyè Zǒnggōngsī, die Vorgängerorganisation der China Aerospace Science and Technology Corporation) für Entwicklung und Herstellung von Raketen und Satelliten zuständig war. Hierbei hatte die Wehrtechnik-Kommission das Sagen: die Raketen hatten sich nach den Startrampen zu richten, und nicht die Startrampen nach den Raketen. Dies führte zu Konflikten und Reibungsverlusten.

Zu diesem Zeitpunkt hatte man sich im Prinzip bereits darauf geeinigt, irgendwo in Hainan ein Kosmodrom zu errichten. Große Raketen befanden sich bereits in der Planung,[17] wobei das Problem darin bestand, dass die Tunnel und Fachwerkbrücken der Chinesischen Staatsbahn nur für Ladungsbreiten von maximal 5 m ausgelegt waren, ganz zu schweigen von den Oberleitungen. Das machte den Transport besagter Raketen durch die Berge Sichuans zum Kosmodrom Xichang schwierig bis unmöglich, während bei einem Küstenstandort auf Hainan ein Seetransport von den Fabriken in Shanghai und Tianjin einfach zu bewerkstelligen wäre.

Dazu kamen noch ideologische Erwägungen. Die Provinzregierung von Hainan, seit Juni 1993 in der Person von Ruan Chongwu mit der Parteiführung vereinigt, argumentierte, dass in Zeiten der Reform- und Öffnungspolitik geheime Militärbasen in abgelegenen Berggegenden nicht mehr zeitgemäß wären. In Hainan könnte man ein für in- und ausländische Touristen offen zugängliches Raumfahrtzentrum errichten, das neben seiner Funktion als Startplatz auch ein Standort für Forschung und Lehre sein könnte, was der wirtschaftlichen Entwicklung der Provinz zugute käme.

In dieser Situation schlug sich die Anstalt für Raumfahrtindustrie auf die Seite der Provinzregierung, in der Hoffnung, in Hainan ein eigenes, von der Wehrtechnik-Kommission unabhängiges Kosmodrom zu bekommen. Die Wehrtechnik-Kommission wiederum befürchtete, dass bei den enormen Investitionen, die in Hainan nötig – und von der Provinzregierung gewünscht – waren, die existierenden Kosmodrome, vor allem Xichang, vernachlässigt würden. Am Ende einigte man sich darauf, dass Hainan kein eigenständiges Kosmodrom sein, sondern verwaltungsmäßig der Basis 27 der Volksbefreiungsarmee in Xichang unterstellt sein würde. In Xichang sollten in Zukunft primär militärische Satellitenstarts erfolgen, während Hainan für kommerzielle Starts mit schweren Trägerraketen zuständig sein sollte.[18]

Lage von Wenchang (rosa). Das graue Gebiet im Süden der Insel ist Sanya.

Mittlerweile wurde auf Hainan heftig diskutiert, an welchem der in Betracht gezogenen Standorte das Kosmodrom nun gebaut werden sollte. Insbesondere Sanya betrieb eine intensive Agitation. Immer wieder nahmen führende Stadtpolitiker mit Vizeminister He Zhibin, der das Kosmodrom-Projekt auf Seiten der Provinzregierung koordinierte, Kontakt auf und versuchten, ihn in ihrem Sinne zu beeinflussen. Unabhängige Experten erklärten jedoch nach zahlreichen Diskussionen, dass Sanya allein schon durch seine Lage an der Südspitze der Insel für ein Kosmodrom nicht in Frage käme; die allsommerlichen Taifune kommen aus Richtung Südosten und Sanya liegt genau in ihrem Weg. Dasselbe traf natürlich für die gesamte Ostküste der Insel zu, aber nachdem eine Wahl getroffen werden musste, fiel diese schließlich auf Longlou in der kreisfreien Stadt Wenchang, ganz im Norden der Insel.[19]

Auf nationaler Ebene war am 10. März 1998 im Zuge einer Verwaltungsreform das Hauptzeugamt der Volksbefreiungsarmee (中国人民解放军总装备部, Pinyin Zhōnggúo Rénmín Jiěfàngjūn Zǒng Zhuāngbèibù) geschaffen worden. Bei dieser, direkt der Zentralen Militärkommission unterstehenden Dienststelle wurden die ehemals der Wehrtechnik-Kommission unterstehenden Raumfahrtaktivitäten gebündelt. Generalleutnant Cao Gangchuan, der bisherige Leiter der Wehrtechnik-Kommission, wurde zum Viersternegeneral befördert und mit der Leitung der neuen Dienststelle betraut.

Nun ging vieles leichter. Das Hauptzeugamt reichte beim Staatsrat der Volksrepublik China sowie bei der Zentralen Militärkommission einen formalen Antrag auf Errichtung einer Satellitenstartbasis ein, während die Provinzregierung gleichzeitig den Aufbau der im Umfeld der Basis notwendigen Infrastruktur vorantrieb.[20] Im August 2007 wurde dem Antrag des Hauptzeugamts stattgegeben und die Errichtung eines Trägerraketenstartplatzes auf dem Gebiet der kreisfreien Stadt Wenchang genehmigt; Bau, Verwaltung und Nutzung oblagen dem Kosmodrom Xichang.[21] Wegen des Datums der Genehmigung ist das Unterfangen auch als „Projekt 078“ (078工程, Pinyin 078 Gōngchéng) bekannt.

Als erstes mussten 6000 Dorfbewohner in dem Gebiet zwischen den Großgemeinden Longlou (龙楼镇) und Dongjiao (东郊镇) umgesiedelt werden,[22][23] dann konnte am 14. September 2009 die offizielle Grundsteinlegung erfolgen.[24] Gleich darauf begannen die aus Xichang angereisten Ingenieure auf dem 1165 ha großen, teilweise mit Regenwald bestandenen Sumpfgelände südlich von Longlou mit den Vermessungsarbeiten. Die ersten Dinge, die den aus Sichuan durchaus an Tropenklima gewöhnten Männern und Frauen auffielen, waren der hohe Salzgehalt der Luft (das Kosmodrom liegt nur 800 m vom Strand entfernt), die heftigen Regenfälle, die häufigen Gewitter und vor allem der starke Wind. In Xichang war es starker Seitenwind gewesen, der am 26. Januar 1995 zu einem Unfall mit 21 Todesopfern geführt hatte. Davon ließ sich jedoch niemand aufhalten. Der Regenwald wurde gerodet, es wurden Drainagerohre verlegt,[25] bis 2011 waren insgesamt 10.840 Menschen aus 24 Dörfern umgesiedelt,[26]

Mitte 2013 waren die groben Bauarbeiten im Prinzip beendet. Eine Einheit Fernmeldesoldaten zog in die TT&C-Station (测控站, Pinyin Cèkòng Zhàn) auf dem Bronzeltrommel-Berg (铜鼓岭, Pinyin Tónggǔ Lǐng) 3 km östlich von Longlou, um dort ihre Geräte zum Empfang der Telemetriedaten, Bahnverfolgung und Steuerung der Raketen zu installieren.[27] Im November 2013 war man bereit, und im Dezember dieses Jahres fand die erste gemeinsame Übung mit dem Kontrollzentrum des Kosmodroms (指挥控制中心, Pinyin Zhǐhuī Kòngzhì Zhōngxīn) zum Test aller Systeme statt. Die Übung mit simulierten Raketenstart verlief erfolgreich. Dann kam jedoch im Juli 2014 der Taifun Rammasun, ein Wirbelstrum der Kategorie 5 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 260 km/h. Die Stahlseile, mit denen die Parabolantenne festgezurrt war, drohten zu reißen und konnten von einer Gruppe Soldaten nur unter höchster Lebensgefahr mit zusätzlichen Trossen verstärkt werden.

Kurz darauf entdecke Chefingenieur Cui Yan (崔岩) ein wesentlich schwerwiegenderes Problem. Durch die salzhaltige Luft in Meeresnähe hatten einige Schrauben nach nicht einmal einem halben Jahr Rost angesetzt, und nähere Untersuchungen zeigten, dass der Effekt schlimmer war als es auf den ersten Blick schien. In einem Bericht an seine Vorgesetzten schrieb Cui Yan:

Das Problem mit der Korrosion an unseren Anlagen hält sich hartnäckig und findet sich manchmal an äußerst versteckten Stellen; unter einer nach Außen hin frisch glänzenden Lackschicht hat mit großer Wahrscheinlichkeit bereits eine gefährliche Veränderung in der Qualität des Materials stattgefunden ...

Nun hätte eigentlich die Qualitätskontrolle Xichang (西昌质量监督站, Pinyin Xīchāng Zhìliàng Jiāndū Zhàn) eingeschaltet werden müssen, die dort nach einem schweren Unfall im Jahr 1996 eigens für solche Fälle eingerichtet worden war. Stattdessen lautete die Anweisung, dass bei hartnäckiger Korrosion regelmäßige Rostschutzarbeiten durchzuführen seien. Seitdem verbringen die Soldaten auf dem Bronzetrommel-Berg einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit mit Schleifpapier und Ölfarbe, um sämtliche Metalloberflächen immer wieder neu zu streichen.[28] Am 10. September 2014 meldete Generalmajor Yang Liwei, stellvertretender Direktor des Büros für bemannte Raumfahrt beim Hauptzeugamt (中国载人航天工程办公室), die Einsatzbereitschaft des Kosmodroms.[29]

Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Changzheng 5 auf dem Weg zur Startrampe (26. Juni 2017). Im Hintergrund die Blitzableiter-Türme.

Das Kosmodrom Wenchang ist für Trägerraketen des Typs Changzheng 5 (schwere Nutzlasten) und Changzheng 7 (mittlere Nutzlasten) gedacht, die in einem Winkel von 90° nach Süden (polarer Orbit) bis 175° nach Osten (äquatoriale Umlaufbahn) gestartet werden können. Hierfür stehen am südlichen Ende des Geländes zwei fest installierte Startrampen mit einer Höhe von 91,7 m (CZ-5) bzw. 85,8 m (CZ-7) zur Verfügung. Jede der Startrampen ist von vier jeweils 120 m hohen, schlanken Metallgittertürmen umgeben, die als Blitzableiter fungieren. Außerdem verfügen die Startrampen über ein Kühlsystem, das sie während eines Starts innerhalb von 20 Sekunden mit 400 t Wasser vor der Hitze der Triebwerke schützt.[30]

Für die Endmontage und die finalen Tests an den Raketen gibt es ganz im Norden des Geländes zwei 99,4 m bzw. 96,6 m hohe Raumfahrzeugmontagegebäude, die jeweils mit einer über fast die gesamte Höhe gehenden, zwei mal fünfflügeligen und insgesamt fast 800 t schweren Stahltüre verschlossen sind. Der Kran an der Decke der Gebäude kann Lasten von bis zu 32 t heben. Die beiden Endmontagegebäude sind durch ein ebenerdiges Werkstattgebäude verbunden. Die auf einen 1800 t schweren, fahrbaren Starttisch montierten Raketen werden kurz vor dem Start aus dem Raumfahrzeugmontagegebäude zu den 2,8 km entfernten Startrampen gefahren.[31] Zur Überwachung der Starts verfügt das Kosmodrom über ein eigenes Kontrollzentrum, das die notwendigen Daten von der TT&C-Station auf dem Bronzeltrommel-Berg erhält.[32] Für die Endmontage der Nutzlasten steht ein eigenes Werkstattgebäude zur Verfügung. In einem weiteren Gebäude werden die Satelliten, Tiefraumsonden etc. anschließend betankt und in die Nutzlastverkleidung der Rakete eingepasst.

Diese Kerneinrichtungen des Kosmodroms wurden all unter Federführung des dem Hauptzeugamt der Volksbefreiungsarmee unterstehenden Instituts für spezielle Ingenieurprojekte, Peking (北京特种工程设计研究院, Pinyin Běijīng Tèzhǒng Gōngchéng Shèjì Yánjiūyuàn) errichtet. Die Provinzregierung von Hainan baute dazu noch einen Hafen, Zufahrtsstraßen sowie die Strom- und Wasserversorgung, wobei das Geld für einen Teil der Straßen und die Stromversorgung der TT&C-Station, insgesamt 489.610.000 Yuan (von der Kaufkraft her etwa eine halbe Milliarde Euro), auf Anforderung von Provinzregierung und Hauptzeugamt von der Stadt Wenchang aufgebracht wurde, die sich dafür bei den Banken schwer verschuldete.[33]

Außerdem beabsichtigt die Provinzregierung auf einem 403 ha großen Gelände am Strand nordöstlich von Dongjiao eine sogenannte „Raumfahrtstadt“ (航天城) zu errichten, mit einem Themenpark, um einen künstlich angelegten See gruppierten Luxushotels für Geschäftsreisende sowie einfachen Unterkünften für Touristen in einem Kokospalmen-Wald. Hierfür müssen 18 kleinere Dörfer umgesiedelt werden. Die entsprechenden Verhandlungen waren am 2. März 2019 abgeschlossen; für nicht vor Ort lebende Grundbesitzer sowie Überseechinesen, Hongkonger und Taiwanesen bestand noch eine Frist bis zum 20. März 2019, um Entschädigungsansprüche anzumelden.[34]

Vom Kosmodrom Wenchang sollen geosynchrone Satelliten, schwere Satelliten sowie Weltraumstationen in den Orbit befördert und Tiefraumsonden ins All geschickt werden. Auch ein Start bemannter Missionen wäre von Wenchang aus möglich. Der erste Start von der neuen Anlage erfolgte am 25. Juni 2016 12:00 UTC mit dem Erststart der Langer Marsch 7.[35][36] Der erste Start einer Langer Marsch 5 war am 3. November 2016.[37]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 探空部. In: nssc.cas.cn. Abgerufen am 1. Juni 2019 (chinesisch).
  2. 海南探空部. In: nssc.cas.cn. Abgerufen am 1. Juni 2019 (chinesisch).
  3. 孙乐明、郭树护: 揭秘海南发射火箭历史:“织女一号”首发曾失误. In: news.ifeng.com. 27. April 2009, abgerufen am 31. Mai 2019 (chinesisch).
  4. 中科院吴建国副秘书长调研海南探空部. In: nssc.cas.cn. 21. Dezember 2012, abgerufen am 1. Juni 2019 (chinesisch).
  5. Zhang Tao: China successfully launches new generation carrier rocket. In: english.pladaily.com.cn. 25. Juni 2016, abgerufen am 1. Juni 2019 (chinesisch).
  6. 高鹏: 航天专家何质彬:文昌航天城是最优越卫星发射中心. In: hinews.cn. 15. Mai 2015, abgerufen am 1. Juni 2019 (chinesisch).
  7. 孙乐明、郭树护: 揭秘海南发射火箭历史:“织女一号”首发曾失误. In: news.ifeng.com. 27. April 2009, abgerufen am 31. Mai 2019 (chinesisch).
  8. Charles O. Hucker: A Dictionary of Official Titles in Imperial China. Stanford University Press, Stanford 1985, S. 200.
  9. 罗竹风 (主编): 汉语大词典. 第二卷. 汉语大词典出版社, 上海 1994 (第二次印刷), S. 337.
  10. 谭其骧 (主编): 简明中国历史地图集. 中国地图出版社,北京 1996 (第二次印刷), Karte 17–18.
  11. 王晓易: 从酒泉到文昌:中国四大发射基地诞生纪实. In: war.163.com. 7. Juni 2009, abgerufen am 21. Dezember 2018 (chinesisch).
  12. 1989年9月14日 海南省长梁湘以权谋私被撤职. In: todayonhistory.com. Abgerufen am 2. Juni 2019 (chinesisch).
  13. 许春媚: 何质彬:两弹一星精神的海南延续. In: hainan.gov.cn. 27. Mai 2013, abgerufen am 2. Juni 2019 (chinesisch).
  14. Peter T.Y. Cheung et al.: Provincial Strategies of Economic Reform in Post-Mao China : Leadership, Politics, and Implementation. Armonk, Taylor & Francis 1998, S. 356–358.
  15. 高鹏: 航天专家何质彬:文昌航天城是最优越卫星发射中心. In: hinews.cn. 15. Mai 2015, abgerufen am 3. Juni 2019 (chinesisch).
  16. 王晓易: 从酒泉到文昌:中国四大发射基地诞生纪实. In: war.163.com. 7. Juni 2009, abgerufen am 21. Dezember 2018 (chinesisch).
  17. Information Office of the State Council: China's Space Activities, a White Paper. In: spaceref.com. 22. November 2000, abgerufen am 19. April 2019 (englisch).
  18. 张国宝: 国家发改委原副主任张国宝:海南文昌航天发射场决策往事. In: ceweekly.cn. 27. Juni 2016, abgerufen am 3. Juni 2019 (chinesisch).
  19. 高鹏: 航天专家何质彬:文昌航天城是最优越卫星发射中心. In: hinews.cn. 15. Mai 2015, abgerufen am 1. Juni 2019 (chinesisch).
  20. 陈文剑: 文昌卫星发射中心已正式向国务院、中央军委申报立项. In: lt.cjdby.net. 26. April 2006, abgerufen am 4. Juni 2019 (chinesisch).
  21. 唐振宇 et al.: 西昌卫星发射中心40载建功中国航天纪实. In: chinanews.com. 5. Januar 2011, abgerufen am 4. Juni 2019 (chinesisch).
  22. Six Thousand People To Be Resettled To Make Way For New Space Launch Center. In: www.spacedaily.com. 30. Oktober 2007, abgerufen am 3. Juni 2019 (englisch). Da in China alles Land dem Staat gehört und Grundstücks"eigentümer" nur ein erbpachtähnliches Nutzungsrecht (meist für 70 Jahre) haben, gestalten sich Enteignungen dort relativ einfach.
  23. 王晓易: 从酒泉到文昌:中国四大发射基地诞生纪实. In: war.163.com. 7. Juni 2009, abgerufen am 21. Dezember 2018 (chinesisch).
  24. Li Gang: China begins space center construction in southern island of Hainan. In: en.people.cn. 14. September 2009, abgerufen am 4. Juni 2019 (englisch).
  25. 亓创、 吕炳宏: 西昌卫星发射中心 我穿越大半个中国去看你. In: photo.81.cn. 31. Juli 2018, abgerufen am 4. Juni 2019 (chinesisch).
  26. 关于解决文昌航天发射场建设配套项目缺口资金的建议. In: hainan.gov.cn. 26. März 2015, abgerufen am 5. Juni 2019 (chinesisch).
  27. Der Name des Berges kommt daher, weil er von General Ma Yuan (14 v. Chr. – 49 n. Chr.) bei der Wiederherstellung der Ordnung nach dem Sturz der kurzlebigen Xin-Dynastie (9 – 23 n. Chr.) als Feldherrenhügel benutzt wurde. Damals wurde mit Trommeln das Signal zum Vorrücken gegeben und mit Schneckenhörnern zum Rückzug geblasen.
  28. 张鹏、屠海超: 海南卫星测控站设备老化特别快 螺钉不到半年生锈. In: chinanews.com. 25. März 2016, abgerufen am 5. Juni 2019 (chinesisch).
  29. 公磊: 杨利伟:海南发射场具备发射条件 中国愿为他国培养航天员. In: xinhuanet.com. 10. September 2014, abgerufen am 4. Juni 2019 (chinesisch).
  30. 肖翊: 探访中国文昌航天发射场. In: ceweekly.cn. 7. November 2016, abgerufen am 5. Juni 2019 (chinesisch).
  31. 探秘海南文昌发射场垂直总装测试厂房. In: hainan.gov.cn. 23. Juni 2016, abgerufen am 5. Juni 2019 (chinesisch).
  32. 张鹏、颜榆奇: 面朝大海,仰望星空——记海南文昌航天发射场铜鼓岭测控团队. In: xinhuanet.com. 4. Juli 2016, abgerufen am 5. Juni 2019 (chinesisch).
  33. 关于解决文昌航天发射场建设配套项目缺口资金的建议. In: hainan.gov.cn. 26. März 2015, abgerufen am 5. Juni 2019 (chinesisch).
  34. 李佳飞、黄良策: 海南航天发射场配套区项目征地完毕. In: hq.xinhuanet.com. 3. März 2019, abgerufen am 5. Juni 2019 (chinesisch).
  35. Launch Schedule. Spaceflight Now, 16. Mai 2016, abgerufen am 19. Mai 2016 (englisch).
  36. nasaspaceflight.com: China successfully debuts Long March 7 rocket | NASASpaceFlight.com, abgerufen am 26. Juni 2016
  37. 白国龙、任珂: 中国成功发射实践十七号卫星. In: xinhuanet.com. 3. November 2016, abgerufen am 5. Juni 2019 (chinesisch).